Bergues: willkommen bei den Sch’tis!
Willkommen bei den Sch’tis: Nur wenige Kilometer von der belgischen Grenze entfernt, hat Dany Boon für seinen Erfolgsfilm Bienvenue chez les Ch’tis* seinen Drehort gefunden: das charmante Städtchen Bergues.
Der Film, der Frankreich verzauberte
Mit mehr als 20 Millionen Kinobesuchern stieg die 2008 gedrehte Komödie zum erfolgreichsten französischen Film in Frankreich auf. Der Erfolg des Filmes stellte dort selbst den Kultstreifen Titanic in den Schatten. Als der Film im März 2008 in den Kinos lief, war er weltweit der meistbesuchte Film dieses Monats – obwohl er zunächst nur im französischsprachigen Europa zu sehen war. Bereits wenige Monate später folgte die deutsche Synchronisation mit dem Titel Willkommen bei den Sch’tis*.
Die Geschichte berührt eine wunde Stelle der französischen Seele: Vorurteile. Ein Postbeamter aus dem sonnigen Süden wird strafversetzt. Nicht ans Mittelmeer, sondern in den äußersten Norden, ins vermeintlich kalte, graue Bergues. Was er dort bei den Sch’tis findet, überrascht ihn – und begeisterte die Zuschauer.

Bergues: eine Stadt als Film-Kulisse
Gedreht wurde in und um Bergues. Die flämische Kleinstadt liegt nur etwa zehn Kilometer südlich von Dünkirchen und ist 15 Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. Rund 3.500 Einwohner leben hier im Blootland – flämisch für „leeres, bloßes Land“. Was der weiten Küstenmarsch an Bäumen fehlt, macht das Gemüseland an Charme wett.
Von Vauban befestigt, umschließen Festungsmauern das historische Herz der Stadt. Einlass ins Herz des 4.000 Seelen-Städtchens gewähren fünf Stadttore mit Schmuckportalen aus Sandstein. Die Häuser aus rotem Backstein schmücken ihre Fenster und Giebel mit hellem Weiß. Auf dem Canal de la Basse-Colme dümpeln Hausboote und lange Schuten, die Transportkähne der Binnenschiffer.
Das Läutwerk, das die Zeit erzählt
Über das Städtchen ragt der beffroi 47 Meter hoch in den Himmel. Der gotische Glockenturm von Bergues wurde kürzlich renoviert und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe der Belfriede Nordfrankreichs. Sein carillon besteht aus 50 Glocken. Alle 15 Minuten markieren sie den Lauf der Zeit. Im Film bedient Postbote Antoine Bailleul, gespielt von Dany Boon, dieses Instrument mit der Hingabe eines Virtuosen.
Wer die 203 Stufen erklimmt, erreicht die Glockenspieler-Kabine und genießt einen atemberaubenden Blick auf die flämische Ebene. Von hier oben offenbart sich die Geometrie der Kanäle, die Bergues wie ein wassergefülltes Spinnennetz umgeben.
Wenn Film zur Wirklichkeit wird
Die Dreharbeiten fanden zwischen dem 21. Mai und 13. Juni 2007 statt. Bergues spielte sich selbst – authentischer als jedes Filmset. Das Office de Tourisme bietet während der Saison eine 90-minütige Sch’tis-Tour an. Sie führt zu den Drehorten: zum Belfried, wo Antoine seine Glocken läutete. Zum Kanal, wo Philippe und Antoine in einer unvergesslichen Szene ihre Blase leerten. Und zur Post, dem Star der Komödie.
Auf der Straße sprechen die Menschen tatsächlich so, wie Boon sie in seinem Film porträtiert hat: sympathisch nuschelig. In Deutschland erfand man für die Synchronisation kurzerhand einen eigenen Kunstdialekt – und hatte damit Erfolg. 2,3 Millionen Deutsche sahen den Film im Kino, mehr als in jedem anderen Land außerhalb Frankreichs.
Schlemmen wie im Film

Im Schatten des Belfried werden mittags moules-frites serviert – Miesmuscheln mit Pommes Frites. Genau wie im Film. Die Taverne Le Bruegel an der Place du Marché aux Fromages führt die Tradition fort. Der behäbige Patron tischt flämische Klassiker auf: Pot’je vleesch, einen Eintopf mit drei hellen Fleischsorten. Oder Carbonade flamande, das legendäre Biergulasch mit Rindfleisch, das stundenlang in malzig-süßem Bier geschmort wird – Nordfrankreichs Leibspeise schlechthin.

Kulinarisch wurzelt der Küche der Sch’ti in zwei sehr unterschiedlichen Terroirs. Die Opalküste liefert Steinbutt, Kabeljau und Aal. Räuchereien holen Hering und Makrele frisch aus dem Rauch. Das Hinterland steuert Gemüse bei. Nordfrankreich produziert mehr Chicorée als jede andere Region der Welt – 27 Sorten gedeihen rund um Bergues.
Auf den Moorböden des Marais Audomarois wachsen Artischocken, Blumenkohl, Porree. Bei Arleux räuchert man Knoblauch über Torffeuer. Wiesen des Avesnois weiden Rinder.
Mit Schwein, Hase und Truthahn begeistert das Land den Gourmet. Ein köstlicher Duft von Grillhähnchen zieht über die Märkte.
Aromatische Käse wie Boulette d’Avesnes, Vieux de Lille, Mimolette und Maroilles (AOC) stapeln sich auf den Käsetheken der fromageries.
Süße Verführer sind die Bêtises de Cambrai, die nach Vanille duftenden Waffeln der Konditorei Meert aus Lille und die Merveilleux, luftig-schokige Meringues von Frédéric Vaucamps.
Die Jahrhunderte alte Bierkultur haben lokale Brauereien mit Ch’ti, Jenlain, Choulette, Angélus, Goudale, Page 24 und Cuvée des Jonquilles neu belebt.

In Estaminets, gemütlichen Gasthäusern, kommt die ehrliche Küche der Sch’ti ganz authentisch auf den Tisch. Das Süße kommt zum Schluss: Bêtises de Cambrai, die nach Vanille duftenden Waffeln der Konditorei Meert aus Lille, die Merveilleux – luftig-schokige Meringues von Frédéric Vaucamps.
Das Bier der Sch’tis
Die Jahrhunderte alte Bierkultur erlebt eine Renaissance. Lokale Brauereien wie haben mit ihren Bière de Garde-Sorten wie Jenlain, Goudale und Ch’ti haben dem Norden seinen flüssigen Stolz zurückgegeben. Auch Choulette und Angélus sind dort ansässige Brauereien, die zur Renaissance der lokalen Bierkultur beitragen.
In estaminets – gemütlichen Gasthäusern mit Fliesenboden und Holztischen – kommt die ehrliche Küche Nordfrankreichs auf den Tisch. Die Route de la Bière führt mitten durch Hopfenfelder zu den rund 40 Brauereien der Region.

Sterneküche im Sch’ti-Land
Marc Meurin hält im Château de Beaulieu in Busnes zwei Michelin-Sterne. Einsterneköche wie Florent Ladeyn von der Auberge du Vert Mont in Boeschepe, Nicolas Gautier von La Laiterie in Lambersart und Mathieu Boutroy vom Cerisier in Lille beweisen: Die nordfranzösische Küche hat sich emanzipiert. Sie muss sich hinter keiner Pariser Adresse verstecken.
Die Fortsetzung: Paris trifft auf Sch’ti
2018 war Dany Boony nicht mehr Postangestellter in Bergues, sondern hatte das Kleinstadtleben gegen die Kapital getauscht: In Die Sch’tis in Paris* gehört Damny Boon nun zu den angesagtesten Möbeldesignern der Avantgarde. Mit seiner eleganten Frau (Laurence Arné) lebt im trendigen Marais in einem durchgestylten Heim.
Sein Zuhause ist die satirisch überzeichnete, heile Welt der Pariser Schickeria. Bis die Verwandten aus dem Norden ihn besuchen, er von seinem selbst entworfenen Dreibeinstuhl fällt, ohnmächtig wird und das Gedächtnis verliert. Als er wieder aufwacht, spricht er Sch’ti. Die Satire auf die Pariser bobos traf einen Nerv, erreichte aber nicht die Dimensionen des Originals.
2010 verlegte Dany Boon noch einen weiteren Erfolgsfilm ins Land der Sch’tis: Rien à déclarer* (Nichts zu verzollen, 2010). Gedreht wurde dieser Streifen am franco-belgischen Grenzübergang Hirson. Wieder spielte er mit Vorurteilen. Wieder begeisterte er Millionen.

Das Vermächtnis eines Films
2008 erreichte der Marktanteil inländischer Filme mit 45,4 Prozent den höchsten Stand seit 1984. Ein Film hatte geschafft, wofür jahrelange Tourismuskampagnen vergeblich gekämpft hatten: Frankreich liebte plötzlich seinen Norden.
Als die DVD am 29. Oktober 2008 erschien, verkaufte sie sich in den ersten zwei Tagen eine Million Mal. Die TV-Premiere am 28. November 2010 auf TF1 erreichte 14,4 Millionen Zuschauer – die erfolgreichste Ausstrahlung eines Kinofilms im französischen Fernsehen seit 1992.
In Bergues ist die Post inzwischen ein Wallfahrtsort. Das Ortsschild wurde so oft gestohlen, dass man aufhörte zu zählen. Die Brasserie Castelain braut Ch’ti-Bier, das beliebteste Mitbringsel der Touristen.
Ein Sprichwort in Nordfrankreich sagt: „Wer in den Norden kommt, weint zweimal. Einmal, wenn er ankommt. Und einmal, wenn er abreist.“ Dany Boon hat diesem Sprichwort ein Denkmal gesetzt. Und Bergues einen Platz auf der Landkarte der Herzen.

Bergues: meine Reise-Tipps
Schlemmen und genießen
Le Bruegel
Rustikales Lokal mit traditioneller Hausmannskost und flämischen Spezialitäten.
1, place du Marché aux Fromages, 59380 Bergues, Tel. 03 28 68 19 19
Aux saveurs fromagères
Käsespezialitäten und lokale Produkte.
13, Rue Lamartine, 59380 Bergues,Tel. 03 28 20 42 72
Hier könnt ihr schlafen
Hôtel-Restaurant Bienvenue chez nous
Jean-Pierre und Valérie verwöhnen mit Küche im Garten, auf der Terrasse, in drei Speiseräumen. Geräumige Zimmer. Kostenlose Parkplätze.
25, rue du Collège, 59380 Bergues, Tel. 03 61 38 47 20
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Das Rezept für die Carbonnade flamande findet ihr hier. Noch mehr Beiträge aus dem Département Nord findet ihr in dieser Kategorie.
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