Beaune: auf Wein gebaut
Unter dem Pflaster von Beaune versteckt sich ein Labyrinth. Kilometerlange Gänge, Kreuzgewölbe und Millionen Flaschen. Weißer Pilz hat die Böden erobert, jeder Schritt plätschert in den Pfützen. In Burgunds Hauptstadt des Weins verstecken sich die wertvollsten Schätze unter Tage.
Dunkel ist es. Nur spärlich erleuchten Wandlampen den Weg. Im Schein der Taschenlampen tauchen Flaschen auf. Dicht an dicht sind sie gestapelt, mal mit, mal ohne Latten. Wertvolle Raritäten sichern schmiedeeiserne Gitter und mächtige Schlösser. 12 °Celsius kühl ist es hier, jahrein, jahraus.

Seit Jahrhunderten gewährt sich die Kreide als Klimapuffer, reifen hier die teuersten Tropfen Burgunds. Bouchard Père et Fils soll den größten unterirdischen Keller besitzen, imposant sind alle, zu besichtigen ist gut ein Dutzend. Gewölbe, Gänge, Reifekeller. 50 verzweigte Kilometer unter Kirchen und Klöstern, Krankenhäusern und Kapellen, Stadtpalais und Straßenzügen.
Beaune ist die einzige Stadt der Welt, die von einem Wall aus Flaschen umgeben ist.
Raymond Dumay
schrieb der französische Schriftstelller 1967 bin seinem Buch Guide du vin* – und spielte damit auf die historischen Befestigungsanlagen und kilometerlangen Gewölbekeller unter der Altstadt von Beaune an.
Weinhäuser im alten Bauerbe

Die Französische Revolution machte die Bauten von Klerus und Krone zum Nationaleigentum – und versteigerte sie, um die leeren Kassen zu füllen. Massenhaft kauften in Beaune die Weinhändler und -häuser historische Bauwerke und Befestigungsanlagen auf und richteten darin ihre maisons viticoles ein.

Das Handelshaus Bouchard Père et Fils erwarb das Gelände des früheren Schlosses von Beaune und machte die Kasematten zum Weinkeller. Die Maison Chanson nutzt eine Bastion der Stadtbefestigung als Weinlager.
Die Maison Patriarche zog in den Couvent des Visitandines. Unter dem Klosterbau erstrecken sich fünf Kilometer Gewölbekeller. Auch der caveau du IIIe millénaire versteckt sich dort. 1.000 Flaschen berühmter Grands Cru wie Corton-Charlemagne und Chambertin-Clos de Bèze lagern hier im Keller des dritten Jahrtausends. Geöffnet werden sie erst in den Jahren 2050 und 2094.
Weinmarkt im Kloster
Das 1293 gegründete Franziskanerkloster verwandelte sich in den Marché aux Vins. Zwar wurde im 19. Jahrhundert durch den Bau der Rue de l’Hôtel-Dieu einiges an Bausubstanz zerstört. Doch drei Kapellen – Saint-François, Saint-Antoine und Saint-Sébastien – sind bis heute erhalten und dienen als Schaufenster der Burgunderweine. Mehr als 2.000 Flaschen beziehungsweise 1.500 verschiedene Weinreferenzen aus Burgund liegen hier im Lager. Wer eine Führung bucht, kann sogar in den Keller hinabsteigen und danach fünf Weine verkosten.
Das älteste Weinhandelshaus von Beaune

Als ältestes Weinhaus von Beaune gilt die Maison Champy. 1720 gründete sie Edmond Champy als Weinhandel und Küferei, ab 1779 gesellten sich die hauseigenen Weingüter hinzu. Heute bewirtschaftet die Maison Champy rund 22 Hektar Weinberge an der Côte de Beaune. Rund 300 Jahre nach seiner Gründung zeichnete der französische Staat die Maison Champy als Entreprise du patrimoine vivant aus, und damit als ein Unternehmen des lebendigen Erbes.
Wie viele große Weingüter in Burgund ist auch die Maison Champy nicht mehr im Familienbesitz, sondern gehört seit 2016 zur Unternehmensgruppe AdVini. Damit wechselte auch das Weingut Laleure-Piot in Pernand-Vergelesses (Côte-d’Or) den Besitzer, das Champy 2010 erworben hatte.

AdVini ist eine führende französische Weinhandelsgruppe und wurzelt in einem Weingut , das die Familie JeanJean 1872 im Languedoc gegründet hat. Bis heute hat das an der Pariser Börse notierte Unternehmen seinen Stammsitz im Süden und verwaltet von Saint-Félix-de-Lodez aus 2.200 Hektar Weinberge und weltweite Marken.
Zum Portfolio der Gruppe gehören der Domaine Laroche in Chablis, die Maison Ogier aus Châteauneuf-du-Pape, die Vignobles Jeanjean mit dem Mas de Lunès, der Domaine Le Pive sowie der Maison Cazes, dem Clos de Paulilles sowie Ormarine im Roussillon. Das Château Gassier in der Provence, vier Häuser in Bordeaux und im Lot sowie vier Weingüter im südafrikanischen Stellenbosch runden das Portfolio ab.
Über den Kaufpreis der Maison Champy wurde Stillschweigen vereinbart. Da die Quadratmeterpreise für Spitzenlagen an der Côte de Beaune zu dieser Zeit historische Höchststände erreicht hatten, ist jedoch davon auszugehen, dass AdVini eine äußerst stattliche Summe für diesen prestigeträchtigen Einstieg gezahlt haben muss.
Kellergänge unter Notre-Dame

Unter der Collégiale Notre-Dame hinab geht es in den Keller der Maison Joseph Drouhin. Anderthalb Fußballfelder ist er groß – und nicht nur die burgundischen Herzöge, sondern auch der französische König ließ hier im cellier des rois de France im 12. Jahrhundert die besten Tropfen reifen.
Zurück aus der Tiefe, präsentiert sich die Stiftskirche als Juwel der burgundischen Romanik aus dem 12. Jahrhundert: schlicht in der Form, streng in den Linien. In leuchtenden Bildern aus Wolle und Seide erzählt ein Chorteppich-Zyklus die Geschichte Marias.

Das römische Castrum
Das Gotteshaus befindet sich im Herzen des castrums, eines alten römischen Lagers aus dem vierten Jahrhundert. Fast kreisrund zeigt sich dieser historische Kern auf dem Stadtplan, den eine 2,3 Kilometer lange Stadtmauer bis heute fast vollständig umschließt.

Hier könnt ihr herrlich erhöht flanieren, versteckte Gärten entdecken und die alten Wassergräben der Weinstadt. Einen noch weiträumigeren Blick über die Dächer innerhalb der Mauern von Beaune bietet nur der Beffroi, der Uhrturm aus dem 14. Jahrhundert.

Geistige und weltliche Macht waren im innersten Kern von Beaune nur wenige Schritte entfernt. Der einstige Palast der Herzöge von Burgund erzählt seit 1946 als Musée du Vin die Geschichte des Weinbaus in Burgund mit Arbeitsgeräten und Weinpressen aus dem 16.-19. Jahrhundert.

Sein digitales Gegenstück eröffnete am 17. Juni 2023 als Cité des Climats et vins de Bourgogne. Als einer von drei Standorten stellt Beaune neben Chablis (Nordburgund) und Mâcon (Südburgund) im Herzen der Côte d’Or ebenfalls den Weinbau in Burgund vor .

Ausstellungen und Events präsentieren die Geschichte, die Appellationen, das Terroir und die Kultur, die der Weinbau geprägt hat. Nur nicht mit Exponaten, sondern mit Tafeln und Terminals, Duftstation und Dachterrasse mit Weitblick auf die berühmten Weinbaugebiete Burgunds.


Weinauktion für die Wohlfahrt
Es ist die berühmteste wohltätige Auktion der Welt: La vente des vins des hospices de Beaune. Seit 1859 versteigert die Weinbruderschaft Confrérie des Chevaliers de Tastevin am dritten Sonntag im November die Hospizweine von Beaune. Die Versteigerung ist legendär – und einem exklusiven Kreis vorbehalten, der sich danach zum Candle-Light-Dinner trifft.
Das Volk feiert unterdessen ein Wochenende mit Straßentheater, Folkloreumzug, Gastro-Dorf und Halbmarathon durch die Straßen und Weinberge von Beaune. Die großen Weinhäuser organisieren prestigeträchtige Verkostungen, und rund um Beaune bieten Winzer in ihren Weinkellern Degustationen alter oder neuer Jahrgänge an.

Am Sonntag organisiert Sotheby’s die Versteigerung der Hospizweine in der Markthalle von Beaune. Die zum Verkauf stehenden Weine stammen aus einem Weingut, das in seinen mehr als 500 Jahren dank Schenkungen und Vermächtnissen auf mehr als 60 Hektar angewachsen ist – die meisten sind als Grands Crus und Premiers Crus klassifiziert.
Die Wein-Wohltätigkeitsauktion gilt weltweit als Barometer für Prestigeweine und bringt die großen Handelshäuser von Beaune mit Käufern aus der ganzen Welt zusammen. Die Erlöse der Versteigerung fließen in den Erhalt des Hôtel-Dieu und der Krankenhäuser von Beaune.
Pionier im Mittelalter

Kein Bauwerk ist so berühmt wie das historische Hospiz der Stadt. Seine bunt glasierten Ziegeldächer, die toits de tuiles vernissées, sind das beliebteste Postkartenmotiv Burgunds. Gelb, Grün, Rot und Schwarz leuchten sie in der Sonne, mal als Raute, mal im Zickzack.
Nicht nur die Architektur, auch die Idee hinter dem Spital ist äußerst ungewöhnlich: Nicolas Rolin, der Kanzler des Herzogs von Burgund, und seine Frau Guigone de Salins stellten 1443 die damalige Welt auf den Kopf: Hier bezahlten die Reichen die Krankenpflege der Armen.

In Betten, deren rote Vorhänge die Wärme hielten und ein wenig Privatsphäre schufen, lagen sie Bett an Bett entlang der Wände. Am Ende des Krankensaals, der Salle des Pôvres, befindet sich eine Kapelle – so konnten die Kranken der Messe vom Bett aus folgen.
Bis heute ist das Spital eine Stiftung – und finanziert sich aus dem Ertrag seiner Weinberge. Beaune und der Wein sind so eng verwoben wie die Wurzeln der Rebe im Kalk und Mergel der berühmten Lagen ringsum.

Beaune: meine Reise-Tipps
Hin & weg
ÖPNV
Im Bahnhof von Beaune halten TGV– und TER-Züge. Sechs innerstädtische Linien verbinden den Bahnhof mit dem Zentrum und Wohngebieten. Sechs Überlandlinien verbinden Beaune mit 53 Gemeinden im Umland, so auch mit Pommard und Santenay. Während der Hauptsaison klappern elektrische Shuttlebusse im 30-Minuten-Takt alle touristischen Highlights ab.
• www.beaunecoteetsud.com/vos-services/transports/cote-bus-le-reseau-de-transports-publics-de-lagglomeration
Schlemmen und genießen
Beaune ist ein Mekka für Feinschmecker und besitzt mehrere Sterne-Restaurants. Da ich sie noch nicht getestet habe, fehlen sie hier, stehen aber ganz oben auf meiner Sehnsuchtsliste. Denn es gilt: Auf MeinFrankreich steht nur, was ich vor Ort getestet und gesehen haben – und keine KI-Info. Voilà meine Tipps von einfach bis gehoben.
The Publican / Bar
Entspannte kleine Bar mit Bier und Wein in der Bastion Condé, im Sommer auf der winzigen Terrasse über der Bouzaise. Perfekt für den Aperitif, ein Bier oder ein Glas Wein, begleitet von etwas pâté en croûte oder Knabbereien.
• 42, rue Maufoux, 21200 Beaune, Tel. 03 80 20 76 22

Soul Kitchen
Küchenchef Mathieu Guennal beitreibt sein winziges Bistro praktisch im Alleingang: Er kocht, serviert, berät und verliert nie die Ruhe. Bei ihm an einem der zwölf Gedecke zu speisen, ist ein wenig wie Heimkommen. Viel Holz und alte Balken sorgen für zusätzliche Gemütlichkeit, die saisonale wie Karte für ein zufriedenes Schmausen.
• 1, rue Rousseau Deslandes, 21200 Beaune, Tel. 03 80 24 15 32, www.soulkitchen-beaune.fr
La Table du Square
Romain Escoffier ist zwar nicht ein Nachfahre des berühmten französischen Kochs Auguste Escoffier, reiht sich aber dennoch in eine lange Linie angesehener Köche der alteingesessenen Familie aus Beaune ein. Romain ist der Enkel von André Escoffier, der in Beaune eine Lokalgröße war. Auch Romains Eltern Pierre und Fabienne Escoffier waren in der Gastronomie tätig, und sein Bruder Mathieu Escoffier führt hier ebenfalls ein Restaurant: Ma Cuisine im Passage Sainte-Hélène nahe der Place Carnot. Romain setzt auf den farm to table-Trend und verwandelte das frühere Bistro du Coin in ein lebhaftes Bistro und Weinlokal, das auch einheimische Winzer gerne aufsuchen.
• 26, boulevard Maréchal Foch, 21200 Beaune, Tel. 03 80 24 03 32, https://tabledusquare.com
Caves Madeleine
Als cave à manger versteht Küchenchef Martial Blanchon sein Restaurant. Für seine frische Bistronomie, begleitet von passenden Weinen, arbeitet er eng mit regionalen Produzenten und Winzern zusammen. Schön: die Sommerterrasse im Schatten eines Feigenbaum. Wer mag, kann acht Gehminuten entfernt in seinem ehemaligen Weingut Clos Sainte-Marguerite aus dem 14. Jahrhundert übernachten*.
• 8, rue du Faubourg Madeleine, 21200 Beaune, Tel. 03 80 22 93 30, https://cavesmadeleine.com
L’Alentour
Ochsenherztomaten mit geräuchertem Tomatenwasser und Mozzarella, Pilzkroketten mit Mark und Chardonnay-Essig-Gel sowie Schweinebauch mit Bischofsmützen-Kürbis (pâtisson) und Zucchini: Was hier auf den Tisch kommt, darf gerne geteilt werden – darauf weist die Karte mit einer köstlichen Auswahl an kleinen, feinen Speisen ausdrücklich hin.
• 10. rue d’Alsace, 21200 Beaune, Tel. 03 80 24 04 56, www.lalentour.fr
Garum
Das Garum ist der bewusst lockerere Nachfolger des früheren Sternerestaurants Le Jardin des Remparts. Küchenchef Christophe Bocquillon sehnte sich nach acht Jahren in der strengen Haute Cuisine nach mehr Freiheit und verwandelte seine historische Stadtvilla in ein bistrot chic mit Restaurant, Bar und Terrasse.
• 10, rue de l’Hôtel Dieu, 21200 Beaune, 03 80 24 79 41, www.garum-beaune.fr
Les Relais de Saulx
Agnès Peyre und ihr Partner Charles Danet führten in Paris bereits erfolgreich Le Timbre, ehe sie in Beaune in einem Stadthaus von 1673 nahe denHospices de Beaune diese Genussadresse eröffneten. Auf der Karte: eine frische, raffinierte verfeinerte Lokalküche im Rhythmus der Jahreszeiten. Die Karte ist modern, das Ambiente bodenständig – mit weiß gekalkten Balken, orangefarbenen Bänken und einem großen Gemeinschaftstisch für große Familien oder kleine Gruppen.
• 6, rue Louis Véry, 21200 Beaune., Tel. 03 80 22 01 35, www.relaisdesaulx.com
Hier könnt ihr schlafen

Hôtel Le Cep & Spa*
Die 71 Zimmer und Suiten dieses traditionsreichen Luxushotels im Herzen von Beaune erstrecken sich rund um mehrere Höfe in Privathäusern aus dem 17. Jahrhundert. Zum Komplex gehören das Restaurant Loiseau des Vignes, das in Partnerschaft mit dem renommierten Sternekoch Bernard Loiseau eine gehobene Bistro-Küche bietet, sowie die Lunchbox mit ayurvedischen und vegetarischen Speisen. Edle Spirituosen und Zigarren genießt ihr in der Bar Le Paradis. Berühmt ist der Weinkeller des Hauses aus dem Jahr 1919 mit mehr als 1.200 Referenzen und Weinen der Hospices de Beaune. Wer mag, bucht hier* sein Bett.
• 27, rue Maufoux, 21200 Beaune, Tel. 03 80 22 35 48, www.hotel-cep-beaune.com

Hôtel de la Poste*
Die einstige Residenz der Kaufmannsfamilie Jadot aus dem 19. Jahrhundert verwandelte Johan Björklund in ein elegantes Luxushotel mit 36 Zimmern, Suiten und Apartments. The American Bar serviert klassische Cocktails. Die Weinkarte umfasst 1.900 Positionen mit Schwerpunkt Burgund. Wer mag, bucht hier*.
• 5, boulevard Clemenceau, 21200 Beaune, Tel. 03 80 22 08 11, www.poste.najeti.fr
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