Algen: Multitalente aus dem Meer

Algen am Strand von Saint-Lunaire. Foto: Hilke Maunder
Algen am Strand von Saint-Lunaire. Foto: Hilke Maunder

Von Mai bis weit in den Herbst ziehen die Goémoniers in der Bretagne ins Watt hinaus und sammeln Algen an den Küsten des Finistère und der Côte des Abers. 1889 hielt Paul Gauguin die Arbeit der Tangsammler in seinem gleichnamigen Gemälde fest. Bis heute hat sich diese Schufterei kaum geändert.

Mit Messern und Sicheln trennen gebückte Gestalten Seetang (bret. „varech) und Algen ab, türmen beides zu Haufen, laden die dunkelbraune, nassglatte Masse auf Kipplaster und breiten sie später zum Trocknen aus. In Lanildut wird der Rohstoff aus dem Meer weltweit verschifft. Mit 21 Algensammeler-Boote ist der Weiler am Nordufer des Aber Ildut Frankreichs wichtigster Umschlagplatz für Algen.

Ein Meer voller Algen

Mehr als 800 Algenarten gedeihen in der Bretagne: grün-dünne Ulva, gelblich-zähen Fucus mit Schwimmkörperblasen und meterlanges, bärtiges Sargassum. Gesammelt wird nur die Rotalge chondrus crispus, in der Bretagne „li-chen“ genannt. Während einer Ebbe erntet eine gute Pflückerin rund 150 Kilogramm Rotalgen.

Die ölig-glänzende Laminaria wird mit einem rotierenden „scoubidou“ auf hoher See eingesammelt, in dem sich die Algenlappen wie in einem Quirl verfangen.

Grüne Ulva, auch Meersalat genannt. Foto: Hilke Maunder

Algen als Dünger …

In der Vergangenheit nutzen die Bretonen die vom Meer angeschwemmten Algen als Dung und breitete den Goémon auf den Felder ausgebreitet, ist seit dem 18. Jahrhundert ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Im 18. Jh. spielte die bretonische Alge in der Seifen- und Glasindustrie eine große Rolle – sie lieferte den Rotstoffe für Kaliumkarbonat  Bei der Glasherstellung senkt dieses weiße Salz den Schmelzpunkt.  Als „Pottasche“ wandert es in Schmierseifen.

1811 machte der bretonische Salpetetersieder Bernard Courtois bei der Veraschung von Braunalgen aus dem Atlantik eine bahnbrechende Entdeckung. Als er seine Algenlauge mit Schwefelsäure versetzte und das Gemenge erhitzte, stiegen dunkelviolette Dämpfe auf, die sich oben am Kolben, wo die Wände kühler waren, als glänzende Kristalle absetzten: Jod! Zeitgleich extrahierte der britische Chemiker Edwards zum ersten Mal Alginat aus den Braunalgen

….Gelier- & Gleitmittel…

Bei Brest produziert Sanofi das Rotalgenextrakt Carrageen. Im Pudding, in der Marmelade, im Streichkäse, in Suppen, in Milchprodukten, im Bierschaum, selbst im Wein begegnet man zunehmend Algen als Gelier-, Binde-, Gleitmittel und Stabilisator und geschmacksneutrale Trägersubstanz.

Algenmehl verbessert in Frankreich die Konsistenz von Brot und die Haltbarkeit von Wurst. Das Braunalgenextrakt Alginat macht die Lippen rot und strafft das Gesicht. An weiteren Anwendungen forscht unter anderem das Centre Nationale des Recherches Scientifique in Roscoff. Schon jetzt sind Algen en vogue in Frankreich.

Le Croisic: Blick von der Uferpromenade auf  Braunalgen. Foto: Hilke Maunder

… Lippenrot & Wellnesszutat…

Besonders in der Thalassotherapie sind sie nicht mehr wegzudenken. Wie wertvoll sie für Gesundheit und Wohlbefinden sind, weiß man seit mehr als 100 Jahren im alten Schmuggler- und Korsarenhafen Roscoff. 1899 gründete der Doktor Louis-Engène Bagot dort das erste französische Zentrum für Thalassotherapie.

Noch heute sorgen im Rockroum Meerwasser und Algen für Wohlbefinden. Algenwickel saugen dort nach einem warmen Meerwasserbad überschüssiges Fett per Osmose aus der Haut. Dazu wird der Körper auf einer Heizliege Zentimeter dick mit Algenschlamm einrieben und in eine Plastikfolie gewickelt. Nach dem 20-minütigen Schwitzbad ist die Haut babyweich und deutlich strammer.

…Gemüse & Getränk

Als Gemüse und Getränk sind Algen – anders als in Asien – noch Neuland für Entdecker. Erste Einführungen in die kulinarischen Qualitäten des vielseitigen Meeresgemüses gibt das Ecomusée des Goémoniers et de l‘Algue in Plouguerneau, das alljährlich im August das alte Handwerk auch beim Fest der Algenschnitter wieder.

Rotalagen am Strand von St.Gildas-de-Rhuys. Foto: Hilke Maunder

Algen entdecken

Ecomusée des Goémoniers et de l‘Algue

• Route St-Michel, Plouguerneau, www.ecomusee-plouguerneau.fr

La Maison de l’Algue

Lanildut, www.parc-marin-iroise.fr/Evenements/Expositions-permanentes/La-Maison-de-l-algue

Centre d’études et de valorisation des algues

• Presqu’île de Pen Lan, Pleubian, www.ceva.fr

Algues : gestion durable de la récolte par les… von Aires-marines-protegees

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