Canal du Midi: von Toulouse nach Castelnaudary


Der Canal du Midi gehört zu den schönsten Wasserwegen in Europa. Seine Wiege liegt in Okzitanien, wo Platanen geschmückte Treidelpfade, Sonnenblumenfelder, Herrenhäuser und gotische Glockentürme, Dörfer und Marktflecken das blaue Band des Südens begleiten. Unser Hausboot-Törn: Teil 1 von Toulouse nach Castelnaudary. Teil 2 sind wir zuerst geschippert, den Beitrag gibt es hier.

Vision seit Jahrhunderten

Schon die Römer träumten von einer Wasserstraße zwischen Mittelmeer und Atlantik. Mächtige und Macher versuchten sich an der Idee, selbst Leonardo da Vinci scheiterte. Bis ein Baron aus Béziers die Lösung fand, den Sonnenkönig Ludwig IV. überzeugte, und im Herbst 1667 in Toulouse den ersten Spatenstich wagte: Pierre-Paul Riquet.

Heute starten in Toulouse am Hafen von Saint-Sauveur von April bis Oktober Freizeitskipper in bunten Lastkähnen, gemütlichen Penichette oder komfortablen Kabinenkreuzern zu Hausboottörns Richtung Mittelmeer.

MS Tango: Kompakt und komfortabel

Unser schwimmendes Heim ist die gut zwölf Meter lange MS Tango. Das Heck birgt zwei Doppelkabinen mit 80 cm breiten Betten, etwas Staufläche und Blick aufs Wasser. Dusche, WC und Waschbecken bilden eine kompakte, praktische Nasszelle im Gang. Im hellen, geräumigen Salon mit Innen-Steuerstand ist Platz für eine Sitzecke und eine kleine, aber komplett ausgestattete Küche. Der Kühlschrank nimmt die Einkäufe auf. In den Touloser Markthallen Marché Victor Hugo haben wir uns mit den kulinarischen Genüssen der Region eingedeckt.

Was für ein Schlaraffenland!

Die beste Foie Gras gibt es bei André Massat, täglich 50 Fischsorten und eine reiche Auswahl an Krustentieren und Meeresfrüchten bei der Poisonnerie Bellocq. Zu den besten Affinateurs, sprich Veredlern von Käse, gehört Xavier Bourgon. Sein Sohn François wurde 2011 als Meilleur Ouvrier de France ausgezeichnet wurde. Bei der Charcuterie Garcia schließlich kaufen wir die allerbeste Saucisse de Toulouse. Beim Chai Vincent finden wir ervorragende Tropfen vom Château de Floris, der Domaine Saint-Lannes und anderen Top-Winzern des Südwestens. Wie gut, dass es in der kleinen Küche auch noch Abseiten zum Verstauen der Vorräte gibt…

Eine kleine, steile Treppe führt an Deck mit Außensteuerstand und Panoramasitzecke, die rasch zum Lieblingsplatz wird. Beim Frühstück, wenn die Sonne zwischen den Platanen hervor blinzelt, oder beim abendlichen Aperitif, wo wir ein wenig im Kapitänshandbuch blättern, die Route für den nächsten Tag planen, und etwas über die Geschichte des Canal du Midi erfahren. Bereits vier Jahre nach dem ersten Spatenstich, 1671, war der 52 km lange westliche Teil bis zum Scheitel bei Narouze fertig stellt. 1674 führte der Kanal bereits bis nach Castelnaudary, 1681 war der Étang de Thau erreicht.

Mammuteinsatz für eine Vision

Nur mit Schaufel und Schubkarren wurde das Kanalbett ausgehoben. Mehr als sieben Millionen Kubiktonnen Erde und Gestein räumten dabei die 12.000 Arbeiter, darunter auch 600 Frauen fort. 42.000 Platanen, Pappeln und Zypressen wurden entlang der Treidelpfade gepflanzt, 328 Brücken, Dämme, Aquädukte und Schleusen gebaut – 64 sind es insgesamt an der 241 km lange Wasserstraße.

Und nicht, wie in anderen Revieren, gerade, kurze Schleusen mit einer Kammer und gelb markierten Schleusenbereichen, sondern auch mehrere, hunderte Meter lange Schleusentreppen mit vier, fünf, sechs, sieben, acht, sogar neun ovalen Kammern, die mitunter mehr als 20 Höhenmeter überwinden.

Die erste Schleuse…

Auch wenn sie nur eine Kammer hat, sorgt die erste Schleuse in Négra für Adrenalinkicks. Trotz Bootsführerschein hat Claudia kleine Sorgenfalten auf der Stirn, als sie die schmale Eisenleiter hinauf klettert, die Leinen über die Schulter gelegt. Oben belegt sie zwei Poller und wirft meiner Tochter Lara die Enden zu.

Denn der Skipper bleibt beim Schleusen stets am Außenstand an Bord. Denn jetzt schießt mit ungeheurer Kraft das Wasser durch die geöffneten Schleusentore, will das Boot von der Wand wegdrücken. Minuten später ist der Spuk vorbei, liegt die Tango wieder träge dicht an der Wand, öffnen sich die Tore, und wir tuckern hinaus. Welch ein erhebendes Gefühl, die erste Schleuse gemeistert zu haben!

Geniestreich am Scheitel

Hochbetrieb herrscht auch auf der höchstgelegenen Schleuse der Strecke, der Écluse de l’Océan auf der Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Atlantik. Genau hier, wo sich heute ein Obelisk in Erinnerung an den Erbauer erhebt, hatte Pierre-Paul Riquet eine Antwort auf die Frage gefunden, wie der Kanal ständig mit Wasser versorgt werden könne. Sein Geniestreich: Er ließ am höchsten Punkt des Kanals ganz in der Nähe ein riesiges Staubecken anlegen. Sie sammeln bis heute  das Wasser der Montagne Noire. Der Kanal überwindet auf seinem Weg insgesamt 194 Höhenmeter.

Ganzjährig befahrbare Wasserstraße

Vom Reservoir de Saint-Ferréol sorgt seitdem ein genau berechnetes System aus unterirdischen Wasserrinnen und Zuflüssen dafür, dass der Canal du Midi das ganze Jahr hindurch schiffbar ist. Wie der Kanal, so galt auch der malerisch gelegene Stausee unter Zeitgenossen als „Weltwunder“ – mit 67 Hektar war er damals nicht nur das größte künstliche Gewässer der Welt, sondern besaß mit 36 Metern auch den höchsten Staudamm der Welt. Und das sogar 200 Jahre lang.

Unterhalb des Stausees schießt in den Jardins du Canal du Midi eine Fontäne 30 Meter hoch in den Himmel. In ihrem Schatten picknicken Frauen, der Nachwuchs tollt im Gras. Die Männer haben sich ins ehemaligen Haus der Ingenieure verzogen, wo das Musée du Canal du Midi in sechs Räumen interaktiv die Geschichte des Kanals wiederaufleben lässt, der seit 1996 zum Weltkulturerbe gehört.

Achtung: mittags keine Passage!

„Achtet auf die Schleusenzeiten“, hatte uns vor uns der Einweiser auf der Hausbootbasis geraten. “Und nutzt die Pausenzeiten für Ausflüge!“ Morgens wird von 9 bis 12.30 Uhr geschleust, nachmittags ist je nach Reisemonat zwischen 17 und 19 Uhr Schluss, Nachtfahrten auf dem Kanal sind verboten. Mit den Fahrrädern, sonst am Bug fest verzurrt, folgen wir erst den Treidelpfaden, die heute als „Voie Verte“ den Kanal begleiten, dann alten Platanenalleen.

Hunderttausende Bäume hatte Napoleon pflanzen lassen, um seine Soldaten beim Marschieren vor direktem Sonnenlicht zu schützen. Jetzt spenden sie uns Schatten. So entdecken wir charmante Dörfer wie Gardouch, Montgiscard und Ayguesvives, die ganz und gar aus orangerotem Backstein errichtet wurden, radeln durch Raps- und Sonnenblumenfelder, und erreichen Villefranche-de-Lauragais.

Die Pastel-Bastide

Die Bastide („neue Stadt“) des 13. Jahrhunderts war einst das Zentrum des Pastellhandels.  Aus Pastel (Färberwaid) wurde begehrteste Farbe des Mittelalters gewonnen: Blau. Vom einstigen Reichtum zeugen noch heute alte, kunstvoll verzierte Fachwerkhäuser und die rote Backsteinkirche Notre-Dame-de-l’Assomption mit ihrem monumentalen Glockengiebel, die sich neben einer alten Markthalle erhebt.

In Weckgläsern und Konservendosen gibt es dort den kulinarischen Klassiker der Region: Cassoulet, ein weißer Bohneneintopf mit Würsten und Fleisch, der so satt macht, dass man an Deck abends die Beine hochlegt, noch ein wenig am Wein nippt, die Stille am Kanal genießt und sich wie Gott in Frankreich fühlt…

Meine Reisetipps: Schippern auf Südfrankreichs Kanälen

Hausbootvermietung

Le Boat

Marktführer bei der Hausbootvermietung in Europa ist Le Boat. Neben der Bootsmiete fallen Nebenkosten für Betriebskosten (Wasser, Diesel, Gas), Liegegebühren und Versicherung an. Tipp: Leihräder gleich mit mieten!
• Le Boat, c/o Crown Blue Line GmbH, Theodor-Heuss-Str. 53-63, Eingang D, 61118 Bad Vilbel, Tel. 0800 72 37 01 44 47, www.leboat.de

Flusstourismus – die schönsten Reviere

Canal du Midi

241 km zwischen Toulouse und Sète am Mittelmeer. Highlight: Toulouse, Lac de St Ferréol, Lauragnais, Carcassonne; www.canalmidi.com

Canal de Garonne

193 km zwischen Toulouse und der Gironde-Mündung am Atlantik. Highlights: Schiffshebewerk Montech, Montauban mit dem Ingres-Museum, Moissac, Brückenkanal von Cacor; www.canal-et-voie-verte.com

Garonne

Toulouse von der Wasserseite – Highlights: Prairie des Filtres, Château d’Eau, Hôtel-Dieu, La Grave und Pont Neuf, die älteste Brücke der Stadt (1661).

Lot

75 km zwischen Larnagol und Luzech, 17 Schleusen. Highlights: Saint-Cirq Lapopie, Cahors mit dem Pont Valentré, die Weine von Cahors

Baïse

60 km zwischen Valence-sur-Baïse und Buzet-sur–Baïse. Highlights: Château Millet und die Weingärten von Armagnac, Condom, Abtei von Flaran

Tarn

schiffbar bei Millau und Albi. Highlights: Viadukt von Millau, Albi, Raspes du Tarn (Steilfelsen).

 

 

 

 

 

 

 

 

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