Glaube, Liebe, Hoffnung: die drei Symbole im Kreuz der Camargue, Foto: Hilke Maunder

Camargue: Wildnis zwischen Rhône und Mittelmeer

Es ist eine amphibische Welt im permanenten Wandel, eingezwängt zwischen zwei Flussarmen und dem Mittelmeer. Die Camargue ist weit mehr als das Postkartenidyll aus rosafarbenen Flamingos, weißen Wildpferden und schwarzen Stieren. Im Delta der Rhône ringen hier Natur und Mensch in einem hochempfindlichen Ökosystem. Wo weite Salzsteppen auf bewässerte Reisfelder treffen, der Mistral fegt und Flamingos brüten, offenbart sich das am härtesten umkämpfte und zugleich faszinierendste Feuchtgebiet Europas.

930 Quadratkilometer – größer als Berlin – dehnen sich zwischen den beiden Armen der Rhône aus: im Osten der Grand Rhône, im Westen der Petit Rhône. Dazwischen liegt eines der bedeutendsten Feuchtgebiete Europas: die Camargue. Verwaltungstechnisch gehört sie zur Stadt Arles – was Arles zur flächenmäßig größten Stadt Frankreichs macht. Ein Kuriosum, das die Dimensionen dieser Landschaft besser illustriert als jede Statistik.

Wer die Camargue aus der Luft sieht – auf Satellitenaufnahmen des Copernicus oder vom Flugzeug aus – begreift sofort ihre Natur: ein gewaltiges Mosaik aus Blau, Türkis, Braun und Grün, durchzogen von Wasseradern, unterbrochen von Reisfeldern und Salzbecken, umrahmt vom dunklen Blau des Mittelmeers.

Das Delta der Rhône: immer im Fluss

Ein Delta, das nie aufgehört hat, sich selbst neu zu erfinden. Die Rhône bringt gewaltige Sedimentmengen aus den Alpen mit sich, lagert sie ab, formt neue Flächen – während das Meer Land abträgt. Wind, Wasser und Zeit arbeiten pausenlos.

150.000 Hektar gehören zur Camargue – zur Grande Camargue im Département Bouches-du-Rhône der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und zur Petite Camargue im Département Gard, das bereits in der Region Okzitanien liegt. Seit 1970 steht der Kernbereich als Regionaler Naturpark unter Schutz: 93.000 Hektar mit mehreren Natura-2000-Gebieten, einem Biosphärenreservat der UNESCO und einem Ramsar-Feuchtgebiet. Die Camargue ist längst kein rein natürlicher Raum mehr – aber genau diese Mischung aus Wildnis und menschlichem Eingriff macht sie so vielschichtig.

Étang de Vaccarès: Wo das Wasser regiert

Wer die Camargue verstehen will, muss das Wasser verstehen. Hier begegnen sich zwei Welten: das Süßwasser der Rhône und das Salzwasser des Mittelmeers. Dazwischen entstehen Brackwasserzonen – ökologisch besonders reich, weil sie zwei Lebensräume verbinden. Das Herz dieses Systems ist der Étang de Vaccarès: eine weite, flache Lagune im Kern des Naturparks, rund 6.500 Hektar groß, einer der letzten natürlichen Lagunen Westeuropas. Das Wasser hier ist nie dasselbe. Mal zieht sich der Étang zurück und legt weißliche Schlickflächen frei, auf denen Reiher mit gesenktem Schnabel watend nach Nahrung suchen.

Zwei Schwäne gleiten lautlos zwischen Schilfinseln hindurch, das Wasser so still, dass man nicht erkennt, ob der Himmel sich im See spiegelt oder der See im Himmel. Dann, nach starken Regenfällen, dehnt sich die Lagune weit aus, und die Horizonte verschwimmen ins Silberweiße. Es gibt kaum eine Landschaft in Frankreich, die sich so intensiv verändert – und so radikal die Zeit verlangsamt.

Auf Bohlenwegen und schmalen Sandpfaden könnt ihr im Réserve Naturelle du Scamandre der Petite Camargue bei Saint-Gilles tief in diese amphibische Welt eintauchen. Auf 146 Hektar schützt das Naturschutzgebiet Schilfgürtel, Marschen und sansouïres genannte Salzwiesen.

Reserve du Scamandre: Wanderwege in amphibische Welten

Ein kilometerlanger Holzsteg führt mitten durch die Sümpfe, vorbei an drei Aussichtsplattformen. Mehr als 200 Vogelarten brüten hier. Auf hölzerne Plattformen haben Störche ihre großen Nester gesetzt, gebaut aus dem Schilf und Stroh rinsum. Seit 2010 läuft ein großes Renaturierungsprojekt: Historische Wasserläufe – die sogenannten roubines – werden wiederhergestellt, um die natürliche Dynamik zwischen Süß- und Salzwasser wieder zu aktivieren.

Das Projekt kostet mehr als fünf Millionen Euro und wird zu 60 Prozent von der EU über das Life-Programm finanziert. Seit Beginn der Renaturierung hat sich hier die Vogelpopulation um 35 Prozent erhöht, und 15 neu zurückgekehrte Arten wurden registriert. Auch die Wasserqualität hat sich verbessert: Der Salzgehalt variiert heute natürlicher zwischen 5–35 g/l statt ständiger Übersalzung.

Wer auf der ViaRhôna von Arles nach Port-Saint-Louis-sur-Rhône radelt, kann am Mas de Vigueirat mit Gummistiefeln und Spektiv durch die Marschen waten oder die reiche Vogelwelt auf einer Kutschfahrt entdecken.

400 Arten: Das bedeutendste Vogelgebiet Europas

Mehr als 400 Vogelarten machen die Camargue zu einem der artenreichsten Vogelgebiete Europas. Sie liegt direkt auf dem Zugweg zwischen Afrika und Nordeuropa. Für viele Vögel ist sie Rastplatz, für andere ganzjährige Heimat. Ornithologen aus aller Welt pilgern hierher und verharren hinter den Holzgeländern der Beobachtungsstege, ein Leuchten in den Augen, wenn Seiden- und Silberreiher aus dem Grün auftauchen, Zwergseeschwalben und Schwarzkopfmöwen am Himmel kreisen – oder der Europäische Schopfibis vor die Linse kommt.

Nicht mehr nur ein Sommergast, sondern längst das ganze Jahr in der Camargue daheim ist der Flamingo. Seine Farbe verleiht ihm seine Nahrung: Ein winziger Krebs namens Artemia salina – die Brackwassergarnele – und die Mikroalge Dunaliella salina färben das Gefieder von innen heraus. Je mehr davon, desto intensiver das Rosa. Allein in den Salins du Midi nisten rund 8.700 Flamingo-Brutpaare – ein Viertel der gesamten französischen Population. Insgesamt schlüpfen jedes Jahr rund 12.000 Flamingo-Küken in der Camargue.

Weiße Pferde, schwarze Stiere und die Gardians

Zwei Tiere prägen das Bild der Camargue wie keine anderen: das weiße Pferd und der schwarze Stier. Das Camargue-Pferd lebt halbwild in den Marschen. Bei der Geburt fast schwarz-braun, wird es mit den Jahren heller, bis es im ausgewachsen nahezu weiß erscheint. Robust, zäh, kurzbeinig und ausdauernd, ist es seit Jahrtausenden hier beheimatet. Schon die Römer kannten es.

Auf diesen Pferden reiten die gardians – die Viehhirten der Camargue – und treiben die schwarzen Stiere durch das flache Land. 100 Stierzuchthöfe mit 12.000 Rindern gibt es in der Camargue; stolze 1.500 Hektar groß ist die Manade Raynaud, 1000 Hektar groß sind die Ländereien der Manade des Chanoines, deutlich kleiner die Manade Gilbert Arnaud bei Saintes-Maries-de-la-Mer, die ihre Hoftore für Besucher geöffnet hat.

Hier könnt ihr den gardians auf Führungen bei der Arbeit hautnah zusehen: wenn die Stiere durch kniehohes Gras getrieben werden, der weiße Hengst im Galopp abdreht, die Erde unter den Hufen bebt und der junge Stier bei der ferrade sein traditionelles Brandzeichen erhält.

Der Camargue-Stier ist kleiner und wendiger als sein iberischer Verwandter. Er wird nicht für die tödliche spanische Corrida gezüchtet, sondern für die unblutige course camarguaise – ein sportliches Spektakel, bei dem raseteurs genannte Männer in weißer Kluft eine cocarde von den Hörnern des Stiers lösen müssen.

Halophyten: Überlebenskünstler zwischen Salz und Sonne

Was hier wächst, trotzt extremen Bedingungen. Salz, Hitze und Trockenheit im Sommer, Überflutung im Winter. Nur hochspezialisierte Pflanzen können bestehen. Die Stars der Flora in der Camargue sind die Halophyten, die Salzpflanzen. Allen voran der Queller, auf Französisch salicorne: Er speichert Wasser und verträgt Salzkonzentrationen, die anderen Pflanzen den Tod bringen würden.

Im Sommer leuchtet er frisch grün und landet als Meerspargel auf dem Teller der cuisine du terroir, im Herbst glüht er wie Herbstlaub in tiefem Rotbraun. Die weiten Salzsteppen heißen sansouïres. Sie sind das prägende Landschaftsbild der Camargue – karg auf den ersten Blick, aber voller versteckten Lebens.

Wo Wasser dominiert, übernimmt das Schilf: meterhohe Bestände, in denen Graureiher nisten. Wo der Mistral bläst – und das ist häufig und heftig, manchmal tagelang – stehen Tamarisken wie Wächter: ihre federleichten Blütenrispen nach Norden gedrückt, die dünnen Äste im Dauertakt. Dazwischen blüht im Frühjahr die gelbe Sumpfschwertlilie, hell leuchtend am Rand stehender Gräben. Allein rund um die Salinen wurden fast 300 Pflanzenarten kartiert. Jede davon ein kleines Wunder der Anpassung.

Weißea Gold: 500.000 Tonnen aus Sonne und See

Bei Aigues-Mortes recken sich strahlend weiße Berge in den Himmel der Camargue. Sie gehören zu den den Salins du Midi , einer der größten Meeressalz-Herstellern Europas. 10.800 Hektar umfasst die Gesamtfläche, rund 8.000 Hektar werden davon aktiv genutzt. Das entspricht etwa der Fläche von Paris innerhalb des Périphérique – ein schier unvorstellbares Areal aus flachen Becken, Dämmen, Kanälen und Stille.

18 Kilometer von Nord nach Süd, 13,5 Kilometer von Ost nach West. 500.000 Tonnen Salz werden hier jedes Jahr geerntet; bis zu 15.000 Tonnen an einem einzigen Erntetag auf dem Höhepunkt der Saison, gewonnen aus Verdunstung. Sonne und Wind. Die imposanten Maschinen am Rand der Salzbecken sammeln nur das Ergebnis. Wie dies geschieht, könnt ihr entdecken, wenn ihr über Dämme der Salins du Midi spaziert, an ihnen entlangradelt oder per Kleinbahn durch das Beckengewirr fahrt.

Auch mit dem Drahtesel könnt ihr die <em>Salins du Midi</em> entdecken. Foto: Hilke Maunder
Auch mit dem Drahtesel könnt ihr die Salins du Midi entdecken. Foto: Hilke Maunder

Im Sommer färbt die Mikroalge Dunaliella salina die Wasserflächen violett-rot, in denen sich die weißen camelles spiegeln, kegelförmige Salzhügel, die sich aus der tischtuchglatten Ebene erheben. Das Edelste vom Edelsten ist die Fleur de Sel, die Salzblume. Sie bildet sich an der Wasseroberfläche, wenn Wind und Sonne eine hauchdünne Salzkruste entstehen lassen.

Handwerk seit der Antike

Rund 500 Tonnen werden jährlich von Hand abgeschöpft – per Hand, in aller Stille, am frühen Morgen, bevor die Hitze einsetzt. Die Arbeit des saunier ist Handwerk in einer der extremsten Landschaften Europas. Und dies seit der Antike: Der Römer Peccius organisierte hier erstmals systematisch die Salzproduktion, Ludwig IX. exportierte das Salz über Aigues-Mortes, und 1856 gründete sich die Compagnie des Salins du Midi – sie produziert bis heute unter den Marken La Baleine und Le Saunier de Camargue.

Auf der anderen Seite der Camargue liegt bei Port-Saint-Louis-du-Rhône das zweite große Salzwerk: die Salins de Giraud mit 14.000 Hektar Produktionsfläche. Beide Salinengebiete sind längst kein reines Industriegelände mehr – sie sind zum Herzstück des Vogelschutzes in der Camargue geworden.

Reis in Weiß, Rot und Schwarz

Die Camargue ist nicht nur Natur – sie ist auch Küche. Und ihr wichtigstes Feldprodukt trägt einen schlichten Namen: Reis. Auf rund 15.000 Hektar werden hier 75 Prozent des gesamten französischen Reises angebaut. Drei von vier Reispackungen in Frankreich kommen aus dem Rhône-Delta. Seit dem Jahr 2000 trägt der Camargue-Reis eine geschützte geografische Angabe (IGP) – ein Viertel der Anbaufläche wird inzwischen biologisch bewirtschaftet.

Die fast vergessenen Schattenseiten des Reis-Anbaus

Ab 1939 holte die französische Kolonialverwaltung 20.000 Männer aus Indochina – vor allem aus Vietnam – nach Europa, um die durch den Krieg dezimierte Arbeitskraft zu ersetzen. Ein Erlass von 1939 sah vor, dass ihr Einsatz „die Dauer der Feindseligkeiten“ nicht überschreiten dürfe. Doch die Realität sah anders aus: Wer handwerklich begabt war, landete in Rüstungsbetrieben, wer körperlich stark, in Baukompanien oder der gefürchteten Munitionsfabrik Poudrerie de Sorgues in der Provence.

In die Camargue sollten die Zwangsarbeiter der einstigen Kolonien den seit dem Mittelalter brachliegenden Reisanbau wiederbeleben. Allein im Lager der 26e compagnie in Salin-de-Giraud lebten und arbeiteten rund 1.000 dieser Zwangsarbeiter, verteilt auf die mas, die traditionellen Gehöfte der Region, oder in behelfsmäßigen Holzbaracken direkt an den Reisfeldern.

Die Bedingungen waren hart: keine Heizung, kein Schatten, nur der feuchte, mückenverseuchte Sumpf der Camargue als Alltag. Zwei Jahre lang rangen die Vietnamesen dem Boden die ersten Reis-Ernten ab – und noch eine, und noch eine. Doch der versprochene Lohn blieb aus oder wurde nur symbolisch gezahlt. Als der Krieg 1945 endete, wurden die Arbeiter form- und danklos in ihre Heimat zurückgeschickt – ohne Entlohnung, ohne Anerkennung.

Was diese Reisfelder von den großen Anbaugebieten Asiens unterscheidet, ist ihre spektakuläre Lage. Im Sommer stehen die Felder unter Wasser: goldgrüne Halme bis zum Horizont, dazwischen Spiegelungen des Himmels, das Rauschen des Windes im Korn, Flamingos in der Ferne über dem nächsten Salzbecken. Das Bewässerungssystem reguliert gleichzeitig den Salzgehalt der Böden – Reisanbau und Renaturierung arbeiten hier Hand in Hand.

Neben dem klassischen weißen Reis haben sich vor allem der rote Camargue-Reis und der tiefviolette schwarze Reis international einen Namen gemacht: nussig im Geschmack, reich an Antioxidantien, mit einem leicht süßlichen Aroma, das Spitzenköche begeistert. Im September, wenn die Mähdrescher durch die goldgelben Felder rollen und die Luft nach reifem Getreide und feuchter Erde riecht, ist der beste Moment, direkt beim Produzenten zu kaufen.

Sandwein: eine AOP, die nach Meer schmeckt

Noch jünger im Ruhm, aber keineswegs geringer an Charakter: der Vin de Sable de Camargue, der Sandwein. Seit 2023 trägt er das begehrte AOP-Siegel – Appellation d’Origine Protégée. 89 Winzer, 3.000 Hektar Weinanbau, 14 Gemeinden – das ist das Anbaugebiet. Die Reben wachsen auf sandigen, salzhaltigen Böden direkt an der Küste, in Reihen, die sich flach an den Horizont schmiegen, als hätten sie Angst vor dem Mistral.

Der Salzgehalt im Boden zwingt die Wurzeln tief zu graben – und gibt dem Wein eine unverwechselbare mineralische Note, einen Hauch Meer im Abgang, der mit keinem anderen Wein Frankreichs zu verwechseln ist.

Hier wachsen die Trauben für den vin de sable, den Sandwein der Camargue. Foto: Hilke Maunder
Hier wachsen die Trauben für den vin de sable, den Sandwein der Camargue. Foto: Hilke Maunder

Die Hauptrebsorten sind Mourvèdre, Grenache, Syrah, Cinsault und Rolle – Mourvèdre, eine uralte Traube, ist seit dem 15. Jahrhundert in der Region zuhause. Besonders typisch sind die Gris de Gris genannten Rosé-Weine: hellgolden bis lachsfarben, leicht, fruchtig, mit einer dezenten Salznote im Finish. Wer beim Weingut Listel in eine der pinkfarbenen Tetrapaks mit dem Flamingo-Motiv schaut, hält ein Stück Camargue-Marketing in den Händen – aber drinnen steckt ein Tropfen, der perfekt passt zu einem Apéro in der Provence.

In der Petite Camargue wächst rund um Vauvert der Wein, der perfekt zur Gardianne de Taureau – passt, dem traditionellen Stiergulasch, über Nacht mariniert in einem kräftigen Roten der Costières-de-Nîmes und stundenlang geschmort mit schwarzen Oliven, Zwiebeln, Karotten, Kräutern, Knoblauch und oft auch Orangenschale.

Perle von Carteau: die Auster aus dem Rhône-Delta

In Port-Saint-Louis-du-Rhône wird der Genuss der Camargue auf dem Meer gezüchtet. In der Anse de Carteau, eine geschützte Bucht, wo das Wasser des Mittelmeers und der Rhône-Arme zusammentreffen, hängen von hohen Stangen lange Seile ins Wasser. An jedem von ihnen wachsen köstliche Muscheln und Austern heran.

Paul Scotti, einer der bekanntesten Austernzüchter der Gegend, öffnet sein Klappmesser, dreht dessen Spitze in der Schale einer Auster, öffnet sie und hält sie hin: Goûtez – probieren Sie! Die Auster glänzt perlmutt, ihr Fleisch fest und voll, mild und doch mineralisch. Zurück an Land, serviert Paul Scotti die Perle de Carteau mit einem Glas Isle Saint Pierre, einem trockenen Weißwein der Camargue.

Aigues-Mortes: der Hafen der Kreuzritter

Mitten in den Salinen und Marschen der Camargue liegt der älteste Hafen der Camargue: Aigues-Mortes – auf Okzitanisch bedeutet es „die toten Wasser“. Ludwig IX., der spätere Heilige Ludwig, ließ sie im 13. Jahrhundert als Planstadt anlegen. Sie sollte Frankreichs Tor zu den Kreuzzügen werden – und war es kurze Zeit. Dann versandete der Hafen. Schiff für Schiff blieb aus. Und genau das rettete die Stadt. Weil kein Geld da war zum Umbauen oder Neubauen, blieb Aigues-Mortes nahezu unverändert.

Der vollständige mittelalterliche Mauerring – rund 1,6 Kilometer Umfang, mit 15 Türmen und zehn Toren – ist einer der besterhaltenen Europas. Ein Spaziergang auf der Mauerkrone ist ein Gang wie aus dem Lehrbuch des Mittelalters: auf der einen Seite die pinken Salinen, auf der anderen die Tondächer der ville close, am Horizont das Weiß der camelles.

Hinauf auf den Wehrgang geht es an der Tour de Constance. Der mächtige Rundturm am Nordwesteck der Stadtmauern erinnert an die Hugenotten. Und an eine Frau, deren stiller Mut die Jahrhunderte überdauert hat.

1730 war Marie Durand 19 Jahre alt. Ihr einziges Vergehen: Sie war die Schwester eines protestantischen Predigers. Ohne Urteil, ohne Ausweg blieb sie 38 Jahre lang in der Tour de Constance gefangen. In die Mauer ritzte sie ein einziges Wort: RESISTER. Widerstehen. Es ist noch heute sichtbar.

Saintes-Maries-de-la-Mer: bei Sara la Noire

Kein Ort in der Camargue zieht so viele Besucher an wie Saintes-Maries-de-la-Mer – Urlauber, aber auch Pilger. Sie wallfahrten zu Sara la Noire. Im ersten Jahrhundert sollen, erzählt die Legende, drei Frauen ohne Ruder und ohne Segel an der Küste der Camargue gelandet sein: Marie Jacobé und Marie Salomé – Verwandte Jesu – begleitet von ihrer Dienerin Sara ägyptischer Herkunft.

Seit dem 15. Jahrhundert gilt Sara la Noire, die Schwarze Sara, als Schutzpatronin der Roma. Jeden Pfingstsonntag reisen Roma und Sinti aus ganz Europa an. In der Krypta der romanischen Wallfahrtskirche steht Saras Statue: überhäuft mit Dutzenden bunter Kleider, schweren Perlenketten, Schmuck und Votivgaben.

Hunderte roter Kerzen brennen, der Raum ist erfüllt von warmem Licht und dem leisen Murmeln von Gebeten in Dutzenden Sprachen. Am Pfingstsonntag wird die Statue ans Meer getragen. Der Bischof steigt ins Wasser und segnet die See. Flamenco-Gitarren, Trommelwirbel, Arlésiennes in leuchtenden Kostümen aus Rot und Gelb und Musik, die noch lange nachklingt.

Bedrohte Camargue: ein fragiles Gleichgewicht

Die Camargue ist eines der am besten geschützten Naturgebiete Frankreichs – und dennoch akut bedroht. Bereits 1927 wurde das Herzstück des Deltas unter Schutz gestellt; heute bildet es das Réserve nationale de Camargue, das mit gut 13.000 Hektar zu den größten Feuchtbiotopen Westeuropas zählt. Um dieses sensible Kerngebiet herum wurde 1970 der Parc naturel régional de Camargue ins Leben gerufen, dessen Schutz- und Wirtschaftsfläche sich heute über mehr als 100.000 Hektar erstreckt. Seit 1986 ist das gesamte Delta zudem als Ramsar-Gebiet und damit als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung klassifiziert.

Die Folgen des Klimawandels

Doch die Grenzen, die der Mensch auf Landkarten zieht, bedeuten dem Klimawandel nichts. Im Golfe du Lion steigt der Meeresspiegel unaufhaltsam: 3,4 Millimeter pro Jahr sind es im Schnitt – spürbar schneller als der globale Durchschnitt von 3,1 mm. Bis zum Jahr 2100 prognostizieren Experten einen Anstieg von 60 bis 110 Zentimetern. Für ein flaches, tief liegendes Flussdelta ist das ein schleichendes Todesurteil.

Das Salzwasser drückt immer rücksichtsloser hinein ins Landesinnere und verändert die Chemie des Bodens. Auf rund 15.000 Hektar ehemaliger Reisanbauflächen grassiert bereits die Versalzung. Jene Kultur, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit Zwangsarbeitern aus Indochina mühsam aufgebaut wurde und heute rund 20.000 Tonnen Camargue-Reis pro Jahr liefert, steht vor einer Zerreißprobe: Gut ein Drittel der Felder ist akut bedroht, weil sich der Salzgehalt im Boden innerhalb von nur zwei Jahrzehnten verdoppelt hat.

Küstenerosion: auch am Mittelmeer

Gleichzeitig frisst die Brandung das Land einfach auf. An sensiblen Küstenabschnitten wie der Pointe de Beauduc weicht das Delta jedes Jahr um zwei bis fünf Meter zurück. Brutgebiete, die Generationen von Vögeln Schutz boten, versinken in den Wellen. Der Große Flamingo, der mit 10.000 bis 15.000 Brutpaaren knapp ein Drittel der gesamten französischen Population stellt, verliert zunehmend seine flachen Nistplätze. Noch härter trifft es die Zwergseeschwalbe: Ihre Bestände sind seit den 1990er-Jahren von einst 500 Paaren auf magere 150 bis 200 geschrumpft – das Wasser raubt ihnen schlicht den Platz zum Überleben.

Und dann ist da noch der Mistral. Er peitscht an 120 bis 150 Tagen im Jahr mit Geschwindigkeiten von 50 bis 90 Kilometern pro Stunde über das Land, in Spitzenböen weit über 120. Früher war er ein verlässlicher, saisonaler Taktgeber. Heute bricht er unberechenbar aus, wirft mit extremen Stürmen außerhalb der klassischen Phasen das fein austarierte System aus Wind und Wasser durcheinander.

Ein Mas bei Gallician, eine typische Hofstelle der Camargue. Foto: Hilke Maunder
Ein Mas bei Gallician, eine typische Hofstelle der Camargue. Foto: Hilke Maunder

Das soziale Ökosystem: Dialog auf Augenhöhe

In dieser amphibischen Welt kollidieren harte Interessen. Der Durst der Camargue ist gigantisch, und jeder pocht auf sein Recht am Wasser: Die Landwirtschaft fordert 40 Millionen Kubikmeter pro Jahr für ihre Felder, der Naturschutz benötigt 20 Millionen für die Marschen, und die Salinen schlagen mit 15 Millionen Kubikmetern zu Buche.

Dass dieses fragile Gleichgewicht überhaupt noch existiert, liegt an einer tief verwurzelten Kultur des Dialogs. Der Parc naturel régional de Camargue agiert mit seinen 60 Mitgliedern als unermüdlicher Moderator. Alle zehn Jahre wird die Charta du Parc auf den Prüfstand gestellt und neu verhandelt; die aktuelle Vereinbarung läuft noch bis 2029. Jeder noch so kleine Kompromiss wird in Gremien mit 45 Vertretern aus allen Lagern zäh ausgefochten.

Das ist die eigentliche Leistung der Camargue – noch mehr als die Flamingos. Während 10.000 bis 15.000 Flamingo-Paare jährlich zurückkehren, ist das wirklich Einzigartige das soziale Ökosystem der Zusammenarbeit. In ganz Europa gibt es kaum ein Gebiet, wo Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus so intensiv koexistieren – auf 100.000 Hektar, mit 50.000 Rindern, 20.000 Tonnen Reis, 200.000 Tonnen Salz und zwei Millionen Besuchern jährlich.