Armin Laschet: der Kulturvermittler

Wie funktioniert die deutsch-französische Freundschaft? Welche Institutionen und Vereine füllen sie mit Leben? Welche Dörfer und Städte leben sie? Und welche Menschen engagieren sich für den grenzüberschreitenden, lebendigen Austausch? Auch diese Fragen sind immer wieder Thema auf Mein Frankreich.

Umso mehr freue ich mich, dass ich jetzt Armin Laschet am Telefon interviewen durfte. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist seit Januar 2019 offiziell der deutsch-französische Kulturbevollmächtigte.

Armin Laschet mit Hilke Maunder bei Gout de France in Berlin 2019. Foto: Hilke Maunder

Hilke Maunder: Lieber Herr Laschet, ich habe Sie immer Lasché genannt, weil für mich das -et so französisch klingt. Liegt das an den vielleicht hugenottische Wurzeln des Namens?

Armin Laschet (lacht): Der Name „Laschet“ ist in der Region Aachen fast so häufig zu finden wie Müller oder Schmidt. Laschet kommt aus dem Ostbelgischen, da heißen sehr viele Leute so. Ich vermute, dass unser Name auch französische Wurzeln hat, aber richtig hugenottisch ist er nicht.

HM: Sie stammen aus Aachen, wurden dort im Februar 1961 quasi direkt an der Grenze geboren, haben später Jura studiert in München und Bonn, dann eine Ausbildung zum Journalisten absolviert. Und haben sich, zehn Jahre später, nachdem Sie 1989 als jüngster Ratsherr aller Zeiten ins Aachener Rathaus gezogen sind, sehr dem Thema Europa gewidmet – als Europa-Abgeordneter in Brüssel wie auch als Lehrbeauftragter für den Studiengang „Europastudien“ an der RWTH Aachen. Liegt es an der Geburt und dem Leben an der Grenze, dass Sie sich so sehr mit Europa beschäftigen?

AL: In Aachen ist Europa Alltag, ist das Europäische immer sehr nah. Von meinem Geburtsort sind es fünf Kilometer bis an die niederländische Grenze und fünf bis an die belgische. Die Menschen sind es gewohnt, auf der einen Seite der Grenze zu leben und auf der anderen Seite zu arbeiten. Und umgekehrt. Insofern ist das Europäische immer präsent. Aachen ist auch sehr geprägt von der französischen Zeit. Die Stadt und das westliche Rheinland gehörten ja mal zu Frankreich. Und von der Entfernung her, gefühlt und real, ist Paris näher als Berlin.

HM: Kennen Sie das Gebiet, für das Sie heute Kulturbevollmächtigter sind, auch gut aus eigener Anschauung?

AL: Ja, ich kenne Frankreich recht gut.  Ich war natürlich sehr, sehr oft in Paris, zu beruflichen und privaten Gelegenheiten, zuletzt habe ich den Jahreswechsel dort verbracht. Mit der Familie waren wir oft im Urlaub in der Provence, in Südfrankreich. Das Elsass habe auch immer sehr geschätzt. In meiner Zeit als Europaabgeordneter war ich sechs Jahre lang immer eine Woche in Straßburg. Ich fühle mich Frankreich tief verbunden.

HM: Seit Januar 2019 haben Sie als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen vom Ersten Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher eine Aufgabe übernommen, die Sie wiederum nach Frankreich führt. Sie sind seit Januar 2019 der deutsch-französische Kulturbevollmächtigte. Und üben damit ein Amt aus, mit dem nur wenige etwas verbinden oder anfangen könnten. Es ist entstanden durch den Élyséevertrag. Was sind denn genau die Aufgaben?

AL: Deutschland ist mit keinem anderen Land so eng verbunden wie mit Frankreich – mit dem Élyséevertrag haben beide Länder dafür 1963 den Grundstein gelegt. Wir wollen gemeinsame Kabinettssitzungen abhalten, wir wollen ein Deutsch-Französisches Jugendwerk gründen, wir wollen uns in vielem so eng abstimmen wie möglich. Das war und ist die Ambition. Das war allen wichtig. Dies ist 2019 durch den Aachener Vertrag noch einmal konkretisiert worden. Für die Themen Bildung, Kultur, Schulen, Wissenschaft ist der Bund nicht zuständig, die Zusammenarbeit und Abstimmung mit Frankreich in diesen Feldern aber wichtig.

Deshalb wurde das Amt des deutsch-französischen Kulturbevollmächtigten geschaffen. Der Kulturbevollmächtigte ist einheitlicher Ansprechpartner für die Bildungs-, Kultur- und Forschungsminister der französischen Regierung und arbeitet mit allen deutsch-französischen Institutionen sowie französischen Institutionen in Deutschland zusammen. Kurz gesagt, ich vertrete die Interessen des Bundes und der 16 deutschen Länder in bildungspolitischen und kulturellen Angelegenheiten gegenüber Frankreich.

HM: Diese Position wandert also durch die Länder. Nach Hamburg jetzt NRW.

AL: Der Wechsel im Amt des Kulturbevollmächtigen erfolgt alle vier Jahre, immer zwischen den SPD- und den Unionsgeführten Ländern. Dadurch entsteht dann auch eine regional unterschiedliche Wirkung. Es hatten etwa schon Baden-Württemberger, Rheinland-Pfälzer und Saarländer dieses Amt inne, was natürlich naheliegt, da es Grenzländer sind. Die deutsch-französischen Beziehungen sind mehr als nur grenzüberschreitende Verbindungen. Sie gehen in Hamburg, Berlin und Dresden die Menschen genauso an wie in den Ländern an der direkten Grenze. Deshalb ist es gut, dass diese Vertretung der Bundesrepublik nicht nur aus den Grenzregionen kommt.

20 Jahre DFA-UFA: Armin Laschet ist einer der Festtagsredner. Foto. Hilke Maunder

HM: Sie hatten es schon kurz angesprochen. Sie haben zwei Schwerpunkte der Arbeit. Zum einen Bildung. Zum anderen Kultur. Bei Bildung bin ich sehr fündig geworden, bei Kultur weniger. Bei Bildung steht ganz oben der Spracherwerb, dass gegenseitig gefördert wird, in Frankreich Deutsch zu lernen – und in Deutschland Französisch. Das Kindergärten, Schulen und Ausbildungen zweisprachig bzw. binational aufgezogen werden – das ist sichtbar. Bei Kulturprojekten ganz konkret: Was läuft da 2019 außer 100 Jahre Bauhaus, das auch Frankreich als Thema aufgegriffen hat?

AL: Am 20. Juni 2019 wäre Jacques Offenbach 200 Jahre alt geworden. Offenbach ist ja in Köln geboren worden, hat dann in Paris gelebt, ist auch in Paris quasi groß geworden, aber war der Sohn eines jüdischen Kantors aus Köln. Insofern ist er ein ganz besonderes Beispiel für Deutschland und Frankreich.

2019 gibt es daher ein Jacques-Offenbach-Jahr, das stark den Schwerpunkt „deutsch-französisch“ gesetzt hat. So hatte auch die Industrie- und Handelskammer in Köln Premierminister Édouard Philippe am 10. Januar 2019 bewusst zu diesem Offenbach-Jahr zu Gast.

Demnächst, am 27. Juni, folgt ein großes Konzert des Kölner Gürzenich-Orchesters, das zum ersten Mal zusammen mit „Les Siècles“ in der Berliner Philharmonie spielt. Und ich selbst bin am 14. Juni bei einem Konzert unseres Landesjugendorchesters Nordrhein-Westfalen, das in Compiègne auch Offenbach spielt.

Es gibt also eine Vielzahl von Veranstaltungen in Deutschland und Frankreich, bei denen Offenbach die Hauptfigur ist. Außerdem gibt es in den kulturellen Beziehungen den Deutsch-Französischen Kulturrat, der viele Aktivitäten in den Instituts français in Deutschland und der Goethe-Institute in Frankreich anstößt.

HM: Sie kommen jetzt am 12. Juni 2019 zum 20. Gründungstag der deutsch-französischen Hochschule nach Hamburg, die etwas anders ist als eine gewöhnliche Hochschule.

AL: Ja, denn sie ist ein Netzwerk von Hochschulen. Sie ist überall im Land tätig, hat überall Kontaktpunkte, ist deutsch-französisch aktiv, hat aber nur einen einzigen Sitz – in Saarbrücken. Ein vergleichbares binationales Projekt gibt es nirgends sonst. Einmal mehr waren Frankreich und Deutschland hier Vorreiter. 

HM: Zum Abschluss unseres Gesprächs vielleicht noch ein kleiner Ausblick. Gibt es eine Vision, die Sie während Ihrer vierjährigen Amtszeit als Kulturbevollmächtigter, oder ein Herzensprojekt, dass Sie umsetzen möchten?

AL: Im Wissenschaftsaustausch, im Akademikeraustausch sind die Beziehungen sehr gut zwischen Deutschland und Frankreich. Es gibt zahlreiche Hochschulpatenschaften. Und vieles anderes mehr. Aber das, was noch mehr Aktivitäten braucht, ist der Austausch der Jugendlichen, die eine Ausbildung machen, die in der beruflichen Bildung beispielsweise tätig sind. Da gibt es Arbeitsgruppen zwischen Deutschland und Frankreich, die regelmäßig tagen.

Hier wollen wir verstärkt, auch etwa über die Schaffung gemeinsamer Berufsschulen – auch die Handwerkskammern und die Handelskammern sind daran interessiert – das schaffen, was bei den Hochschulen schon gelungen ist. Die Deutsch-Französische Hochschule ist etwas für Akademiker. Auch die Menschen, die vielleicht in einer beruflichen Ausbildung sind, sollten gleichermaßen das Deutsch-Französische erleben können. Es gibt viele Unternehmen, die daran ein großes Interesse haben. Insbesondere, wenn sie in beiden Ländern tätig sind.

HM: Lieber Herr Laschet, das ist eine schöne Vision, die es umzusetzen gilt. Vielen Dank für das Gespräch.

Im Nachgespräch hab ich noch einen ganz persönlichen Wunsch gegenüber Armin Laschet geäußert. Mich ärgert es persönlich, das es bei vielen deutsch-französischen Austauschprogrammen eine Altersgrenze von 35 Jahren gibt. Für ältere ArbeitnehmerInnen ist der berufliche Austausch oder die grenzüberschreitende Weiterbildung kaum möglich. Auch das sollte sich ändern.

Armin Laschet mit Frankreichs Premier Édouard Philippe und Botschafterin Anne-Marie Descôtes in Bonn. Foto: Land NRW/Marc Hermeneau.

Zur Person: Armin Laschet

geboren am 18. Februar 1961 in Aachen, verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern, überzeugter Katholik und seit 1979 Mitglied der CDU

1981 – 1987: Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten München und Bonn.

1987 – 1994: Ausbildung zum Journalisten. Tätigkeit als freier Journalist für bayerische Rundfunksender und das bayerische Fernsehen.

1994 – 1998: Mitglied des Deutschen Bundestages

1995 -1999: Verlagsleiter und Geschäftsführer der Einhard-Verlags GmbH

1999 – 2005: Mitglied des Europäischen Parlaments

2005 – 2010: Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW, ab 2010 zugleich Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien.

Seit 2010: Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen

Seit 27. Juni 2017: Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen

Seit 1. Januar 2019: deutsch-französischer Kulturbevollmächtigter

Hintergrund

Bildung und Kultur sind Ländersache in Deutschland. Einen Bundes-Kultusminister wie  Franck Riester (Kultur) oder Jean-Michel Blanquer (Bildung und Jugend)  gibt es in Deutschland nicht. Diese „Lücke“ füllt seit 1963 der „Bevollmächtigte der Bundesrepublik Deutschland für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit“.

Er vertritt gegenüber Frankreich die Interessen der Bundesrepublik und ihrer 16 Länder in Bildung und Kultur. Die ständigen deutsch-französischen Expertenkommissionen für das allgemeinbildende Schulwesen, für die berufliche Bildung sowie für Wissenschaft und Hochschulen unterstützen den Kulturbevollmächtigten.

Worum kümmert er sich?

Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Kernfelder sind:

  • Spracherwerb: mehr deutsch für Franzosen – und mehr Französisch für Deutsche. Dieser Aufgabe widmen sich ganz besonders Goethe-Institut und das Institut français. Austausch zwischen Schülern und Auszubildenden werden gefördert, und deutsch-französische Schülerwettbewerbe wie zuletzt zum Thema „Erster Weltkrieg – La Grande Guerre“ veranstaltet. Es gibt eine deutsch-französische Jugendklimakonferenz, das Deutsch-Französische Jugendwerk
  • Aufbau von bilingualen Kindertagesstätten (D) und Écoles Maternelles (F) Frankreich
  • Aufbau von Schulen, an denen mit dem Abibac gleichzeitig das deutsche Abitur und das französische Baccalauréat erworben werden kann
  • Ausbau des Netzwerkes der Deutsch-Französische Hochschule, die 2019 ihr 20-jähriges Bestehen feiert
  • Kooperationen zwischen Berufsschulen und Ausbildungsstätten in Deutschland und Frankreich
  • Ausrichtung des Deutsch-Französischen Tag am 22. Januar jedes Jahres
  • Länderübergreifende Kulturprojekte: 2019 sind u.a. Bauhaus, Offenbach und das Gartenfestival „Rendez-vous en jardin“ Programm
(v.l.) Armin Laschet mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Staatspräsident Émmanuel Macron und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp . Foto: Land NRW/Ralf Sondermann
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2 Kommentare

  1. Ihr Interview mit Herrn Laschet ist äußerst erfreulich, gratuliere! Dies umso mehr, als Saarländerin AKK schon völlig unnötig in einige französische Fettnäpfchen getappt ist. Das Erlernen der französischen Sprache sollte wieder mehr Gewicht in Deutschland erhalten, da war die Lage direkt nach dem 2. Weltkrieg schon besser.

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