Canal de Bourgogne: das blaue Band von Burgund
Der Canal de Bourgogne ist das blaue Band Burgunds. Zwischen der Yonne und der Saône erschließt er einige der schönsten Landschaften und Orte des einst so machtvollen Herzogtums. Und schafft dabei ein physikalisches Wunder: Er fließt bergauf.
Von zwei Seiten aus klettert die künstliche Wasserstraße in die Höhe, ehe sie sich in den Hügeln des Auxois trifft. 189 Schleusen sorgen dafür, dass auf ihren 242 Kilometern die Natur überwunden werden kann – und die Binnenschiffe bergauf fahren können. 113 solcher écluses sind es zur Seite der Yonne-Seite, 76 auf der Saône-Seite.
189 Schleusen
Ursprünglich waren es 191 Schleusen. Die beiden Doppelschleusen zur Yonne-Seite – 106/107 bei Germigny und 114/115 bei Migennes wurden jedoch später so umgebaut, dass jeweils nur noch eine Schleusenkammer genutzt wird – daher sind es heute nur noch 189. Stolze 302 Höhenmeter überwinden sie am versant Yonne, 209 Meter am versant Saône.

Bis heute muss unterwegs reichlich gekurbelt werden, denn das Gros der Schleusen ist noch nicht automatisiert.
Nur 201 Meter beträgt der kürzeste Abstand zwischen zwei solchen Passagen. Länger als zehn Kilometer könnt ihr auf keinem der Kanalabschnitte ohne zu schleusen entspannt gleiten.
57 Jahre Bauzeit
1775 erfolgte der erste Spatenstich am Teilstück Yonne für dieses Megaprojekt, 1783 am Teilstück Saône. 1793 unterbrach die Französische Revolution die Arbeiten. 1807 ordnete Napoleon I. die Wiederaufnahme an. 1808 wurde der Streckenabschnitt Digoin – Saint-Jean-de-Losne eingeweiht. 1822 folgte die Eröffnung des Abschnitts Tonnerre – Migennes. 1826 bis 1832 wurde die Voûte de Pouilly durch den Untergrund gegraben. 1832 konnte der Canal de Bourgogne durchgängig befahren werden.

Erbaut von zwei Seiten
Ähnlich wie beim Canal du Midi hatten Frankreichs Herrscher schon sehr lange von einer solchen Wasserstraße geträumt. Bereits im 16. Jahrhundert hatte Franz I. dazu erste Ideen. Möglich wurde der Bau durch die Aufteilung in zwei Bereiche. Den nördlichen Teil , den versant Yonne, finanzierte die Krone. Von Süden her stellten die États de Bourgogne für das Saône-Teilstück die notwendigen Mittel zur Verfügung.
Beide Bauabschnitte trafen an einem Ort zusammen, der heute den touristischen Dreh-und Angelpunkt des Canal de Bourgogne bildet: Pouilly-en-Auxois. Ein Blick auf seine Kais zeigt: Kommerzielle Binnenschifffahrt gibt es hier heute kaum noch. Stattdessen ist der Kanal fest in der Hand der Freizeitskipper und Hausbootkapitäne.
Die einstigen Treidelpfade, auf denen einst Ochsen, Pferde oder auch Menschen die Kähne zogen, sind heute beliebte Strecken zum Radfahren, Wandern oder Spazierengehen, flach, planiert und oft im Schatten von Platanen, die hier noch nicht – wie am Canal du Midi – gefällt werden mussten. Zwei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich ihr sie erleben könnt.
Escommes-Vandenasse auf der Voie Verte du Canal de Bourgogne

Der schönste Abschnitt der Voie Verte du Canal de Bourgogne. beginnt am Port d’Escommes, einem malerischen Hafenbecken, in dem gerne Hotelschiffe festmachen, die den Kanal befahren.
Der Hafen von Escommes
Um 1840 wurden hier vor allem Zement, vor Ort hergestellt, und Phosphat aus Maconge umgeschlagen. Auch Getreide und Heu für die Pferde sowie Wein aus Beaune wurden hier aufs Schiff verladen und von Escommes aus nach Paris, Belgien und sogar Großbritannien transportiert. Bis 1970 reiste von hier auch Feldspat nach Deutschland!

Schlag auf Schlag folgen nun die Schleusen, und der Lauf der Vandenesse begleitet den Kanal. Zwischen dem Hafen von Escommes am Scheitelpunkt (bief de partage) und Vandenesse-en-Auxois drängen sich auf knapp drei Kanalkilometern gleich acht Abstiegs-Schleusen hinab in das Ouche-Tal.
Vandenasse-en-Auxois
Üppiger Geranienflor schmückt die Schleusenhäuschen von Vandenasse-en-Auxois. Dann taucht die Brücke von Vandenesse-en-Auxois auf, und alle, die auf dem Kanal unterwegs sind, ziehen die Köpfe ein und legen Aufbauten auf dem Oberdeck flach, so niedrig ist sie. Jenseits der Brücke versteckt sich zwischen Schleuse 8 und Schleuse 9 einer der schönsten Liegeplätze am Burgunderkanal.

Dort ist er so breit, dass 180-Grad-Kurven für 38-Meter-Lastkähne oder luxuriöse Hotelschiffe problemlos möglich sind: welch ein Schauspiel! An Land parken Wohnmobile. Wenig weiter legen Radfahrer eine Picknickpause am Kanal ein und betrachten das Treiben auf dem Wasser. Eine beschauliche Gelassenheit liegt über Vandenesse, Frieden und zufriedene Ruhe.

Am anderen Ufer erhebt sich die Église de l’Assomption über den alten Gassen des Flussschifferdorfes. Hinüber ans andere Ufer, durchs Dorf geschlendert und dann weitergeradelt am Kanal bis zur Schleuse Écluse 12, wo eine Brücke zurück zur Voie Verte führt – und gen Norden zurück bis nach Escommes.

Pouilly-en-Auxois: Tunneln auf dem Höhepunkt
Wer der Voie verte du Canal de Bourgogne weiter gen Süden folgt, erreicht Pouilly-en-Auxois. Das beschauliche Landstädtchen im Herzen Burgunds liegt auf dem „Gipfel“ des Canal de Bourgogne. 115 Schleusen benötigt der 242 Kilometer lange Kanal, um bei Migennes (80 m) seinen Aufstieg zu beginnen, ehe er bei Pouilly-en-Auxois seinen höchsten Punkt erreicht: 378 Meter über dem Meeresspiegel – nirgendwo in Frankreich gibt es einen höheren schiffbaren Punkt eines Kanals! Sechs Stauseen – Grabois-en-Montagne, Panthier, Tillot, Chazilly, Cerzy, Pont – und mehrere kleine Zuleitungsgräben, rigoles genannt, sichern am Scheitelpunkt die Wasserversorgung.

Und genau hier beginnen im Port de Plaisance von April bis Oktober, dienstags bis sonntags, unterhaltsame wie geruhsame Kreuzfahrten auf dem Burgunderkanal. Ob zwei Stunden oder länger, mit oder ohne Mittagessen, stets kommentiert ein Kapitän die Fahrt, der sichtlich Spaß daran hat, immer ein Lächeln im Gesicht trägt und mit Esprit und Charme die Geschichte des Kanals aufrollt und verrät, was am Ufer kreucht und fleucht. Auch an Anekdoten mangelt es ihm nicht, während er sein schneeweißes Ausflugsboot zwischen Pouilly-en-Auxois und dem Hafen von Escommes durch die erste und einzige Schleuse dieses Törns steuert.

La Billebaude: die literarische Vorlage
La Billebaude heißt es – und erinnert damit an einen Roman, den Henri Vincenot 1978 verfasste. Der Autor blickt darin auf seine Kindheit zurück, als er bei seinen Großeltern in einem kleinen Dorf im Auxois lebte, spannende Jagdausflüge und rauschende Feste erlebte und fasziniert alten Geschichten lauschte: die passende Lektüre vor oder nach dem Törn. Doch nun ist das Highlight der Kanalfahrt erreicht – und La Billebaude taucht in einen Tunnel ein. Kribbeln!
Nicht nur der Nachwuchs genießt dieses überraschende Abenteuer, das das sanfte Gleiten vorbei an baumbestandenen Treidelwegen unterbricht. 30 Minuten dauert es, bis die Billebaude die Voûte de Pouilly durchquert hat, einen genau 3.333 m langen Tunnel. Erst 2017 erhielt der berühmteste Flusstunnel Frankreichs entlang seines Gewölbes eine weiße Sicherheitsbeleuchtung – und in seinen zehn großen Lüftungsschächten zusätzliche Dioden in Türkis. Ihr Leuchten beschert dem Tunnel eine einzigartige Atmosphäre!

Ein Kanal, zwei Gesichter
Mich hat es ungeheuer fasziniert, wie unterschiedlich sich der Canal de Bourgogne auf diesem so kurzen Teilstück präsentiert. Vandenesse-en-Auxois prägte burgundische Beschaulichkeit: Geranien auf der Schleusenbrücke, eine behäbige Kirche über den Häusern am Ufer, ein Liegeplatz breit genug für die große Wende, am Horizont das Burgdorf Châteauneuf-en-Auxois.
In Pouilly-en-Auxois hingegen beschert der Kanal Nervenkitzel: ein türkis illuminierter Tunnel, der von den Visionen und dem Wagemut all jener Menschen erzählt, die an seinem Bau beteiligt waren. Das macht für mich den Reiz des Canal de Bourgogne aus. Er ist mehr als eine funktionelle Wasserstraße, sondern gebaute Geschichte, die sich in Schleusen erzählen und gemächlich erleben lässt. Zu Fuß, per Rad oder im Boot, Schleuse um Schleuse hinauf zum „Dach Burgunds“.

Canal de Bourgogne: meine Reise-Tipps
Schlemmen und genießen
L’Auberge de Guillaume
Der gebürtige Burgunder Guillaume Royer ist ein Meilleur Ouvrier de France und war Küchenchef im renommierten Château de Sainte-Sabine, ehe er direkt am Hafenbecken von Vandenesse ein Schlemmerlokal eröffnete, das auf raffinierte, bodenständige Küche mit lokalen Produkten setzt. Sein exzellenter Ruf basiert vor allem auf hausgemachten Terrinen, zart geschmortem Backenfleisch, kreativen Zubereitungen von heimischem Fisch und Wild sowie neu interpretierten Klassiker wie Oeufs en meurette.
• 4, place de la Mairie, 21320 Vandenesse-en-Auxois, Tel. 03 80 49 22 36, www.laubergedeguillaume.com
Chez Lucotte
Direkt am Treidelpfad findet ihr diesen Einkehrstopp mit gemütlichem Vintage-Ambiente voller Antiquitäten und Rétro-Objekten. Auf der Karte steht unkomplizierte, rustikale Hausmannskost mit frisch zubereiteten Plats mijotés (Schmorgerichten), frischen Salaten, herzhaften Galettes und Steinofen-Pizzen zum Mitnehmen am Wochenende.
• Rue du Moulin, 21320 Vandenesse-en-Auxois, Tel. 03 80 49 22 38, www.chez-lucotte.fr
Hôtel-Restaurant de la Poste
Ebenfalls imChâteau de Sainte-Sabine waren einst Küchenchef Benjamin Linard und seine Frau Louise. Auf der Karte finden sich Burgunderschnecken (Escargots de Bourgogne), zart zubereitete Froschschenkel, regionaler Fisch sowie beliebte Nachspeisen-Klassiker wie Baba au Rhum oder Zitronentartes.
• 2, rue Docteur Chauveau, 21320 Pouilly-en-Auxois, Tel. 03 80 64 50 35, www.hoteldelaposte-pouilly.com
Microbrasserie La Clé de Voûte
Nach dem berühmten Kanaltunnel des Ortes benannte Olivier Vailly seine 2019 gegründet Craftbier-Brauerei, die bio-zertifizierte und lokal verwurzelte Biere herstellt. Das Sortiment umfasst süffige Lagerbiere, fruchtige IPAs, kräftige Amber-Ales und saisonale Bierspezialitäten.
• 17, avenue du Général de Gaulle, 21320 Pouilly-en-Auxois, Tel. mobil 06 71 86 63 92, https://brasserielavoute.com
La Table des Producteurs
Im Golfhotel Château de Chailly steht Valentin Pacaud am Herd und serviert eine bodenständige, erstklassige Terroir-Küche. Auf der Karte stehen Spezialitäten wie 40 Tage gereiftes Charolais-Rind von der Ferme de Clavisy, traditionelles Bœuf Bourguignon, sowie Taube und Forelle. Diniert wird in edlem Schlossambiente – wahlweise im gewölbten historischen Weinkeller oder auf der Schlossterrasse der Residenz aus dem 16. Jahrhundert.
• Allée du Château, 21320 Chailly-sur-Armançon, Tel. 03 80 90 30 30, www.chailly.com

Erleben
Chemin de fer de la Vallée de l’Ouche
In Bligny-sur-Ouche beginnen nostalgische Dampfzugfahrten durch die Vallée de l’Ouche.
• Allée de la gare, 21360 Bligny-sur-Ouche, Tel. 03 80 20 17 92, www.traindelouche.fr
Croisières de la Voûte
Rue du Sergent Stéphane Mazeau, 21360 Pouilly-en-Auxois, Tel. 03 80 90 77 36, www.tourismepouillybligny.fr
Les Maquettes à flot
Am 1. Sonntag im September veranstaltet Vandenesse-en-Auxois alle zwei Jahre die Modellboot-Schau Les Maquettes à flot.
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