Briefe aus Saint-Paul: Der Ruf der Nacht

Hahn und Henne in Saint-Just-et-le-Bézu. Hilke Maunder
Hahn und Henne in Saint-Just-et-le-Bézu. Hilke Maunder

Cocorico! Cocorico! Bis ins Mark erschüttert der Schrei die nächtliche Stille. 3 Uhr zeigt der Wecker. Pechschwarz ist die Nacht. Doch… huschen da nicht schon die ersten Sonnenstrahlen über die Felsspitzen meines Tales? Cococorico! Cococorico!

Dann wieder Stille. Fünf Minuten lang. Bis plötzlich eine Tür knarzt. Schritte zu hören sind. Schlurfend. Hautnah kommen sie durch das geöffnete Fenster ins Schlafzimmer. In Puschen auf Filz, ausgetragen in vielen Jahren, schleicht mein Nachbar zur Volière.

Cocorcorico statt Kikeriki

Er öffnet sie, wirft Futter hinein. Schlurft zurück, schließt die Tür. Cococorico! Cococorico! Jetzt hat der Hahn sich aufgeplustert, krakelt und schreit. Los, ihr Hennen, werdet wach! Ein Scharren beginnt. Hennen picken, flattern umher, streiten sich ums hingeworfene Korn.

Ich mache mir einen Kaffee und erlebe am frühen Sommermorgen Landleben in meiner kleinen Stadt.

Auf Antrag einiger Nachbarn und Beschwerden von Gästen, die hier Wanderurlaub machten, musste mein Nachbar zwei Hähne schlachten. Drei Gockel für 22 Hennen seien zu viel, gab das Gericht den Klagen nach.

Ländlicher Lärm als Welterbe?

Seit Donnerstag, 30. Januar 2020, gibt es Gegenwind. Die französische Nationalversammlung per Gesetz das „sinnliche Erbe der Landschaft“, und damit die typischen Geräusche und Gerüche der ländlichen Gebiete unter Schutz gestellt.

Für Bruno Dionis du Séjour ist dies ein Sieg. Der Bürgermeister von Gajac (Gironde) hatte über Frankreich hinaus für Schlagzeilen gesorgt, weil er den „ländlichen Lärm Frankreichs“ als immaterielles Welterbe von der UNESCO anerkannt sehen wollte.

Glockenläuten, Hahnenkrähen, Kuhdung und Pferdeäpfel gehören einfach zum Landleben dazu, so das Unterhaus des französischen Parlaments.

Sinnliches Landleben geschützt

Der Gesetzentwurf reagiert damit auf mehrere Fälle, die in den letzten Jahren für Klagen sorgen. Berühmtester Streitfall der jüngsten Zeit war das Hahnenkrähen von Maurice auf der Île d’Oléron.

Am Donnerstag, 5. September 2019, fiel dort das Urteil zugunsten des Gockels aus. Das Magistratsgericht Rochefort verdonnerte die Klägerin mit Zweitwohnsitz in Saint-Pierre d’Oléron, der Hahnhalterin Corinne Fesseau 1.000 Euro Schadenersatz zu zahlen.

Aber auch Pferdemist im Elsass sorgte für reichlich Ärger. Besonders Urlauber und Zugereiste, die meist den Stress der Stadt gegen die vermeintliche Ruhe auf dem Land getauscht hatten, zogen vor Gericht. Ihre Klagewelle hatte so manch einen Bürgermeister veranlasst, am Ortsschild  Warnhinweise anzubringen.

Die Anwendung und Umsetzung des Gesetzes zum Schutz des sinnlichen Erbes der Landschaft obliegt den 101 Départements in Frankreich. Dort legen die Präfekturen fest, welche Regionen ländlich und welche Gerüche und Geräusche typisch sind – und damit schützenswert.

Kulturelle Identität: erhaltenswert!

Das Gesetz wurde einstimmig angenommen. Es zielt nicht nur darauf ab, die kulturelle Identität der Gebiete zu studieren und zu bewerten, sondern nahm erstmals auch den Begriff der anormalen Nachbarschaftsstörung in das Zivilgesetzbuch auf.

Kaum verabschiedet, hat das Gesetz große Zustimmung von den Bürgermeistern erhalten. Auch bei Pascal Lavergne aus dem Département Gironde. Bei ihm waren es die vielen Frösche, die mit ihrem nächtlichen Quaken für viel Ärger gesorgt hatten…

Neue Blogparade: Briefe aus Saint-Paul! In dieser Reihe stelle ich Momentaufnahmen aus meiner Wahlheimat vor.

Ganzjährig draußen: dieser Bulle aus Granès. Foto: Hilke Maunder
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6 Kommentare

  1. Nicht nur französische Dörfer haben Hühner – und Hähne! Aber hier, im Herzen Rheinhessens, bin ich wohl die einzige, die innerorts noch Hühner hält. Drei Hennen und Roberto: Ein stolzer Bresse-Hahn, weiß, mit blauen Beinen, wie sich das gehört. Und er kräht zweisprachig. Die Nachbarn finden´s OK.

  2. Das erinnert mich an die Etancheauds an der Gironde, die Hühner hatten, von denen eines stets den Kopf schüttelte, wenn unsere Söhne, damals fünf und sieben Jahre alt, „Huhn!“ riefen. Ob Etancheauds noch Hühner haben? Ob wieder ein Kopfschütteler dabei ist? Ob der große Kirschbaum noch steht, den die Vögel trotz herrlich reifer Früchte nicht anflogen?Ist lange her. Wie gerne führe ich mal wieder hin!

  3. Eine sehr gute Sache. Es wurde höchste Zeit, dass sich jemand dieser „unzumutbaren ländlichen Lärmbelästigung“ annimmt. Meine Hochachtung an die schlauen Richter. Wer ein steriles Landleben will soll eigentlich nicht aufs Land ziehen. Hoffentlich macht dieses Beispiel überall Schule.

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