Camping royal
Camping royal: So hat Walter Kellner seinen Gastbeitrag in der Reihe „Mein Frankreich – euer Frankreich“ genannt. Ein Besuch in Versailles hat bei dem rüstigen Senior Erinnerungen an einen unvergesslichen Urlaub beweckt.
Ein Reisebericht mit dem Sehnsuchtsziel Paris
– von Walter Kellner –
Ein herrlicher Ausblick über den Park von Versailles. Meine Frau Kiki und ich stehen auf der Terrasse vom Schloss und blicken über die wunderschöne Anlage. Dabei wusste ich, kurz vor meinem 70. Geburtstag, bis vor wenigen Tagen noch nichts von diesem Glück. „Wir machen eine Reise zu Deinem Geburtstag, pack auch einen gehobenen Anzug ein. Morgen früh um 08.30 Uhr werden wir von einem Taxi abgeholt. Bitte stell keine Fragen, es wird eine Überraschung sein.“ Ich war fest davon überzeugt, dass es zum Flughafen gehen wird – mit einer kleinen Reise auf die Kanaren. Stattdessen bringt uns der Fahrer zum Bahnhof. Nun muss Kiki Farbe bekennen: „Wir fahren nach Paris.“ Mein Herz klopft stärker vor Freude.
Mein besonders inniges Verhältnis zu Frankreich und den Franzosen ist ja weithin bekannt. So landen wir in einem bequemen Abteil des französischen TGV. Bis zur Grenze nach Frankreich in gemäßigtem Tempo und dann fliegt die Landschaft mit 250 km/h und mehr an uns vorbei. So ist die Gare du Nord in Paris schnell erreicht. Ein Taxi bringt uns nicht zu einem Hotel, sondern an die Seine. Hier offenbart mir Kiki, dass sie eine zehntägige Flusskreuzfahrt auf der Seine bis an den Atlantik zum zauberhaften Honfleur in der Normandie, gebucht hat. Meine Umarmung für Kiki fällt besonders innig aus.
Von der großen Terrasse von Versailles, unserer ersten Etappe unserer Flusskreuzfahrt, wandert mein Blick nach links zu einer grünen Wiese und einem schönen Barockbrunnen. Erinnerungen steigen in mir auf, meine Gedanken wandern 52 Jahre zurück.
Mein Freund Bernward und ich hatten beide bereits mit 17 Jahren unsere Führerscheinprüfung bestanden, kurz nach dem 18. Geburtstag bekamen wir dieses Dokument ausgehändigt. Wenige Wochen später rief mich Bernward an, er müsse mich dringend sprechen, es gebe aufregende neue Ereignisse. Es war wirklich aufregend. Bernward berichtete, dass sein Vater sich ein neues Auto bestellt und ihm angeboten habe, ihm das alte Auto zu überlassen.
Sein Vorschlag: “Was hältst du davon, wenn das unser Auto wird? Allein kann ich mir das ohnehin nicht leisten.“ Meine Eltern waren nach anfänglichen Bedenken einverstanden, allerdings unter der Bedingung, dass ich mir bis zu meiner Volljährigkeit, damals noch mit 21 Jahren, kein Motorrad oder Mofa kaufe. Begeistert habe ich dann Bernward berichtet, dass ich „dabei bin“. So wurden wir junge Burschen Besitzer eines schönen Mercedes 170.
Wir begannen unverzüglich mit unserer Planung für einen Urlaub mit unserem Auto. Es sollte zunächst auf die holländische Insel Ameland gehen, anschließend waren wir von zwei sehr hübschen jungen Damen eingeladen, sie an ihrem Zeltplatz-Urlaubsort, in Zandvoort bei Amsterdam zu besuchen. Und danach sollte es unbedingt zu unserem Traumziel, nach Paris, führen. Das alles wurde minutiös geplant, wir waren hingerissen von der großen Freiheit, die uns erwartete. Endlich einmal für drei Wochen der Enge des Elternhauses entfliehen.
Start. Mein Herz klopfte vor Aufregung bis zum Hals, Bernward holte mich ab, meine Reisetasche war schnell verstaut, ein flüchtiges Abschiedsküsschen für Frau Mama, viele besorgte Ratschläge… und auf ging’s, in die große, weite Welt. Zunächst nach Ameland, Holland, eine Entfernung von etwa 290 Kilometern. Wir erreichten rechtzeitig die Fähre, es war völlig unkompliziert – auch ohne Navi. Die Überfahrt dauert etwa 25 Minuten. An der Pier wateten bereits zwei Freunde aus Osnabrück, die uns zum Zeltplatz führten.
Es begann eine wunderbare Zeit, ein Reigen aus Strand, Sonne, Jazzabenden und zarten Flirts – und – niemand sagte uns, wann wir zuhause sein mussten, keine Wohlverhaltensratschläge. Die Eintritte in die abendlichen Jazz- und Tanzevents waren für uns übrigens kostenlos. Alle, die einen Haarschnitt von wenigen Millimetern Länge trugen, die sogenannte „Koreapeitsche“ der amerikanischen GIs, also wir und unsere Freunde, durften ohne Eintritt in das Strandlokal eintreten. Nederlands Meisje waren versessen darauf, mit unserem Auto über die Insel gefahren zu werden. Wir waren bekannt wie bunte Hunde.

Aber, eine Woche geht schnell vorüber. Als wir das damals sehr bekannte und schöne Ameland-Lied auf Holländisch singen konnten, hieß es, weiterreisen nach Zandvoort.
Eine Strecke von etwa 300 Kilometern war für uns zwei eine mühelose Angelegenheit, zudem auf wunderbaren Straßen, ohne die heutige Verkehrsdichte. Bei der Ankunft auf dem Campingplatz wurden wir von unseren Freundinnen verheißungsvoll und warm gedrückt. Sie hatten uns offenbar sehnlichst erwartet.
Auch hier begann eine wunderbare Woche, die wie im Rausch an uns vorüberzog. Das Highlight war eine Treppenhausparty in einem schmalbrüstigen Grachtenhaus. Auf vier Treppenhaus-Etagen wurde musiziert, getanzt, geküsst und getrunken. Bei dem Besuch eines Jazzkellers am Rembrandtplein in Amsterdam traf mich, im übertragenen Sinne, der Blitz.
Auf einem Treppenabsatz hörte ich zum ersten Mal mein Lieblingsstück, Take five von Dave Brubeck. Diese Melodie bin ich bis heute nicht losgeworden, selbst der Klingelton meines Handy spielt Take five. Unvergessliche Erinnerungen wurden im Frohsinnsteil des Gehirnes angelagert. Auch hier war der Abschied von unseren Freundinnen tränenreich.
Aber, wir waren sehr aufgeregt, unser Sehnsuchtsziel Paris rief. Es war in einer Zeit, als Paris in aller deutscher Munde war, in Text und Lied. Hier sei nur Caterina Valente mit „Ganz Paris träumt von der Liebe“ erwähnt. Französische Chansonniers und Schauspieler wurden im deutschen Fernsehen angehimmelt und bewundert. Anglizismen waren eher selten und noch nicht gebräuchlich.
Auf geht’s, Paris gilt es von uns Freunden erobert zu werden. Vor uns liegen etwas mehr als 500 Kilometer mit einem Zwischenstopp in Brüssel. Unsere Erwartungshaltung ist immens. Wir erlauschen die französische Sprache, wir bitten für uns langsam zu sprechen, ein Wunsch, der immer mit einem Lächeln erfüllt wird. Wir lassen uns durch das Quartier Latin und Montparnasse treiben. Wir bewundern diese herrliche Stadt und entdecken ständig Neues und Interessantes. Allein ein heißes Croissant mit einem café am Morgen. Sind wir im Paradies?
Die Menschen sind sehr unaufgeregt und freundlich, wir begegnen keinen Ressentiments gegen Deutsche. Wir genießen mit jeder Faser unserer Herzen Paris, diese einmalige Stadt und sind unsäglich glücklich. Welch ein Gegensatz zur deutschen Provinz! Unsere kümmerlichen Französischkenntnisse sind zwar eine Erschwernis, aber letztlich kein Problem. Unsere Zeit scheint uns noch schneller zu enteilen als bei unseren Stopps zuvor. Das ist jedoch ein bekanntes Phänomen. Die Zeit vergeht immer rascher, je weniger Zeit man noch vor sich hat.

Wir sitzen an einem schönen, sonnigen Spätnachmittag in einem Café an der Seine im Bereich der Tour Eiffel. Wir sind nicht sehr gesprächig, es ist unser vorletzter Tag vor der Rückreise. Am Nebentisch sitzt ein sehr schönes Mädchen in unserem Alter mit pechschwarzem Haar. Ich stottere zum Nebentisch: “Vous voulez vous asseoir avec nous, mais nous ne parlons pas bien français ?“ Sie erhebt sich zögerlich und leistet uns Gesellschaft.
Es entwickelt sich ein munterer Trialog. Sie ist Schülerin eines Mädcheninternats, ihre Eltern sind vor vielen Jahren aus Marokko zugezogen. Sie erzählt viele kleine Geschichten über Paris und deren besondere Plätze. Vieles, von dem, was sie berichtet, kann ich nur erahnen, da sie immer wieder in eine rasend schnelle Sprache verfällt. Die Zeit vergeht wieder einmal unangenehm schnell, unsere neue Freundin Yasmine sagt, sie müsse gehen, da ihr letzter Bus fährt.
Ein wenig großspurig verkünden wir: Kein Problem, wir haben ein Auto und bringen Dich zu Deinem Internat. Also, bleib noch ein wenig. So geschah es. Schließlich war der Zeitpunkt gekommen, wo es keinen Aufschub mehr gab. Sie sagte, dass eine Freundin ihr ein Tor öffnen würde, und dass sie in Versailles wohne. Die Entfernung nach Versailles betrug etwa 20 Kilometer.
Jetzt, am späten Abend, mit wenig Verkehr, war das schnell geschafft. In einer vornehm ausschauenden Straße verabschiedeten wir uns vor einem kleinen Palais mit hoher Mauer und vielen Bäumen. Wir wurden mit einem Küsschen und einer verdrückten Träne entlohnt, und sie verschwand blitzschnell hinter einem kleinen Holztor. Sie hatte uns einen Zettel mit Namen, Adresse und Telefonnummer gegeben. Bitte bleibt mit mir in Kontakt. Wir haben es versprochen, aber alle beide verdrängt.
Wir brauchen jetzt einen Platz, wo wir unser Zelt aufbauen können, einen Platz zum Schlafen. Wir fahren somit ziellos durch das kleine und buchstäblich verschlafene Versailles. Auf der linken Seite Wald und Wiesen, rechts eine hohe Mauer. Plötzlich öffnet sich rechts ein freier Blick durch ein geöffnetes geschmiedetes Tor auf eine Wiese mit Büschen und Sträuchern. Wir befinden: Das ist der richtige Platz für unsere Nachtruhe.
Wir fahren vorsichtig durch das Tor. Parken unser Auto und bauen, wohlgeübt in wenigen Minuten unser Zelt auf. Kurze Zeit später liegen wir in unseren Schlafsäcken im Zelt und schlafen beinahe augenblicklich ein. Eine ruhige Nacht erwartet uns.
Ich fahre tief erschrocken im Schlafsack hoch. Es ist zwischenzeitlich hell geworden. Vor unserem Zelt steht ein tobender Franzose, den wir natürlich nicht verstehen. Von französischer Gelassenheit ist nichts zu spüren, er brüllt ohne Unterlass, ohne Luft zu holen, droht mit Polizei.
Bernward und ich stehen hilflos da. Mein pragmatischer Freund sagt schließlich: “Lass uns einfach das Zelt abbauen.“ Unser Schreihals wird langsam ruhiger, ihm geht offenbar die Luft aus. Wir schauen uns um und verstehen nunmehr, was seinen Zorn ausgelöst hat. Wir haben im Park von Versailles gezeltet.
Ich deute mit dem Zeigefinger nach links. Meine liebe Kiki, siehst Du, da vorn auf der Wiese, den großen Brunnen? Da habe ich als 18-jähriger gezeltet. Wir haben sehr gelacht.

Der Beitrag von Walter Kellner ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran:
- Text: per Mail in Word, Open Office oder per Mail. Denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.
- Wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Double content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.
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- Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci !
Ich freue mich auf eure Beiträge! Alle bisherigen Artikel dieser Reihe findet ihr hier.

