Mein Frankreich: Brigitte Schmidt

Am See in Clairvaux-les-Lacs im Jura. Foto: Brigitte Schmidt
Am See in Clairvaux-les-Lacs im Jura. Foto: Brigitte Schmidt

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellt Brigitte Schmidt ihr Frankreich vor.


Späte Liebe

Mein Verhältnis zu Frankreich war nicht immer ungetrübt. Meine Mutter liebte Frankreich, obwohl sie selbst nie dort war, und schickte mich bereits als Kindergartenkind in einen Französischkurs, wo ich einfache Wörter lernte. Aber ich fühlte immer eine starke innere Abwehr, vor allem als ich dann in der Schule Französisch bekam. Die Lehrerin, eine recht rabiate Französin, war so gar nicht nach meinem Geschmack, und ich hangelte mich nur mit Ach und Krach durch die Prüfungen.

Schließlich wechselte ich zum Leidwesen meiner Mutter auf den humanistischen Zweig und war froh, diese komische Sprache mit all diesen komischen Leuten in ihrem komischen Land hinter sich zu lassen. Meine Mutter fragte mich einmal: Was machst du, wenn du mal einen Franzosen kennenlernst und nach Frankreich willst? Und ich sagte vollmundig: Das wird niemals passieren!

Tatsächlich war für mich das Land viele Jahre lang wie mit einem inneren Tabu belegt. Ich war bereits über 30, als ich das erste Mal nach Spanien flog. Da dachte ich mir: Nun sehe ich Frankreich zumindest mal von oben. Es herrschte klare Sicht über Deutschland. Aber sobald der Rhein auftauchte, zog eine dichte Wolkendecke auf, und ganz Frankreich war in Nebel gehüllt, der sich erst wieder in Barcelona lichtete. Es sollte einfach nicht sein.

Ein altes Haus in Périgueux, Dordogne. Foto: Brigitte Schmidt
Ein altes Haus in Périgueux, Dordogne. Foto: Brigitte Schmidt

Mein erster Besuch ergab sich dann aber dennoch spontan über einen buddhistischen Lama, für den ich mich interessierte. Ein Freund bot mir eine Mitfahrgelegenheit an und wir fuhren Richtung Lyon. Den genauen Ort weiß ich nicht mehr. Nur dass ich erstaunt war, dass vor allem die männliche französische Spezies äußerst charmant sein konnte. Keine Spur von boche oder irgendeiner Abneigung aufgrund meiner Herkunft.

Ab dann ergab sich öfters mal ein kurzer Besuch, Annecy, Lons-le-Saunier, Montpellier, Paris und andere, und ich konnte nichts Schlimmes oder Ungewöhnliches mehr an diesem Land finden. Mehrere Jahre lebte ich dann nahe der Grenze am Genfer See in der Schweiz. Am ersten August, dem Schweizer Nationalfeiertag, konnte man von dort aus immer genau sehen, wo Frankreich lag. Da war es am See nämlich dunkel und ruhig, und weit und breit kein Feuerwerk zu sehen.

Einmal besuchte mich meine Mutter und wir nahmen das Schiff nach Évian-les-Bains, damit sie wenigstens einmal in ihrem Leben französischen Boden betreten hatte. Es war ein schöner Tag mit einem Foto unter einem französischen Nationaldenkmal mit der Trikolore-Flagge als Beweis. Es sollte leider auch ihr einziges Mal geblieben sein.

Das Blatt wendete sich, als ich die Möglichkeit erhielt, in ein kleines buddhistisches Zentrum in den französischen Jura zu ziehen. Nun war ich sozusagen au fond du cœur, und meine schlechten Französischkenntnisse rächten sich, da nur wenige Menschen, und das leider nur meist sehr bruchstückhaft, Englisch sprachen. Überrascht war ich, dass man aber gerade unter der älteren Generation Leute findet, die ausgezeichnet Deutsch sprechen. Etliche von ihnen haben sogar mal einige Jahre in Deutschland gewohnt und gearbeitet.

Die Aussicht von meinem Garten im Périgord, Dordogne. Foto: Brigitte Schmidt.
Die Aussicht von meinem Garten im Périgord, Dordogne. Foto: Brigitte Schmidt.

Obwohl ich meist eher zurückgezogen lebte, lernte ich in dieser Zeit dennoch einige Menschen kennen und fand schließlich auch ein paar gute Freunde, auf die ich mich immer verlassen kann. Die meisten Franzosen sind einfach ganz normale Menschen mit ihren Macken und Alltagssorgen, wie bei uns eben auch.

Trotzdem bemerke ich natürlich auch immer wieder mentale Unterschiede zu uns Deutschen: der größere Hang zum Chaos, die Neigung zum Schwadronieren ohne zum Punkt zu kommen, der große Stolz sich keiner äußeren Macht zu beugen (der Hahn ist nicht umsonst das französische Wappentier). Und: Kritisiere niemals einen Franzosen, oder du hast einen Feind für das ganze Leben. Deutsche und französische Streitkultur sind sehr unterschiedlich und gerade die Französinnen manchmal für mein deutsches Gefühl etwas “hintenherum”.

Trotzdem habe ich auch immer wieder  Überraschungen erlebt, zum Beispiel mal einen Franzosen, der Veranstaltungen top und mit erstaunlicher Disziplin organisieren konnte. Als ich ihm sagte, dass jeder Deutsche noch von ihm lernen könne, freute er sich sehr über dieses Kompliment von “fachkundiger” Seite.

Mein bestes Erlebnis in Sachen savoir-vivre machte ich einmal in einem Zug: Ich hatte einen TGV gebucht, fand ihn auch gleich nach dem Umsteigen auf dem richtigen Bahnsteig. Als ich dann im richtigen Wagen auf dem reservierten Platz saß, kam ein Franzose und stellte fest, dass er den gleichen Sitzplatz gebucht hatte. Ich beharrte auf meinen Platz und zeigte mein Ticket.

Er setzte sich danach nur ruhig woanders hin. Plötzlich bemerkte ich eine Unstimmigkeit in der Abfahrtszeit und stellte fest, dass ich einen Zug früher erwischt hatte. Natürlich packte ich sofort meine Sachen und entschuldigte mich bei dem Mann. Der war nur ganz relaxt und freundlich und sagte, dass er sich so etwas schon gedacht habe. Nun stelle man sich eine solche Situation in einem deutschen Zug vor. Was wäre das für ein Zeter- und Mordiogeschrei geworden!

Nach neun Jahren buddhistischen Zentrumslebens im Jura entschied ich mich wieder für einen privaten Wohnort in Frankreich. Nun lebe ich an einem wunderschönen Plätzchen in der Dordogne, im Périgord. Auch die französischen Charmeure sind mit meinen zunehmenden Lebensjahren etwas älter geworden,  und vor allem ein sehr guter Freund ist mir geblieben.

?- Foto: Brigitte Schmidt
Foto: Brigitte Schmidt

Wir teilen die gleichen Interessen und besuchen gern historisch spannende Plätze. Ich war schon öfters bei seinen Eltern in Châteauroux zu Besuch und konnte ihm dafür auch einige interessante Gegenden und Orte in Deutschland zeigen. Und gerade das Périgord ist da natürlich besonders spannend. Meine Französischkenntnisse sind leider immer noch etwas armselig geblieben, aber irgendwie gefällt es mir auch, ein bisschen, aber nie ganz dazuzugehören.

Ich lebe gern zurückgezogen und interessiere mich wenig für Alltagsblabla, egal in welcher Sprache. Natürlich kann ich mich verständigen und auch in etwa ausdrücken, was ich möchte. Meine französischen Freunde sprechen zum Glück sehr gut Englisch und helfen mir auch bei komplizierteren Dingen wie jetzt etwa bei der Coronaimpfung.

Leider gibt es im Moment unter der leidigen Pandemie und den vielen Ausgangsbeschränkungen keine Möglichkeiten, historische Orte zu erkunden. Glücklicherweise ist aber mein jetziger Wohnort traumhaft schön und so lässt sich die Zeit gut aushalten. Trotzdem warten meine Freunde und ich schon sehnlichst darauf, endlich wieder einmal zusammen irgendwo in einem gemütlichen Café einen Cappuccino zu trinken.


Der Beitrag von Brigitte Schmidt ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken.

Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in ORIGINALGRÖSSE und möglichst im QUERFORMAT.

Sind es viele, sendet die Bilder bitte kostenfrei und zuverlässig per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht. Derzeit gibt es rund vier Wochen Vorlauf.

Merci fürs Teilen!

3 Kommentare

  1. Liebe Brigitte,
    eine schöne und außergewöhnliche Geschichte, die Dich nach Frankreich geführt hat! Für ein zurückgezogenes Leben nach buddhistischen Vorstellungen ist das Périgord bestimmt eine der geeignetsten Gegenden.
    In meiner Familie war übrigens mein Vater der Frankreich-Liebhaber: Er war Winzer im badischen Fankenland und wäre gerne “viticulteur” z. B. an der westlichen Loire gewesen. Die Art und Weise des französischen Weinausbaus war immer sein Vorbild. Wein war in Frankreich schon immer auch Kulturgut, bei uns ist dieses Bewusstsein erst in den letzten Jahren gewachsen – und hoffentlich nicht nur eine kurzfristige Modeerscheinung!
    Viele Grüße von der Côte d’Azur – wo es abseits der ausgetretenen Touristenpfade zum Glück auch noch Rückzugsort gibt !
    Adèle

  2. Bonjour Brigitte,
    dein Beitrag hat mir sehr gut gefallen. Ich habe hier vor längerer Zeit auch einen Beitrag über „MEIN FRANKREICH“ veröffentlich. In meinem Leben war es genau umgekehrt. Ich habe schon seit meiner Schulzeit Interesse an Frankreich und der französischen Sprache und arbeitete nach meiner Schulzeit einige Zeit in Paris. Da ich mich für Kinder entschieden habe, konnte bzw. wollte ich meinen Frankreichtraum nicht verwirklichen. Die Kinder sind jetzt erwachsen und mein Mann und ich fahren mindestens einmal jährlich nach Frankreich, wo wir sehr nette Freunde gefunden haben und uns dort immer sehr wohl fühlen. Liebe Grüße, geniesse das savoir vivre

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