Haut-Minervois: Postkarte aus … Azille

Früher war es Weizen. Heute sind es die Weine, die Azille bekannt gemacht haben. Das 1200-Einwohner-Städtchen zwischen Narbonne und Carcassonne habe ich per Zufall kennengelernt. Die früheren Eigentümer meines heutigen zweiten Zuhauses hatten mich zum Mittagessen eingeladen – drei Jahre, nachdem ich in Saint-Paul-de-Fenouillet meine Wahlheimat gefunden habe.

Der Weg dorthin war mit Hindernissen gepflanzt. Er begann mit einem kilometerlangen Megastau nach Unfall auf der Départementstraße Richtung Autobahn. Auf ausgefahrenen Feldwegen brachte mich das Navi dann doch zur Auffahrt.

Nur, um dort 40 Minuten später zu sehen: Die Abfahrt zur Michele und Carl ist gesperrt. Doch dann fuhr ich durch weites Land mit rotbrauner Erde, blickte über das weite Tal der Garonne und sah am Horizont auf einer felsigen Anhöhe die Silhouette von Azille auftauchen.

Tand & Trödel unter Platanen

Ich war früh gestartet, um noch etwas vom Ort vor dem Essen zu sehen, doch in was für einen Trubel bin ich da hinein geraten. Kaum hatte ich das Zentrum erreicht, wurden Kleinlaster ausgepackt, Kofferräume entleert, mit Bollerwagen Trödel und Tand herangefahren: Marché aux Puces stand auf dem Programm, Flohmarkt auf dem Platanenboulevard.

„Er ist der längste Boulevard des ländlichen Languedoc“, sollte mir Michèle später erzählen. Landwirtschaftliches Gerät neben Schmuck und Antiquitätten, alte Zeitschriften und Bücher neben Kinderspielzeug, Porzellan und Second-Hand-Kleidung, Flohmarktprofis, Familien, Kinder: Das ganze Städtchen war auf den Beinen.

Und schon bald flossen im Café des Artistes nicht nur Tee und Kaffee die Kehlen hinab, sondern auch Bier, Wein und Pastis. Und das vor dem zehnten Glockenschlag… Dann mischte sich der Duft von Frittiertem und scharfem Chili mit der leichten Brise und trug die Aromen der Kreolenküche, die zwei junge Frauen auf ihrem mobilen Imbissstand brutzelten über den Markt, auf dem mittlerweile ein dichtes Gewühl herrschte.

Auf César Francks Spuren

Am Nordende des Boulevards, der hier Allées de la République heißt, entdeckte ich eine Gedenktafel und eine Routentafel für César Franck. Der Komponist hatte im Sommer 1875 einige Zeit auf dem wehrhaften Stammsitz bei Paul Gallimard verbracht beim Spiel auf der großen Orgel der Église St-Julien die poetische Symphonie Les Éolides komponiert. Sein Sohn Gaston gründete später den gleichnamigen Verlag. Hier könnt ihr einmal einen Ausschnitt der Komposition hören.

Feine, elegante Rote

14 Weingüter erstrecken sich um die Gemeinde. Mitten im Ort, und nur wenige Schritte vom Flohmarkt entfernt, hatte das Château Guery seine Hoftore geöffnet und lud zur Verkostung seiner AOC-Minervois-Weine, die Maguy, Florence, Antoine und René-Henry Guéry in mittlerweile achter Generation aus 16 (!) verschiedenen Traubenarten vinifizieren.

Zum Weingut gehören auch zwei wunderschöne Stadtpalais am Boulevard mit reichem Schmuck aus Stein an Türen und Fenstern.  Michele sah, wie gut mir Azille gefiel. „Unser Nachbar verkauft sein Haus! Willst Du nicht lieber hier wohnen?“ Nein, Michèle, es ist zwar wunderschön bei euch in Azille – aber im Fenouillèdes ist alles noch ein kleines bisschen noch netter…

Azille: meine Reisetipps

Schlafen

Es gibt mehrere chambre d’hôte in Azille. Besonders beliebt sind:

La Dolce Vita

von Natalie und Laiyla, die ein Stadthaus in eine Wohlfühloase verwandelt haben – mit alten Möbeln, modernem Komfort, köstlichem Frühstück und echter Herzlichkeit.
• 19, Grand Rue, 11700 Azille, Tel. 04 68 91 83 92www.dolcevita-azille.com

Les Cordeliers du Comtal d’Azillan

Vier Gästezimmer, von Gîtes de France mit drei Ähren ausgezeichnet, finden ihr im Stadthaus von Valérie, Georges und Marie-Ange Saliege.
• 22, allées Pol Lapeyre, 11700 Azille, Tel. +33 468 91 67 76, mobil 06 19 43 31 05, www.chambre-hotes-les-cordeliers.com

Essen & trinken

Café-Bar Les Artistes

Einfache Café-Bar mit einer Handvoll Terrassentische; gelegentlich Live-Konzerte.
• 5, avenue Pol Lapeyre. 11700 Azille, Tel. 04 68 65 18 71

L’Air du Temps

Was für ein wundervolles Bistro, innen holzgetäfelt und von der Küche ehrlich, authentisch und günstig – mittags kosten Menüs 15/19 Euro, Tagesgerichte 11,50 Euro.
• 5, Allée de la République, 11700 Azille, Tel. 04 68 75 89 39, www.facebook.com/pages/Lair-Du-Temps-Azille

Inspiré Bar à Vin

Weinfässer als Tische, gute Tropfen, bunte Lämpchen: Mehr braucht es nicht, damit bei gutem Wetter sich die Gäste nicht nur innen, sondern auch draußen drängen – und die Abende lang werden. Sagt Michele.
• Avenue de l’Argent Double, 11700 Azille, www.facebook.com/InspireAzille

Tastes du Monde

Kochkurse mit maximal fünf Leuten, Catering und Private Dining bietet Erika Taylor seit 2015 in Azille an – eine tolle Adresse, die mir da Michele gezeigt hat. Muss ich doch gleich mal testen! Ihre Veranstaltungen findet ihr auf Facebook, ihre Kochkurse hier.
1, Grand Rue, Mobil-Tel. 06 50 17 32 99, 11700 Azille

Erleben

Feria

Um den 1. Mai herum feiert Azille von mittags bis Mitternacht eine große Feria – ein Volksfest zum Stierspektakel. Musikalisch begleitet wird es von der Band’azilanne.

Einkaufen

Les Gourmandises d’Azille

Bäckerei und Feinkost der Region.
• 26, allées Pol Lapeyre, 11700 Azille, Tel. +33 4 68 91 55 91

Die Cité von Minerve im Minervois. Foto: Hilke Maunder

Aktiv

Rund um Azille gibt es unzählige markierte Radwege. Im Sommer lädt der nahe Lac de Jouarres samt Sandstrand zum Sonnenbad, Plantschen, Schwimmen und Wassersport. Nicht weit entfernt findet ihr den Canal du Midi mit dem Hafen von Homps. Etwas weiter entfernt locken die Cité de Minerve, die zu den schönsten Orten Frankreichs gehört, sowie die Montagne Noire.

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Weiterlesen

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)*

Der Bildatlas "Frankreich Süden" von Hilke Maunder - die fünfte AuflageMein DuMont Bildatlas Frankreichs Süden* fängt zwischen Rhône und Garonne, Cevennen und Pyrenäen in sieben Kapiteln die Faszination der alten Region Languedoc-Roussillon in Wort und Bild ein – auch als eBook!

Von Montpellier, der Boomtown am Mittelmeer, bis zum römisch-romantischen Nîmes, von den Étangs bei Narbonne bis zur katalanischen Kapitale Perpinyá. Und noch ein Schlenker nach Carcassonne und Toulouse: voilà meine Herzensheimat!

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Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jeden Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights.

Dennoch: Das gut 560 Seiten dicke Werk ist der beste Führer für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen. In Ergänzung empfehle ich den Band von Petit Futé.

Michael Müller Verlag, 8. Auflage 2018, ISBN 978-3-89953-997-4, www.michael-mueller-verlag.de

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