Drei tolle Bücher aus Frankreich

Neue Bücher aus Frankreich: Top-Titel

In meiner Auswahl präsentiere ich euch vier außergewöhnliche Bücher aus Frankreich, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch eine gemeinsame Klammer bilden: die Rückeroberung der eigenen Geschichte.

So lassen sich vielleicht am besten die Titel zusammenfassen, die in Frankreich für Schlagzeilen gesorgt haben – und flugs ins Deutsche übersetzt wurden. Taucht lesend ein in die Welt einer Frau, die durch ihr innere Kraft zur Ikone wurde, folgt einem Spurensucher in die Vergangenheit einer koreanisch-französischen Familie, tauche ein ins Paris von Paula Modersohn-Becker und lasst euch von der Leidenschaft eines Gärtners durch die schönsten Gärten des Hexagons führen.

Voilà vier neue Bücher aus Frankreich, die den Puls der Nation einfangen – mal radikal ehrlich, mal spielerisch rätselhaft, mal im Rausch von Freiheit und Farben, mal erdverbunden, durchdrungen von der Liebe zu Gärten und dem typisch französischen Blick beim Gestalten der Natur.

Gisèle Pelicot, Eine Hymne auf das Leben*

Gisèle Pelicot ist eine französische Frau, die durch den sogenannten Avignon-Prozess 2024 zu einer feministischen Ikone wurde. Die damals 71-Jährige hatte zum Erstaunen der Staatsanwalt sich kurz vor Verhandlungsbeginn dazu entschieden, das Verfahren gegen ihren Ex-Mann Dominique Pelicot und 51 weitere Männer wegen jahrelanger Vergewaltigungen öffentlich zu führen und nicht anoym aufzutreten.. Die Ermittlungen ergaben etwa 200 Vergewaltigungen von Gisèle Pelicot in fast zehn Jahren (2011–2020), dokumentiert durch rund 20.000 Videos und Fotos.

Dominique Pelicot betäubte seine Frau heimlich mit starken Medikamenen. Für die chemische Unterwerfung verwendete er Schlafmittel wie Temesta (Lorazepam) und Stilnox (Zolpidem), die er vom Arzt verschrieben bekam und ins Essen seiner Frau mischte; oft bis zu zehn Pillen pro Mal. Im Dezember 2024 erhielt Dominique Pelicot die Höchststrafe von 20 Jahren Haft für schwere Vergewaltigung, wogegen der Täter keine Berufung einlegte. Die 51 Mitangeklagten erhielten Strafen zwischen drei und 15 Jahren Haft; ein Mitangeklagter zwölf Jahre für ähnliche Taten an seiner eigenen Frau.

Bereits während der Verhandlungen begann Gisèle Pelicot gemeinsam mit der französischen Journalistin Judith Perrignon ihre Memoiren zu verfassen, um dem Mediengetöse die eigene Wirklichkeit entgegenzusetzen. Sie erschienen am 1. Februar 2026 unter dem Titel Et la joie de vivre*, am 17. Februar in der deutschen Übersetzung von  Patricia Klobusiczky  im Piper Verlag unter dem Titel Eine Hymne auf das Leben*. Ihr 255 Seiten dickes Werk ist kein Gerichtsbericht, kein emotionsstarker Opfer-Roman, sondern eine ruhige, mitunter poetische persönliche Autobiografie, die ihren Weg vom Anruf eines Polizisten im Jahr 2020 über Ermittlungen, Familienkrisen und Prozess bis hin zu innerer Heilung beschreibt.

Gisèle Pelicot reflektiert ihre Kindheit, erzählt vom Krebstod der Mutter, dem tyrannischen wie gewalttätigen Vater von Monsieur Pelicot, undj verrät, wie jung sie waren, als beide sich kennenlernten. Mit ruhigen, klaren Worten zeichnet sie ein Portrait einer 50-jährigen Ehe, die Höhen und Tiefen kannte, drei Kinder, Karriere bei ihr und berufliche Niederlagen und Neuanfänge bei ihm, den Verrat und die Wiederaneignung von Lebensfreude durch Natur, Enkel und einer neuen Liebe.

Mich hat ihre Betonung der engen Bindung zu ihrem Mann bei allen Höhen und Tiefen, den sie 2007 sogar zum zweiten Mal geheiratet hatte und auch im Gefängnis besuchen will, erstaunt. Da sie sediert gewesen sei, habe sie nur die Folgen der Arzneien gespürt, nicht aber die Misshandlungen – mit der Frau, die sie später auf Videos und Fotos sehen wird, habe sie nichts gemein als den Körper. Sie sei kein Opfer.

Diese Einstellung zieht sich als roter Faden durch das Werk, mit dem Pelicot gegen die Totalität des Verbrechens anschreibt. Diese enorme Ich-Stärke – trotz Kindheitstraumata und familiärer Konflikte, gekoppelt mit einer Selbstreflexion ohne Anklage – macht den Kern des Buches aus, das jegliche Monster-Narrative bewusst vermeidet und auf psychologisches Verständnis setzt, um sich selbst zu retten. Mit ruhiger Kraft und Beharrlichkeit, Widerstand und Zuversicht erzählt Gisèle Pelicot ihre Geschichte. Sie endet mit einer einzigen Botschaft: Die Scham muss die Seite wechseln. Hier*könnt ihr Buch bestellen. Oder hören*.

Alexandre Labruffe, Cold Case*

Alexandre Labruffe ist ein französischer Autor, geboren 1974 in Bordeaux. Er studierte Chinesisch, arbeitete für Alliances Françaises in China und Südkorea und ist seit 2016 in Paris aktiv, wo er sich in Kunst-, Theater- und Filmprojekten engagiert und mit iranischen und koreanischen Künstlern zusammenarbeitet. Zu seinen früheren Werken zählen die Chroniques d’une station-service* (2019), Un hiver à Wuhan (2020) und Wonder Landes (2021).

Sein Roman Cold Case* birgt einen wahren Kern: Alexandre Labruffe hatte jahrelang mit seiner Partnerin Minkyung zusammengelebt, bevor die Koreanerin ihm von ihrem Onkel Kim Sang-Young erzählte, der „gefroren” aufgefunden worden war. Anfang der 1970er-Jahre war dieser aus einer Psychiatrie in Toronto geflohen und in einem Belüftungsschacht zu Eis erstarrt tot aufgefunden worden. Ob es ein Selbstmord war, ein Unfall, und warum der Koreaner die Flucht ergriffen hatte, ist bis heute ungeklärt.

Geradezu obsessiv taucht Labruffe ein in die Familiengeschichte, beginnt zu recherchieren, reist mit Minkyung nach Korea, besucht Schamanen und rekonstruiert familiäre Geheimnisse, die tabuisiert oder vergessen gewesen waren. So entsteht ein Stück Autofiktion, komponiert aus Erinnerungsfetzen und Gesprächen, Recherche und Reflexion, Zeitungsberichten und Post-it-Zetteln. Die Sprache oszilliert zwischen Punk und Poesie, verwebt Haikus mit Newstalk, Tragik und Komik, Fühlen und Sehen, Spurensuche und Nachdenken, Familie und Diaspora, Kultur und Identität.

Wer literarische Experimente und stilistische Freiheit liebt, wird 186 Seiten lang eine spannenden Lesespaß erleben. Ich habe das Buch erst aus der Hand gelegt, als der letzte Satz gelesen war: „In einer Aura sind drei Körper: die Haut, das Mark und der Saft.“ Wer mag, kann diese ungewöhnliche Erzählung hier* als gebundenes Buch bestellen – und hier* als Kindle.

Andrea Reidt, Paula in Paris*

Nach Pariser Amouren: Auf den Spuren berühmter Paare* ist meine geschätzte Kollegin Andrea Reidt erneut auf den Spuren der Kultur in der Kapitale unterwegs gewesen und erzählt in Paula in Paris*, welche Bedeutung die französische Hauptstadt für das Leben und Werk von Paula Moderson-Becker hat.

Paris wirkte für die junge Malerin Paula Modersohn-Becker als Befreiungsschlag: Die Metropole riss sie aus der Provinz von Worpswe, konfrontierte sie mit Postimpressionismus und moderner Freiheit, formte ihren expressiven Stil mit flächigen Farben und einfachen Formen – ihr revolutionäres Selbstbildnis von 1907 markiert den Höhepunkt dieser künstlerischen Revolution.

Andrea Reidts zeichnet die vier entscheidenden Paris-Aufenthalte der Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker nach – von 1900 über die Weltausstellung bis 1907 – und verfolgt ihre Spuren durch Akademien wie Julian und Colarossi, Louvre-Besuche bei Cézanne und Gauguin sowie Treffen mit Rilke und Clara Westhoff. Reidts Stärke liegt in der lebendigen Ortsbeschreibung, die Montmartre und die Seine-Ufer greifbar macht, und verbindet dies nahtlos mit Paulas Briefen zu einem hochlesbaren Überblick über ihre künstlerische Werdephase.

Schade nur, dass das spannede Buch bereits an 134 Seiten endet – ich hätte gerne noch mehr erfahren. So war es ein Appetitanreger, der Lust macht, anhand der historischen Fotos Leben und Werk von Paula einmal selbst vor Ort zu endecken. Wer mag, kann die Biografie der Malerin aus Worpswede, deren Leben mit einer Embolie nach der Geburt der Tochter im Alter von 31 Jahren viel zu früh geendet ist, hier* online bestellen – oder in jeder gut sortierten Buchhandlung erhalten.

Stéphane Marie, Die schönsten Gärten Frankreichs*

Stéphane Marie, seit 1998 Moderator der TV-Sendung Silence, ça pousse auf France 5, hat mit Ma France des Jardins* einen großformatigen Führer zu 27 außergewöhnlichen Gärten und Parks in Frankreich verfasst. Im Mai 2025 bei Flammarion veröffentlicht, ist sein bildreiches coffee table book nun in der deutschen Übersetzung von Carmen Hindemith und Rosa Kratz unter dem Titel Die schönsten Gärten Frankreichs* im Gerstenberg-Verlag erschienen. Auf 264 Seiten bietet das Werk eine persönliche Auswahl von Maries Lieblingsgärten im Land, reich bebildert und ergänzt mit den wichtigsten Besucher-Informationen.

Stéphane Marie, 1960 in der Normandie geboren, hat in Saint-Pierre-d’Arthéglise gemeinsam mit seinem britischen Mann eine Scheune ins gemeinsame Heim verwandelt und bei der Anlage des Gartens seine Leidenschaft fürs Gärtnern entdeckt. Diese Begeisterung für gestaltetes Grün prägt jeden Beitrag im Buch. Neben detaillierten Beschreibungen zur Geschichte, Anlage und Flora der Gärten gehören auch persönliche Einblicke dazu. Die Vielfalt der vorgestellten Gärten reicht von vertrautenKlassikern bis hin zu kaum bekannten Juwelen wie dem Jardin Plume im normannischen Auzouville-sur-Ry oder dem Jardin des Martels in Giroussens (Tarn).

Die Zusammenstellung folgt dabei bewusst einem subjektiven Blick. Der Schwerpunkt liegt deutlich im Norden und Westen Frankreichs: Sechs Gärten der Normandie sind darin vertreten, ebenfalls sechs befinden sich in den Pays de la Loire. Hinzu kommen jeweils drei Gärten in der Bretagne und in den Hauts-de-France. Andere Regionen treten dagegen nur punktuell in Erscheinung, etwa Okzitanien und Provence-Alpes-Côte d’Azur mit jeweils einem Garten, Nouvelle-Aquitaine mit zwei. Regionen wie Auvergne-Rhône-Alpes bleiben ganz außen vor. Eine Übersichtskarte hätte hier zusätzlich Orientierung geboten und den geografischen Rahmen der Auswahl anschaulich ergänzt. Auch die Bildqualität ist nicht durchgängig auf gleichem Niveau; einzelne Aufnahmen bleiben hinter dem ansonsten hohen visuellen Anspruch zurück und schmälern stellenweise den Eindruck.

Ungeachtet dieser Details überzeugt das Buch als inspirierende Einladung, Frankreichs Gartenlandschaften neu zu entdecken. Stéphane Marie gelingt es, seine Leidenschaft für Gärten an die Leser weiterzugeben und einen sehr persönlichen Zugang zur Vielfalt französischer Gartenkunst zu eröffnen – ein Band, der Lust auf Reisen, Staunen und eigenes Gestalten macht. Weg mag, kann den Gartenführer hier* online bestellen.

 * Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du Mein Frankreich unterstützen und das E-Journal werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !

Offenlegung

Für die Besprechungen stellten mir die Verlag sämtliche Titel kostenfrei zur Verfügung. Dafür sage ich herzlichen Dank. Einfluss auf die Rezension hat dies nicht. Ich berichte subjektiv, wie mir die Bücher aus Frankreich gefallen haben, mache kein Merchandising und werde auch nicht für die Besprechungen bezahlt.

Noch mehr Bücher aus Frankreich

In dieser Rubrik findet ihr alle Beiträge und Texte zur französischen Literatur. Einige meiner liebsten Bücher aus Frankreich habe ich auf diesen Leselisten vereint.

Leseliste Herz & Historie: https://meinfrankreich.com/leseliste-frankreich_herz_historie

Leseliste Land & Leute: https://meinfrankreich.com/frankreich_landeskunde_land-und-leute

Leseliste Bellestrik:  https://meinfrankreich.com/leseliste-belletristik

Leseliste „Im Original“: https://meinfrankreich.com/leseliste-frankreich-im-original

Leseliste Krimi: https://meinfrankreich.com/krimi_frankreich

Leseliste Kochbücher: https://meinfrankreich.com/franzoesische_kueche_kochbuecher_tv