Aéropostale in Toulouse: Luftpost-Pioniere
Sie waren bewunderte Pioniere: die ersten Luftpost-Piloten. Vor mehr als 100 Jahren flogen sie Briefe und Pakete um die Welt. In Toulouse könnt ihr das Erbe der Latécoère-Linien und ihrer Helden der Lüfte besonders gut entdecken. Hier begann die Geschichte der Aéropostale in Toulouse, der legendären französischen Luftpostlinie.
Die Hauptstadt Okzitaniens ist seit dem Ersten Weltkrieg eng mit der Luftfahrt verbunden. Das liegt besonders an einem Mann: dem Ingenieur und Unternehmer Pierre-Georges Latécoère aus Bagnères-de-Bigorre. Er gilt als Begründer der Aéropostale in Toulouse.
Der junge Industrielle hatte während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1917 ein großes Grundstück im Südosten von Toulouse im Stadtteil Montaudran gekauft, eine Montagefabrik für Militärflugzeuge errichtet und dort im Auftrag des französischen Staates rund 1.000 Aufklärungsflugzeuge vom Typ Salmson 2A2 für die französische Armee produziert.
Nach Kriegsende suchte er nach einer neuen Nutzung für die vorhandenen Maschinen. Und kam auf eine visionäre Idee: Jetzt sollten sie als internationale Luftpostlinie Europa mit der Welt verbinden.
Die Anfänge der Aéropostale in Toulouse
1918 trat er zum ersten Flug der französischen Luftpost von Montaudran nach Barcelona an. Sein Flugzeug: eine Salmson 2A2. Der Flug am ersten Weihnachtstag, dem 25. Dezember 1918, gilt als symbolischer Beginn der französischen zivilen Luftpost.
Als Piloten stellte Latécoère bewährte Militärflieger wie Jean Mermoz, Henri Guillaumet und Antoine de Saint-Exupéry ein. Die Fluglinie, die zunächst Lignes Aériennes Latécoère hieß und später zur legendären Aéropostale wurde, entwickelte sich in den 1920er-Jahren zu einem Netzwerk von Postrouten über drei Kontinente.
Ihre Maschinen überquerten die Pyrenäen, folgten der afrikanischen Atlantikküste bis nach Dakar und wagten schließlich den Sprung über den Südatlantik nach Brasilien und Argentinien. Besonders riskant war die Überquerung der Anden. Dort mussten die Piloten in extremen Höhen und bei unberechenbarem Wetter navigieren – oft ohne Funkkontakt und mit nur rudimentären Instrumenten.
1930 musste Henri Guillaumet mit seiner Maschine in den verschneiten Anden notlanden. Fünf Tage lang kämpfte er sich zu Fuß durch Schnee und Eis, bis er schließlich gerettet wurde. Später sagte er den berühmten Satz: „Was ich getan habe, schwöre ich dir, hätte kein Tier getan.“ Antoine de Saint-Exupéry verarbeitete diese Geschichte später literarisch in seinem Buch Wind, Sand und Sterne.

Die Piste des Géants
An die Geschichte der waghalsigen Männer und ihrer schwierigen Mission der Aéropostale in Toulouse erinnert seit Herbst 2018 das Kultur- und Museumsensemble La Piste des Géants im Toulouser Vorort Montaudran. Entlang der einstigen Start- und Landenbahn lässt die „Rollplan der Giganten“ das Luftfahrterbe interaktiv und multimedial aufleben. Die gut zwei Kilometer Landebahn steht seit 1997 unter Denkmalschutz.
L’Envol des Pionniers
Dieses Museum erinnert auf 1.000 Quadratmetern an die Pioniere der Fluggesellschaften Latécoère und Aéropostale in Toulouse. Es stellt Montaudran als Wiege der Luftfahrt vor. Zu sehen ist auch der Flugsimulator Bréguet XIV, den Altran gebaut hat.
Das Museum besteht aus drei escales, sprich Etappen. Escale 1 birgt einen geräumigen Kinosaal. Dort laufen fortlaufend Videoclips von ARTE. Madame Latécoère erzählt, wie sich niemand um das Erbe der Aéropostale in Toulouse gekümmert hat und sie die Zeugnisse zusammengetragen und gerettet hat. Ihr seht historische Filme von Flugabenteuern in den Kordilleren und lernt die wichtigsten Fluggeräte kennen. Eine Zeitreise in Schwarzweiß!
Escale 2 ist Sonderausstellungen vorbehalten. Escale 3 birgt die Dauerausstellung zur Aéropostale in Toulouse. Sie setzt – für mich zu sehr – auf Infotafeln mit viel Text, Poster und Fotos sowie digitale Vermittlung. Virtuelle und filmische Präsentationen dominieren. Die Zahl echter Exponate ist sehr übersichtlich.
Dennoch vermittelt die Ausstellung eindrucksvoll die Abenteuer und Risiken der Aéropostale in Toulouse. Karten zeigen die Strecken über Wüste, Meer und Gebirge, während persönliche Briefe und Fotografien das Leben der Piloten greifbar machen.
Sehr gut gelungen ist indes die Inszenierung von Antoine de Saint-Exupéry. In seiner kleinen Kammer mit Bett, Schreibtisch und Schreibmaschine seht ihr digital die Umrisse des Autors von Nachtflug* und Der kleine Prinz*, hört seine Stimme und taucht virtuell ein in einen kurzen Moment seines Lebens.
Saint-Exupéry arbeitete Ende der 1920er-Jahre als Pilot derAéropostale im Toulouse. Viele seiner literarischen Werke schöpfen aus diesen Erfahrungen. In „Nachtflug“ schildert er die dramatischen Bedingungen der Postflüge, während „Wind, Sand und Sterne“ zu den großen Klassikern der Abenteuerliteratur gehört.
Die Jardins de la ligne aéropostale
In den Gärten der Aéropostale in Toulouse könnt ihr entlang der Start- und Landebahn in den drei Kontinenten umherspazieren, die die Piloten einst überflogen und verbunden haben. Der Landschaftspark folgt symbolisch der historischen Route der Luftpost. Mit acht Landschaften und Klimazonen von Toulouse bis Valparaíso in Chile lassen sie auf ganze andere Art und Weise die Flugerlebnisse der Luftpost-Pioniere lebendig werden. Interaktive Elemente und ein Kinderspielplatz sorgen dafür, dass die ganze Familie Spaß an den Entdeckungen hat.
Street-Art beim Luftpost-Pionier
Die einstigen Latécoère-Werke in der Industriebrache von Montaudran sind heute Domizil des 50cinq. Seit 2014 gilt es als Hochburg der Street-Art – und beweist es alljährlich im Juni ein Wochenende lang mit dem Open Summer Festival. Dutzende Künstler verzieren dann die Außenmauern des 50cinq mit Graffiti. Andere Fabrikhallen der Aéropostale in Toulouse entlang der Bahngleise sind bis heute verlassen und verwahrlost: lost places für noch mehr Street-Art.
Aéroscopia: legendäre Flieger
Heute konzentriert sich die Luft-, Raumfahrt- und Drohnenbranche von Toulouse in Blagnac. Unternehmen wie Airbus und deren Zulieferer, der internationale Flughafen, zahlreiche luftfahrtaffine Branchen und Betriebe, Hochschulen und andere Ausbildungsstätten haben dort das Cluster Aerospace Valley geschaffen.
Gemeinsam mit Bordeaux ist es international führend. Das Cluster zählt mehr als 850 Unternehmen und rund 130.000 Beschäftigte. Und liegt mit dem Boeing-Sitz Seattle im Dauerstreit um Platz eins der Welt. Flugzeuge, die Geschichte schrieben, präsentiert das Museum Aéroscopia. Hier könnt ihr auch einige Flugzeuge betreten und einen Blick ins Cockpit werfen! Legendäre Airbus-Flieger wie die Airbus A300B, die A400 M und der Super Guppy sind dort ausgestellt. Auch die A 380 hat es inzwischen ins Museum geschafft.

Zu den spektakulärsten Exponaten zählen zwei Original-Concorde-Maschinen, die einst im Überschallverkehr von Paris aus in nur drei Stunden New York erreichte! Doch am 25. Juli 2000 crashte der Air-France-Flug 4590 kurz mitten im Start. Die Königin der Lüfte hob gerade in Paris-Charles-de-Gaulle ab, als ein abgerissenes Titanteil einer DC-10 einen Reifen zerstörte. 81 Sekunden nach dem Start geriet in nur 200 Fuß Höhe (60 m) das Feuer außer Kontrolle. Die Bilanz: 113 Tote – 109 an Bord, 4 am Boden. 2003 war der Concorde-Liniendienst Vergangenheit.
Betreiber des Museums ist Manatour. Er ist ein echtes Schwergewicht des Industrie-Tourismus in Toulouse und ermöglicht euch, bei zahlreichen Betrieben hinter die Kulissen zu gucken. Mit Manatour könnt ihr bei Airbus den Bau der A350 erleben. Oder hinter die Kulissen des Aéroport Toulouse-Blagnac gucken. Im Museum und online gibt es Kombitickets!
Die Cité de l’Espace: ab ins All
Von der Erde ins All: Die Entdeckung des Universums in all seinen Facetten stellt die Cité de l’Espace vor. Der Wissenschaftspark gehört zu den meistbesuchten Attraktionen von Toulouse. Modelle von Raketen, Raumstationen und Satelliten erklären die europäische Raumfahrt – von den Ariane-Raketen bis zu aktuellen Missionen der ESA. Als besondere Attraktion lockt Moon Walking. Hier gibt es mehr Infos.
Das Hôtel du Grand Balcon

Ob ihr hier schlaft oder nur etwas trinkt im legendären Hotel, in dem Henri Decoin 1949 den Spielfilm Au Grand Balcon* nach dem Drehbuch von Joseph Kessel gedreht hat: Zimmer 32 des Hôtel du Grand Balcon solltet ihr euch auf den Fall euch ansehen. Dort hat Antoine de Saint-Exupéry, der Autor des kleinen Prinzen, stets geschlafen.
Auch andere berühmte Piloten wie Mermoz und Guillaumet logierten hier nahe der Place du Capitol. Das Hotel war in den 1920er- und 1930er-Jahren ihr Treffpunkt. Hier warteten die Piloten der Aéropostale in Toulouse auf neue Aufträge, feierten geglückte Flüge – oder trauerten um Kameraden, die auf ihren gefährlichen Missionen ums Leben gekommen waren.
Extratipp
Vor Einführung der Luftpost wurden Briefe und Pakete vor allem per Schiff und per Bahn transportiert. Am Bahnhof Toulouse-Raynal erzählt das Musée Postal des Anciens Ambulants de Toulouse in fünf Bahnpost-Waggons die Geschichte der Postbeförderungen und der reisenden Postler, die auf der Schiene von 1857 bis 1994 die Post sortierten.
• 70, rue Pierre Cazeneuve, 31200 Toulouse, Tel. 06 74 55 14 19, www.facebook.com
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Im Blog
Über Toulouse habe ich schon mehrfach berichtet. Meinen Vorschlag für ein erlebnisreiches Wochenende findet ihr hier, die schönsten Freiluftlokale hier.
Floraler Botschafter der Stadt ist das Veilchen. Reich geworden ist Toulouse einst dank des Pastells (Färberwaid). Mit Schnäppchen-Shopping lockt bei Toulouse das Outlet-Center Nailloux.
Reinste Entspannung ist ein Hausbooturlaub auf dem Canal du Midi, der in Toulouse beginnt. Hier gibt es Infos und Impressionen.
Im Buch
Hilke Maunder, 111 Orte in Toulouse* / 111 lieux à Toulouse*
In der Reihe “111 Orte” des emons-Verlags habe ich so viele Kilometer durch Toulouse zu Fuß zurückgelegt, dass meine Lieblingsschuhe danach reif für die Tonne waren. Bei meinen Recherchen entdeckte ich viele Stätten, die Öffnungszeiten ausgeliefert sind – und einfach einzigartig sind.
Mein Stadtführer stellt sie vor. Er ist nicht nur auf Deutsch erhältlich, sondern auch in einer Ausgabe auf Französisch.
Auf seinen 240 Seiten findet ihr 111 Orte und Adressen, die selbst eingefleischte Toulouse-Kennen vermutlich noch nicht kennen. Stadtperlen, zu denen keine Hinweisschilder führen. Kleinode, die noch ein kleines Geheimnis bergen.
Kapitale Bilderwelten im Rathaus, Gespensterhäuser, Schlösser des Grauens und lauschige Stätten mit Savoir-vivre und südlicher Lebenslust. Wer mag, kann die deutsche Fassung hier* bestellen, die französische Fassung hier*.
Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*
Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt. Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte.
Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker! Hier* gibt es euren Begleiter.
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