Algen: Multitalente aus dem Meer

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In Saint-Jean-de-Luz werden im Herbst im großen Stil Algen geerntet. Viele der Fischer sind Basken aus Spanien. Foto: Hilke Maunder

Von Mai bis weit in den Herbst ziehen die Goémoniers in der Bretagne ins Watt hinaus und sammeln Algen an den Küsten des Finistère und der Côte des Abers. 1889 hielt Paul Gauguin die Arbeit der Tangsammler in seinem gleichnamigen Gemälde fest. Bis heute hat sich diese Schufterei kaum geändert.

Mit Messern und Sicheln trennen gebückte Gestalten Seetang (bret. „varech) und Algen ab, türmen beides zu Haufen, laden die dunkelbraune, nassglatte Masse auf Kipplaster und breiten sie später zum Trocknen aus.

In Lanildut wird der Rohstoff aus dem Meer weltweit verschifft. Mit 21 Algensammeler-Boote ist der Weiler am Nordufer des Aber Ildut Frankreichs wichtigster Umschlagplatz für Algen.

Sein stärkster Konkurrent hockt tief im Süden. Bis zu 1700 Tonnen Rotalgen holen die baskischen Algensammler-Kooperative in Ciboure mit ihren elf Booten aus dem Atlantik. Ihre Käufer sitzen jenseits der Grenze in Kantabrien.

Dort wird die baskische Rotalge oder Gellidium cornelum für die Herstellung von Agar-Agar bestimmt. Dieses Gelierprodukt wird nicht nur von der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie geschätzt. Sondern auch von den Hausfrauen in Frankreich, die dadurch viel weniger Zucker bei der Konfitürenherstellung benötigen.

Grüne Ulva, auch Meersalat genannt. Foto: Hilke Maunder

800 verschiedene Algen

Mehr als 800 Algenarten gedeihen zwischen der Bretagne und dem Baskenland im Atlantik. Am bekanntesten sind die grün-dünne Ulva, der gelblich-zähe Fucus mit seinen Schwimmkörperblasen und das meterlange, bärtige Sargassum.

Geerntet werden meist nur zwei Arten. Und das – zumindest in der Bretagne – auf zweierlei Weise. Die Rotalge chondrus crispus, in der Bretagne „li-chen“ genannt, sammeln Pflückerinnen während der Ebbe ein. Arbeitet sie gut und schnell, landen davon bei einer Ebbe rund 150 Kilogramm Rotalgen im Korb.

Die ölig-glänzende Laminaria sammeln Algenfischer auf hoher See ein. Vom Boot aus lassen sie einen rotierenden „scoubidou“ tief ins Meer gleiten, in denen sich die Algenlappen wie in einem Quirl verfangen.

Le Croisic: Blick von der Uferpromenade auf die Küste. Foto: Hilke Maunder

Algen als Dünger

In der Vergangenheit nutzen die Bretonen die vom Meer angeschwemmten Algen als Dung und breitete den Goémon auf den Felder ausgebreitet, ist seit dem 18. Jahrhundert ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Im 18. Jahrhundert spielte die bretonische Alge in der Seifen- und Glasindustrie eine große Rolle. Sie lieferte den Rotstoffe für Kaliumkarbonat. Bei der Glasherstellung senkte dieses weiße Salz den Schmelzpunkt. Als „Pottasche“ wanderte es in Schmierseifen.

1811 machte der bretonische Salpetetersieder Bernard Courtois bei der Veraschung von Braunalgen aus dem Atlantik eine bahnbrechende Entdeckung. Als er seine Algenlauge mit Schwefelsäure versetzte und das Gemenge erhitzte, stiegen dunkelviolette Dämpfe auf.

Sie setzten sich oben am Kolben, wo die Wände kühler waren, als glänzende Kristalle ab: Jod! Zeitgleich extrahierte der britische Chemiker Edwards zum ersten Mal Alginat aus den Braunalgen.

Rotalagen am Strand von St.Gildas-de-Rhuys. Foto: Hilke Maunder

Algen in Lebensmitteln – und auf den Lippen

Bei Brest produziert Sanofi das Rotalgenextrakt Carrageen. Im Pudding, in der Marmelade, im Streichkäse, in Suppen, in Milchprodukten, im Bierschaum, selbst im Wein begegnen euch Algen als Gelier-, Binde-, Gleitmittel und Stabilisator und geschmacksneutrale Trägersubstanz.

Algenmehl verbessert in Frankreich die Konsistenz von Brot und die Haltbarkeit von Wurst. Das Braunalgenextrakt Alginat macht die Lippen rot und strafft das Gesicht.

An weiteren Anwendungen forscht unter anderem das Centre Nationale des Recherches Scientifique in Roscoff. Schon jetzt sind Algen en vogue in Frankreich.

Algen fürs Wohlbefinden

Besonders in der Thalassotherapie sind sie nicht mehr wegzudenken. Wie wertvoll sie für Gesundheit und Wohlbefinden sind, weiß man seit mehr als 100 Jahren im alten Schmuggler- und Korsarenhafen Roscoff. 1899 gründete der Doktor Louis-Engène Bagot dort das erste französische Zentrum für Thalassotherapie.

Noch heute sorgen im Rockroum Meerwasser und Algen für Wohlbefinden. Algenwickel saugen dort nach einem warmen Meerwasserbad überschüssiges Fett per Osmose aus der Haut. Dazu wird der Körper auf einer Heizliege Zentimeter dick mit Algenschlamm einrieben und in eine Plastikfolie gewickelt. Nach dem 20-minütigen Schwitzbad ist die Haut babyweich und deutlich strammer.

Algen als Gemüse & Getränk

Als Gemüse und Getränk sind Algen – anders als in Asien – noch Neuland für Entdecker. Erste Einführungen in die kulinarischen Qualitäten des vielseitigen Meeresgemüses gibt das Ecomusée des Goémoniers et de l‘Algue in Plouguerneau, das alljährlich im August das alte Handwerk auch beim Fest der Algenschnitter wieder.

Algues : gestion durable de la récolte par les… von Aires-marines-protegees

Algen entdecken

Ecomusée des Goémoniers et de l‘Algue

• Route St-Michel, Plouguerneau, www.ecomusee-plouguerneau.fr

La Maison de l’Algue

Lanildut, www.parc-marin-iroise.fr/Evenements/Expositions-permanentes/La-Maison-de-l-algue

Centre d’études et de valorisation des algues

• Presqu’île de Pen Lan, Pleubian, www.ceva.fr

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