Paris und seine „buttes“: Montmartre

Immer wieder taucht zwischen den Häusern auf der Butte de Mont die Basilika von Sacre-Cœur am Horizont auf. Foto: Hilke Maunder
Immer wieder taucht zwischen den Häusern auf der Butte de Mont die Basilika von Sacre-Cœur am Horizont auf. Foto: Hilke Maunder

Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut – und so auch Paris. Warum nicht einmal sie alle besteigen? dachte ich mir und zog zum Auftakt in den Norden, hin zum berühmtesten Hügel der Hauptstadt. Bien sûr, ich weiß, Montmartre ist fürchterlich touristisch. An der Place du Tertre wimmelt es nur von Taschendieben, die Schnell-Portraitisten sind teure Schmierfinken, und überhaupt ist der Butte de Montmartre doch nur etwas für Japse und Amis.

Vorurteile und Klischees, Naserümpfen und mitleidiges Lächeln schlug mir entgegen, als ich – wie jedes Mal in Paris – durch die Rue Lepic vorbei am Café Les 2 Moulins, das der Film „Die zauberhafte Welt der Amélie“ berühmt gemacht hat, den höchsten Hügel von Paris empor  stieg und in 130 m Höhe im Schatten von Sacré-Cœur tatsächlich den ganzen Tag verbrachte. Und wieder viele neue, schöne Ecken entdeckte.

Neobyzantisches Juwel: die Basilika von Sacré-Cœur. Foto: Hilke Maunder

Wie die Kadist Art Foundation, die zu den  aufregendsten Galerien für Gegenwartskunst gehört. In der Rue des Trois Frères 19 – 21 unterstützt sie  junge Künstler mit ihrem „Artist in residence“-Programm und zeigt aktuelle Kunst aller Sparten zeigt, darunter den Schweizer Olaf Breuning und die Leipzigerin Christiane Baumgartner.

Oder die Halle Saint-Pierre, die Baltard 1868 mit Gusseisen, Ziegel und Glas an der Rue Ronsard 2 als Markthalle von Montmartre errichtete. Heute birgt sie ein engagiertes Kulturzentrum mit Museum/Galerie, Hörsaal, Bibliothek und Café! Gezeigt werden Art Brut, Volkskunst und naive Kunst aus der Sammlung des ehemaligen Radrennfahrers Max Fourney.

Und schließlich auch das Bateau Lavoir an der stillen Place Émile Goudeau 13. Im Winter war es eisig, im Sommer ein Backofen. Und  doch war die „unheimlich große Holzbaracke“ ein Ort, an denen die Künstler später mit Wehmut zurück dachten. Vor allem Pablo Picasso, der 1904 in der verwahrlosten einstigen Pianofabrik sein Atelier einrichtete, Gertrude Stein portraitierte und im Folgejahr mit den „Demoiselles d’Avignon“ das Schlüsselwerk des Kubismus schuf.

Heizung und fließendes Wasser gab es zu jener Zeit nicht. An Elektrizität war gar nicht zu denken. Man saß und schlief auf der einzigen Couch. Wer Picasso, Max Jacob oder Amedeo Modigliani in ihren Ateliers besuchte, brachte neben Wein stets Kerzen mit. 1970 zerstörte Feuer das Waschboot. 1978 wurde es mit 25 modernen Künstlerateliers und rekonstruierter historischer Fassade wieder aufgebaut.

Wo ihr heute das Musée de Montmartre und die Jardins Renoir findet, hatten einst  Auguste Renoir und Raoul Dufy ihr Atelier. Später zog Suzanne Valadon ein. Mit ihrem Sohn Maurice Utrillo (1883 – 1955) und ihrem Lebenspartner André Utter (1886 – 1948) bildete sie das das Aktmodell das „trio infernal“ der Butte de Montmartre. Anfangs vor allem berühmt für ihre vielen Liebschaften mit Künstlern des Viertels,  entwickelte sich Susanne Valadon als Autodidaktin und Schülerin von Degas so auch zu einer viel beachteten Malerin.

Ihr Anwesen erinnert heute als Museum mit Bildern, Plakaten und Fotografien an die Künstlerkolonie Montmartre. Bewundert dort auch das originale Lapin-Agile-Schild, Plakatentwürfe von Théophile Steinlen für das Kabarett Le Chat Noir und Milieustudien von Francisque Poulbot. Birnen- und Mandelbäumen, Fliederbüsche, Kletterhortensien und blühende Rosen schmücken den Garten – er wurde nach den Gemälden von Renoir 2012 originalgetreu wieder angelegt!

Inszenierte Klischees für Touristen: Auch das gehört zur Butte de Montmartre. Foto: Hilke Maunder

1929 kam der junge Dalí nach Paris, wo er Elena Dmitrievna Diakonova kennenlernt, seine seine Frau und Muse – als Gala wird sie weltberühmt. Mehr über den spanischen Meister des Surrealismus, den so exzentrischen wie kreativen Künstler Salvador Dalí, verrät mit mehr als 300 Werken die völlig neu gestaltete und im April 2018 als Dalí Paris wiedereröffnete Espace Dalí.

Wilder Wein und Glyzinien umranken die mondäne Villa der Restaurationszeit, die dem Maler Ary Scheffer (1795 – 1858) als Atelier diente. Jeden Freitag war öffnete der Portraitmaler der Prominenz der Julimonarchie zum jour fixe, einem regelmäßigen Austausch mit Freunden und Kollegen wie Alexandre Dumas, Franz Liszt und Turgenjew. Unter den Gästen waren auch George Sand und Frédéric Chopin, die beide am Square d’Orléans in getrennten Wohnungen lebten – und sich nachts liebten.

Zum  Lapin Agile(flinkes Kaninchen) kamen um 1900 alle, um Aristide Bruant und seinen Freund Frédéric Gerard, Père Frédé genannt, zu hören, die ihr Publikum mit Dirnenliedern und anderen geistreichen, freizügig-frechen Dichtungen begeisterten. Auch heute noch werden im Kabarett an der steilen Rue des Saules 22 Chansons vorgetragen. Erlebt sie bei einer  „Soirée Spectable“ beim Glas Wein! Das Café Le Consulat wo Picasso, Monet und Toulouse-Lautrec so manches Glas Wein geleert haben, diente Van Gogh als Vorbild für seine berühmtes Gemälde „La Guinguette“.

Viel gefeiert wurde einst auch  in der Moulin de la Galette. Die berühmte Mühle, deren Tanzboden für fröhliche Feste Renoir verewigt hat, st heute eine Privatwohnung. Ihre ruhmreiche Vergangenheit nutzt Roger Heereah in der benachbarten Mühle Badet an der Rue Lepic 83 und hat sein Restaurant Le Moulin de la Galette  getaucht. Dort serviert er heute französische Spezialitäten wie Bœuf Bourgignon und Blanquette de Veau. Und freut sich, dass kaum ein Gast merkt, dass er in der falschen Mühle sitzt…

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Mein Reiseführer

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich recherchiert und gewühlt, ehe ich zur Feder griff.  Und danach mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm feilte. Am 2. Januar 2018 ist mein“ Baedeker „Paris“* ist der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“  schrieb die Hamburger Morgenpost über meinen Paris-Führer, der viele neue Elemente im enthält.

Zu den Fakten, neu und unterhaltsamer präsentiert, gibt es jetzt auch Anekdoten und Ungewöhnliches, was ihr nur im Baedeker findet. Und natürlich ganz besondere Augenblicke und Erlebnisse, die euren Paris-Aufenthalt einzigartig und unvergesslich machen. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Paris in Biographien*

Merian: Paris - eine Stadt in Biografien.

Jede große Metropole wird nicht nur von ihren Gebäuden, Straßenzügen und Plätzen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in ihren Mauern leben und arbeiten. Dieses Konzept steht hinter der erfolgreichen Reisebuchreihe MERIAN porträts. Die Bremerin Marina Bohlmann-Moderson, Enkelin des Worpsweder Malers, hat für die Reihe das sehr lesenswerten Paris-Büchlein verfasst.

Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen als so manch andere kompakte Faktenflut. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen!Und kann es hier* gleich bestellen.

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Kunterbunt an der frischen Luft: eine Caféterrasse an der Rue Paul Aubert

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