Bruneval: der erste Sieg
Die Nacht liegt schwer über den Kreideklippen der Alabasterküste bei Saint-Jouin-Bruneval. Kein Mond, nur das dumpfe Rauschen der Brandung durchbricht die Stille. Dann, kurz nach Mitternacht, fallen die ersten Fallschirme lautlos aus dem schwarzen Himmel. Britische Soldaten landen auf dem nassen Gras am Cap d’Antifer. Es ist die Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1942 – und was hier beginnt, wird als Operation Biting in die Geschichtsbücher eingehen.
Das Ziel liegt prominent auf den Kreideklippen: die Villa Stella Maris, ein nobles Herrenhaus, das die Deutschen als Wachposten nutzen. Umgeben von Bunkeranlagen des Atlantikwalls, thront es bei Bruneval über dem Meer wie ein Adlerhorst. Doch es geht nicht um die Villa. Es geht um das, was nördlich davon steht: das Würzburg-Funkmessgerät.
Das Radar, das die Wehrmacht sehen ließ

Telefunken hat das mobile Funkmessgerät im Dezimeterwellen-Bereich entwickelt. Die Wehrmacht setzt es in großem Umfang ein – zur Führung ihrer Nachtjäger, beim Einsatz der Flak. Es ist das technische Auge der deutschen Luftabwehr. Und genau deshalb wollen die Alliierten es haben.
Einige Stunden zuvor hat bereits eine australische und britische Flottille bei ruhiger See die Überquerung des Ärmelkanals begonnen. Französische Widerstandskämpfer haben zuvor die deutschen Telefonleitungen gekappt. Keine Verstärkung soll kommen. Alles läuft nach Plan.

Der Angriff kommt völlig überraschend. Die Deutschen sind unvorbereitet. Flight Sergeant C. W. H. Cox von der R.A.F. arbeitet unter schwerem Beschuss mit seinem Team fieberhaft an der Radaranlage. Sie fotografieren, sie demontieren. Sender, Empfänger, Impulsgerät, Zwischenfrequenzverstärker – alles muss mit. Statt der geplanten 30 Minuten bleiben nur 10. Doch es reicht.
Mit Landungsbooten der Royal Navy kehren die Fallschirmjäger über den Ärmelkanal nach Großbritannien zurück. Die Mission ist geglückt. Die Auswertung der erbeuteten Technik liefert wichtige Informationen über den Stand der deutschen Radartechnik. Das gewonnene Wissen kommt zum Einsatz – im Juli 1943, bei den Luftangriffen der Operation Gomorrha gegen Hamburg. Erstmals gelingt es den Alliierten, die Würzburg-Geräte wirksam zu stören. Die Flugabwehr der Hansestadt wird schwer beeinträchtigt. Major John Frost hat das Oberkommando über die Operation.
Ein Ort wird zum Symbol

Bruneval markiert den ersten Sieg der Alliierten im besetzten Frankreich. Ein kleiner Küstenort, plötzlich von historischer Bedeutung. Zwei Jahre nach Kriegsende, am 30. März 1947, spricht General de Gaulle hier zu 20.000 Menschen. Der Ort ist symbolträchtig gewählt.
Vor Widerstandskämpfern und Deportierten betont de Gaulle die Bedeutung des Widerstands. Er habe es Frankreich ermöglicht, siegreich aus dem Zweiten Weltkrieg hervorzugehen.
Die tiefen Spaltungen der Vergangenheit verschweigt der General in seinem Discours de Bruneval. Ebenso die Niederlagen. De Gaulle verweist auf die Siege – und bereitet die Gründung des Rassemblement du Peuple Français ( RPF ) vor, das sich im April 1947 formiert. Die Partei de Gaulles besteht bis 1955.
Die Helden des Mémorial de Bruneval

Seit 2012 erinnert eine Gedenkstätte an den Angriff. Am 70. Jahrestag der Operation Biting wurde sie eingeweiht. Architekt Bruno Saas entwarf die Anlage mit drei Bereichen: einer 20 Meter langen Wand der Erinnerung, die vom Ablauf des Einsatzes berichtet. Ein Denkmal, das den britischen Truppen und dem französischen Widerstand gewidmet ist. Und eine Treppe – 130 Stufen für die 130 Männer von Major Frost, die an dem Einsatz teilgenommen hatten.
La Résistance a finalement et pendant un temps forgé de nouveau la solidarité française, en sauvant non seulement le présent mais aussi l’avenir de la nation, en faisant renaître en elle la conscience de son unité.
Die Résistance hat letztendlich und für eine gewisse Zeit die Solidarität der Franzosen wieder gestärkt, indem sie nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft der Nation rettete und ihr Bewusstsein für ihre Einheit wiederbelebte.
Die Gedenkstätte fügt sich harmonisch in die Landschaft ein. Vom Klippenrand schweift der Blick über den Ärmelkanal. An klaren Tagen reicht er weit hinaus aufs Meer. Hier oben spürt ihr die Kraft des Windes, hört die Möwen kreischen. Die Geschichte wirkt greifbar nah.

Die Kreideklippen der Normandie
Bruneval liegt eingebettet in eine der spektakulärsten Küstenlandschaften Europas. Die Alabasterküste verdankt ihren Namen den hellweißen Kreidefelsen, die sich Le Havre an der Seine-Mündung vorbei an Le Tréport bis nach Ault den Ärmelkanal entlang ziehen. Weiter nördlich folgen der Habit d’Ault mit dem Parc de la Marquenterre in der Picardie und die Baie de Somme.

Die Kreidefelsen ragen bis zu 120 Meter hoch aus dem Meer auf. In Tréport erreichen sie diese beeindruckende Höhe, bei Fécamp imponieren sie mit 126 Metern, in Étretat mit knapp 90 Metern. Die Klippen bestehen aus Kalkstein- und Flintlagen – sie zeigen sich in weißen und schwarzen Streifen und fanden als Baumaterial Eingang in die Architektur.

Felsen, vom Meer geformt
Wind und Wellen nagen beständig an den Kreideklippen. Sie weichen langsam zurück und bilden Trockentäler ( valleuses ) und verträumte Buchten, die nur bei Ebbe zugänglich sind. Frost, Regen und die Gezeiten formen bizarre Felsformationen: Tore, Felsspitzen, Höhlen. Das Meer umspült die Klippenbasis zweimal täglich bei Flut. Dabei brechen regelmäßig Stücke ab. Der Feuerstein wird durch Wellen und Wind glatt geschliffen – so entstehen die typischen Kieselstrände dieser Küste.

Epte, Bresle, Béthune und ein Dutzend anderer Wasserläufe haben Täler in den Kalk gegraben. Die Veules mündet nach gut einem Kilometer bei Veules-les-Roses ins Meer – Frankreichs kürzester Fluss. Doch auf dieser kurzen Strecke bewältigt der Bach Enormes: Er bietet Forellen beste Lebensbedingungen, bewässert Kresseplantagen, treibt mächtige Mühlräder an. Elf waren es einst.

Die Farben der Küste wechseln mit Licht und Wetter. Von Weiß über Grau und Blau bis hin zu Grün reicht die Palette. Bei Sturm peitscht die Gischt meterhoch empor. Im Herbst donnern gewaltige Brecher gegen die Felsklippen und nagen an ihrer Basis. Im August 2025 stürzten bei Petites Dalles mehrere Tausend Tonnen Gestein an einer 40 bis 50 Meter hohen Klippen krachend auf den darunterliegenden Strand. Auch bei Saint-Martin-aux-Buneaux kam es 2025 zu einem etwa 100 Meter breiten Felssturz.

Künstlerblicke auf weiße Felsen
Die urgewaltigen Klippen und Felsformation der Alabasterküste inspirieren seit Jahrhunderten Maler und Literaten. Eugène Boudin, Camille Corot, Gustave Courbet, Eugène Delacroix, Claude Monet, Félix Vallotton – sie alle verewigten die Kreidefelsen auf ihren Leinwänden. Auch der Dichter Guy de Maupassant verkehrte hier. Maurice Leblanc inspirierte mit seinen Arsène-Lupin-Geschichte sogar Netflix. Seit der Serie Lupin kennt die Welt die Felsen von Étretat. Doch nach Bruneval verirrt sich kaum jemand.

Bruneval: meine Reise-Infos
Hinkommen
ÖPNV
Wer ohne Auto anreist, erreicht Saint-Jouin-Bruneval am besten über Le Havre. Die Hafenstadt ist mit dem TGV von Paris aus in etwa zwei Stunden zu erreichen. Von der Gare du Havre verkehrt die Buslinie des Verkehrsverbunds LIA (früher Bus Océane) regelmäßig nach Saint-Jouin-Bruneval. Die Fahrt mit der Linie, die die Strecke Le Havre Gares – Étretat Gare bedient, dauert etwa 19 Minuten bis zur Haltestelle Mairie Saint-Jouin. Die Busse fahren stündlich.
Von Étretat aus verbindet eine weitere Buslinie des Transport LIA das berühmte Kreideklippendorf mit Saint-Jouin-Bruneval. Die Fahrt ab Haltestelle Le Grandval dauert etwa 25 Minuten und verkehrt stündlich. Auch diese Verbindung ist Teil des regionalen Verkehrsnetzes Lignes de Normandie.
Aktiv

Wandern – der Küstenpfad ruft
Die Alabasterküste ist ein Paradies für Wanderer. Der Fernwanderweg Grande Randonnée GR21 führt über rund 190 Kilometer von Le Havre bis Le Tréport. Er verläuft teilweise direkt entlang der Küste, bietet spektakuläre Ausblicke und führt durch die charakteristischen valleuses – jene kleinen Täler, die die Klippen durchbrechen.
Von Bruneval aus auf Tour
Von der Gedenkstätte in Bruneval führt der sentier littoral in beide Richtungen entlang der Küste. Richtung Norden erreicht ihr nach etwa sieben Kilometern Étretat mit seinen berühmten Felsentoren Porte d’Aval und Porte d’Amont sowie der 51 Meter hohen Aiguille – der Felsnadel, die Maurice Leblanc in seinem Roman L’Aiguille Creuse unsterblich machte.
Richtung Süden führt der Küstenpfad vorbei am Cap d’Antifer mit seinem markanten Leuchtturm zur Plage du Fourquet. Das Ölterminal von Antifer, das von 1973 bis 1975 gebaut wurde, ist der zweitgrößte Ölhafen Frankreichs. Supertanker von bis zu 600.000 Tonnen können hier entladen.
Beide Wanderungen verlangen Trittsicherheit, besonders bei Wind und Wetter. Bitte verlasst nicht den Pfad, um näher an den Klippenrand zu kommen – die Klippen sind launisch, Steinschlag und Klippenabbrüche sind Alltag.
Tipps für Wanderungen auf der GR 21
- Festes Schuhwerk ist Pflicht, die Wege können rutschig sein
- Bei Sturm solltet ihr die Klippenwanderung verschieben
- Ausreichend Wasser mitnehmen, Einkehrmöglichkeiten sind rar
- Fernglas nicht vergessen – Seevögel und Schiffe bieten tolle Motive
- Die besten Lichtverhältnisse für Fotos gibt es morgens und abends
- Im Herbst und Frühling ist die Küste besonders stimmungsvoll
Für kürzere Ausflüge bietet sich die Valleuse de Bruneval an – ein kleines Tal, das als Rückzugsgebiet für Tier- und Pflanzenwelt dient. Hier wachsen Farne wie der Skolopenderfarn. Am Ende des Damms befindet sich ein Denkmal zur Geschichte des Ortes. Das Gebiet steht unter Schutz des Conservatoire du Littoral.
Schlemmen und genießen
La Frite d’Or

Im Rücken die weißen Kreideklippen der Alabasterküste, im Blick das Meer. Vor den Füßen: der breite Kieselstrand von Saint-Jouin-Bruneval, der bei Ebbe sogar einen kleinen Sandstreifen zeigt. Fast nur Einheimische verirren sich hierher.
Sie würdigen die Kais von Cap Antifer, die Supertanker von bis zu 600.000 Tonnen aufnehmen können, kaum eines Blickes. Sondern kennen nur ein Ziel: das Strandlokal La Frite d’Or von Florence Delacotte. Nur einen Steinwurf entfernt von Frankreichs zweitgrößtem Ölhafen schlemmen sie im besten Muschelrestaurant der nördlichen Normandie. In La Frite d’Or sind die Fritten so knusprig und golden, wie der Name des Lokals es verspricht.
In der Normandie paaren sie sich an der Küste traditionell mit moules, frischen schwarzen Miesmuscheln mit gelb-orange leuchtendem Fleisch. Seit Hunderten von Jahren sind sie fest in der Küche der Normandie verankert. Wie in der benachbarten Bretagne werden sie nicht nur aus dem Meer gefischt, sondern auch an Stangen, den bouchots, bereits seit dem Jahr 1235 gezüchtet.

Das Küstenmahl moules frites dekliniert man hier in vielen verführerischen Variationen. Beim Klassiker Moules Marinières garen die Muscheln in einer Brühe aus Weißwein, Essig, Zwiebeln und Petersilie. Dieses Grundgericht ist so köstlich wie kalorienarm. Doch die Normandie liebt Sahne und Cidre. Das macht die Muscheln zu einer opulenten Mahlzeit.
Für die Moules Normandes ersetzt crème fraîche den Essig, bei den Moules au Cidre wandern neben Apfelwein noch Schinkenstreifen in die Soße. Gerne kombiniert Madame auch den Grundmix für moules frites mit Käse. – bei den Moules au Roquefort mit Blauschimmelkäse, bei den Moules au Boursin mit Kräuterfrischkäse. Und natürlich stets mit crème fraîche. Exotischer sind ihre Moules à l’espagnole, wo die Meeresfrucht sich mit Chorizo und Tomaten paart. Bei den Moules au Curry sorgt die indische Gewürzmischung für eine exotische Note. Und jedes Muschelgericht für satte, glückliche Zufriedenheit am Klippenstrand.
• am Strad, 76280 Saint-Jouin-Bruneval, Tel. 02 35 20 26 14, https://restaurant-la-frite-d-or.webnode.fr
Hier könnt ihr schlafen
Camping
Wer den ersten Kaffee des Morgens an der frischen Luft genießen möchte, findet entlang der Alabasterküste mehrere Campingplätze. Der Camping du Grand Hameau liegt in der Nähe, weitere Plätze gibt es in Étretat und Fécamp.
Chambres d’hôtes Fleur de Soleil*
Die erste Adresse in Saint-Jouin-Bruneval ist das Gästezimmer Fleur de Soleil. Die Gastgeberin ist sympathisch, die Betten sind gut, das Frühstück ist opulent. Die Zimmer sind geschmackvoll eingerichtet, vom Fenster schweift der Blick über die normannische Landschaft. Hier* könnt ihr euer Bett buchen.
• 4, chemin Paul Albert Besnard, 76280 Saint-Jouin-Bruneval, Tel. mohil 06 28 22 61 79
Noch mehr Betten*

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Im Blog
Welche Ziele noch an der Alabasterküste locken, verrät dieser einführende Beitrag. Alle Beiträge aus dem Département Seine-Maritime vereint diese Kategorie.
Im Buch
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Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.
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Normandie: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*
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