Le Béret: die Karriere der Hirtenkappe

Jean-Bernard Raison aus Florac trägt seit Jahrzehnten nur das Béret. Foto: Hilke Maunder
Jean-Bernard Raison aus Florac trägt seit Jahrzehnten nur das Béret. Foto: Hilke Maunder

Marlene Dietrich trug es lasziv rauchend auf Halbmast auf dem blonden Haar. Madonna zog es fast bis über die Augen, Audrey Tatou ganz tief über bis zu den Ohren: le béret.

Sein Ursprung liegt in den Bergen des Béarn, wo einst die Hirten der Berge  aus der Wolle ihrer Schafe diese Pfannkuchen auf dem Kopf gestrickt hatten. Dies verraten frühmittelalterliche Schriften, die überliefert sind.

Im Musée du Béret verrät eine Wand, welche Promis das Béret getragen haben.

Den Namen „Baskenmütze“ erhielt das Béret der Legende nach von Napoleon III. Das hinderte indes Ernesto Guevara, bekannt als El Che, nicht daran, ebenfalls eine Laulhère-Mütze zu tragen.

Die Schäfermütze der Pyrenäen, einst nur Männern vorbehalten, ist heute längst auch ein Modeartikel der Damen. Noch nur noch eine Fabrik fertigt die Traditionskappe der Berge.

Die Heimat des Béret

Berret heißt sie dort im Béarn. Dort stellt sie Laulhère in Oloron-Sainte-Marie seit 1840 her. Hinzu kommen wenige kleine Manufakturen wie jene von Sara, die in Orthez die Mützen ganz allein nach altem Vorbild per Hand filzt und näht.

Weltweit einzigartig: das Musée du Béret in Nay. Foto: Hilke Maunder

Jede Region im Südwesten von Frankreich hat das Béret an Klima und Leben angepasst. Im Ouzou-Tal sind die Bérets klein. In den Landes schützt Lou Bourrat die Piniensaftzapfer vor Nadeln und Tropfen.

Im Pays Basque heißt das Béret Capelua. In Bellocq ist die berühmte Mütze auf dem Kopf eines Pilgers auf dem Portal der Pfarrkirche in Stein gemeißelt, in Nay auf einem Gemälde der Pfarrkirche festgehalten.

Das Béret ist tief im Leben und der Kultur des Béarn verwurzelt. Ursprünglich war das Béret wollweiß. Erst unter dem Eindruck der Grande Guerre wandelte sich seine Farbe zu Schwarz in Erinnerung an all die Toten.

Erst wird das Beret gestrickt und ordentlich gesäumt, dann beim Filzen geschrumpft. Foto: Hilke Maunder

Die Farben des Béret

Schwarz ist seitdem die Alltagsfarbe der Hirtenmütze. Braun tragen die Hirten nur an Festtagen. Und nie, wirklich nie, wird ein Béret gewaschen. Sondern immer nur ausgeschüttelt, abgebürstet, wieder aufgesetzt.

Nach den Vachottes, bei der die jungen Männer ihre Beine ins Béret stellen und über das Rind springen, ebenso wie nach einem Sturm, der das Béret in den Schlamm gewirbelt hat.

Ausschütteln, abklopfen, aufsetzen. La vie continue. Das Leben geht weiter. In Nay indes, wo Blancq Olibert ab 1819 die Bérets herstellte, war 2014 nach fünf Generationen die Fertigung beendet.

20 Mützenfabriken hat es einst am Ufer der Ousse gegeben. Heute hält nur die Poloshirtfabrikation von Oursport in der alten Manufacture Lepère die Textiltradition aufrecht.

Das Béret ist ein Naturprodukt, hergestellt aus der Wolle der Schafe, die in den Pyrenäen frei weiden. Ihre Wolle wird zunächst gewaschen, dann gesponnen. Foto: Hilke Maunder

Weltweit einzigartig: Le Musée du Béret

In der Manufaktur von Blanc Olibert erinnert das Musée du Béret seit 1996 an die Traditionsmütze. 2002 hat Nadège Dos Santos das Haus erworben. Sie hat große Pläne für das weltweit einzigartige Museum.

Und möchte die Sammlung und deren Maschinenpark von 1840 multimedial und interaktiv künftig noch besser präsentieren. Seit 2002 leitet die junge Frau das private Museum.

Mit echten Disteln aus der Natur wird bei der grattage das Béret „gekratzt“. Foto: Hilke Maunder

Im Erdgeschoss stellt es die vielen Arbeitsschritte der Herstellung vor. Einst per Hand, heute mit Strickmaschinen wird bei der tricotage das Béret aus ungefärbter Schafswolle gestrickt. Die maschinell gestrickte Rohform  kommt dann bis heute auf die Waage.

Bei der pesage wird die Strickmütze grammgenau gewogen, um sicherzustellen, dass jedes Béret identisch ist. Gibt es Abweichungen, wird die Strickmaschine neu justiert.

Nach dem Stricken erhält die Rohform am Rand einen kleinen Saum und kommt in den foulon. Dort wird das Strickstück mit heißem Wasser und Seife zwei bis 14 Stunden lang gefilzt.

Im Musée du Béret verrät eine Wand, welche Promis das Béret getragen haben.

Fertig gefilzt, folgt das Färben. Wurde einst nur mit Naturfarben in Holzbottichen, dann in Kupferkesseln gefärbt, erfolgt die teinturage heute in großen Inoxtank mit Industriefarben.

Danach folgt das Schleudern und Trocknen. Zwei kreisrunde Holzmodel bringen das Béret auf die gewünschte Form. Flusen und überflüssige Wolle kratzt danach die grattage von der Mütze ab. Bis heute werden dazu getrocknete Distel-Blüten verwendet.

Das Innenleben eines Béret ist genauso wichtig für das Äußere der traditionsreichen Kopfbedeckung. Foto: Hilke Maunder

Richtig schön ebenmäßig wird die Mütze bei der tondage, dem Rasieren des Wollfilzes. Die gaufreuse gibt dem Béret die perfekte Form. Der Name passt. Denn die Maschine, die den Rand am Mützendeckel unter Hitze umklappt, sieht tatsächlich aus wie ein Waffeleisen.

Danach wird das Béret auf die gewünschte Mützengröße gezogen. Bis 65 Zentimeter Kopfumfang sind möglich.

Bouflette und Cabillou

Ein ledernes Hutband, den cabillou-Zapfen oben auf dem Mützendeckel gekürzt, fertig ist das Béret. Die bouflette, ein kleiner farbiger Knoten im Leder der Baskenmütze eingenäht ist, verrät, wo hinten ist.

Innenleben eines Béret. Foto: Hilke Maunder

Größter Kunde der letzten Béret-Manufaktur Frankreichs ist das Militär. Und nicht nur im eigenen Lande, sondern auch in Lateinamerika. Selbst die Soldaten der Vereinten Nationen tragen Bérets aus dem Béarn.

Die Uniform-Mütze indes verzichtet auf ein typisches Unikum. Ihre Kappen ziert kein cabillou. Heer, Marine und Luftwaffe erhalten die Mütze ohne Zapfen auf dem Deckel, aber mit verstärktem Abzeichen-Halter im Innenfutter.

Rund 300.000 Bérets verlassen alljährlich die Manufaktur in Oloron-Sainte-Marie. Seit 2013 ist sie als Entreprise du patrimoine vivant anerkannt.

Und verweist bis heute, trotz aller Zugeständnisse an Mode und Zeitgeist, nicht nur mit der Kollektion Héritage (Erbe), sondern auch mit ihrem Namen auf ihre Ursprünge. Laulhère ist eine Ableitung von ouélhé oder aoulhé, was im Béarnais „Hirte“ bedeutet.

Marktzeit in Nay. Foto: Hilke Maunder

Nay: die Reise-Infos

Ansehen

Le Musée du Béret

• Place Saint Roch 64800 Nay, Tel. 05 59 61 91 70 www.museeduberet.com

Les Sonnailles Daban

Auch den letzten Glockenhersteller der Pyrenäen findet ihr in Nay. 1795 von Jean-Bernard Daban gegründet, ist Jean-Bernard Daban heute in fünfter Generation der letzte Gießer, der die Musikinstrumente für die weidenden Tiere herstellt.
• Sonnailles Daban, 24 rue des Pyrénées, 64800 Nay. Werkstatt & Geschäft: ZA Samadet, 64800 Bourdettes,  www.daban.fr

Nay: die Arkaden der Maison Carrée. Foto: Hilke Maunder

La Maison Carrée

Schönster Renaissancebau der Bastide Nay ist die Maison Carrée. Ihr richtiger Name Maison Bonasse erinnert an François de Béarn-Bonasse. Jener gab den Bau mit seinem arkadengeschmückten Innenhof im 16. Jahrhundert in Auftrag. Heute birgt es das Musée de l’Industrie. Achtet auch einmal auf das Pflaster! Seine Flusskiesel wurden so angelegt, dass bei Hochwasser der Ousse das Wasser gut ablaufen konnte.
• Place de la République, 64800 Nay, Tel. 05 59 13 99 65, www.maison-carree-nay.fr

Les Halles

Den Wochenmarkt von Nay findet ihr vor, hinter und unter dem Rathaus. Als Markthalle fungiert das zu beiden Seiten geöffnete Erdgeschoss der Stadtverwaltung. 22 feste Stände sowie einige mobile Aussteller verkaufen dort unter einem imposanten Holzgewölbe Fleisch und Wurst, Austern und Fisch, Käse und Blumen.

Sonnabends gesellen sich Bio-Produzenten hinzu. Dienstags findet der konventionelle Wochenmarkt statt.

Im Sommer ist der Markt so groß, dass er auch die Place de la République, Place Marcadieu, Rue du Marcadieu, Rue du Maréchal Foch, Rue du maréchal Joffre und die Esplanade des allées Chanzy in Beschlag nimmt.

Die Arkaden der Place de la République. Foto: Hilke Maunder

Erleben

Karneval von Vath Vielha

Niemals zeitgleich, sondern immer vor oder nach dem berühmten Carnaval Béarnais von Pau findet der Volkskarneval des Pays de Nay statt. Im Februar zieht Sent Pançard beim Umzug durch die Straßen, begleitet von riesigen Pappmaschee-Figuren, die alljährlich ein neues Missgeschick seines Maskottchens, der Elfe Naiou Canaillou, thematisieren. Und am Ende des Tages wird nicht Sent Pançard im Théâtre de Verdure verbrannt. Sondern gehen die Sorgen des Volkes in den Flammen auf.

Schlemmen und genießen

Cuyala

Zwischen Millefeuilles und Éclairs findet ihr auch ein süßes Naschwerk, das perfekt zur Kopfbedeckung des Béarn passt: ein Béret vom Pâtissier.
•  1, Allée Chanzy,  Tel. 05 59 61 04 25, www.facebook.com

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Blick von Nay auf die Pyrenäen. Foto: Hilke Maunder

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Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

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