Le Bec d’Allier: wilde Vereinigung von Loire und Allier
Der Bec d’Allier rühmt sich als Amazonien Zentralfrankreichs. Das ist zwar hemmungslos übertrieben, aber wunderbar ist es hier dennoch. Zumal auch der Loire-Radweg bei Guétin hier seinen Anfang nimmt.
Am Bec d’Allier vereinen sich zwei wilde, ungezähmte Flüsse: Hier mündet der Allier auf seinem 421 Kilometer langen Weg von seiner Quelle an der Südflanke des Moure de la Gardille in den Cevennen in Frankreichs längsten Fluss, die Loire. Ihre Vereinigung bei Cuffy ist ein wahrhaft spektakuläres Naturschauspiel.
Es hat eine amphibische Landschaft hervorgebracht, die sich im Lauf der Jahreszeiten und Wasserzuflusses immer wieder neu erfindet, hier wie ein winziges Amazonien wirkt, dort wie eine Steppe, offenes Buschland oder Wüste. Nur 300 Hektar groß ist dieses Naturparadies an der Mündung des Allier in die Loire, mal nur 500 Meter, dann bis zu einem einem Kilometer breit. Geführte Bootstouren, Paddelausflüge und Wanderungen führen tiefer hinein in dieses Naturjuwel.
Zu Fuß und per Rad

Der Sentier de découverte du Bec d’Allier erschließt als 4,5 Kilometer lange Runde das Naturschutzgebiet und bietet herrliche Ausblicke auf die Flüsse Loire und Allier. Sechs Kilometer lang ist der Rundweg Sentier des Marais de la Loire, der einlädt, die Wasservögel im Sumpfland der Loire zu beobachten.
Wer weitwandernd durch Burgund zieht, kann auf dem Fernwanderweg Grande Randonnée GR3 von Nevers nach Gimouille hautnah den Bec d‘Allier, seine Flora und Fauna erleben. Per Rad könnt ihr ab Nevers der EuroVelo 6 am Canal latéral à la Loire folgen. Bis zum Pont-canal du Guétin sind es rund 17 Kilometer. Zurück nach Nevers geht es auf dem Loire-Radweg: eine perfekte Rundtour!

Auwälder und Sandbänke
Auwälder begleiten die Uferwege. Dazwischen öffnen sich feuchte Wiesen und lichte Auen. Weiden, Pappeln und Erlen stehen dort, wo die Flüsse ihre Spuren hinterlassen. Auf Sand- und Kiesbänken siedeln Pflanzen, die mit wechselnden Wasserständen zurechtkommen. Im Frühjahr leuchten Sumpfdotterblumen auf den feuchten Wiesen.
Mit dem Wasser kommen auch die Vögel. Der Bec d’Allier liegt auf einer wichtigen Zugroute, und je nach Jahreszeit lassen sich hier Flussuferläufer, Reiher und Seeschwalben beobachten. Auch Flussregenpfeifer finden hier geeignete Brutplätze.
Am Ufer entdeckt ihr vielleicht Hinweise auf einen Bewohner, der – wie der Fischotter – in Frankreich wieder heimisch geworden ist. Angenagte Stämme, abgebissene Äste und frische Fraßspuren an den Ufergehölzen verraten: Der Biber ist zurück! In den Flüssen tummeln sich Forellen, Karpfen und Hechte – und dürfen zu bestimmten Zeiten an ausgewiesenen Orten auch geangelt werden.

Alles im Fluss
Nichts bleibt hier so, wie es ist. Die eigentliche Magie des Bec d’Allier liegt im Wasser. Loire und Allier sind keine stillen Kulissen, sondern gestalten aktiv seine Landschaft. Jeden Moment. Bei Hochwasser – besonders im Frühjahr – reißen die beiden Flüsse ganze Uferstücke mit, lagern Sand und Kies an anderer Stelle wieder ab, verblocken ihren Lauf und Zusammenfluss mit mitgerissenen Bäumen und Büschen. Im Sommer, wenn die canicule – die französische Hitzewelle – die Temperaturen steigen lässt, fallen weite Teile trocken. Riesige Sandbänke machen das Amazonien dann zur Mini-Sahara – und verführen zum Sonnenbaden.
Doch wo heute eine Sandbank liegt, kann morgen schon wieder Wasser strömen. Aus diesem stetigen Wechsel entstehen unterschiedliche Lebensräume dicht nebeneinander: offene Kies- und Sandflächen, feuchte Wiesen, Auwälder und trockene landes. Das macht den Bec d’Allier zu einem wertvollen Lebensraum, der als Natura 2000-Areal geschützt ist. 1.072 Hektar groß folgt erdem Lauf der Loire über 23 Kilometer und weiteren drei Kilometern am Allier.

Le Bec d’Allier: das Dorf am Deich
Ein für Norddeutsche überraschend flacher Deich begrenzt das Schwemmland am Bec d’Allier. Auf der Deichkrone führt eine schmale, asphaltierte Straße von Haus zu Haus. Über Jahrhunderte war Le Bec d’Allier ein Dorf der Loire-Schiffer und Fischer. Hier und da sind auf der alten Deichlinie noch die Eisenringe zu erkennen, an denen einst die flachen fûtreaux und größeren gabares festgemacht wurden.

Wo heute der Loire-Radweg beginnt und Schafe weiden, herrschte einst geschäftiges Treiben. Boote wurden vertäut, Waren verladen und die Strömungen der beiden Flüsse bestimmten den Alltag. Warum gerade hier, zeigt sich rund einen Kilometer südlich in Le Guétin, wo der Canal latéral à la Loire den Allier auf einer imposanten Kanalbrücke überquert.
Die Kanalbrücke von Le Guétin

1828 begannen die Arbeiten an dem gewaltigen Bauwerk, 1837 war die Querung hoch über dem Allier vollendet. 18 steinerne Bögen mit jeweils 16 Metern Spannweite tragen die Wasserstraße über den Fluss. Die Kanalrinne ist sechs Meter breit und damit zu schmal, als dass sich zwei Schiffe begegnen könnten. Daher signalisierten Signalanlagen, ob ein Schiff einfahren konnte.
Richtig kompliziert wurde die Passage durch die Schleusen unmittelbar am Brückenkopf, die notwendig waren, um den Höhenunterschied auszugleichen. Ursprünglich führte eine Treppe aus drei Schleusenkammern hinunter in die Ebene; jede Kammer überwand drei Meter Höhenunterschied.

Zur Blüte der Binnenschifffahrt musste eine größere Anlage her. 1895 und 1896 erhielt der Pont-canal du Guétin eine Doppelschleuse mit zwei Kammern und jeweils 4,50 Metern Fallhöhe. So konnten die Schiffe nach der Überquerung des Allier in den tiefer liegenden Kanalabschnitt hinabsteigen – oder in umgekehrter Richtung zum Niveau des pont-canal hinaufgeschleust werden.

Für wartende Schiffe gab es unterhalb der Schleusen einen 380 Meter langen Kai. Doch auch auf der Brücke selbst konnten Schiffe auf ihre Schleusung warten. Bis zu drei abwärts fahrende Boote konnten dort während der Füllung der oberen Schleusenkammer festmachen. Wo genau, schreibt die Schifffahrtsordnung fest: am sechsten und am zwölften Brückenbogen sowie am Widerlager bei Gimouille. Erst wenn das Schleusenpersonal das Signal gab, durften sie weiterfahren.



Der Loire-Seitenkanal
Der Canal latéral à la Loire erzählt ein anderes Kapitel der Wasserlandschaft. Er wurde im 19. Jahrhundert als künstliche Alternative zur unberechenbaren Loire gebaut und sollte die Schifffahrt sicherer und berechenbarer machen.
196 Kilometer lang zieht sich die Wasserstraße mit 37 Schleusen zwischen Digoin und Briare entlang – als ruhiges, blaues Band durch das Zentrum von Frankreich. Heute hat sich die einstige Verkehrsader zur Freizeitroute gewandelt. Hausboote gleiten gemächlich durch die Schleusen, Radfahrer folgen dem Kanal auf der EuroVelo 6, und an der halte nautique du Guétin könnt ihr führerscheinfrei Elektroboote mieten und selbst einmal hier schippern.

Le Bec d’Allier: meine Reise-Tipps
Hinkommen
ÖPNV
Bahnhof: Gare de Nevers; ab Nevers-Carnot Buslinie 10 bis Gimouille Mairie, ab dort drei Kilometer Fußweg.
Schlemmen und genießen
Auberge du Pont-Canal
Tête de veau, rognons, fritures de la Loire, andouillette und andere Klassiker der lokalen und französischen Küche stehen auf der Karte dieses Restaurants mit Terrasse, das auch als traiteur arbeitet – perfekt für leckeren Picknick-Proviant!
• 37, rue des Écluses, Le Guétin, 18150 Cuffy, Tel. 02 48 80 40 76, www.auberge-du-pont-canal.fr
Kanalfahrten und Guinguette
Von April bis Oktober nimmt euch Kapitän Didier Evezard an Bord der Latérale auf Kanalfahrten durch zwei Schleusen mit und stellt euch den canal latéral de la Loire in Flora und Fauna, Geschichte und Gegenwart vor. Wer mag, kann hier auch Elektroboote leihen und selbst einmal auf dem Kanal schippern. Im Juni beleben freitags ein Kunsthandwerkermarkt und eine guinguette mit Live-Musik und Tanz den Anleger von Le Guétin – je nach Wetter bis Ende August.
• Halte nautique du Guétin, 10, rue du Port 18150 Cuffy, Tel. mobil 06 65 96 28 25, April bis Oktober, 11 bis 19 Uhr
Hier könnt ihr schlafen
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