Game Over: Anthony Passerons Roman „Jacky“
Der französische Autor Anthony Passeron hat mit Jacky* einen meisterhaften autofiktionalen Roman über den Verlust des Vaters und die Geburt der Videospielkultur verfasst – ein Buch, das unter die Haut geht.

Ein Flohmarkt, irgendwo im arrière-pays von Nizza. Zwei Brüder durchwühlen Kisten nach Relikten ihrer Kindheit. Der Atari 2600 – längst verkauft. Für ein paar Francs. Was bleibt, ist die Leerstelle, die ihr Vater hinterlassen hat. Mit dieser Szene setzt Anthony Passeron den Ton seines Romans: Jacky* ist von der ersten Seite an eine Geschichte über Abwesenheit.
Mon père a disparu en l’espace de trois consoles de jeux – „Mein Vater verschwand im Zeitraum von drei Spielkonsolen“ lautet der Kernsatz des Buches, und er ist weit mehr als eine bloße Metapher. Anthony Passeron erzählt darin die Geschichte seines Vaters und seiner eigenen Kindheit als Zwilling in einer verlorenen Tal-Landschaft, in der Technologie zum Fluchtraum und zum Trennungsgrund wird – drei Kapitel, drei Konsolen-Generationen, ein schleichender Abschied.
Wie der Erzähler des Romans ist auch der Autor, 1983 in Nizza geboren, im arrière-pays azuréen aufgewachsen. Heute tätig als Lehrer für Literatur, Geschichte und Geografie, hat der 41-Jährige erstmals mit seinem Debüt Les Enfants endormis* (2022) Aufsehen erregt. Das Buch, das den Prix Wepler gewann und für den Prix du Livre Inter nominiert war, verwebte die Geschichte seines an Aids gestorbenen Onkels mit der Chronik der medizinischen Forschung gegen das HIV-Virus – eine persönliche Tragödie als kollektives Zeugnis. Mit Jacky* kehrt Passeron in dieselbe Familie zurück. Der Vater, der im ersten Buch eine Randfigur war, rückt ins Zentrum.
Der Metzger und das Pixel
Jacky, der Vater, initiiert seine Söhne früh in eine Leidenschaft, die in ihrer Umgebung kaum jemand kennt: Videospiele. Von Space Invaders bis Zelda, von Atari über Nintendo bis Sega schärft sich das Weltbewusstsein der Zwillinge mit der Technik dieser fremden Maschinen. Die Konsolen sind zunächst ein Geschenk, ein Bindeglied zwischen Vater und Söhnen – Weihnachtsmomente, in denen er selbst mitspielt, inmitten von Geschäftspleite, dem Tod seiner Brüder, dem stillen Zerfall der Familie.
Dann kippt es. Mit jeder neuen Konsole markiert Anthony Passeron den familiären Zerfall – von enthusiastischer Nähe über Distanz bis zum Verschwinden. Die Spielkonsolen werden zu Übergangsobjekten und halten stand, wenn der Vater es nicht mehr tut. Sie werden zum Refugium, zum Gegenpol einer Gegenwart ohne Horizont, gegen die Dramen, die über die Familie hereinbrechen – Aids, ländlicher Niedergang und eine rätselhaft erkrankte Cousine.
Die Struktur des Romans folgt dieser Logik konsequent. Anthony Passeron gliedert das Buch in drei Teile, die Konsolengenerationen entsprechen – vom Atari (1989) über das Nintendo Entertainment System (1993) bis zum Sega Mega Drive (1995). Zwischen den Familienszenen schaltet er Exkurse zur Technikgeschichte: Nolan Bushnell, der Erfinder von Atari, Shigeru Miyamoto als Schöpfer von Mario und Zelda, die Entstehung des Game Boy. Geschichte und Familienerzählung parallel zu führen, ist das Markenzeichen von Passeron – das hat er bereits in Les Enfants endormis* getan. Doch hier hat er diese Erzähltechnik ein wenig überstrapaziert – und verführt dazu, diese Passagen nur zu überfliegen.
Die Tradition, in der dieser Roman steht
Jacky* reiht sich ein in eine Strömung der französischen Gegenwartsliteratur, die man die Literatur des peripheren Frankreichs nennen könnte – jene Prosa, die das Schweigen der Provinz bricht, die das Versagen nicht romantisiert, sondern seziert. In der Tradition von Annie Ernaux oder Didier Éribon verwebt Anthony Passeron seine soziologische Analyse mit dem Intimsten: die Klassenverhältnisse, das Scheitern von Männlichkeitsentwürfen, der Abstand zwischen einer aufgestiegenen Großelterngeneration und ihren entwurzelten Kindern.
Doch wo Ernaux in La Place* den Vater mit kühler Distanz beschreibt und Édouard Louis in En finir avec Eddy Bellegueule* mit wütender Klarsicht, wählt Passeron einen anderen Ton. Er begann, nach eigener Aussage, mit Wut zu schreiben, im Glauben, eine Anklage gegen diesen Mann zu verfassen, der seinen Kindern von einem Tag auf den anderen den Rücken gekehrt hatte – und fand sich dabei mit etwas anderem wieder. Mit Verständnis, vielleicht. Oder zumindest mit dem Versuch. Das Ergebnis ist ein Buch, das trotz schwerer Themen nicht ins Pathos kippt – gleichzeitig ernst und licht. Jacky* erzählt den schrittweisen Rückzug des Vaters und zugleich die Sozialgeschichte einer peripheren französischen Mittelschicht der 1980er- und 90er-Jahre – erzählt durch die Kultur des Videospiels. Hier* könnt ihr den autofiktionalen Vaterroman als gebundenes Buch und hier* als Kindle-Ausgabe bestellen.
Jacky, 208 Seiten. Auf Französisch bei Grasset, auf Deutsch bei Piper (ISBN 978-3-492-07454-4).
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