Das Herz von Frankreich: das Berry

Die Kathedrale von Bourges grenzt direkt an den erzbischöflichen Garten mit seinen Baumspalieren in Reihe. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale von Bourges grenzt direkt an den erzbischöflichen Garten mit seinen Baumspalieren in Reihe. Foto: Hilke Maunder

Das Herz Frankreichs versteckt sich 200 km südlich von Paris: im Berry. Kennt ihr nicht? Das sanft gewellte Land ist die Heimat von George Sand, Hochburg des Sancerre, Kornkammer Frankreichs und noch kein bisschen von Hektik und Stress erfasst. Sondern herrlich beschaulich, nostalgisch und entspannt –  perfekt zum Schauen, Genießen und Entdecken. Zum Beispiel auf der Route Jacques Cœur, die zu den Highlights des historischen Herzogtums führt.

Perle des Berry: Bourges

Im großen Bogen umschließt der Mittellauf der Loire das Berry. Ihre Hauptstadt Bourges hat das Mittelalter bewahrt. Der Reformator Calvin studierte an seiner Universität, König Karl VII. verlegte sogar seinen Hof in das malerische Städtchen, bevor er sich mit Hilfe von Jeanne d’Arc sein Königreich von den Engländern zurückholte.

Jede Gasse, jedes Haus ist in Bourges mit Geschichte(n) getränkt. Über den Dächern auf dem Altstadthügel erhebt sich die Kathedrale Saint-Étienne, die von 1195 bis 1354 errichtet wurde und heute zum Welterbe der UNESCO gehört.

Der Chor der Kathedrale von Bourges. Foto: Hilke Maunder

Die Kathedrale von Bourges ist das perfekteste gotische Bauwerk, das ich kenne. Beim Betreten der Kirche wurde ich von Ehrfurcht erfasst und von einem Gefühl der Unendlichkeit ergriffen.

schrieb 1837 die französische Schriftstellerin Marie d’Agoult über den Sakralbau, dessen Architektur nicht nur viele Innovationen der damaligen Baukunst birgt, sondern auch eine Krypta. Das war in der Gotik untypisch. Doch unabdingbar in Bourges.

Mit 125 m Gesamtlänge reichte der stattliche Bau über die ursprünglichen Stadtgrenzen hinaus und überwindet dabei auch die ehemalige römische Stadtmauer der Antike.  Diesen Höhenunterschied von mehreren Metern gleich die Krypta mit ihrem Mauerwerk aus.

Welterbe des Berry: die Kathedrale von Bourges. Hier heiratete 1137 Ludwig VII. Eleonore von Aquitanien und wurde Ludwig XI. zum König gekrönt.

In der Kathedrale hat auch Herzog Jean de Berry seine letzte Ruhestätte gefunden. Sein Grabmal – und fast das gesamte Mobiliar der Kirche – wurde während der Französischen Revolution zerstört. Erhalten blieben nur seine Liegefiguren und einige der Figuren der einst 25 Trauernden.

Berühmt wurde der Herzog vor allem durch ein Auftragswerk, das er den Brüdern von Limburg erteilt hatte: Ihr Stundenbuch „Les très riches heures du Duc de Berry“ gehört zu den schönsten Zeugnissen der spätmittelalterlichen Buchmalerei in Europa.

Der Palais Jacques Cœur von Bourges, der alten Hauptstadt des Berry. Foto: Hilke Maunder

Im Gefolge von König Karl VII., der sich während des 100-Jährigen Krieges gegen die Engländer in Bourges verschanzte, suchten auch viele Adlige Zuflucht und erbauten ihre Schlösser im Berry. Einer von ihnen war Jacques Cœur, Finanzminister Karls VII. , Orienthändler und Mäzen der Künste und Wissenschaften.

Sein Sitz in Bourges gehört zu den großartigsten gotischen Stadtpalästen Frankreichs – in der Hauskapelle singt farbenprächtig ein Engelschor am Himmel. Cœur gehörte auch das Château de Menetou-Salon im gleichnamigen Weinort. Heute ist das Schloss die französische Residenz der Prinzen von Arenberg, der ältesten Adelsfamilie Europas.

Auch das ist Bourges: kreative Street Art wie „le mur“. Foto: Hilke Maunder

Porzellan & Programm

Südlich von Bourges errichten Zisterzienser an der Route Jacques Cartier im Jahr 1136 in Bruère-Allichamps die Abtei von Noirlac aus dem typisch weißen Stein der Region. Im Zuge der Revolution säkularisiert, zog 1822 eine Porzellanmanufaktur ins Kloster und brannte ihr Geschirr in der Kirche.

L’Abbaye de Noirlac, eine ehemalige Zisterzienserabtei Bruère-Allichamps im Berry. Foto: Hilke Maunder

Heute ist die Abtei am Übergang von der Romanik zur Gotik zu nicht nur eine der größten und besterhaltenen Klosteranlagen Frankreichs, sondern auch ein sehr umtriebiges Kulturzentrum: Jeden Sonnabend widmen sich „Ateliers du Samedi“ ganz handfest der mittelalterlichen Schriftkunst. Sonntagmorgen locken die „Matinales“ mit Konzert, Lesung und anderen Aufführungen, denen stets ein gemeinsames Frühstück voraus geht.

Winter bei der L’Abbaye de Noirlac von Bruère-Allichamps im Berry. Foto: Hilke Maunder

Die weißen Klassiker

Eine zweite Porzellanfabrik produziert seit 1818 nördlich von Bourges feinstes Porzellan, das heute auch nach Übersee exportiert wird: Pillivuyt. Um die Fabrik mit Tonerde und anderen Rohstoffen zu beliefern, wurde 1809 der Bau des Canal de Berry begonnen, auf dem bis 1955 Last- und Schleppkähne Getreide, Viehfutter, Brennholz und Eisenerz transportierten.

Heute ist die 260 km lange Südverbindung von der unteren zur oberen Loire nur noch auf einem kurzen Stück schiffbar. Umso stärker nutzen ihn Ausflügler, die zu Fuß oder per Rad, beim Picknick oder Mußestündchen am Kanal eintauchen in eine Welt, die völlig der Zeit entrückt scheint.

La Loubière bei Sonnenaufgang. Foto: Hilke Maunder

Die romantische Mitte Frankreichs

In der Mitte Frankreichs ticken die Uhren anders: entspannter, ruhiger, nostalgischer. Und so regt es auch niemanden auf, dass man sich nicht auf die richtige Mitte Frankreichs einigen kann. Zwar erhebt sich in Bruère-Allichamps ein römischer Meilenstein, der die Landesmitte markieren soll.

Doch  diese Ehre beanspruchen auch Saulzais-le-Potier und Vesdun 20 bzw. 30 km weiter südlich für sich. In einem indes sind sich alle einig. Das Berry liegt nicht nur geografisch im Zentrum Frankreichs, sondern verkörpert auch das Herz und die Seele des Landes.

Die Heimat von George Sand

Folgt ihr der Route Jacques Cœur weiter gen Süden, erreicht ihr in einer lieblichen, sanft gewellten Landschaft mit grünen Hügeln, Wäldern und Mooren die Heimat einer beherzten Romantikerin, die als Aurore Dupin 1804 in Nohant-Vic geboren wurde. Sie wechselte ihren Namen, trug Männerkleidung, liebte Liszt, Berlioz, Balzac und Chopin und rauchte so leidenschaftlich rauchte wie sie schrieb. Erraten? George Sand!

Bäuerlich: Saulzais-le-Potier im Berry. Foto: Hilke Maunder

Dutzende Schlösser, Kirche und Orten im Südwesten des Berry machte sie zu Schauplätzen ihrer Romane. Auf der Route George Sand könnt ihr die Stationen ihres Lebens und Schreibens entdecken. Vom Maison George Sand in Nohant-Vic, wo alles so geblieben ist, wie die Schriftstellerin es hinterließ, hin nach Gargilesse, das als eines der 100 schönsten Dörfer Frankreichs den Zauber der Vergangenheit in die Gegenwart gerettet hat.

Und weiter nach La Châtre, wo in Erinnerung an die Frack im Frack Dudelsackpfeifer und Drehleierspieler alljährlich drei Tage lang Festival traditioneller Volksmusik feiern. Château d’Ars birgt heute internationales George-Sand-Zentrum, Sarzay eine Festung mit 38 Türmen. Und leise, wie einst, plätschert der Bach an der Mühle von Anigault mit ihren alten Eichen.

Unterwegs im Berry: typische Dorfstraße. Foto: Hilke Maunder

Picknick am Waldsee

Weiter östlich, an der Grenze vom Berry zum Bourbonnais, birgt der Forêt de Tronçais bis zu 425 Jahre alte Baumveteranen. Zwischen mächtigen Eichen, die einst das Holz für Frankreichs Marine lieferten, sprießen im Herbst Pilze in Hülle und Fülle. Wildschweine jagen im Unterholz. Haubentaucher gleiten über den Étang de Pirot. Im Sommer mischt sich das Lachen der Menschen, die im See baden, mit dem Gesang der Vögel.

Was für ein Picknickplatz! Im Korb ruhen frisches Baguette, Terrinen und Pasteten vom Markt in Saint-Chartier. Vergesst auch nicht einen Ziegenkäse-Taler, der seit 1976 das AOP-Siegel trägt: der Crottin de Chavignol.

Winterfest: das Vieh im Berry. Foto: Hilke Maunder

Die Heimat des Sauvignon

Seine Heimat ist ein kleiner Weiler in der Nähe des berühmtesten Weinbaugebietes des Berry: Sancerre, Hochburg des Sauvignon-Blanc. Ton, Kalk, Kies und Feuerstein prägen das Terroir; Hochnebel und Mikroklima die Trauben, pikant, elegant oder fruchtig den Charakter des Sancerre.  Dieser Weiße gehört natürlich auch den Picknickkorb. Welch ein  Abschluss für die Entdeckungen entlang der Route Jacques Cœur. Santé, mon Berry!

Morgenstimmung im Berry. Foto: Hilke Maunder

Berry: meine Reisetipps

So kommt ihr hin!

Das Berry ist mit allen Verkehrsträgern gut zu erreichen. Flugzeug: Linienflug von deutschen, österreichischen oder Schweizer Flughäfen nach Paris-Orly (293 km) oder Paris-Roissy CDG (326 km), weiter per Bahn, Bus oder Leihwagen. Zug: Paris-Austerlitz – Bourges rund 100 Minuten, ab 2020 mit TGV. Auto: Autobahn A71 (mautpflichtig) von Paris via Orleans.

Das überraschendste Lokal

Relais Routier „La Surprise“

Anne kommt von der Insel La Réunion – und betreibt direkt an der D 940 ein Restaurant, in dem ihr ehrliche, üppige und richtig leckere Hausmannskoste genießen könnt. Decken und Wände sind mit Vögeln, Menschen und anderen Motive ihrer tropischen Heimat geschmückt, aus der Küche hört ihr, dass noch richtig gekocht wird.

Die Vorspeisen könnt ihr selbst zusammenstellen, Salate und Paté sind hausgemacht. Und danach: französisch oder kreolisch? Fünf verschiedene Gerichte stehen beim Tagesmenü zur Auswahl; drei Desserts zur Wahl runden das Mahl ab. Und ein Viertel Wein ist im Preis von 14,20 Euro (2019) inbegriffen! Und sogar Nachschlag… !
• 18380 Ennordes, Tel. 02 48 58 11 65

Noch mehr Genussmomente

Sirops MONIN

19 Jahre jung war Georges Monin, als er 1912 sein Unternehmen gründete. Zunächst stürzt sich der Mann aus Bourges in den Wein- und Spirituosenhandel. In den 1920er Jahren kommt Sirup hinzu. Er wurde  1993 als einziger Sirup von der International Bartenders Association aus Zusatz beim Mixen zugelassen. Heute ist Monin in genauso vielen Ländern vertreten, wie Sirup-Aromen im Sortiment sind: 150.

Pâtes Farbre

Pasta mit Trüffel, Safran,Steinpilzen, Spinat, Kakao und sogar Bier: Seit 1996 begeistert das Familienunternehmen, das heute Rémy und Anne Fabre lieben, mit rund 100 Pasta-Produkten Feinschmecker in aller Welt – auch Bio-und Diät-Nudeln sind dabei.

Huilerie Vigean

Eric Vigean, Maître Huilier aus Clion-sur-Indre, gründete 1930 ein Speiseölunternehmen, das bis heute immer bei Innovationen ganz vorne ist. Bereits 1970 brachte es Bio-Öle in den Handel, damals wahrhaft eine Pioniertat. Reine Olivenöl, Schwarzkümmel-, Koriander-, Rosmarin-, Raps- und Arganöl sorgten für eine wachsende Fangemeinde. Neuste Innovation ist das seltene Inca-Inchi-Öl, das ursprünglich nur im Amazonas-Regenwald hergestellt wurde. Vigean holte die mehrjährige Pflanze nach Europa. Ihr goldgelbes Öl hat einen bernsteinfarbenen Schimmer.

Valençay-Käse

Aus dem Berry stammt auch ein Ziegenkäse, dem Napoleon die Spitze abschlug: der Valençay. Talleyrand, der das Château de Valençay bewohnte, hat den Weichkäse am Hof des Kaiser bekannt gemacht…

Lentilles Vertes du Berry

Warm oder kalt, süß oder salzig genießen die Einheimischen das ganze Jahr hindurch „ihre“ grünen Linsen. Zwar wurden sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Region eingeführt, doch bereits in den 1980er Jahren lieferte der Landstrich 70 Prozent der gesamtfranzösischen Linsenproduktion. 1996 erfolgte die Anerkennung der höchsten Qualität durch das „Label Rouge“. Weshalb ich sie liebe? Sie haben einen leicht nussigen Geschmack – und sind ohne vorheriges Einweichen schon nach 20 Minuten gar!

Grosgris & Croquilles

Maryse Jacquin und ihr Mann Jean-Claude züchtet in Chambon, einem kleinen Dorf südlich des Cher, seit 1991große, graue Grosgris-Schnecken. Von Mai bis September könnt ihr auf Führungen hautnah ihre Schneckenzucht kennenlernen. Nehmt danach ein paar Schnecken im Glas oder ihre „Croquilles“ mit, Schneckenhäuser aus Teig, die mit köstlicher Kräuterbutter gefüllt sind – so könnt ihr die Schnecken ganz und gar verzehren!

Unterwegs im Berry

„Dolly“ nennt Brigitte Malard liebevoll ihrenCitroën 2CV. Am Steuer ihrer weiß-grünen Ente präsentiert sie ihre Heimat abseits von großen Straßen: das Berry – seine Dörfer, die 100-jährigen Eicheln im Wald von Tronçais, idyllische Plätze am Canal de Berry und das geografische Zentrum von Frankreich, das es im Berry gleich drei Mal gibt. http://leberryen2cv.onlc.fr

 

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht über das Berry, wir waren viele Male dort, in einer Töpferei( La Poterie Hering) mit Ferienhäuschen in Aubinges ganz nah von Bourges. Zu erwähnen wäre vielleicht auch noch das Töpferdorf La Borne mit vielen Kunstwerkstätten und Henrichemont, ein pittoreskes kleines Städtchen mit sehenswertem Wochenmarkt. ( Wie alle marchés in Frankreich 🙂 )

  2. Danke für den Bericht. War vor vielen Jahren (geschätzt 25 Jahre) auch mal da. Muss sich sicher vieles geändert haben in den letzten Jahren. Wäre Zeit mal wieder hin zu fahren, aber es gibt einfach zuviel was man alles besuche will.

    Habe da mal eine Frage. Welche Kamera oder auch div. benutzt Du?
    Liebe Grüße
    Karl-Heinz

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