Postkarte aus… Bourg-sur-Gironde


Bourg verwirrt: „sur Gironde“ lautet der offizielle Name. Doch unterhalb des Städtchens fließt, nein, nicht die Gironde. Sondern die Dordogne. Schuld an der Verwirrung ist die Natur. Denn hier ist alles im Fluss. Dordogne (Flusslänge: 483 km) und Garonne ( 647 km) lagern an ihren Ufern Sedimente ab – und schieben den Schlick immer weiter in die Gironde.

Die Folge: Die Trichtermündung wandert immer weiter nach Westen. Bis sie einmal gänzlich dicht sein wird. Und Bourg seinen Hafen verliert. Heute legen hier immer mehr Kreuzfahrtschiffe an. Denn das Städte ist nicht nur ungeheuer malerisch, sondern besitzt auch hervorragende Weine, die ihr in der Maison des Vins des Côtes de Bourg entdecken könnt. 150 Tropfen!

Wie Blaye war auch Bourg seit Römertagen ein strategisch wichtiger Ort und stark befestigt. Davon zeugen noch heute Mauern, Türme und das Château de la Citadelle. Von der Sommerresidenz der Erzbischöfe von Bordeaux, die sie auf einer Steilstufe aus Kalkgestein errichteten, habt ihr herrliche Ausblicke auf die Stadt und den Fluss. Die unterirdische Gänge werden heute als Weinlager genutzt.

Treppauf, treppab durchs Mittelalter

500 Treppenstufen verbinden Ober- und Unterstadt. Vorbei an sandgestrahlten Kalksteinfassaden und Häusern mit reichlich Patina laufe ich hinab zum Fluss, aus dem das Wrack der Frisco herausragt – 1944 versenkten die Deutschen das italienische Schiff. Selbst bei Flut ist es zu sehen.

Die Sedimente, die im Laufe der Jahrhunderte auch Sandbänke und Inseln verschoben hat, sorgen bis heute dafür, dass seine Fluten zumeist grau-gelb und trübe sind. Was an trüben Tagen trist wirkt, freut den Wein. Das so „verdichtete“ Wassers speichert die Wärme besonders gut – und sorgt für ein Mikroklima, das beste Bedingungen für die Traubenreife liefert.

Schippern von Château zu Château

Anderthalb Millionen Euro haben die rund 400 Winzer von Bourg investiert, um ihr Städtchen zu einer Kreuzfahrtdestination der Flussschiffe zu machen, die von Bordeaux aus zu Weinreisen starten. Investiert wurde das Geld nicht nur in die hochmoderne Weinbar der Maison des Vins des Côtes de Bourg, sondern auch in einen neuen Anleger für die Kreuzfahrtschiffe. 2016 unterzeichneten das Syndicat der Côtes du Bourg mit AmaWaterways den Vertrag. Und besiegelten den Bund nach französischer Tradition.

Der Connétable de Guyenne nahm die US-Reederei feierlich in die Weinbrüderschaft der Côtes de Bourg auf. Jeden Montag von Mai bis November macht die 110 m lange „Amadolce“ jetzt am Kai von Bourg fest. An Bord; 148 Passagiere, die rund 2000 Euro für den Siebentagetörn bezahlt haben. In Bourg warten auf sie Leihräder für einen geführten Ausflug durch die Weinberge.

Das Parlament der Frauen

Oder ein Nachmittag zur freien Verfügung in dem Weinort, der nicht nur ein Stadtparlament, sondern unten am Hafen  auch ein „Frauen-Parlament“ besitzt. „Im Waschhaus trafen sich die Frauen und diskutierten alles, was anlag. Was dort entschieden wurde, mussten dann ihre Männer umsetzen. Bis heute heisst der „lavoir“ daher nur „parlement des femmes“.

Textilien werden dort nur noch selten gewaschen. Umso regelmäßiger besucht das Waschhaus ein Künstler. Er nimmt dort sein wöchentliches Bad. Und wohnt gleich nebenan.

Fenster auf den Ästuar

Bei euren Entdeckungen am Ufer der Dordogne helfen euch die „Fenêtres sur l’estuaire“, neun Infotafeln zur Geschichte, Geographie, Umwelt und Kulturerbe von Stadt und Umland. Mit etwas Glück seht ihr im Hafen auch noch die alten Gabares, flache, acht bis 20 Meter lange Holzsegler, die aus der oberen Dordogne die Waren bis nach Bourg brachten. Dort wurden die Schiffe wieder in Planken zerlegt und mit der Ware verkauft.

Bourg: meine Reisetipps

Schlafen & schlemmen

Château de la Grave

Dégustation und Tapas, Fahrradverleih und Gartenpool, Wohnmobilstellplätze und wunderschöne Gästezimmer im Château: Valérie und Philippe Bassereau haben ihr nostalgisches Schlösschen mit Erkern und Türmchen geschickt mit Zeitgeist und trendigem Design verjüngt. Im Erdgeschoss könnt ihr Billard spielen oder Bücher lesen. Die Zimmer liegen im ersten Stock – aus ihren Fenstern blickt ihr auf sanft gewellte Weinberge.
1, La Grave, 33710 Bourg, Tel. 05 57 68 41 49, www.chateaudelagrave.com

Königliches Feigennaschwerk

Mit Feigen habe die örtlichen Chocolatiers wie Frédéric Blanleil zwei unwiderstehliche süße Sünden kreiiert: Le Connétable mit Wein und Schoko. Und die Figue de Bourg, in der sich die Feige mit Feigenlikör, Mandelpaste und Schokolade aufs Köstliche vereint. Der Legende nach soll Ludwig XIV. 1650 nach Feigen am Baum gegriffen haben. Da er jedoch zu klein war, half ihm ein Priester.

Er begann damit ein Verbrechen, war es doch damals verboten, einen König zu berühren. Königin Anne von Österreich, gewährte dem Geistlichen ein royales Pardon. Aus Dank pflanzten die Bewohner von Bourg Feigenbäume. Das Naschwerk indes wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts vom Bäcker Daniel Marith erfunden.
• 3, Rue du 4 Septembre, 33710 Bourg, Tel.05 57 68 45 78www.patisserie-blanleil.fr

Maison des Vins des Côtes de Bourg

3850 ha mit Rotwein, 25 ha mit weißen Trauben: Die besten Tropfen könnt ihr beim Fremdenverkehrsamt entdecken – 150 Weine werden dort im Gewölbekeller vorgestellt und verkauft. Was euch bei den Tropfen der Côtes-de-Bourg erwartet: viel Merlot, der sich mit Malbec, Cabernet Franc und Cabernet-Sauvignon gerne paart. Bei den Weißen dominiert Sauvignon.
1, Place de l’Epéron, 33710 Bourg-sur-Gironde, Tel. 05 57 94 80 20, www.cotes-de-bourg.com

Offenlegung

Bei meinen Recherchen rund um Bourg unterstützte mich Gironde Tourisme mit Kost, Logis und unglaublich kenntnisreichen, hilfsbereiten und herzlichen Mitarbeitern von den Fremdenverkehrsämtern vor Ort. Ihnen allen sage ich „merci“ und ganz herzlichen Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat dies nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.

Weiterlesen

Der freie Reisejournalist Marcus X. Schmid hat für alle, die gerne auf eigene Faust unterwegs sind, den besten Reisebegleiter verfasst: sachlich, mit viel Hintergrund, Insiderwissen und Tipps, und doch mitunter sehr unterhaltsam und humorvoll. Ich kann ich aus ganzem Herzen empfehlen – denn auch in diesem Band zu Südwestfrankreich sind tolle Tipps enthalten. Auch kritische Anmerkungen fehlen nicht. Kurzum: eine Reiseführer, der grundehrlich das Reisegebiet vorstellt – ohne versteckte Promotions.
Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1950, hat in Basel,Erlangen und im damaligen Westberlin Germanistik, Komparatistik und Politologie studiert und lebt heute als Autor und Übersetzer in der französischsprachigen Schweiz. Ebenfalls im Michael-Müller-Verlag sind von Schmid die Reiseführer „Bretagne“ „Südfrankreich“ und „Korsika“ erschienen.

Marcus X. Schmid, Südwestfrankreich. Michael Müller Verlag, 9. Auflage 2017, www.michael-mueller-verlag.de

 

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