Postkarte aus … Aix-en-Provence

Aix-en-Provence: die Place d'Albertas mit ihrem Brunnen. Foto: Hilke Maunder
Jean-Baptiste d'Albertas ließ für die Place d'Albertas einst zahlreiche Häuser abreißen. Erst 1912 kam der Brunnen hinzu, geschaffen von Ingenieuren der städtischen Kunstgewerbeschule. Foto: Hilke Maunder

Viele Franzosen träumen davon, hier zu wohnen: Aix-en-Provence ist für sie der Inbegriff von Provence – vornehm, elegant, voller Kultur und Lebensqualität. Für junges Flair in der alten Hauptstadt sorgen Studenten aus aller Welt. Nicht nur Künstler begeistert die Montagne Sainte-Victoire, die Cézanne so liebte.

Als erste Stadt auf gallischem Boden wurde Aix um 122 v. Chr. als Colonia Aquae Sextiae Salluviorum gegründet. Seine Glanzzeit begann im späten 12. Jahrhundert, als die Grafen der Provence Aix zur Hauptstadt und ihre Residenz zum Synonym für Kultur, Eleganz und Lebensart machten.

Voller Charme: die Altstadtgassen von Aix. Foto: Hilke Maunder

Wirtschaft und Handel blühten. 1409 folgte die Gründung der Universität, die heute fast 40.000 Studierende zählt. Doch niemand hat Aix so geprägt wie der „gute König“ René (1409 – 1480), der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert in Aix herrschte. René I. machte seinen Hof in Aix zum Hochburg der Kultur und Wissenschaft.

Was Roi René hinterließ…

Zu seiner Hochzeit  mit Jeanne de Laval im Jahr 1473 soll der Herzog von Anjou höchstpersönlich ein köstliches Naschwerk erfunden haben, um den  traurigen Blick seiner Zukünftigen aufzuheitern. Ob die Legende, die sich um die Calissons d’Aix rankt, stimmt? Bei der Confiserie du Roy René zaubert das Mandelgebäck sofort ein zufriedenes Lächeln aufs Gesichts- Zumal auch die Calinoux, Califigues, Calipruneaux und Calicitrons nicht minder köstlich sind…!

Mandeln, gepaart mit Melone und Orange: die Calissons d’Aix. Foto: Hilke Maunder

Eine Statue auf dem Cours Mirabeau erinnert in Aix an den letzten Herrscher der Provence.  Nach Renés Tod integrierte Ludwig XII. die vorher unabhängige Grafschaft in den französischen Staat. 1501 wurde Aix Sitz des provenzalischen Parlaments. Doch mit der Französischen Revolution endetet die Glückssträhne der Stadt. Das Regionalparlament wurde nach Marseille verlegt.

Prunk und Pracht: die Stadtpalais von Aix. Foto: Hilke Maunder

Niedergang und neue Blüte

Aix, Jahrhunderte lang die starke Rivalin, versankt in die Bedeutungslosigkeit. Während Marseille boomte, war Aix bis 1939 kaum über die historische Altstadt hinaus gewachsen. Das änderte sich erst, als nach dem Ende der Kolonialkrieg die Kolonisten oder Nachkommen französischer und spanischer Siedler mit französischer Staatsangehörigkeit – „pieds noirs“ – ins Land strömten.

Aix baute uniforme Hochhausviertel und vervierfachte seine Einwohnerzahl. Im neuen Millennium entstand zwischen den Wohnvierteln im Westen und der historischen Altstadt auf dem einstigen Gelände von Güterbahnhof und Glasfabrik das neue Vorzeigeviertel von Aix: Sextius Mirabeau.

Geschickt hat der katalanische Architekten Oriol Bohigas mit seinem Team Wahrzeichen der Stadt neu interpretiert – den gelben Sandstein, die Allées Provençales, Kulturleben, Studentenflair – und die Montagne Sainte-Victoire, deren Silhouette die Architektur des Quartiers aufgreift.

Place Richèlme. Foto: Hilke Maunder

Kreuz und quer durch Aix

Prachtvolle Palais, Platanenalleen, große Plätze und viele Brunnen: Aix ist Provence pur. Der beste Einstieg: ein Bummel auf dem Cours Mirabeau, den legendäre Cafés und Brasserien wie Les 2 Garçons säumen. Etwas Grusel gefällig? Die Flaniermeile der Stadt entstand 1651 als zentraler Schauplatz der Hinrichtungen!

Am Cours Mirabeau 38 wurde Mitte des 17. Jahrhunderts das Hôtel Maurel-de-Pontevès im opulenten Stil des Barock erbaut. Doch die wirklichen Hingucker sind die Atlanten, die den Balkon stützen. Mit ihnen hob Jacques Fossés die Residenz unter den anderen prunkvollen Palais hervor.

Eindrucksvoll versinnbildlichte der Architekt mit diesen Kraftprotzen in Stein den sagenhaften Aufstieg seines Besitzers. Pierre Maurel hatte sich vom einfachen Tuchhändler bis zum Chef der königlichen Finanzen emporgearbeitet, der 1639 sogar geadelt wurde. 1645 nahm er sich Diane de Poitiers zur dritten Frau.

Südlich des Boulevards beginnt das vornehme Mazarin-Viertel. Ähnlich repräsentativ ist die nördlich der Flanierstraße gelegene Altstadt von Aix mit Adelspalästen des 17. und 18. Jh.s, grandiosen Kirchen wie der Cathédrale Saint-Sauveur (rue de Gaston-de-Saporta), mit dem Triptychon „Der brennende Dornbusch“ (15. Jh.) von Nicolas Froment und herrlichen Plätzen, die Terrassencafés bevölkern.

Auf der Place Verdun gibt es Dienstag und Donnerstag Handwerk und Trödel. Auf der Place de Richelme findet jeden Morgen ein bunter Gemüsemarkt statt, auf der Place de l’Hôtel de Ville verkaufen die Markthändler vor der 250 Jahre alten Ancienne Halle aux Grains (Getreidehalle, heute Postamt) und dem italienisch inspirierte Rathaus und seinem Uhrturm morgens Mimosen und andere provenzalische Blumen.

Leuchtend gelbe Mimosen! Sie werden im Februar auf der Place de l’Hôtel de Ville verkauft Foto: Hilke
Place Richèlme: Auch hausgemachte Konfitüre findet ihr auf dem Wochenmarkt. Foto: Hilke Maunder

Im Südwesten grenzt die Altstadt an das Forum Culturel, einem um 2006 errichteten Kulturkomplex mit dem Grand Théâtre de Provence (GTP) von Vittorio Gregotti, dem Pavillion Noir von Rudy Ricciotti für das Centre Chorégraphique National, das nach dem Vorbild von Origami von Kengo Kumaqu entworfene Conservatoire Darius Milhaud und der Cité du Livre als neuer Stadtbibliothek.

In unmittelbarer Umgebung des Konservatoriums wurde im Juli 2014 die von Christian Ghion entworfene größte Wasserwand Europas (700 m²) eingeweiht. Auf ihrer Nordseite gestaltete Patrick Blanc eine grüne Mauer mit rund 20.000 Pflanzen.

Cézanne hautnah

Oberhalb von Aix richtete Paul Cézanne 1902 in Les Lauves seine letzte Werkstatt ein – fast scheint es, als sei der Maler nur eben schnell fortgegangen, so lebendig und originalgetreu ist das Atelier de Cézanne erhalten,

Im alten Priorat des Malteserorderns hatte Cézanne einst eine kostenlose Zeichenschule besucht. Dort zeigt an der Place Saint Jean de Malte heute das Musée Granet zehn Gemälde von Cézanne. Das elterliche Anwesen von Cézanne erhob sich auf einem Hügel des Jas de Bouffan-Viertels.

Hier findet ihr heute das monumentale Rechteck der Fondation Vasarély mit geometrischen Formen in Weiß und Schwarz, die Vasarély 1976 noch selbst auf die Fassade gemalt hat. Drinnen zeigen sieben Hexagone 44 Op-Art-Werke des ungarischen Künstlers.

Das vermeintlich schönste hôtel particulier von Aix verwandelte sich 2015 für 13 Millionen Euro in das Caumont Centre d’Art, das seitdem hochkarätige Sonderschauen zeigt. Eröffnet wurde mit der ersten Canaletto-Retrospektive Europas seit 1982. 2016 folgte eine große Turner-Schau, bis zum Frühjahr 2019 Chagall.

Hôtel Caumont. Foto: Pressebild Office de Tourisme d’Aix/C. Michel

Neu ab 2021: Picasso in Aix

Im Jahr 2021 wird in Aix-en-Provence das Musée Jacqueline et Pablo Picasso eröffnen. Es wird die weltweit größte Sammlung des Künstlers beherbergen, mit bisher mehr als 2.000 Exponaten, darunter 1.000 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Keramiken und Fotos aus den Jahren 1953-1973.
Am Anfang dieses Großprojekts stand Catherine Hutin-Blay, die Schwiegertochter des spanischen Künstlers. Als ihre Mutter 1986 – 13 Jahre nach Picasso– starb, erbte Jacqueline Roque als letzte Frau des Malers viele einzigartige und wenig bekannte Stücke.

Das Museum wird in ein altes Kloster einziehen, das  Catherine Hutin-Blay im Herzen von Aix-en-Provence einziehen. Die Stadt hatte Mitte Dezember zugestimmt, den Couvent und das Collège des Prêcheurs und das déambulatoire der Église de la Madeleine  für 11,5 Millionen Euro an die Erbin zu verkaufen.

Aix-en-Provence: meine Reisetipps

Schlemmen

Les Deux Garçons

Wo einst Cézanne mit seinem Schulfreund Zola tafelte, Pagnol, Picasso und Camus ein und aus gingen, sind heute Sophie Marceau, Patrick Bruel, Jean Reno und Georges Clooney Stammgäste in der Belle Époque-Brasserie. Im  Obergeschoss gibt sie sich trendig und nah am Zeitgeist. Mehr Infos gibt es hier im Blog.
• 53, Cours Mirabeau, Tel. 04 42 26 00 51, www.les2garcons.fr

Le Petit Verdot

Zur traditionellen Bistroküche von Raphaël Jordy empfiehlt Jean-Yves Cuppari aus der reichen Auswahl der gemütlichen Weinbar den passenden Tropfen.
• 7, rue d’Entrecasteaux, Tel. 04 42 27 30 12, www.lepetitverdot.fr

Chez Charlotte

Eine Institution in Aix ist Chez Charlotte. Bei ihr kommen die Klassiker aus Großmutters Küche frisch und lecker auf den Tisch.
• 32, rue des Bernardines, Tel. 04 42 26 77 56

Pâtisserie und Confiserie Béchard

Seit 1870 eine Institution von Aix. Verkäuferinnen in schwarzen Kleider und weißen Schürzen servieren euch köstliche Kuchen und typisch provenzalisches Gebäck.
• 12, cours Mirabeau, Tel. 04 42 26 06 78

Fromagerie Savelli

Köstliche Ziegenkäse, von André Savelli höchstpersönlich affiniert.
• 9, rue des Marseillais, Tel. 04 42 23 16 84

Events

Festival d’Aix

Sehr abwechslungsreiches Opern- und Musikfestival im Juni/Juli; https://festival-aix.com/fr

Kinder

Frankreichs größter Indoorspielplatz für Kinder von 0-12 Jahren heißt Gulli Parc und lockt mit Playmobilland, Kletterdschungel, Laser-Tag, Riesenrutschen und Mini-Kart.

Der einstige Baggersee an der Durance (25 km nördl.) bei Peyrolles ist heute ein 40 ha großes Freizeitparadies mit Bootshafen, bewachtem Badestrand, Beachvolleyball und Spielplätzen.

In der Nähe

Montagne Saint-Victoire

Vom Puits d’Auzon-Parkplatz am Col des Portes könnt ihr den Kalkriegel erklimmen, die Cézanne 60 Mal auf die Leinwand bannte – den Spuren des Malers folgt die Karte „Sur les pas de Cézanne“, die beim Office de Tourisme erhältlich ist. Im Süden ragen die Felswände 500 m steil auf, die Nordflanke prägen flache Hügel.

Les Milles

Mehr als  10.000 Menschen aus 27 Ländern wurden ab September 1939 in der einstigen Ziegelei von Les Milles gefangen gehalten. Zunächst diente das Lager zur Internierung von Deutschen und Österreichern, die in der Gegend um Marseille lebten.

Viele Intellektuelle saßen hier hinter Gittern, darunter der Maler Max Ernst und die Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Walter Benjamin und Golo MannIm August 1942 wurde Les Milles abgeriegelt, das Lager zur Wartestation für Juden auf dem Weg nach Auschwitz: 2.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden von Les Milles aus nach Polen deportiert, eng zusammen gepfercht in Viehtransportern. Der harten Haft setzten die Insassen Kultur entgegen.

Seit 2013 ist das zentrale Lager des Vichy-Regimes in Südfrankreich als Site-Mémorial du Camp des Milles eine Gedenkstätte, die mit Ausstellungen und Vorträgen dem Vergessen begegnet. Heute könnt ihr dort mehr als 500, zumeist satirische, Wandmalereien sehen und viel Kultur erleben. Euch erwarten bewegende Fotodokumentationen und Vorträge.
• 40, chemin de la Badesse, Tel. 04 42 39 17 11, www.campdesmilles.org

Schlafen

La Maison d’Aix

Im Mazarinviertel verwandelte Laure Juhen ein Stadtpalais von 1785 in ein edles Boutiquehotel mit drei großzügigen Zimmern, einer Suite und einem „Secret Spa“.
• 25, Rue du 4 Septembre, Tel. 04 42 53 78 95, www.lamaisondaix.com

Le Jardin de Marie

Nur wenige Schritte vom Cours Mirabeau entfernt, hat Marie Pontus mit ihrem Partner ein Stadtpalais mit Garten im Mazarinviertel in eine gemütliches B & B verwandelt.
• 47, rue Roux Alpheran, mobil: 06 15 93 65 39, , www.jardindemarie.net

Hôtel Le Condorde

22-27 qm groß sind die Zimmer in diesem zentral gelegenen Dreisternehaus. Am ruhigsten sind die Zimmer zum Hof, die auch einen Balkon haben!
• 68, bd du Roi René, Tel. 04 42 26 03 95, www.hotel-aixenprovence-concorde.com

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas „Provence“*

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Provence

In meinem DuMont-Bildatlas „Provence* stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten.

Specials und Themenseiten verraten euch, welche großen Probleme der Lavendel hat, wo ihr Slow Food genießen – oder ihr ganz aktiv das Sonnenreich im Süden erleben könnt.

Zum Beispiel beim Mountainbiken, Malen, Paddeln, Wandern oder Wildbaden. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte. Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.

Bilderreise durch Südfrankreich*

DuMont-Bildband Südfrankreich„Le Grand Süd“ nennen die Franzosen die weite Region ihrer Mittelmeerküste. Gemeinsam mit Klaus Simon und Rita Henß als Co-Autoren präsentiere ich im DuMont Südfrankreichdie vielen Facetten des Südens zwischen der Provence und den Pyrenäen in unterhaltsamen Stories und auf Infoseiten.

Großformatige Bildseiten machen diesen Band zu einem tollen Geschenk für Frankreich-Freunde. Oder euch selbst! Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

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4 Kommentare

  1. unter „Niedergang und neue Blüte“ schreiben sie „Nordafrikaner mit französischen Wurzeln – „pieds noirs“ – ins Land strömten.“
    mais il s’agit en majorité de colons ou descendant de colons français et espagnols ayant la nationalité française qui habitaient l’Afrique du Nord mais pas des Nords Africains.

  2. Sehr schöner Bericht zu Aix, der Stadt die jedes Jahr mehrfach besuche und wenn es nur ein Bummel über den Cours Mirabeau ist. Nicht umsonst lieben auch die Franzosen diese Stadt so sehr. Vielen Dank und liebe Grüße
    Karl-Heinz

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