Mein Frankreich: Barbara Homolka

Die unendlichen Sandstrände der Westküste des Cotentin bieten die besten Voraussetzungen für Spaß am Strand - nicht nur für Vierbeiner.

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal antwortet Barbara Homolka. Ihre Leidenschaft ist – neben der Fotografie – das Schreiben,  15 Jahre lang war sie als Journalistin bei der Tauber-Zeitung tätig. Seit Mai 2015 ist Barbara freischaffende „Künstlerin“ (oder Lebenskünstlerin) und lebt mittlerweile mit ihrem Mann und zwei Hunden in Frankreich auf dem Cotentin. Neben ihren Hunden gehören Literatur, Kultur, Kulinarik und Natur zu Barbaras Interessen. Viel Spaß bei ihrem Gastbeitrag!


Meine Frankreich-Liebe begann irgendwann auf einem mehrtägigen Schulausflug ins Elsass. „Studienreise“ nannte sich das, wir studierten aber hauptsächlich die Kneipen, den Baby-Foot, Gauloises ohne Filter und das andere Geschlecht. Dann lag die Liebe lange Jahre irgendwo in einem Umzugskarton auf dem Dachboden, bis ich mit einer anderen Liebe und der Ente, dem Visa (kennt den noch jemand?), der Dyane, der AK-Dyane und dem Renault 12-Kombi viele Kilometer kreuz und quer durchs Land geschrubbt bin.

Käse, Rotwein, Baguette

Immer nur kleinste Sträßchen, immer nur kleine Orte, den Michelin-Atlas stets wie bei einer Rallye griffbereit beim Beifahrer. Wir sammelten Muscheln am Atlantik, Esskastanien im Elsass, seltene Oldtimerteile von wilden Schrittplätzen irgendwo im Nirgendwo und ernährten uns vorzugsweise von Rotwein, Käse und Weißbrot. Als diese Beziehung zerbrach, wanderte meine Frankreich-Liebe wieder in den Umzugskarton.

Neuer Mann, neues Glück, und zum Glück wieder Frankreich: Unser erster gemeinsamer Urlaub führte uns in die Normandie, genauer gesagt auf den Cotentin. Das Wetter war so, wie man es der Normandie gemeinhin nachsagt: Regnerisch und stürmisch.

Nirgendwo sind die Meeresfrüchte frischer als auf dem Cotentin. Die feinen Leckereien schmecken frisch vom Markt am besten.

L’Amour Fou: der Cotentin

Liebe kann man nicht erklären, Liebe ist. Sie erfasst einen im Kopf und im Herzen, und es kribbelt in Bauch, Händen, Füßen. Liebe heißt, das Leben wirklich überall zu spüren. Anzukommen, im Hier und Jetzt zu sein. So ging es mir an jenem Tag im August, da der Sturm die Wellen mitsamt kleinen Steinchen, Algen und Meeresfrüchten über die Strandstraße spülte. Eins mit den Elementen. Der Cotentin hatte mein Herz im Sturm erobert.

Seitdem sind wir immer wieder hier gewesen, egal wohin uns die Reiselust getrieben hat – ein Abstecher auf den Cotentin musste sein. Erst recht, seit wir auf den Hund gekommen sind, und Idgie, die Border-Collie-Hündin, uns begleitet. Denn nicht nur für die Zweibeiner ist der Cotentin ein wahres Paradies, für die Vierbeiner erst recht.

Vor allem, wenn bei Ebbe die Sandstrände gefühlt erst kurz vor Jersey aufhören und jede Menge Platz bieten für das, was ein Hund tun muss: Im Sand buddeln, im Priel baden und Möwen jagen. Und so kam es, wie es kommen musste: Irgendwann kam der Wunsch auf, einfach hier zu bleiben.

Vom Mont Doville aus hat der Besucher eine fantastische Sicht über den Cotentin

Seelenheimat an der Küste

Einfach wurde es nicht, aber mittlerweile sind wir hier. Auf dem Cotentin, in unserer Seelen-Landschaft. Der Cotentin ist eine windumtoste, wellenumwogte Landschaft. Einst war der Cotentin fast eine Insel, die Wikinger sollen hier, als sie die Normandie eroberten, von einem Ende der heutigen Halbinsel zum anderen mit ihren Schiffen durchgefahren sein, so die Überlieferung.

Mit Hilfe der „portes à flot“, die das Eindringen des Meerwassers ins Landesinnere durch Schließen der Tore bei Flut verhindern, bei Ebbe das Süßwasser aber abfließen lassen, wurde ab dem 18. Jahrhundert das Land dem Meer abgerungen. Noch heute sind diese Tore überall auf dem Cotentin zu finden.

Der oberste nördliche Zipfel des Cotentin ist wild, zerklüftet und felsig.

Wo Himmel und Meer sich vereinen

Auch wenn Wellen und Wind den Cotentin formen, nirgends könnte die Landschaft abwechslungsreicher sein als hier: Die unter Schutz stehenden Marais, die sich jeden Winter erneut in eine unendliche Seenlandschaft verwandeln, in der Wasser und Himmel sich vereinen und zahlreiche Zugvögel überwintern oder rasten.

Die geheimnisvollen Labyrinthe der Bocage-Landschaften mit ihren uralten Wallhecken. Der felsige Norden mit seinen atemberaubenden Klippen rund um den Nez de Joburg, mit 128 Metern die höchsten der gesamten Normandie. Die unendlichen Sandstrände und die Havres an der Westküste.

Genau an diese Havres hat es uns verschlagen. Einst waren die Havres wirklich Naturhäfen. Heute kommt das Wasser nur noch bei den Grandes Marées dorthin, wo früher Schiffe beladen oder gelöscht wurden. Das Phänomen des gigantischen Tidenhubs ist hier ein ähnliches wie am Mont Saint-Michel, dem legendären Klosterberg ganz im Süden der Manche.

Der Havre von St-Germain läuft bei Hochwasser, den Grandes Marées, komplett voll mit salzigem Wasser. Ein einzigartiges Naturschauspiel!

Genüsse des Meeres

Auch der Havre von Saint-Germain-sur-Ay, dem größten der Havres an der Westküste, war einst ein solcher Naturhafen, heute ein Gebiet zwischen Erde und Meer, das jeden Tag neu geformt wird und seit 1990 unter Naturschutz steht. Im Havre wachsen wilde Kräuter, die genau diesen Wechsel von Trockenheit und Meerwasser lieben. Der würzige Queller etwa, auch Meeresspargel genannt, der zu Fischgerichten und im Salat mundet.

Der Havre ist auch Heimat für viele Vögel und Amphibien, und in den sich anschließenden Dünen tummeln sich Kaninchen, Fasane und Kreuzottern. Der Havre ist außerdem der Lebensraum für hunderte von Schafen, die hier die meiste Zeit frei und un(an)gebunden grasen. Und da sie die würzig-salzigen Kräuter fressen, wird das Fleisch ihrer Lämmer auch als pré-salé, vorgesalzen, vermarktet und ist eine der herausragenden Spezialitäten der an kulinarischen Schmankerln reichen Halbinsel.

Die Schafe von St-Germain-sur-Ay grasen fast das ganze Jahr über in den Salzwiesen. Das Fleisch ihrer Lämmer ist berühmt – und sehr lecker!

Friedvoll wilde Landschaften

Der Havre von Saint-Germain ist mein bevorzugtes Gassi-Gebiet geworden. Wenn die Schafe sich weit weg genug tummeln, ist es eine Freude, zusammen mit den Hunden die unterschiedlichen Wasseradern im Inneren zu erkunden, Strandgut zu sammeln oder den Eisvögeln beim pfeilschnellen Flug durch die Flüsse zuzusehen.

Wenn um Vollmond herum die See bis tief ins Landesinnere vordringt, ist dieser Weg – und alle anderen – zwar versperrt, aber die ruhige Wasserlandschaft verbreitet einen Zauber wie aus einer alten Sage. Geheimnisvoll blubbert es aus dem Grund des Havres, ansonsten ist die Landschaft noch stiller und friedvoller als den Rest des Jahres.

In diesem großen Rest des Jahres laufen wir auch einfach hinaus bis zum Meer, bis zum Point du Banc, einer vorgelagerten Sandbank, die dem Havre einen gewissen Schutz vor den Unbilden des landfressenden Ärmelkanals bietet. Auf diesem Weg, den Havre und die Dünen entlang, ist die Landschaft keinen Tag gleich, denn jeden Tag sucht das Wasser neue Wege, zaubert das Licht neue Facetten.

Idgie im Havre von Saint-Germain-sur-Ay, im Hintergrund der Corps de Garde, der früher der Bewachung des Naturhafens diente.

Die Renaissance des Corps de Garde

Auf einem Drittel des Weges wartet der Corps de Garde auf uns. Erbaut 1669 diente das kleine Steinhaus auf dem trutzigen Felsvorsprung dazu, den Hafen vor feindlichen Angriffen vom Meer her zu schützen. Zehn Männer, im Alter von 16 bis 60 Jahren, mussten hier Dienst tun. Ein kleiner Raum, ein Kamin, drei Schießscharten. Und das Meer um sie herum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg drohte der halb zerfallene Corps de Garde den von Meereserosion zerfressenen Felsen hinunter zu fallen. Erst 1977 fand sich ein Komitee, das in liebe- und mühevoller Arbeit über zehn Jahre hinweg das Kleinod rettete und ihm zu neuem Glanz verhalf. Heute ist der Corps de Garde eine Kapelle, ein Ort der Andacht, ein Ort der Ruhe, ein Ort zu verweilen, ein mystischer Ort.

Einst war der Corps de Garde ein Wachhäuschen. Heute ist er eine kleine Kapelle, ein mystischer Ort.

Grenzenlos glücklich

Hier sitze ich auf dem Weg zum Meer zusammen mit den Hunden zwischen Kapelle und Silberpappel und blicke Richtung Atlantik (Pardon: Ärmelkanal). Mal ist die See fern, mal braust sie heran. Wolken und Regen ziehen über uns hinweg oder die Sonne schickt uns wärmende Strahlen. Der Horizont ist weit, Raum und Zeit sind größer als grenzenlos.

Jahrzehntelang hat ein Gedicht von Thomas Barsch mein rastloses Lebensgefühl in Deutschland beschrieben, und in der letzten Zeile heißt es da: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Doch hier, auf dem Cotentin, bin ich da angekommen, wo ich auch bleiben will.

Barbara & der Contentin: ihre Infos

Wer mehr über den Cotentin und die Normandie erfahren möchte: Auf der Webseite www.chienormandie.de sammle ich touristische Informationen über die Normandie, vor allem solche, die für Reisende mit Hunden interessant sind. Wobei die Märkte, Wanderungen und Sehenswürdigkeiten auch dann Spaß machen, wenn man ausschließlich auf zwei Beinen unterwegs ist.


Der Beitrag von Barbara Homolka ist der 14. Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Jeden Tag zaubert das Licht neue Lichteffekte in den Havre und auf die Dünen.

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