Baume-les-Messieurs: Dorfidyll der Reculée
In einer spektakulären Reculée des Juragebirges versteckt sich Baume-les-Messieurs mit seiner kaiserlicher Abtei und tosenden Kalktuff-Wasserfällen als prämiertes Dorfidyll.
Wer vom Belvédère de Crançot ins Tal von Baume-les-Messieurs blickt, kann nur staunen: Inmitten eines Amphitheaters aus 200 Meter hohen Kalkfelsen schmiegt sich tief unten ein Dorf von 200 Seelen um eine mächtige Benediktinerabtei. Willkommen in der reculée – einer geologischen Besonderheit, die nur das Juragebirge zu bieten hat.
Das Wunder der reculée
Die reculée gehört zu den wohl typischsten Landschaftsformen des Jura. Stellt euch ein schmales, tief eingeschnittenes Tal vor, das von bis zu 200 Meter hohen, nahezu senkrechten Kalkfelswänden eingerahmt wird. Am oberen Ende mündet es in ein kreisförmiges Felsamphitheater – den sogenannten Cirque. Genau das ist eine Reculée.

Anders als ein gewöhnliches Flusstal entstand diese spektakuläre Formation durch einen besonderen geologischen Prozess: die Verkarstung. Als vor etwa 15.000 Jahren die eiszeitlichen Gletscher schmolzen, suchte sich das Schmelzwasser seinen Weg durch die Schwachstellen und Verwerfungen im Kalkgestein. Kalk hat eine besondere Eigenschaft: Er löst sich in leicht saurem Regenwasser auf und vergrößert die natürlichen Spalten im Gestein.
Während der damals noch sehr harten Winter gefror das Wassen in den Ritzen und sprengte im Frost das Gestein. Die chemische und die mechanische Erosion ließ die Felswände langsam, aber stetig, immer mehr zurückweichen – nicht durch plötzlichen Einsturz, sondern durch stetiges „Knabbern“ des Wassers am Fels.

Die Reculée von Baume-les-Messieurs ist keine einfache Schlucht, sondern ein komplex verzweigtes Talsystem mit zwei Hauptarmen: der Reculée du Dard und der Reculée de Malcombe. Diese unterscheiden sich in Tiefe und Breite und nach der geologischen Beschaffenheit des Untergrunds.
Geradezu lehrbuchreif endet die Réculée von Baume-les-Messieurs schließlich in einem eindrucksvollen natürlichen Amphitheater. Am Fuß seiner steilen Felswände entspringt aus einer Quelle die Seille. Nur wenige Schritte vom dortigen Ausflugsrestaurant ergießt sich der Dard spektakulär als Wasserfall in mehreren Stufen über den Kalktuff. Derartige Wasserfälle sind selten in Europa – und ein Grund, warum dieses Gebiet auch als Natura 2000-Schutzgebiet ausgewiesen ist.
Bäuerlich und malerisch

Unten im Tal trägt Baume-les-Messieurs seit 1996 stolz den Titel als eines der Plus Beaux Villages de France. Mit Häusern aus hellem Kalkstein schmiegt es sich in die Réculée, und die Farben der Fassaden wirken wie ein Echo der umgebenden Felsen. Massiv sind die Steinmauern der Häuser, tief eingeschnitten die Fensteröffnungen, steil geneigt die Dächer. Sie verraten, wie viel Schnee es hier einst gegeben haben muss, sorgt ihre große Scrhäge doch dafür, dass der Schnee nicht zu schwer auf dem Dach lastet.

Wer genauer hinsieht, entdeckt an die Türbalken in den Stein geritzte Jahreszahlen, geschnitzte Figuren, Holzbalkone und kleine Dachvorsprünge. Hier baumelt Mais in Bündeln zum Trocknen unter dem Gesims, dort haben Schwalben unter dem Dach ihre Nester gebaut, dann öffnet sich ein Scheunentor und entpuppt sich als saisonaler Laden, wo Laurence Saillaud-Guillon hausgemachte Würste und Schinken aus dem Jura verkauft.

Auf den Weiden rund um das Dorf grasen die Brebis du Jura – robuste Schafe, die perfekt an die bergige Landschaft angepasst sind und zur Erhaltung der traditionellen Kulturlandschaft beitragen. Beim Belvédère von Granges-sur-Baume kraxeln sie gefährlich nah am Abgrund, ganz nah neben den Besuchern.
Die kaiserliche Abtei
Im Herzen von Baume-les-Messieurs erhebt sich die Abtei Saint-Pierre, deren Ursprünge bis in die Merowingerzeit zurückreichen, also etwa das 6. Jahrhundert. Die erste gesicherte schriftliche Erwähnung datiert jedoch aus dem Jahr 869, als Baume als cella – eine ländliche Klosterzelle, die zu einem größeren Kloster gehört – erwähnt wurde.

Ende des 9. Jahrhunderts spielte die Abtei eine wichtige Rolle bei der Reform des Benediktinerordens: Abt Bernon leitete hier eine Gemeinschaft, die um 890 gegründet wurde und von der aus später 909/910 die berühmte Abtei Cluny gegründet wurde. Daher wird Baume-les-Messieurs als „Mutterkloster“ von Cluny angesehen.
Im Jahr 1158 erhob Friedrich Barbarossa die Abtei zur kaiserlichen Abtei und verlieh ihr damit einen besonderen Status im Heiligen Römischen Reich. Diese Auszeichnung spiegelte nicht nur die strategische und spirituelle Bedeutung wider, sondern verstärkte auch Einfluss und Prestige der Abtei erheblich.

Der Bau der 45 Meter langen und 14 Meter hohen Abteikirche begann im 11. Jahrhundert. Zunächst entstanden um das Jahr 1000 der romanische Chor mit fünf Kapellen und einem Transept mit jeweils einem Glockenturm. Das Hauptschiff folgte später, ursprünglich mit Tonnen- oder Kreuzrippengewölben ausgestattet, im 13. Jahrhundert dann mit gotischen Rippengewölben modernisiert. Im 15. Jahrhundert erweiterten Baumeister Teile des Chors und die Westfassade, ergänzten sie um einen hexagonalen Turm. Zur Klosteranlage gehören zudem mehrere Höfe und Gebäude aus dem 13. bis 16. Jahrhundert.

Flämische Schnitzkunst in Gold
Die Sehenswürdigkeit der Abtei ist ein prächtiges spätgotisches Goldretabel aus dem 15. Jahrhundert, das sich nur hinter verschlossenen, hohen Toren bewundern lässt. Das Retabel wurde 1525 von der Stadt Gent geschenkt und gilt als eines der bedeutendsten Werke sakraler Holzbildhauerkunst in Europa.
Der Flügelaltar aus Eichenholz mit Goldblattverzierungen, detailreichen Schnitzereien und religiösen Darstellungen von unvergleichlicher Feinheit gehört zu einer Serie manieristischer Retabel aus Antwerpen der Jahre 1530/1540 und ist nicht nur außergewöhnlich groß, sondern auch besonders gut erhalten.

Die Haupttafeln illustrieren die wichtigen Ereignisse der Passion Christi von der Kreuzigung bis zur Auferstehung. Zwischen den und um die Hauptszenen herum sind zahlreiche Heilige, Apostel, Engel und weitere religiöse Figuren fein geschnitzt und in bewegten Posen dargestellt. Eine reiche Ornamentik reich mit Blattgold verbindet die Motive, die die Szenen und Figuren prachtvoll in Szene zu setzen.
Naturwunder am Ende der Welt
Eine kleine, rund einstündige Wanderung talaufwärts bringt euch am Ende der Réculée du Dard zu den Kalktuff-Wasserfällen von Baume-les-Messieurs. Je nach Saison verändert sich ihr Gesicht: Im Frühjahr stürzen die Fluten des Dard hier tosend in die Tiefe, im Winter erstarren sie zu märchenhaften Eisskulpturen, nach der Sommerhitze gleichen sie meist nur noch kleinen Rinnsalen.
Wenig weiter bergaufwärts vom Wasserfall öffnet sich die etwa 120 Meter lange Grotte von Baume-les-Messieurs. Ihre große Eingangshalle erinnert viele an ein Kirchenschiff – eine natürliche Kathedrale aus Stein, die mit ihren Dimensionen und ihrer mystischen Atmosphäre beeindruckt. Wer mag, kann die Höhle besichtigen und bei Führungen faszinierende Einblicke in die geologische Geschichte des Juragebirges erleben.

Baume-les-Messieurs: meine Reise-Tipps
Hinkommen
Bahn
Der nächstgelegene größere Bahnhof ist in Lons-le-Saunier, erreichbar mit Regionalzügen ( TER ) von Städten wie Bourg-en-Bresse, Besançon oder Mouchard. Von Paris aus gibt es TGV-Verbindungen nach Bourg-en-Bresse (ca. 1h 50min), von dort Regionalzüge weiter nach Lons-le-Saunier (ca. 40 min).
Bus
Es gibt saisonale Buslinien, die von Lons-le-Saunier aus nach Baume-les-Messieurs fahren, im Sommer mit mehreren Verbindungen pro Tag.
• www.ecla-jura.fr
Rad
Baume-les-Messieurs liegt an der Tour du Jura Vélo Sport, einer anspruchsvollen, rund 250 Kilometer langen Rundstrecke durch das Jura-Gebirge mit etwa 3900 bis 4000 Metern Gesamtanstieg.
Beste Aussichten
Zwei Aussichtspunkte bieten unvergessliche Perspektiven auf die reculée von Baume-les-Messieurs. Der Belvédère de Granges-sur-Baume eröffnet hinter der Kirche des Weilers Granges-sur-Baume auf mehreren Etagen ein überwältigendes Panorama auf das gesamte natürliche Amphitheater und das Dorf.
Noch spektakulärer ist der Belvédère du Crançot, auch als Belvédère des Roches de Baume bekannt. Der Blick hier ist außergewöhnlich steil und tief, die dramatische Topographie der reculée kann zu Schwindel führen. Die geschichteten Kalksteinwände zeigen das geologische Gefüge des Juragebirges wie ein aufgeschlagenes Lehrbuch.
Aktiv
Wandern
Baume-les-Messieurs ist Station der L’Échappée Jurassienne, einem 316 Kilometer langen Fernwanderweg, der das Juramassiv von West nach Ost durchquert. Eine Etappe führt von Granges-sur-Baume nach Perrigny.
Rund um die reculée erschließen zahlreiche Rundwanderwege die spektakuläre Landschaft. Von leichten Spaziergängen bis zu anspruchsvollen Touren mit beträchtlichen Höhenmetern führen zahlreiche gelb markierte lokale Wanderwege durch das Gelände. Ein besonderes Erlebnis ist der Abstieg über die Échelles de Crançot – eine steile Felsentreppe, die vom Belvédère du Crançot hinab ins Tal zu den Grotten und Wasserfällen führt.
Shopping
Juste Merci
Aus den Schlingen, mit denen sich der Wein fortrankt, fertigt Nathalie Calvet ausgefallene Schmuckstücke, die kleine Pretiosen sind.
• 10, rue de la Mairie, 36570 Baume-les-Messieurs, Tel. mobil 06 08 32 46 88

Schlemmen und genießen
Le Grand Jardin
Didier Favre, der Küchenchef des Le Grand Jardin, steht als staatlich anerkannter maître restaurateur für hausgemachte und qualitativ hochwertige Küche. Seine Speisekarte liest sich wie eine Liebeserklärung an das Terroir seiner Heimat: Truite de la Valouse, Poulet de Bresse und Saucisse de Morteau – lauter Klassiker aus dem Jura
Seine hausgemachten Eissorten verwandeln Absinthe und Macvin, den fürs Jura typischen Likörwein, zu eisigen Verführungen. Auch Juramelli Vert, ein Likör aus Honig, Gewürzen und Kiefernknospen, hat seinen Weg auf die Eiskarte gefunden. Unbedingt probieren!

Hier könnt ihr schlafen*

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