Die Künstler von Bourron-Marlotte

Bourron-Marlotte: kleines Walddorf mit großartigen Villen.
Großartige Architektur: die Villen im Walddorf. Foto: Hilke Maunder

Mitten im Wald von Fontainebleau versteckt sie sich: Bourron-Marlotte – einst eine Künstlerkolonie wie Barbizon. Doch bis heute ungleich weniger bekannt. Und damit noch immer sehr beliebt bei Künstlern und Prominenten, die im Doppeldorf gerne zu Gast sind. Seit prähistorischer Zeit lebten hier die Menschen, sammelten und jagten im ausgedehnten Wald von Fontainebleau.

Das taten ihnen die Kapetinger-Könige nach, die hier Wildschweinen, Hirschen und Füchsen nachstellten. Fast 300 Jahre lang, von 1500 und 1789, hatten drei adligen Familien Land und Dorf im Besitz: die Sallard, Beringhen und Varennes.

1878 kam die adlige Familie Montesquiou-Fezensac aus dem Gers nach Bourron. Ihre Ahnenreihe weist einen berühmten Musketier auf: d’Artagnan. Bis heute lebt die adlige Familie auf der Schloss – und hat ihr feudales Anwesen in ein edles Hotel* mit 15 Zimmern verwandelt.

Maler, Dichter, Filmemacher

Ab 1830 kamen die ersten Künstler nach Bourron-Marlotte. Zunächst Jean-Baptiste Camille Corot und Théodore Caruelle d’Aligny. Danach Alfred Sisley, Auguste Renoir, Édouard Manet, Camille Pissarro und Paul Cézanne. Sie alle trafen sich in den beiden Gaststätten des Dorfes. In ihren Fußstapfen folgten ab 1870 auch weniger bekannte Künstler wie Auguste Allongé, Eugène Ciceri, Charles Delort und Armand Charnay.

Nachdem Henry Murger den dortigen Geist der Bohème gelobt, lockte dies seineSchriftstellerkollegen Théophile Gauthier, Alfred und Paul de Musse und Théodore de Banville. Bourron-Marlotte war, wie die Franzosen heute sagen würde, „branché“, sehr trendy. Weitere Schriftsteller kamen: die Brüder Goncourt, Paul Fort, Émilie Zola und François Coppée.

Nach 1914 wichen die Dichter und Malern den Musikern und Filmemachern. Jean Renoir, der 20 Jahre lang in Marlotte gelebt hatte, drehte dort 1926 seinen ersten Film: „La fille de l’eau“. Die Villa „La Chansonnière“ wurde ein Musentempel der Musik, den Alfred Cortot, Jacques Thibaud, Ginette Niveu und Denise Soriano frequentierten.

Wo sie einst lebten, verraten heute Plaketten auf den Fassade. Initiative des Vereins „Les Amis de Bourron-Marlotte“, das heute offiziell zu den Villages de Caractère gehört. Bis heute leben und arbeiten Künstler in Bourron-Marlotte.

Die Werke der Maler

Einer von ihnen –  Charles Moreau-Vauthier  – überzeugte 1906 von Bürgermeister Alexandre Coutor, im Rathaus ein kleines Museum einzurichten. Bereits ein Jahr später, 1907, öffnet im Hôtel de Ville das Musée de Bourron-Marlotte seine Pforten. Ausgestellt waren 70 Werke, die Moreau-Vauthiers Freunde gespendet hatte, darunter Henri de Sachy, der ebenfalls im Dorf lebte.

Inzwischen ist die Sammlung auf 190 Werke angewachsen. Zu den wichtigsten Malern, die ihr dort entdecken könnt, gehören Arthur Héseltine, Auguste Allongé, Armand Point und Eugène Cicéri. Zwei Werke als historische Zeugnisse geschützt , „La fille de Jephthé (Öl, 1836) von Henri Lehman und „L’espérance et la douleur“ (Zeichnung, ca. 1792) von Armand Point.

Die Wurzeln des Lebens

Für das Gros der Werke zogen die Maler mit Staffelei und Farben hinaus in die Natur, hin zum Sujet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Freilichtmalerei die Arbeitsweise, die die Künstler begeisterte. Raus aus der Stadt, rein ins Landleben. Die Wurzeln spüren. Das Authentische erleben. Und angesichts der Natur still werden und staunen –- über die Abendruhe am See, die gestapelten Steine im Wald, dem geraden Wuchs der Buchen, dem Wogen des Weizen auf den Feldern.

Geradezu überwältigt waren die Maler von der Fülle der Motive, die ihnen das fremde Leben  vor den Türen der Hauptstadt bot. Wenn sie nicht plein-air malten, draußen an der freien Luft , versuchten sie, das natürliche Licht in ihrem Atelier einzufangen. Viele Fenster sind daher gen Norden ausgerichtet.

Gérard Depardieu ist Stammgast bei Sihem und Sacha von La Marmotte. Foto: Hilke Maunder

Von Nîmes nach Bourron

Besucht einmal das Künstleratelier von Charles Delort (1841 – 1895)! Es wurde 2015 renoviert, als die Gemeinde das Nachbarhaus (Maison Leclerc) verkaufte. Der gebürtige Südfranzose war mit zwölf Jahren in die Marineschule gesteckt worden.

Doch sein Zeichenlehrer in Lorient entdeckte sein Talent. Er ermutigte den jungen Mann, nach Paris zu gehen und sich im Atelier von Marc-Charles-Gabriel Gleyre und an der Kunsthochschule bei Jean-Léon Gérôme als Maler ausbildet zu lassen.

1886 kam Delort nach Bourron, wohnte erst in der Rue Murger und kaufte dann in Marlotte die Hofstelle „La Nicotière“. Dort malte er Landschaften, komponierte historische Szenen und schuf anekdotische Genreszenen, alles immer ganz eklektisch im Stil.

Nicht verpassen sollte ihr auch die Dorfkirche Église Saint-Sévère. Sie ist dem Heiligen Severus (346-389), Bischof von Ravenna., und Saint-Avoye, einem Märtyrer aus dem 5. Jahrhundert, geweiht. Saint-Sévère gehört zu den ältesten Kirche auf dem Plateau des Gâtinais – und erhielt 2013 eine deutsche Orgel!

Was das Meer zurück ließ…

Das Dorf umgibt die Forêt de Fontainebleau. Das ehemals königliches Jagdgebiet ist heute ein wunderschönes Gebiet zum Wandern. Zu ihren Naturschönheiten wie den Maré aux Fées, einen idyllischen Teich, wo gelbe Iris im Frühling blüht, führt der blau markierte Wanderweg N11 blau.

Im Herzen des zweitgrößten Staatswaldes von Frankreich versteckt sich die Plaine Verte, offenes Grasland  – vom Felschaos habt ihr den besten Blick!

Es entstand vor rund 35 Millionen Jahren, als nicht ein Wald, sondern ein Meer die Forêt de Fontainebleau bedeckte und seine Sedimente ablagerte. 50 m dick ruht dort der weiße Sand. Seine Quarzkörner verklebten sich mit Kieselgel und verwandelten sich in Felsen. Ihre bizarren Formen erinnern an Tiere und Fabelwesen.

Besonders berühmt wurde der Bilboquet in den Sables du Cul de Chien bei Noisy-sur-École. Insgesamt bedecken die Felsen fast 4.000 Hektar. Sie bilden dabei lange, fast parallele, orientierte Ost-Süd-Ost-, West-Nord-West-Ketten, die an beiden Enden offene Täler trennen. Noch heute besteht der
Waldboden bis zu 98 Prozent aus Sand. Es ist daher sehr durchlässig.  Eichen, Waldkiefern und Buchen lieben solche Böden!

Morgens duftet es herrlich aus dieser Bäckerei. Foto: Hilke Maunder

Bourron-Marlotte: meine Reisetipps

Schlemmen

Le Bijou-Bar

• 17, rue Henry Murger, Tel. 01 64 45 91 68

Le Bistro du Broc

• 5, rue Henry Murger, Tel. 01 64 45 64 43, www.lebistrotdubroc.com

Le Martingo

• 59, rue du Général de Gaulle, Tel. 01 64 78 31 28

Les Prémices

• 12, avenue Blaise de Montesquiou, Tel. 01 64 78 33 00, www.restaurant-les-premices.com

Romantisch: das Bett unterm Dach – mit eigener Terrasse. Foto: Hilke Maunder

Schlafen und schlemmen

Château de Bourron*

Sehr nobles Anwesen mit 15 nostalgisch-edlen Zimmer in einem  Schloss aus dem 17. Jahrhundert, das auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Festung ruht.
• 16, avenue Blaise de Montesquiou, 77780 Bourron-Marlotte, Tel. 01 64 78 39 39, www.bourron.fr

La Marlotte*

Mitten im Wald von Fontainebleau versteckt sich die zweite berühmte Künstlerkolonie neben Barbizon: Bourron-Marlotte. Dort findet ihr eine wunderschöne Villa mit bester Küche, kuscheligen Zimmern und romantischem Innenhof. Gérard Depardieu ist Stammgast! Und hat sich auf der Wand des Speisesaals verewigt.
• 35 Bis, Rue Henry Murger, 77780 Bourron-Marlotte,  Tel. 01 64 45 64 21, www.la-marlotte.com

Altes Interieur, topmoderne Leuchten: der Speisesaal von La Marmotte. Foto: Hilke Maunder

Noch mehr Betten*
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Per Rad

Bourron-Marlotte liegt ganz in der Nähe der Scandibérique. Radelt vom Loing-Kanal in Montcourt-Fromonville ins Dorf.

Per Auto

Parkplätze findet ihr am Bahnhof,  am Ortseingang an der D 58 sowie im Dorfzentrum hier:
• rue Villée de Saint El
• avenue Jules Duquesne
•50,rue du Général de Gaulle
•place M. Boch

Weiterlesen

Mein Reiseführer: Baedeker Paris*

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich ihn neu getextet, mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm gefeilt: „meinem“ Baedeker „Paris“, der in der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen ist.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“ schrieb die Hamburger Morgenpost über den Band, der neben allem Sehenswerten ganz besonderen Wert legt auf besondere Augenblicke und Erlebnisse.

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