Glücksmomente in Aurignac

Kennt ihr es auch? Es gibt Orte, da fühlt man sich auf Anhieb wohl. Obgleich sie nichts Spektakuläres bieten, nichts Besonderes sind. Zumindest auf den ersten Blick. Genau solch ein Ort ist Aurignac in Haute-Garonne. Als ich am frühen Abend auf den Großparkplatz vor der Mairie rollte und meinen Wagen kostenfrei für das Wochenende abstellte, leuchtete die Sonne auf den Schneespitzen der Pyrenäen am Horizont. Zwei Kinder kletterten auf einem Geländer herum. Ihre Eltern saßen mit Freunden im Freien bei einer „Pression“ zusammen, einem frisch gezapften Bier.

Das Lebensgefühl des Midi

Später traf sich das Dorf im Innern des Bistros, futterte Foie Gras, Charcuterie und Käse von schiefernen Planches, trank tiefdunkle, erdige Rotweine, drängte sich um kleine Tische oder am verzinkten Tresen. Sprachfetzen schwirrten durch die Luft. Hier Okzitan, da Englisch, dort typisch Pariser Französisch. In diesem Moment hätte ich vor Glück zerplatzen können.

Am nächsten Morgen weckte mich Vogelgezwitscher. Da das Café meines Hotels noch geschlossen war – um sechs Uhr früh kein Wunder – bummelte ich in der Morgenkühle durch das 1.170 große Städtchen. Aus der Bäckerei drangen verführerische Düfte. Noch ofenwarm kam das Pain au Chocolat in die Tüte. Dazu ein Café Allongé, bitte ohne Zucker. Zwei Euro zehn, Madame!

Unter der Vorhalle der Kirche Saint-Pierre-aux-Liens genoss ich das frühe Frühstück und sah zu, wie die Sonnenstrahlen von der Tour Savoie aus langsam die Gassen eroberten, Hauswände leuchten ließen und auf Blüten und Blättern tanzte. War es vielleicht der Zauber eines solchen Morgens, der vor 38.000 bis 28.000 Jahren in der Epoche des Aurignacien in der Vorzeit die Menschen in einen schöpferischen Rausch versetze?

Kreativer Urknall

Wie aus lähmendem Schlaf erwacht,  begannen die Menschen, die Umwelt künstlerisch zu interpretieren.  „Human Revolution“ nennen die Archäologen den kreativen Urknall. Im vorgeschichtlichen Museum von Aurignac könnt ihr ihre Werke bewundern: Gravuren auf Knochen, Lochperlen und Abbildungen  von Felsritzungen, die die Höhlenwände in Südfrankreich schmückten. Darauf abgebildet waren nicht nur Mammut & Co., sondern auch Vulven und Penisse…

Ausgestellt sind im Musée Forum de l’Aurignacien auch die typischen Werkzeuge des Neandertaler-Nachfolgers, dessen Spuren sich von der Iberischen Halbinsel über Frankreich bis nach Rumänien verfolgen lassen – und der Kulturstufe „Aurignacien“ ihren Namen gegeben haben. Aus Knochen und Elfenbein fertigt er Projektilspitzen für sein Arsenal an Speeren. Feuerstein wurde zu Kielkratzern, Sticheln und lange, schmale Kanten verarbeitet, die häufig an den Längsseiten konkav tailliert wurden.

Zeitreise mit 19 Tafeln

Dans les terres, il voit une ville très forte,
Ceinte de murs avec deux tours à chaque porte.
Au centre est un donjon si beau qu’en vérité,
On ne le peindrait pas dans tout un jour d’été.

schwärmte einst Nationaldichter Victor Hugo über die Altstadt von Aurignac. 19 Plaketten führen euch in der befestigten cité zu den schönsten Winkeln und Bauten. Häuser von der Gotik bis zur Renaissance schmücken die Gassen, einige mit Fachwerk, andere mit Steinmetzarbeiten. Und oft üppig mit Blumen geschmückt! Und vergesst nicht, zum Abschluss den Bergfried hinauf zu steigen – von oben habt ihr einen traumhaften Rundblick über das sanft gewellte Vorland der Pyrenäen!

Aurignac: meine Reisetipps

Schlafen & schlemmen

Hôtel Saint-Laurans

Große geräumige Zimmer am Rathausplatz, ein sympathisches, uriges Bistro und leckere Küche von morgens bis abends – dieses charmante Hotel in einem Altstadthaus hat alles Zeug zum Lieblingshotel!
• 6, place de la Mairie, 31420 Aurignac, Tel. 05 61 90 49 55, www.saintlaurans.com

Nicht verpassen

Musée de l’Aurignacien

Neandertaler und moderne Menschen (homo sapiens) lebten vor rund 39.000 – 28.000 Jahren v. Chr. in Europa nebeneinander. Einblicke in die spannende „Auragnicien“-Epoche der Menschheitsgeschichte vermittelt das Museum mit vielen Exponaten. Und nicht nur Steinkeilen, sondern auch Skulpturen. Und den ältesten Instrumenten der Menschheit!
• Avenue de Benabarre, 31420 Aurignac, Tel. 05 61 90 90 72www.musee-aurignacien.com, Mo., Di. geschlossen!

Aurignac sous Pression

Legendär ist auch das Bierfest Anfang Oktober, das vor allem Motorradfahrer von nah und fern lockt – mit Craft Beer der Region und Musik.

Weiterlesen

Mein Reiseführer-Tipp

Annette Meiser, die u.a. die ers­te müll­frei­e Schu­le Deutsch­lands mitbegründete, hat in Midi-Pyrénées ihre Wahlheimat. Dort lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren und bietet erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen an.

Ihre Expertise hat sie auf 432 Seiten zwischen die Buchdeckel eines Reiseführers gepackt. Ihr erstes Buch stellt eine Ecke Frankreichs ausführlich vor, die in klassischen Südfrankreich-Führern stets zu kurz kommt. Für mich der beste Reiseführer auf Deutsch für alle, die individuell unterwegs sind – sehr gut gefallen mir die eingestreuten, oftmals überraschenden oder kaum bekannte Infos. Wie zum einzigen Dorf Frankreichs, das sich in zwei Départements befindet: Saint-Santin liegt genau auf der Grenze von Aveyron und Cantal.

Annette Meiser, Midi-Pyrénées, Michael-Müller-Verlag 2015, ISBN 978-3-89953-750-5. Wer mag, kann den Band hier * direkt online bestellen.

 * Durch den Kauf über den Referral Link kannst Du diesen Blog unterstützen und den Blog werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

 

Merci für's Teilen!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.