Angoulême: die Comic-Hauptstadt

Angoulême: Street Art im Comic-Stil schmückt die Wände der Stadt. Foto: Hilke Maunder
Angoulême: Street Art im Comic-Stil schmückt die Wände der Stadt. Foto: Hilke Maunder

Auf einem Hügel 100 Meter hoch über der Charente thront die Stadt, die Balzac in „Verlorene Illusionen“ literarisch verewigte: Angoulême. Doch daran erinnert sich heute kaum noch jemand. Umso präsenter sind die Bücher, die der Stadt Weltruhm verschafften: Comics.

Blick von der Oberstadt von Angoulême an der Charente
Angoulême liegt an der Charente. Ab hier ist der Fluss schiffbar. Das freut Hausboot-Kapitäne. Foto: Hilke Maunder

Ihren Helden begegnet ihr bereits auf den Hauswänden. Angelegt wurde der Stadtspaziergang der Sprechblasen-Kunst von der Cité de Creátion. Mehr als 20 Comic-Wandbilder begegnen euch unterwegs. Legendäre  Comic-Künstler wie Hergé („Tim und Struppi“) und René Goscinny („Asterix“) hat Angoulême sogar mit Straßennamen geehrt.

Die Markthalle von Angoulême an der Festungsmauer. Foto: Hilke Maunder
Die Markthalle von Angoulême an der Festungsmauer. Foto: Hilke Maunder

André Franquin und Moebius wurden Namensgeber für öffentliche Gebäude. Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo wurde die zentrale Place des Halles in Place Charlie umbenannt.

Bekannte Comichelden laden ein, die Markthalle auch einmal von innen zu besehen. Es lohnt sich! Foto: Hilke Maunder
Bekannte Comic-Helden laden ein, die Markthalle auch einmal von innen zu besehen. Es lohnt sich! Foto: Hilke Maunder
Der Brunnen der Markthalle. Foto: Hilke Maunder
Der Brunnen der Markthalle. Foto: Hilke Maunder

Täglich außer Montag findet ihr  von 7 bis 13 Uhr in der Markthalle Obst- und Gemüsehändler, Weinhändler, Käseproduzenten, Bäcker, Schlachter, Wurstwarenhändler und neben vielen lokalen Erzeugern auch italienische und karibische Spezialitäten. Erbaut wurde sie auch im reinen Baltard-Stil aus Eisen, Gusseisen und Glas.

Die Ober- und Unterstadt von Angoulême. Foto: Hilke Maunder
Die Ober- und Unterstadt von Angoulême. Foto: Hilke Maunder

An der Markthalle und ihrem großen Vorplatz, der ein beliebter Treffpunkt ist. beginnt ein Weg entlang der Festungsmauer. Von den remparts eröffnen sich wunderschöne Aussichten auf Angoulême und die Altstadt.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
Der Ausblick von den Rempart Desaix. Foto: Hilke Maunder

So kommt ihr auch zur Statue Carnot auf dem Rempart Desaix. Das imposante Denkmal erinnert an Marie François Sadi Carnot, den fünften Präsidenten der Französischen Republik. An einem Vorsprung über die Unterstadt wurde es  an Stelle eines alten Turms der Stadtmauer errichtet. Geschaffen wurde es von Raoul Verlet, der 1857 in Angoulême geboren wurde.

Denkmal in Angoulême. Foto: Hilke maunder
Die Statue Carnot. Foto: Hilke Maunder

Auf der anderen Seite des Rempart Desaix erhebt sich die Cathédrale St-Pierre d’Angoulême.  Die Kathedrale gehört zu den Juwelen der romanischen Architektur Frankreichs. Ihr reichhaltiger Skulpturenschmuck ist beeindruckend!

Die Kathedrale von Angoulême. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale von Angoulême. Foto: Hilke Maunder

Doch genauso gestaunt habe ich über die Schatzkammer. Jean-Michel Othoniel, der unter anderem den Eingang der Metrostation Palais-Royal in Paris und den Bosquet du Théâtre d’eau in der Domaine de Versailles gestaltet hat, hatte 2008 den Wettbewerb für die Einrichtung eines Schatzhauses in der Kathedrale von Angouleme. Dieser trésor sollte kein Museum werden, sondern eine Schatzkammer für liturgische Kunst.

Seine Heimat fand er in einem verlassenen  Raum am Fuße des alten Südturms, der während der Religionskriege im 16. Jahrhundert entweiht worden war. Mit Licht und Farbe, so der Wunsch der Diozese, sollte Jean-Michel Othoniel neu gestaltet.

Für 1,3 Millionen Euro schuf er für die Kirchenschätze einen geradezu himmlischen Hort. Jeder der drei Räume der Schatzkammer steht für ein Themadas Lapidare, das Engagement, das Wunderbare. Marienblau leuchten seine Fenster. Goldfarbenen funkelt die Tapete im dritten und heiligsten Raum des trésor. Kelche, Ziborien, Monstranzen und Reliquienschreine glänzen in den Vitrinen.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Dann tritt man wieder hinaus. Und die Comics haben wieder die Fassaden der Altstadt erobert. Mehr als 20 Comic-Bilder birgt allein die Oberstadt. Hinzu kommt weitere urbane Kunst, zum Beispiel mit riesigen Wandbildern.

Angouleme: Comic. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Cannes des Comic

Comiczeichner, -verleger und Fans treffen sich seit 1974 im Winter zum Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême (Internationales Comicfestival von Angoulême). 2018 hatte das Festival für Schlagzeilen gesorgt, da keine einzige Frau als Anwärterin für den Grand Prix nominiert worden war.

In den letzten Jahren hat es nur eine Frau ein einziges Mal geschafft, den renommierten Preis einzuheimsen: Claire Brétecher. Am 11. Februar 2020 verstarb die Zeichnerin aus Nantes in Paris.

Angouleme: Comic. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Museumsreife Sprechblasen

Als 1974 ein paar Comic-Verrückte die erste Comic-Messe auf die Beine stellten, war Angoulême für die meisten Besucher noch ein unbeschriebenes Blatt. Und die bande dessiné als Kunst nicht anerkannt. Wer als Eltern damals auf eine gute Erziehung achtete, verbot damals auch in Frankreich seinen Kindern ein solches Medium.

Doch der Siegeszug des Comics ließ sich nicht aufhalten. 1977 adelte Hergé mit seinem Besuch die kleine, feine Veranstaltung. Heute lässt die Comic-Kultur Angoulême das ganze Jahr brummen.

Foto: Hilke Maunder
Neben Comics haben auch riesige murals die Fassaden erobert. Foto: Hilke Maunder

Im Viertel Saint-Cybard ist in der Cité Internationale de la Bande Dessineé et de l’Image Europas ältestes – und bestes – Comic-Museum daheim. Ebenfalls zum Komplex gehört le Vaisseau Moebius als Hauptsitz der Cité. Eine angesehene Kunsthochschule bildet den Nachwuchs aus.

Vom Comic-Museum führt die Fußgängerbrücke Magalis hinüber zur Île Marquet. Das 7,5 Hektar Eiland in der Charente ist ein Naturidyll. Als Natura-2000-Gebiete darf sie nur    vom 15. April bis zum 31. Dezember betreten werden. Das restliche Jahr ist die Insel gesperrt, um die Tiere bei der Paarung und beim Nisten nicht zu stören. Ein Lehr- und Erlebnispfad  präsentiert die Tierwelt der Flussinsel.

Angouleme. Foto: Hilke Maunder
Das Comic-Museum befindet sich direkt an der Charente. Foto: Hilke Maunder

Netzwerk für Comic- und Digital-Kultur

Nahtstelle zwischen Forschung, Bildung und Wirtschaft ist seit 1999 der Pôle Image Magelis. Ähnlich wie die in Deutschland geförderten Cluster, vernetzt der Pôle Unternehmen und Kreative aus den Bereichen Comics, Computergrafik, Computergames, Animation und Internet.

Angoulême hat sich dadurch nicht nur als Hochburg der Comic-Kultur, sondern auch für digitale Medien etabliert. Das reflektiert auch das Stelldichein der Politiker, die das Festival im Januar stets besuchen.

Angouleme: Comic. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Comic-Land Frankreich

Mehr als 5.500 neue Comic-Bücher erscheinen heute jedes Jahr auf dem französischsprachigen Markt. Die Startauflagen sind um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Absoluter Spitzenreiter ist Asterix. Mehr als vier Millionen Mal wurde bislang der Asterix-Band 33 „Gallien in Gefahr“ seit 2005 aufgelegt.

36 Millionen Comics wandern jährlich über den Ladentisch. Rechtzeitig vor der großen Sommerpause stellt der Branchenverband ACBD die 20 indispensable de l’été vor, die 20 wichtigsten Titel des Jahres als Lektüre für die Ferien.

Angouleme: Comic. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Auch das geht: Comic-Journalismus

Mit der Revue Dessinée hat die neunte Kunst auch den Journalismus erreicht. Die „gezeichnete Zeitschrift“ greift quartalsweise im Comic-Stil Themen aus Wirtschaft und Politik, Kultur und Gesellschaft auf.

Mit einer Auflage von 20.000 Stück wird die Zeitschrift in Buchform exklusiv über Relay vertrieben sowie in Leihbibliotheken ausgelegt. Digital findet ihr sie auf zum Preis von 5,99 Euro auf den Online-Plattformen Izneo, Sequencity, Bdbuzz und Scopalto.

Das Rathaus von Angoulême. Foto: Hilke Maunder
Das Rathaus von Angoulême. Foto: Hilke Maunder

Angoulême: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

Le Bruleau Charentais

Einfach und gut ist dieses kleine, rustikale Restaurant in der Altstadt, das für seine Steak berühmt ist, die über dem offenen Holzfeuer gebraten werden.
• 10, Rue de Beaulieu, 16000 Angoulême, Tel.  05 45 69 72 17, www.facebook.com/bruleau

Ein Brûlot Charentais ist ein Kaffee, der zunächst kalt ist und direkt in der Untertasse erhitzt und mit Cognac flambiert wird. Für diese Zubereitung gibt es eigene Tassen – eine originelles wie ungewöhnliches Souvenir.

Tipp: Die geheimen Keller von Angoulême

Die Altstadt birgt auch unter der Erde so manche Überraschungen. Sie ist reich an mehr oder weniger geheimen Kellern und Hhlen. So aucha m Fuße der nördlichen Stadtmauer, die zwischen dem Ende des 3. und dem Anfang des 4. Jahrhunderts errichtet wurde. Dort findent ihr die Grotte Saint-Cybard. Hier lebte der Einsiedler Cybard, der eigentlich Eparchius hieß, im 6. Jahrhundert 39 Jahre lang völlig zurückgezogen. Cybard, 493 im Périgord geboren, war im Jahr 537 nach Angoulême Station, wo er von Bischof Aptone diese Höhle als Einsiedelie erhielt. Dort soll Cybard eines Nachts einen Stein als Kopfkissen  genommen haben. In jener Nacht sei Gott ihm erschienen. Cybard daraufhin die Höhle

Eine Legende besagt, dass die Stadt von unterirdischen Gängen durchzogen ist. Sie sollen von den Einwohnern gegraben worden sein, um den Invasoren zu entkommen und außerhalb der Stadtmauern in den nahegelegenen Klöstern Zuflucht zu suchen. Da sie nach aufeinanderfolgenden Erdrutschen zugeschüttet wurden, sind sie heute nahezu unpassierbar.

Doch einige der Keller unter den Herrenhäuser der Stadt lassen sich heute besichtigen. An der Ecke der Rue Beaulieu und des Place Francis-Louvel zeigt der Verein Via Patrimoine den außergewöhnlichen Keller, der sich unter der heutigen Apotheke befindet. Im Herrenhaus wurde 1640 das ehemalige Kloster der Tiercelettes gegründet. Die Schwestern des Dritten Ordens des Heiligen Franziskus von Assisi ließen damals dort nieder, um junge Mädchen zu unterrichten. Das Kloster bestand aus einem Wohnhaus, einer Kirche, Nebengebäuden und einem Garten.

Im Garten verbirgt dichtes Grün ein geheimnisvolles Tor. Wer es aufstößt, sieht eine schwindelerregend steile Treppe. Der Geruch von altem Stein und Schimmel kitzelt in der Nase. Wer hinab steigt, steht in einem riesigen etwa zehn Meter hoher Gewölbekeller. War dies der Ort, an dem das Kloster untergebracht war? Unter dem Hotel Saint-Simon in der Rue Vauban befindet sich ebenfalls ein Keller. Er wurde, wie viele in Agoulême, zu Pilzzuchtanlagen umgebaut.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

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Die Banque de Francee am Beginn der Rue du Général de Gaulle. Foto: Hilke Maunder
Die Banque de France am Beginn der Rue du Général de Gaulle. Foto: Hilke Maunder

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