Clisson: Italien in Frankreich

Clisson an der Sèvre Nantaise. Foto: Hilke Maunder
Blick auf Clisson mit der Sèvre Nantaise. Foto: Hilke Maunder

Am Rande des Städtchens Clisson im Département Loire-Atlantique verwirklichte François-Frédéric Lemot im einstigen Jagdgebiet der Herzöge von Clisson zwischen 1805 und 1827 seine Vision einer idealen Landschaft.

Heraus kam ein italienisch inspiriertes Arkadien inmitten eines 13 Hektar großen Parks an den Ufern der Sèvre Nantaise. Angeregt hatten ihn dazu Freunde aus Nantes, die Brüder Pierre und François Caucaut. Unterstützung fand Lemot in einem Verwalter, der 1771 in Clisson geboren worden war: François-Joseph Gautret.

Auf der Terrasse der Villa mit Blick auf Clisson: Worte von Lemot. Foto: Hilke Maunder

La Garenne: Traum von Arkadien

Bis heute ist sein Anwesen gespickt mit klassizistischen Bauwerken, Schirmpinien, Grotten und einem romantischen Felschaos. Hier erhebt sich ein griechischer Tempel aus dem Grün, dort eine strahlend weiße Marmorskulptur. Laubengänge, mit Wein berankt, bieten Schutz vor der Sonne.

Clisson: Das italienisch inspirierte Anwesen La Garenne erstreckt sich bis an die Ufer der Sèvre Nantaise. Foto: Hilke MaunderJogger laufen hier am Ufer der Sèvre Nantaise entlang. Kanuten setzen ihre Boote ein. Wild und üppig wächst es es allerorten. Nur um die Villa löst ein formeller französischer Garten den englischen Landschaftspark ab.

Der formelle Garten vor der Villa von La Garenne. Foto: Hilke Maunder

Alle Wege führen den Hang hinauf zu einer Villa, die Lemot nach Vorbild der Landsitze von Palladio anlegen ließ. Eine Säulenreihe schließt im Halbrund den Vorplatz ein. Hoch über der Sèvre eröffnen ein Belvédère, eine Loggia und eine Galerie weite Ausblicke auf den Fluss und die Stadt. Auch sie bezog der Bildhauer von Napoleon mit in seine Komposition ein.

Blick von der Terrasse der Villa auf die Stadt mit der Église Notre-Dame. Foto: Hilke Maunder

Sehnsucht nach Italien

Warum  Lemot Italien als Vorbild für seine Anlage wählte? Der Bildhauer,  1772 in Lyon geboren, hatte als junger Mann von König Ludwig XVI. ein Stipendium für eine Studienreise nach Rom erhalten.

Von 1790–1793 besuchte er dort die Académie de France à Rome. Dieser Aufenthalt  prägte sein Leben und Werk.

Die Villa von La Garenne wird heute für Ausstellungen und Empfänge genutzt. Foto: Hilke Maunder

Selbst die Hofstelle, deren Betrieb La Garenne mit allem versorgte, was Lemot und seine Freunde benötigten, war ganz im Stil Italiens gehalten: als befestigtes Gut, das ihr ähnlich so noch heute in der Toskana und in Umbrien findet. Vor einem flachen Bau waren Sonnenschirme aufgespannt.

Oh, ein Café, freute ich mich – doch leider gibt es keinerlei Bar oder Lokal auf dem Anwesen. Im Seitentrakt sind die öffentlichen Toiletten untergebracht. Sie sind kinderfreundlich. In den Klodeckel ist ein zweiter, kleiner „Topf“deckel für den Nachwuchs integriert.

Die befestigte Hofstelle von La Garenne. Foto: Hilke Maunder

Die Kopie des Freundes

Was Lemot in die Landschaft von Clisson gesetzt hat, traf den Zeitgeist. Und gefiel besonders gut einem Pariser Freund des Bildhauers: Jacques Charles Valentin. Er erbaute am anderen Ufer der Moine, die hier in die Sèvre Nantaise einmündet, sein ganz persönliches Arkaden: La Garenne Valentin.

Neben einem stattlichen Herrenhaus ließ Valentin noch ein zweites Gebäude für seine Kunstsammlung errichten, die 1920 zerstört wurde. Ihre Werke sind heute in alle Winde verstreut

La Garenne Valentin. Foto: Hilke Maunder

Beide Anwesen verbindet seit 1840 ein Viaduc mit 15 hohen, schlanken Bögen. Blick einmal unter dem Bau die Bögen entlang: Dort hat sich ein Street-Art-Künstler verewigt.

Das Viadukt über die Moine birgt Street Art. Foto: Hilke Maunder

Von der Grande Rue de la Trinité bieten sich immer wieder sehr schöne Ausblicke auf die Stadt und Sèvre. Gegenüber der Garenne La Valentin führt euch die Ruelle des Arts zur Ruelle de la Moine direkt ans Ufer des idyllischen Flüsschens. Der Pont Saint-Antoine war im Mittelalter eine wichtige Passage auf der Handelsroute von Nantes nach Poitiers.

Am Ufer der Moine. Foto: Hilke Maunder

Ebenfalls aus dem Mittelalter stammt der steinerne Pont de la Vallée über die Sèvre Nantaise. Ursprünglich besaß an der linken Uferseite eine Zugbrücke, um den Zugang zur Stadt zu sichern. Das steinerne Kreuz auf der Brücke markiert die Pfarrgrenzen zwischen der Gemeinde von La Trinité und Notre-Dame.

Clisson: der Pont de la Vallée. Foto: Hilke Maunder

Noch immer Arkadien

Auch die Ruine der Burg von Clisson und Pfarrkirche Notre-Dame erheben sich wie Kulissen eines sorgsam komponierten Gemäldes am gegenüberliegenden Ufer der Garenne Lemot. Überquert den Pont de la Vallée und folgt der Rue de la Collégiale. Unterwegs verraten auch die Stadthäuser den Einfluss Italiens – mit Terracottadächern, Backstein und Rundbogenöffnungen .

Stadtkulisse mit Notre-Dame. Foto: Hilke Maunder

Kürzer ist der Weg über die malerische Gasse Rue de l’Échelle du Château. Aber dann entgehen euch schöne Ausblicke auf das Tal von Sèvre Nantaise und Moine sowie die sehenswerte Galerie de la Couronne. Und ein beeindruckender Baum… quer über die Straße wächst eine stattliche Pinie!

Clisson: die Pinie der Rue de la Collégiale. Foto: Hilke Maunder

Am Standort des in den Vendée-Kriegen zerstörten Kollegs erhebt sich heute die Église Notre-Dame. Auch sie wurde nach italienischem Vorbild erbaut.

Um die Freske so zu sehen, müsst ihr erst an der linken Seite der Wand neben der Freske das Licht einschalten! Foto: Hilke Maunder

Imposante Höhenburg

Auch als Ruine ist  das Château de Clisson bis heute ungeheuer eindrucksvoll. Wuchtig und wehrhaft thront es seit dem 11. Jahrhundert auf einem Felssporn über der Sèvre Nantaise. Bis zu drei Meter dick sind die Mauern. Mohn hat den Wehrgraben erobert, Efeu das Mauerwerk.

Die Burg von Clisson. Foto: Hilke Maunder

Zu Zeiten einer unabhängigen Bretagne war die Höhenburg in Clisson an einer Straßenkreuzung zum Anjou und Poitou eine der wichtigen Grenzanlagen des Herzogtums. Für Franz II. war die Festung eine seiner Lieblingsresidenzen – wohl auch, weil der letzte Herzog der Bretagne hier 1471 Marguerite de Foix, Mutter von Anne de Bretagne, heiratete.

1807 kaufte François-Frédéric Lemot die Burg, bereits damals eine Ruine. Im 17. Jahrhundert waren die Türme aus der Gründungszeit der Burg eingestürzt. Danach hatten die Vendée-Aufstände um 1793 Stadt und Burg zerstört.

Nichts war daher nach den Zerstörungen willkommener als die Vision von Lemot und seiner Freunde, auf dem Erbe des Schrecken ein Gegenbild zu erbauen: ein ideale Stadt, Arkadien in Frankreich.

Drei gestaffelte Verteidigungslinien schützen ab dem 16. Jahrhundert die Burganlage. Foto: Hilke Maunder

Clisson: meine Reise-Tipps

Ansehen

La Garenne-Lemot

La Garenne-Lemot könnt ihr das ganz Jahr kostenlos besuchen (Ostern – Oktober 9.00 – 20.00 Uhr, sonst 9.30 – 18.30 Uhr). Infos auch auf Deutsch gibt es auf der Website http://www.parcsetjardins.fr.

Kunst von heute

In Clisson haben sich in den letzten Jahren mehrere Galerien angesiedelt. Vor Ort arbeitet Bozo. 1949 in Nantes geboren, lebt und arbeitet Monsieur heute in Clisson, wo er gerne Holz in der Größe eines Baumes verarbeitet. Eine seiner monumentalen Skulpturen schmückt die kleine Venelle du Chapeau Rouge . Inzwischen könnt ihr auch in Südfrankreich seine Arbeiten open-air entdecken – auf dem Sentier Sculturel!

Die Maserung des Holzes treibt sein Werkzeug an, sagt Bozo. Foto: Hilke Maunder

Genießen

Wochenmarkt

Dolce Vita in Clisson: Versorgt euch in der überdachten Markthalle Dienstag morgens ab 8.30 Uhr mit den leckersten Erzeugnissen der Region! Während der Vendéekriege kampierten unter dem wuchtigen Holzdach aus dem 14. Jahrhundert die Soldaten. Freitag erstreckt sich der Wochenmarkt auf die Rue des Halles und die place Saint–Jacques. Um 13 Uhr ist Schluss!

La Malle aux Saveurs

Craft Beer aus Clisson, Crème de Salidou, Kekse, Oliven und viele andere lokale Produkte findet ihr in dieser Épicerie unter dem Dach der Markthalle.
• 2, rue des Rémouleurs, Tel. 02 40 54 38 12 , www.lamalleauxsaveurs.fr

Jean-Philippe Bouvet von La Blanche Hermine. Foto: Hilke Maunder

La Blanche Hermine

Jean-Philippe Bouvet hat bei berühmten Köchen wie Michel Caines  und Pâtissiers wie Youri Nyers gearbeitet, ehe der junge Konditor mit seiner Frau Emily den Sprung in die Selbständigkeit wagte und jetzt im Obergeschoss ihres Hauses Schokoträume kreiert. Mit dabei: süße Totenköpfe, passend zum Heavy-Metal-Festival „Hellfest“!
• 7, place du Minage, Tel. 02 51 71 73 02, www.patisserie-lbh.com

Der Lutscher zum Hellfest. Foto: Hilke Maunder

Muscadet

Das Tal von Clisson im Herzen der Weinberge von Nantes. Dort wird vor allem eine Traube angebaut: Muscadet. Der Zusatz „sur Lie“ verrät, das der Wein bis zur Flaschenabfüllung auf der Feinhefe lagerte. Das verleiht dem Wein ein feinstes Perlen. Acbtung: Bei billigen Muscadet sur Lie wird Kohlensäure beigefügt!

Drei Appellationen gibt es für den Muscadet. Als beste gilt die AOC Mus­ca­det Sèvre-et-Maine süd­öst­lich von Nan­tes den beiden namensgebenden Flüssen. Kleiner ist die AOC Mus­ca­det des Coteaux de la Loire nord­öst­lich von Nan­tes. Die AOC Mus­ca­det Côtes de Grand Lieu steht eher für Masse und umfasst rund die Hälfte der gesamten Muscadetproduktion.

In der Office de Tourisme von Nantes stellt euch jeweils ein anderer Winzer jeden Sonnabend die Tropfen vor, die ihr vor Ort verkosten und erwerben könnt.

Muscadet-Weinprobe im Office de Tourisme. Foto: Hilke Maunder

Erleben

Hellfest

Es gilt nach Wacken als größtes Heavy-Metal-Festival Europas: das Hellfest. Seit 2006 findet es alljährlich Mitte Juni in Frankreichs selbsternannten Rock City statt. Zum Line-Up 2019  gehörten auch die deutsche Rechtsrock-Band Böhse Onkelz. Ebenfalls aus Deutschland reiste nach Clisson die Dark-Metal Band Freitod. Insgesamt rockten 200 Bands 2019 auf der Kuhweihe.
www.hellfest.fr

Clisson: Rock City – dank des Hellfest, des zweitgrößten Hartrockfestivals Europas. Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Villa Saint-Antoine*

Die alte Leinenspinnerei des Ortes birgt heute ein Best-Western-Hotel mit 43 komfortablen Zimmern, Sauna und Hamam sowie  Restaurantterrasse über der Sèvre.
• 8, rue Saint-Antoine, Tel. 02 40 85 46 46, www.hotel-villa-saint-antoine.com

 

Weitere Unterkünfte*
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Weiterreisen

Das ganze Land

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

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Die Antike stand auch bei diesem Tempel Pate. Foto: Hilke Maunder
Am Ufer der Moine. Foto: Hilke Maunder
Revier der Kanuten: die Sèvre Nantaise. Foto: Hilke Maunder
Schlemmen an der Sèvre Nantaise. Foto: Hilke Maunder
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