Capcir: ein Hauch von Kanada
Skandinavien-Feeling an der spanischen Grenze: Der Capcir überrascht als kühles, wildes Hochplateau mitten im mediterranen Süden Frankreichs. Wo sich im Sommer die Segel auf tiefblauen Stauseen im Wind bläen, gleiten im Winter die Langläufer durch lichte Kiefernwälder – ein stilles, katalanisch geprägtes Paradies abseits des Trubels der Mittelmeerküste.
Sieht das nicht ein wenig nach Österreich aus? Oder Kanada? Oder Skandinavien? Und doch bin ich im tiefsten Süden, der spanischen Grenze zum Greifen nah.
Nur 90 kurvige Autominuten von meinem karstig-mediterranen Tal entfernt, tauche ich ein in eine andere Welt. Hinter mir liegt die flirrende Hitze der Garrigue, wo der Duft von Thymian und der Gesang der Zikaden das als Tal des Agly.prägen. Jetzt füllt würzig-frische Bergluft die Lungen. Das Capcir ist ein weites Hochplateau mit tiefen Wäldern, drei Seen und einem deutlich kühleren Klima.
Der schönste Weg dorthin folgt dem Lauf der Aude, die sich hinter Axat durch enge Felsen zwängt. Immer wieder sehe ich kleine Gruppen in Schlauchbooten, ausgerüstet mit Helm, Rettungsweste und Paddel, die in wilder Fahrt beim Rafting über die Stromschnellen sausen.
Weiter und weiter werden die Abstände zwischen den kleinen Siedlungen und einzelnen Gehöften, Buchenwälder und Farne säumen die Straßen. Dann öffnet sich der Blick, und die Bergspitzen der Pyrenäen funkeln eisig glitzernd am Horizont. Hinter Puyvalador weitet sich die sanft gewellte Landschaft; jenseits der Almen säumen Krüppelkiefern einen See. Der tiefblaue Wasserspiegel täuscht über seinen Ursprung hinweg: Er ist, wie die anderen großen Seen der Hochebene, ein gigantischer, künstlicher Wasserspeicher, der die Wasserkraft für den Süden sichert und die Flüsse reguliert – ein Meisterwerk der Technik, in den Jahren 1925-32 von der EDF eingebettet in scheinbar unberührte Wildnis.
Auf rund 1.400 Metern Höhe erreiche ich ein 400-Einwohner-Städtchen mit schiefergedeckten Häusern aus altem Holz und grobem Stein, die sich um eine Pfarrkirche gruppieren: Formiguères, die des Capcir. Bis zum Pyrenäenfrieden von 1659 war es eine comarca Kataloniens und gehörte zu Spanien.
Als der Vertrag damals die Grenze auf den Hauptkamm der Pyrenäen verschob, zerriss er jahrhundertealte Weiderechte und trennte Familien. Doch die Kultur ließ sich nicht teilen. Bis heute sind Katalanisch und Spanisch hier fast häufiger zu hören als das Französische. Die Spanier haben die Vorzüge ihres Nachbartales erkannt und verbringen in immer größeren Scharen hier einen Tag, eine Woche, einen ganzen Urlaub.
Und das nicht nur im Winter, wenn die Lifte von Formiguères und Les Angles schneesicheres Skivergnügen in Höhen bis zu 2400 Metern bieten, sondern auch im Sommer. Angesichts des Klimawandels investieren die Stationen massiv in den Ganzjahrestourismus und verwandeln sich in moderne Vier-Jahreszeiten-Resorts, die Wanderer, Wassersportler und Mountainbiker gleichermaßen anlocken.
Dann lockt die base de loisirs am Lac de Matemale mit Bogenschießen, Minigolf, Ausritten, Segeln, Surfen und Stand-Up-Paddling. Zum Baden ist mir das Wasser etwas zu frisch; die Kleinen jedoch toben im 240 Hektar großen Stausee. Dazu ein kleines, einfaches Restaurant, Grillplätze und ein schier unendliches Netz an Wander- und Radwegen. Und wer bleiben möchte, darf am Ufer sein Zelt aufschlagen oder den Caravan abstellen.
Das Centre Nordique des Capcir
Zwei Spuren im Schnee, sauber gezogen, schön parallel. Geschwind, locker und leicht sausen die Langläufer durch den tief verschneiten Wald, der das Plateau bedeckt. Dicke weiße Hauben bedecken die Tannen. Würzig ist die Luft. Hier und da lugen zwischen den Baumspitzen die eisigen Gipfel des Pyrenäen-Hauptkammes auf. Langlauf ist wie Zen.
Südliches Zen, denn die Loipe verläuft mitten durch die einsamen Weiten des Capcir in Okzitanien. 940 Kilometer südlich von Paris, 100 Kilometer vom Mittelmeer, erstreckt sich bei den Dörfern Matemale und La Llagonne das größte Langlaufgebiet der Pyrénées-Orientales. 116 Kilometer lang ist das Loipennetz des Centre Nordique du Capcir im regionalen Naturpark der Pyrénées Catalanes. 60 Kilometer Loipe werden täglich maschinell gespurt. 56 Kilometer sind voies blanches, weiße Pisten. Jene sind auch für Skijöring geöffnet – dann ziehen Hunde oder Pferde den Ski(lang)läufer. Auch Fatbiking und Hundeschlittenfahrten sind auf den voies blanches gestattet.
Die Loipen des Capcir verlaufen in 1500 bis 1900 Metern Höhe über offene Hochebenen, gefrorene Sümpfe, vorbei an Bächen und Seen und mitten durch uralte, dichte Bergwälder. Entspannen. Konzentrieren. Einmal tief durchatmen, dann einstechen. Das Gewicht auf nur einen Ski verlagern, kräftig nach hinten abdrücken. Gewicht verlagern, mit den Armen im Rhythmus mitschwingen, den Stock einstechen.
Nicht zu weit nach vorne, sondern weiter nach hinten schwingen. Auch, wer noch nie auf Langlaufski gestanden hat, kann es hier lernen – allein mit dem moniteur, dem Skilehrer, oder in Gruppen. Schwierig ist es nicht, Schneekontakt selten. Langlauf ist schnell gelernt, trainiert das Herz – und weckt alle Sinne beim Gleiten durch Stille. Nach 40 Minuten perlt der Schweiß bei -10 °C Frost.
Langlauf ist individuell. Jeder läuft im eigenen Tempo, je nach Laune und Leistung. In den einzelnen Teilbereichen sind die Loipen sind so angelegt, dass sie zu Rundwegen unterschiedlichster Länge kombiniert werden können. Grün, blau und rot sind die Schwierigkeitsgrade der Loipen, und damit gut von Anfängern und Fortgeschrittenen zu meistern. Schwarze Loipen für echte Cracks fehlen. Das größte Teilgebiet des Langlaufzentrums Capcir befindet sich am Col de la Llose (1.861 m).
Dort ist das Loipennetz besonders vielfältig und vernetzt. Es reicht von der kurzen Aufwärmrunde Le Cortal mit 2,3 Kilometer Länge bis zur 13-Kilometer-Loipe Le Dourmidou, die unterwegs Aussichten auf den heiligen Berg der Katalanen, den 2.785 Meter hohen Canigou, und das Mittelmeer eröffnet. Eine neun Kilometer lange Runde führt über die Passhöhe Col de Creu zur Schutzhütte am Col du Torn (1.870 m), wo Hüttenwirtin Léonie heißen Kaffee oder Kakao ausschenkt und den Hunger mit Gegrilltem, Salat oder hausgemachten Kuchen stillt.
Der Col de la Llose ist der höchstgelegene Teilbereich des Langlaufgebietes und meist bis April geöffnet. Nur wenig niedriger liegt die Domaine de la Quillane am Col de la Quillane (1.713 m) ebenfalls auf einer Passhöhe mit herrlichen Ausblicken auf die Pyrenäenkette.
An die Wälder Skandinaviens erinnert die Forêt de la Matte. Ihr nahezu unberührter Wald aus Silvesterkiefern grenzt an den See von Matemale und birgt 30 Kilometer weiße Wege auf 1500 Metern Höhe, die nahezu eben verlaufen und nur wenige Steigungen oder Gefälle bieten – ein ideales Terrain für Anfänger und alle, die einfach nur abschalten möchten beim Gleiten durch den Winterwald. Und weitere Gebiete mit Loipen entdecken möchten: am Lac de l’Olive oder rund um Formiguères.
Capcir & Lac de Matemale: meine Reisetipps
Informieren
Maison du Capcir, TM6, 66210 La Llagonne, Tel. 04 68 04 49 86, www.pyrenees-catalanes.net
Schlemmen & genießen
Le Cinq
Hier trifft sich Formiguères das ganze Jahr zum Kaffee, zum Apéro und zum Essen & Erzählen.
• 5, route de Mont Louis, 66210 Formiguères, Tel. 09 75 22 45 63, auf Facebook zu finden
La Ramballade
Urig und authentisch – im Ambiente wie in der Küche – mit Holzfeuergerichten und Hausmannskost für Fleischliebhaber. Unbedingt probieren: Gerichte mit den berühmten, geschützten Bergkartoffeln des Plateaus . doe pomme de terre du Capcir, die dank des Höhenklimas einen unverwechselbar nussigen Geschmack entfalten.
• 1, rue de la Ramballade, 66210 Les Angles, Tel. 04 68 04 46 32, https://laramballadelesangles.eatbu.com
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Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*
Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.
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