Neue Bücher aus und über Frankreich
Diese Bücher sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Ein Blick auf vier erstaunliche Werke, die den Geist Frankreichs auf ganz eigene Weise einfangen.
Immer mehr literarische Stimmen aus Frankreich finden den Weg in den deutschen Sprachraum – übersetzt mit einem Gespür für jene feinen Nuancen, die das französische Lebensgefühl so unverwechselbar machen. Ob bildstarke Spielarten der Liebe, leise Fabeln über die Heilkraft der Poesie oder die grünen Winkel der Seine-Metropole:
Die Bandbreite dieses Quartetts ist so abwechslungsreich wie das Land selbst. Sie fangen den Geist Frankreichs auf ganz eigene Weise ein. Wie auch der Bestseller Feu* von lese ich immer wieder gerne. Und genau dort spielt mein erster Buchtipp. Es beginnt in einer Pariser Opiumhöhle…
Colette, Das Reine und das Unreine*

Dort begegnet die Erzählerin Charlotte einer Frau, die ihrem sehr jungen Liebhaber offenbar Lust oder ihre Vorstellung von Lust vorspielt. Aus dieser Beobachtung heraus folgt eine Analyse „körperlicher Freuden“ als Galerie von Figuren und Situationen: Ein alternder Don Juan (Damien) berichtet von seinen Eroberungen, die Dichterin Renée Vivien, wie Alkohol und Selbstzerstörung ihre Existenz prägen, Colette von eigenen Erfahrungen mit ihrer Geliebten Mathilde de Morny, besser bekannt als Missy, und weiteren homosexuellen Milieus.
Verbunden werden diese Portraits nicht durch den Handlungsstrang einer Heldin, sondern als Folge von Erinnerungen und Begegnungen, als eine etwas andere Autobiografie, die sich nicht einer Figur, sondern der Frage des Begehrens widmet. Und am Ende zeigt: Dieselbe Leidenschaft kann als romantisch, pervers, krank, lächerlich oder erhaben erscheinen – je nach Perspektive der jeweiligen Gesellschaft. Paris ist dabei nicht Kulisse, sondern der Raum, der alternative Lebensformen zulässt: in Salons, Künstlerkreisen und Nachtwelten.
Ikone ihrer Zeit
Sidonie-Gabrielle Colette, besser bekannt als Colette, wurde mit den Claudine-Romanen weltbekannt, die ab 1903 unter dem Namen ihres Ehemanns Willy erschienen. Außerordentlich genau beschrieb sie bereits in diesen Unterhaltungsromanen Körper, Gesten, Gerüche, Stimmen und zwischenmenschliche Situationen. Ihr eigenes Leben – diverse Ehen, wechselnde Beziehungen zu Frauen und Männern, Bühnenauftritte und öffentliche Grenzüberschreitungen – trug ihr den Ruf ein, unkonventionell zu sein und keine eigenen Grenzen zu kennen.
Literarische Stimme der französischen Moderne
1949 zur Präsidentin der Académie Goncourt gewählt, gilt sie heute als eine der wichtigsten Stimmen der literarischen Moderne Frankreichs. 1932 erschien als Ces Plaisirs… (Diese Freuden) die französische Originalfassung, die bald darauf den heutigen Titel Le Pur et l’Impur* erhielt. In der Übersetzung von Karin Uttendörfer erschien Das Reine und das Unreine* bei der Friedenauer Presse, einem kleinen Literaturverlag unter dem Dach von Matthes & Seitz Berlin.
Der Titel formuliert das zentrale Thema. Wer legt fest, was in der Sexualität als „rein“, legitim oder normal gilt – und was als „unrein“ und abweichend verurteilt wird? Eine Frage, 90 Jahre nach Erscheinen so aktuell und strittig wie einst. Wer mag, kann die gebundene Ausgabe hier*, die Kindle-Fassung hier* online bestellen.
Colette seziert das Begehren in Paris. Tief im Süden, im Herzen der Provence, sucht ein Gärtner Heilung für seine geschundene Seele in der Natur und den Versen alter Meister.
Thomas Schlesser, Der Gärtner und die Katze*

Nach der Kunstgeschichte in Monas Augen* macht Thomas Schlesser in seinem zweiten Roman nun die Poesie zum Rettungsanker. Der Gärtner und die Katze folgt dabei einer sehr ähnlichen Dramaturgie: Eine verletzte Figur wird von einer älteren, kundigen Bezugsperson Schritt für Schritt in eine Welt großer Werke eingeführt.
Schlesser wechselt das Medium, nicht die Methode: Auf 52 Kunstwerke folgen mehr als 70 Gedichte von Sappho, Rimbaud, Neruda, Rilke, Emily Brontë und Senghor, auf das erblindungsbedrohte Mädchen folgt ein hypersensibler Gärtner mit einer Katze, die unter einem Tumor im Kehlkopf leidet.
Les Yeux de Mona wurde in 37 Sprachen übersetzt und in mehr als 60 Ländern veröffentlicht. An diesen Erfolg will Schlesser mit seiner Fabel rund um einen schweigsamen Gärtner in der Provence und die pensionierte Literaturlehrerin Thalie, die ihm über die Gartenarbeit die Poesie nahebringen will, nun anknüpfen. Ob ihm dies mit seiner frisch bei Piper erschienen Hymne auf die Poesie gelingt? Lesevergnügen bereitet das 382 Seiten dicke Werk auf jeden Fall! Wer mag, kann das gebundene Buch hier* bestellen, die Kindle-Version hier*.
Elli Ioannou, Geheime Gärten in Paris*

2016 kam die australische Modefotografin, Fotomediakünstlerin und Dozentin Elli Ioannou nach Paris, begeisterte sich für öffentliche, aber wenig bekannte Grünanlagen und präsentierte sie in ihrem Werk The Secret Gardens of Paris: Green Hideaways in the Heart of the City* Die englische Originalausgabe leuchtet in grellem Pink. Für die deutsche Lizenzausgabe, die Carmen Hindemith übersetzte, wählte der Gerstenberg-Verlag die viel passendere Farbe Grün auf dem Titel.
Auf 223 Seiten stellt Elli Ioannou 20 grüne Oasen vor mit Kurzportraits, Infos und so berührend schönen wie passenden Fotos, dass auch die Jury der European Garden Book Awards begeistert war – und ihrem liebevoll gestalteten Guide, der auf einer Doppelseite gleich zu Beginn die Gärten auf beiden Seiten der Seine im Herzen der französischen Hauptstadt verortet, den 3. Platz zusprach.
Mit „geheim“ meint Elli Ioannou Orte, die abseits der klassischen Touristenroute liegen, gerne übersehen werden oder erst durch eine Pforte, einen Innenhof oder eine Nebenstraße betreten werden können: Gärten von Museen, Hotels und Privathäusern sowie kleine Parks und grüne Plätze wie der Jardin Auguste Scheurer-Kestner, das Grün des Hôtel de l’Abbaye, die Coulée Verte Renée Dumont oder der Jardin Lazare-Rachline.
Verborgen, aber öffentlich
Das Buch von Elli Ioannou ist nicht identisch mit Die geheimen Gärten von Paris* von Alexandra d’Arnoux, Bruno de Laubadère und Gilles de Chabaneix. Ihr Werk aus dem Jahr 2016 zeigt die privaten Gärten bekannter Persönlichkeiten wie Kenzo, Hubert de Givenchy oder Yves Saint Laurent. Ioannous Buch dagegen ist ein fotografischer Führer zu weniger bekannten, aber bis auf eine Ausnahme allesamt öffentlich zugänglichen Orten. Wer mag, kann den aufwendig gestalteten Gartenführer durch das grüne Paris hier* als gebundenes Buch bestellen.
Spürbar deutlich stärker vertreten sind inzwischen auch Self-Publishing-Titel oder Titel aus kleineren Verlagen, die dank des Internets, eines guten Marketings oder begleitender Vorträge viel stärker wahrgenommen werden als früher. So wie diese Neuauflage. Während Literatur und Kultur bei Colette, Schlesser und Ioanniou das emotionale Band zwischen beiden Ländern knüpfen, analysiert Uterwedde darin das politische Getriebe.
Henrik Uterwedde, Die deutsch-französischen Beziehungen*

2019 hatte Henrik Uterwedde, einst stellvertretender Direktor am Deutsch-Französischen Institut, seine Einführung zu den deutsch-französischen Beziehungen im Budrich-Verlag, Spezialist für Geistes- und Sozialwissenschaften, erstmals veröffentlicht. Jetzt ist die aktualisierte und erweiterte zweite Auflage dieses Standardwerkes als Taschenbuch erschienen.
Die Erstausgabe von 2019 endete inhaltlich unmittelbar nach dem Aachener Vertrag und dem parlamentarischen Abkommen von 2019. Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Diese will die Neuauflage hineinholen. Aus diesem Anlass hält Henrik Uterwedde am 19.11. 2026 um 18.30 Uhr im Kulturzentrum Ludwigsburg einen Vortrag zur neuen Ausgabe.
Uterweddes Buch ist eine exzellente kompakte deutschsprachige Ersteinführung in das gesamte Spektrum der deutsch-französischen Beziehungen: von der Geschichte bis zur EU-Politik und mit Schwerpunkt auf Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Kultur, Bildung und Best Practices wie DeutschMobil/FranceMobil, das deutsch-französische Bürgerportal fred.info und jumelage.eu für deutsch-französische Patenschaften auf kommunaler Ebene.
Nüchtern und klar hinterfragt Uterwedde, ob der deutsch-französische Motor noch läuft – oder längst ein Spaltpilz ist. Tabellen, Zeittafeln, Abbildungen und Kastentexte – etwa zu Hugenotten, Migration oder deutsch-französischen Institutionen – erleichtern den Einstieg. Wer tiefer in ein Thema einsteigen will, findet am Kapitelende sowie im Anhang weiterführende Literatur und Internetquellen. Leider fehlt jedoch ein Stichwortverzeichnis oder ein Register am Ende, um gezielt einzelne Aspekte schnell aufzufinden.
Die Neuauflage ist vor allem dann lohnend, wenn man die Entwicklungen seit 2019 mitdenken will – mit Blick auf die Folgen der Pandemie, von Uterwedde Covid-Krise genannt, bei der Digitalisierung und KI oder der schwierigen Zusammenarbeit bei dem, so Uterwedde, beim „absehbaren Scheitern“ des FCAS (Future Combat Air System)-Projekts. Diese Einschätzung wurde mitten im Druck überholt. Und zeigt: In den deutsch-französischen Beziehungen ist viel in Bewegung. Uterwedde gibt Orientierung. Wer mag, kann die 195 Seiten dicke Einführung hier* online bestellen.
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