So zeigt sich der Axe Majeur vom Rad- und Wanderweg. Foto: Hilke Maunder

Der Axe Majeur: Land-Art in XXL

Der Axe Majeur ist eine Achse der Träume. Es ist ein Kunstwerk, das die Grenzen der Land-Art sprengt. Wer seinen Spuren folgt, erlebt mehr als einen Spaziergang – eine Reise durch Zeit und Raum, komponiert aus zwölf Stationen einer visionären Skulptur.

Leuchtend rot spannt sich die Passerelle 330 Meter über die blaue Oise, ein geometrisches Band aus Stahl und Beton, das die grünen Ufer und Hügel an einem Mäander des Flusses verbindet. Von oben betrachtet wirkt die Brücke wie ein roter Pfeil, der durch die Parklandschaft von Cergy-Pontoise zielt.

Die markante Brücke La Passerelle ist nur eine von zwölf Stationen des Axe Majeur. Mit diesem begehbaren Gesamtkunstwerk hat Dani Karavan ein Land-Art-Anlage in XXL geschaffen, die Stadt und Natur, Kunst und Vision verschmilzt und die historische Achse von Paris weiterführt bis in seine Vororte. Zwölf Stationen wie zwölf Stunden eines Tages, zwölf Monate eines Jahres – die Symbolik der Zeit durchzieht den gesamten Axe Majeur.

Vision einer neuen Stadt

In den 1960er-Jahren träumten französische Stadtplaner von der Zukunft. Um das überbevölkerte Paris zu entlasten, entstanden fünf villes nouvelles – neue Städte auf der grünen Wiese. Cergy-Pontoise war eine davon, angelegt als Hufeisen entlang der Oise-Schleife.

Was diesen Planstädten fehlte, war eine Seele, eine Identität. Die Stadtväter suchten nach einem städtebaulichen Rückgrat, einem Orientierungspunkt, der mehr sein sollte als eine Verkehrsader. Sie fanden die Antwort bei Dani Karavan, der bereits berühmt war für riesige Skulpturen wie das Negev-Monument in Israel.

Als der Künstler im Jahr 1980 das Gelände besuchte, war er sofort fasziniert von der poetischen Landschaft und dem urbanen Konzept. „Der Axe Majeur ist ein sehr besonderes Beispiel für öffentliche Kunst an der Schnittstelle von Skulptur, Landschaft, Stadtplanung und Architektur“, beschrieb Karavan zu Lebzeiten einmal selbst sein Werk. Gemeinsam mit dem Stadtplaner Michel Jaouën entwickelte er die Vision eines balcon vers Paris – eines Balkons mit Blick auf die französische Hauptstadt.

Zwölf Stationen der Zeit

Die erste Station des Axe Majeur markiert die schiefe Tour Belvédère. Der 36 Meter hohe Aussichtsturm neigt sich wie der Turm von Pisa und sendet nachts seinen grünen Laserstrahl 3,2 Kilometer weit über die gesamte Achse.

Von hier schweift der Blick über die Esplanade de Paris, das zentrale Versammlungsareal der neuen Stadt. Zwölf monumentale Säulen begrenzen das Plateau und symbolisieren den ewigen Kreislauf der Zeit. Der Jardin des droits de l’homme Pierre-Mendès-France schafft den Übergang zur Natur, bevor das Amphithéâtre Gérard-Philipe euch zu kunterbunten Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel empfängt.

Das Herzstück bildet die markante rote Brücke La Passerelle, die das Freiluftheater mit der Île astronomique verbindet. Diese künstliche Insel in der Oise entstand aus einer ehemaligen Kiesgrube, in der Sand fürs Baugewerbe gewonnen wurde, und trägt astronomische Symbolik in die Landschaft. Vor einer Skulptur in Form einer Pyramide endet der begehbare Teil des Kunstwerkes, da der ursprünglich geplante Carrefour de Ham als Verkehrsknotenpunkt nur teilweise realisiert wurde.

Historisches Erbe und moderne Vision

Der Axe Majeur reiht sich nahtlos ein in eine jahrtausendealte Stadtentwicklung vom Paris und schreibt sie fort. Bereits im 20. Jahrhundert war die historische Achse der französischen Hauptstadt vom Louvre über die Champs-Élysées und Arc de Triomphe bis hin zur Grande Arche in La Défense verlängert worden.

Im 21. Jahrhundert führt Karavans Werk diese Linie kunstvoll weiter nach Nordwesten und schafft einen visuellen Dialog zwischen dem historischen Paris und der zeitgenössischen Stadtlandschaft. 2022 erhielt der Axe Majeur dafür die Auszeichnung als architecture contemporaine remarquable der Region Île-de-France – eine späte Würdigung für ein Projekt, das lange um seine Vollendung kämpfen musste.

Ein Kunstwerk ringt um Vollendung

In den 1980er-Jahren begann die Realisierung des Projekts, das vor allem vom damaligen französischen Kulturminister Jack Lang vorangetrieben wurde. In dieser Zeit entstanden die Tour Belvédère, der Verger des Impressionnistes, die Esplanade de Paris mit den charakteristischen zwölf Beton-Säulen sowie die Jardins des Droits de l’Homme. Um 1990 endete diese erste Bauphase. Die Gestaltung der Achse wurde damals als Teil der Stadtentwicklung von Cergy-Pontoise gesehen, um der neuen Stadt eine künstlerische und städtebauliche Identität zu verleihen.

Finanzielle Schwierigkeiten und nachlassendes politisches Interesse führten damals dann jedoch zu einem Stillstand beim Bau der weiteren Stationen. Erst Anfang der 2000er-Jahre wurde das Projekt durch die neue Agglomerationsgemeinschaft von Cergy-Pontoise unter Präsident Dominique Lefebvre wiederbelebt.

2008 begann die zweite große Bauphase mit der Fertigstellung zentraler Bereiche am Ufer der Oise mit der roten Passerelle, dem Amphithéâtre und dem Bassin. Doch Naturschutzbedenken und Konflikte mit Blick auf die Erreichbarkeit des Axe Majeur sorgten jedoch immer wieder für Verzögerungen, und bis heute ist das gesamte Projekt noch nicht vollendet.

Dennoch ist der Axe Majeur längst schon zu einem Symbol für Cergy-Pontoise geworden. Die Bevölkerung hat das anfangs umstrittene Projekt angenommen und schätzt die spektakulären Oase im Herzen der ville nouvelle an der Oise-Schleife mit Blick auf die Skyline von La Défense. Das grüne Laserlicht, das nächtlich die Achse überstrahlt, ist längst zum Wahrzeichen vlon Cergy geworden.

Die zwölf Stationen des Axe Majeur von Dani Karavan
La Tour Belvédère – ein 36 Meter hoher, leicht geneigter Aussichtsturm, der nachts einen grünen Laserstrahl aussendet.
Le Verger des Impressionistes – ein Obstgarten, der an die landwirtschaftliche Vergangenheit der Region erinnert.
L’Esplanade de Paris – das zentrale Areal mit zwölf monumentalen Beton-Säulen, Symbol für den Kreislauf der Zeit.
Les douze colonnes – die zwölf Säulen, die das Plateau begrenzen.
Le Jardin des droits de l’homme Pierre Mendès-France – der Garten der Menschenrechte, der den Übergang zur Natur schafft.
L’Amphithéâtre Gérard Philippe – ein Freilufttheater für kulturelleVeranstaltungen.
Le Bassin – ein Wasserbecken, das 2008 fertiggestellt wurde.
La Passerelle – die 330 Meter lange rote Fußgängerbrücke über die Oise
L’Île astronomique – eine künstliche Insel mit astronomischer Symbolik, entstanden aus einer ehemaligen Kiesgrube.
La Pyramide – eine Pyramiden-Skulptur auf der Insel, symbolisch außerhalb der Achse positioniert.
Le Carrefour de Ham – ein geplanter Verkehrsknotenpunkt, der nur teilweise realisiert ist. Einzig ein Portikus aus Metall steht bereits hier.
Le Rayon Laser – der von der Tour Belvédère oberhalb der Achse 3,2 Kilometer weit ausstrahlt und die Einheit der Stationen symbolisiert.

Karavans Vermächtnis

Dani Karavan (1930-2021) schuf weltweit bedeutende Kunstwerke, die Landschaft, Erinnerung und Architektur verbinden. Sein Negev-Monument in Be’er Scheva, die Straße der Menschenrechte in Nürnberg, das Sinti- und Roma-Mahnmal in Berlin oder das Walter-Benjamin-Denkmal Passages in Portbou – alle seine Werke sind site-specific, wie er sagte, tief verwurzelt im jeweiligen Ort und nur dort denkbar, wo sie stehen.

Der Axe Majeur bei Cergy ist vielleicht sein ambitioniertestes Projekt. Es verbindet auf beeindruckende Weise eine urbane Gestaltung mit der Natur und dem öffentlichem Raum. Die zwölf Stationen bilden eine „begehbare Geschichte“ der Stadt, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem monumentalen Kunstwerk vereint.

Wer heute über die rote Brücke wandelt und den grünen Laserstrahl am Horizont verfolgt, erlebt mehr als nur Kunst. Er durchschreitet die Vision einer Zeit, die an die Kraft der Planung glaubte und Städte auf dem Reißbrett entwarf. Der Axe Majeur ist Zeugnis dieser Epoche – und zugleich deren schönste Vollendung.

Hintergrund: die fünf villes nouvelles von Paris

Die fünf villes nouvelles rund um Paris unterscheiden sich deutlich von den Riegeln der Banlieue , wie sie beispielsweise in Pariser Vororten wie Saint-Denis anzutreffen sind. Die villes nouvelles wurden in den 1960er-Jahren als planmäßige Satellitenstädte gegründet, um das rapide Bevölkerungswachstum der Region Île-de-France zu steuern und die Konzentration in Paris zu entlasten.

Die fünf villes nouvelles Cergy-Pontoise, Marne-la-Vallée, Évry, Melun-Sénart und Saint-Quentin-en-Yvelines entstanden auf vormals landwirtschaftlich genutzten Flächen oder Höhenrücken außerhalb der Stadtgrenzen. Sie sollten eigenständige, multifunktionale Städte sein, die Wohn-, Arbeits- und Freizeitflächen ebenso vereinen wie eine gute Infrastruktur, insbesondere durch Anbindung an das RER-S-Bahn-Netz.

Im Gegensatz zur banlieue sind die villes nouvelles meist großzügig flächig angelegt, mit viel Grün und guter Infrastruktur. Ihr Konzept setzt auf vielfältige soziale Strukturen, bessere Lebensqualität und urbane Identität. Diese neuen Städte sollten keine monotonen Schlafstädte sein, sondern lebendige Zentren mit einem ausgewogenen Mix an städtischen Funktionen und zeitgemäßer Architektur.

Die banlieue der Pariser Vororte prägen hingegen große Wohnsiedlungen ( grands ensembles ) der 1960er- und 1970er Jahren. Diese Hochhaussiedlungen gelten heute als sozial und wirtschaftlich benachteiligt. In ihrer Architektur dominieren funktionale, oft monotone Sozialbauten, deren Abriss oder Sanierung heute die Diskussion prägen.

Der Axe Majeur: meine Reisetipps

Hinkommen

Bahn

RER A Richtung Cergy-Le Haut von Paris. Vom Bahnhof Cergy-Le Haut sind es etwa 15 bis 20 Minuten zu Fuß zum Einstieg in den Axe Majeur.

Bus

Lokale Buslinien (1201, 1235, 1236) verbinden die verschiedenen Stationen des Axe Majeur.

Schlemmen und genießen

Mein Tipp: der Hafen von Cergy

Im Sportboothafen von Cergy findet ihr mehrere Cafés, Bars und Restaurants mit Terrasse an oder in der Nähe der Kais.

Léon Fish Brasserie

Direkt am Hafen von Cergy findet ihr diese Filiale der beliebten Fisch-und Seafood-Brasserie-Kette.
• 8, avenue Jean Bart, 95000 Cergy

Le Millésime du Port

Französische Küche zum Blick auf die Boote.
• 6, quai de la Tourelle, 95000 Cergy, 01 75 39 61 48, www.lemillesimeduport.fr

Lina’s Tea

Sehr beliebt für einen Brunch am Hafen!
• 10, rue du Diablotin, 95000 Cergy, Tel. 01 30 30 04 73, https://linastea.fr

Hier könnt ihr schlafen

Campanile NATURE Cergy*

Campanile betreibt landesweit Drei- und Zwei-Sterne-Hotels, die vor allem für Geschäftsreisende und Kurzaufenthalte geeignet sind. Die Zimmer sind sauber und komfortabel, mit bequemen Betten und gut funktionierendem, kostenlosem WLAN. Stets zur Ausstattung dazu gehört auch ein Wasserkocher mit Kaffee- und Teezubehör. Das Haus hat 91 Betten in unterschiedlichster Konfiguration: Queensize-Betten, Einzelbetten sowie teilweise auch Zimmer mit Etagenbetten. Es liegt 1,5 Kilometer vom Stadtzentrum Pontoise, einen Kilometer von der RER A-Station und 3,5 Kilometer vom Axe Majeur entfernt. Zum Hafen von Cergy sind es zwei Kilometer.
• 8, rue Pierre de Coubertin, 95300 Cergy-Pontoise, Tell. , wer mag, bucht hier*

Mercure Cergy-Pontoise Centre*

Das solide Mittelklassehotel im Zentrum von Cergy birgt 57 geräumige, modern eingerichtete Zimmer auf fünf Etagen. Standard sind Klimaanlage, WLAN, Flachbildfernseher, Mini-Kühlschrank und Safe.
• 3, rue des Chênes Émeraude, 95000 Cergy, Tel. 01 34 24 49 94, wer mag, bucht es hier*.

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