Céret: Kirschen und Kubisten
In Céret flüstert die Vergangenheit nicht nur durch die Gassen – sie malt, tanzt und musiziert. Diese kleine katalanische Stadt in Südfrankreich hat Künstler wie Pablo Picasso und Georges Braque magisch angezogen.
Nun also Céret im Vallespir, dem Hochtal des Tech. Zwei Pässe und zwei Täler hatte ich passiert. Dann war ich endlich in der „Kirschenstadt“ an den östlichen Flanken des Pic du Canigou angekommen. Angelockt wie einst Picasso und andere Kubisten.
Das milde Mikroklima lässt im südlichsten Tal der Pyrénées-Orientales die roten Früchte früher als überall sonst in Frankreich reifen. Das erste Körbchen erhält traditionell der französische Staatspräsident.
Teuflisch, diese Brücke!
Nicht nur das Klima im Tal des Tech lässt staunen. Sondern auch die Begrüßung bei der Anfahrt. Nicht eine, sondern gleich drei Brücken überqueren den Tech.

Eine für die Eisenbahn, eine für den Straßenverkehr – und, für Fußgänger verkehrsberuhigt, und eine der spektakulärsten mittelalterlichen Bogenbrücken, die seit Mitte des 14. Jahrhunderts 22 Meter hoch und 45 Meter lang den Fluss überspannt: Le Pont du Diable, die Teufelsbrücke.

Das Auto auf dem Großparkplatz des Boulevards zum Museum abgestellt, begrüßte mich das Bergstädtchen zudem nicht nur in der typischen Architektur des Roussillon, sondern auch mit einem Flair, das mich eher an die Provence erinnerte.

Malerisch: die Altstadt
Denn hinter den kümmerlichen Resten der einstigen Stadtmauer, die an den offiziellen Parkplatz der Altstadt angrenzt, erblickte ich Boulevards mit hohen Bürgerhäusern, die mächtige Platanen beschatten.
Cafés, Bistros, Bars und Restaurants hatten ihre Tische auf das Kopfsteinpflaster gestellt. Stimmengewirr aus aller Herren Länder lag in der Luft. Von Mitte Juli bis Mitte August musiziert mittwochs ab 21 Uhr in Céret eine Cobla auf einem der Boulevards. Das traditionelle Tanzorchester spielt altbekannte Melodien für die Sardane.

Der Tanz der Katalanen
Als Céretane war der katalanische Reigentanz hier einst erfunden worden. Daran erinnert alljährlich seit mehr als 60 Jahren jeden Juli ein Festival. Doch nicht nur dann ist die Sardane in Céret noch ein echter Volkstanz, bei dem sich siebzigjährige Frauen, dreißigjährige Männer und zehnjährige Kinder die Hand reichen.
Auch Pablo Picasso war von der Sardane fasziniert. Mit schwarzen, schnellen Strichen bannte er den Tanz auf weißen Papier und schenkte sein Werk Pierre Brune, dem Gründer des Kunstmuseums von Céret. In Metall gefasst, ziert Picassos Bild auch einen Brunnen, der auf der Place Pablo Picasso plätschert.

Auch in den Seitenstraßen und Gassen rauscht und gurgelt es. Ähnlich wie in Freiburg im Breisgau sind auch in Céret noch die alten Bächlein erhalten, in denen das Wasser bis heute noch der Straßenreinigung dient. Im Sommer kühlt es die Stadt.
Das Künstler-Trio
Die besondere Atmosphäre des Städtchens war es auch, die es ab Winter 1909 zu einem besonderen touristischen Anziehungspunkt werden ließ. Damals machten sich drei Künstler auf dem Weg nach Banyuls, wo sie Aristide Maillol besuchen wollten.
In Céret machten sie Station: der katalanische Bildhauer Manolo Martínez Hugué, der Bildhauer Frank Burty Haviland und der Komponist Déodat de Séverac.
Der eisige, stürmische Tramontane hinderte sie jedoch an der Weiterreise. Da ihre Zimmer und Wohnungen ungemütlich kalt waren, setzten sie sich ins Grand Café, lasen, diskutierten und schwärmten in Briefen an Freunde und Kollegen von der Schönheit der Stadt Céret.

Die Kubisten kommen!
Angelockt von den Worten des Bildhauers Manolo Martínez Hugué kam auch ein Katalane. 1911 verbrachte Pablo Picasso mit Fernande den ersten Sommer in Céret. Im Frühling 1912 kehrte er mit Eve Gouël (verheiratet: Humbert) nach Céret zurück. 1913 kam Picasso nach dem Tod seines Vaters im Mai erneut mit Eva und Max Jacob.
Er experimentierte mit seinen Malerkollegen Georges Braque, Max Jacob, Juan Gris und Auguste Herbin mit Buchstaben, ovalen Formen und Papierschnitzeln – und machte das Bergstädtchen zum Mekka des Kubismus. Die Künstler lebten und arbeiteten in der Maison Delcros, einem stattlichen Bau mit Blick auf einen großen Park in der Rue des Évadées de France 3. Pablo Picasso wohnte im ersten, Georges Braque im zweiten Stock. Heute erinnert nur das Klingelschild daran, dass hier Kunstgeschichte geschrieben wurde.
Die Geometrie des Lichts
Wer durch das wuchtige Tor der Porte de France in die Altstadt tritt, begreift sofort, was die Maler hier fesselte. Es ist die Geometrie des Raumes. Das grelle, unbarmherzige Licht des Südens schont keine Konturen. Es schneidet die Wirklichkeit in scharfe, kontrastreiche Fragmente. Hoch und kantig ragen die Häuserfassaden auf, werfen tiefe, fast schwarze Schatten auf das helle Kopfsteinpflaster und brechen die Linien der Gassen auf.
Picasso und Braque malten in Céret keine lieblichen, fließenden Landschaften des Roussillon. Sie sezierten die Architektur, zerlegten die Welt in Würfel, Zylinder und Kegel. Unter den mächtigen, knorrigen Kronen der Platanen verschmelzen Natur und gebaute Stadt zu einem lebendigen, sich ständig verschiebenden Mosaik. Jeder Schritt durch das Städtchen wird zum Gang durch ein dreidimensionales, kubistisches Gemälde – eine Leinwand aus Stein, Licht und Schatten.
Das Museum der Kubisten
Zu den Freunden von Pablo Picasso und Georgues Braque gehörte auch Pierre Brune. Er bat seine Freunde um Bilder – und legte damit den Grundstein zu einem großartigen Museum der modernen Malerei. Viele Künstler schenkten ihm ihre Werke. Heute besitzt das Musée d’Art Moderne ( MAM ) mehr als 50 Werke von Picasso. Darunter findet ihr auch 28 rot-braun-gelbe Tonschalen mit Stierkampf-Szenen, die Picasso extra für den Ort gemalt und dem Museum 1953 geschenkt hat. Ebenfalls von Picasso stammt die Zeichnung La Sardane à la Colombe. Marc Chagalls berühmte Gouache „Die Kuh unter dem Regenschirm“ ist ebenfalls im Museum ausgestellt.
Wiedereröffnung 2022
Nach zwei Jahren Umbau eröffnete das MAM am 5. März 2022 größer und schöner als je zuvor. Sieben Millionen Euro wurden für die Renovierung und die Erweiterung des Museums ausgegeben. Das Ergebnis: 1300 Quadratmeter mehr Fläche, davon 550 Quadratmeter für einen neuen Saal für temporäre Ausstellungen.
Ergebnis einer Wette
Als das Museum im Jahr 1950 in Ceret eröffnete, lebten dort etwa 5000 Menschen. Die Bedingungen waren damit nicht besonders günstig für die Einrichtung eines Museums für moderne Kunst von internationaler Bedeutung. Doch die beiden französischen Maler Pierre Brune und Franck Burty Haviland gingen eine Wette ein. Brune gewann.
Künstler aus aller Welt kamen in die Pyrenäen, um sich hier aufzuhalten: Picasso, Soutine, Chagall. Sie machten Céret zum „Mekka des Kubismus“. Ihre Werke kommen im renovierten Museum besser zur Geltung. Auch neue Stücke lassen sich dort entdecken – wie ein in Céret gemalter Picasso.
Rundwege zu den Malern
Den Spuren der Maler folgen zwei Rundwege, die ein Faltblatt vorstellt. Online könnt ihr den Spuren von Déodat de Severac (* 1872 in Saint-Felix Lauragais, gest. 1921 in Céret) bei diesem Stadtspaziergang folgen.
Doch da hatte ich schon am Rande der Arcades, ebenfalls Überrest des Stadtmauerringes, eine Skulptur entdeckt, die mich mehr interessierte. Weiß, hölzern, beschriftet mit sinnigen, verrückten, ausgefallenen Worten.
Ich beschloss, mich treiben zu lassen. Begleitet vom Rinnen des Wassers, den Wortfetzen der Gassen, dem Schmuck der Türen und den Blumen der Fenster.
Beim Bummeln und Schauen in den Straßen außerhalb des alten Zentrum kam ich so zu einem Werk von Aristide Maillol. Der „Cézanne der Bildhauer“ stammt aus dem Banyuls, dem südlichsten Seebad des Départements 66, hat für Céret ein in ganz Frankreich einmaliges Kriegerdenkmal geschaffen. Es stellt keinen Soldaten dar, sondern eine trauernde Frau. Gegenüber hat auf dem kleinen Platz ein Café-Restaurant Stühle hinaus gestellt: La Galérie.
Céret: meine Reisetipps
Ivre de Livres
Trunken von Büchern: Was für ein toller Name für eine Buchhandlung! Auch das Sortiment stimmt hier!
• 23, Rue Saint-Ferréol, 66400 Céret
Schlemmen und genießen
Casa Cap d’Ona
1998 gründete Gregor Engler in Céret eine Brasserie, die heute zu den bekanntesten und erfolgreichsten Brauereien des Landes. Sie wurde bereits mehrfach bei den World Beer Awards ausgezeichnet und gewann in verschiedenen Kategorien den Titel der besten Bierauswahl der Welt; 2024 holte sie erneut einen Welt-Titel mit ihrer brune au seigle. Insgesamt könnt ihr mehr als 30 handwerkliche Biere und kreative Spirituosen in ihrer Bar-Boutique kosten.
• 16, route de Saint-Jean, 66400 Céret, Tel. 04 68 95 79 09, www.cap-dona.com
Chez Victorien
Fischgerichte, Meeresgetier und frische, lokale Küche an einem der schönsten Plätze der Altstadt.
• Place des 9 Jets, Tel. 04 68 87 17 65, auf Facebook zu finden
Grand Café
Der Treffpunkt der Kubisten ist bis heute ein grundehrliches, günstiges Café geblieben, obgleich es direkt an der Ecke bei der Hauptroute zum Museum liegt.
• 2, rue Saint-Ferréol, 66400 Céret, Tel. 04 68 87 60 50, auf Instagram
La Galérie

Stylisch und modern haben die beiden jungen Männer im Sommer 2018 ihr Lokal an einem kleinen Eckplatz eröffnet. Seitdem überzeugen sie mit raffiniert-frischer Marktküche von lokalen Produzenten. Vom Schwertfisch bis zum iberischen Schwein, vom Rind bis zur Charlotte: Diese Küche gefällt Gaumen und Auge gleichermaßen. Auch Service, Location und Ambiente sind perfekt.
• 95, rue Saint-Ferréol, 66400 Céret, Tel. 04 68 09 71 33, https://restaurant-la-galerie-ceret.eatbu.com, Mo. Ruhetag
Can Puig
Mittags gibt es in dem belebten wie beliebten Lokal gut und günstig Menüs und Tagesgerichte. Abends treffen sich hier die Einheimischen zu Tapas und Wein. Im Sommer stehen einige Stühle und Tische auf dem Trottoir.
• 47, rue Saint-Ferréol, 66400 CéretTel. 06 52 04 00 09, https://can-puig-restaurant.eatbu.com
MaisonDuclos
Diese Pâtisserie ist ein Paradies für Naschkatzen! Die Auswahl an raffinierten Törtchen und Kuchen ist äußerst verführerisch.
• 6, avenue Georges Clemenceau, 66400 Céret, Tel. 04 68 87 49 58
Fougasses Catalanes

Fougasses gibt es nicht nur herzhaft, sondern bei den Katalanen auch süß – als längliche Kuchen aus Briocheteig, die mit Obst und Crème belegt oder mit Nüssen, Marzipan oder Schokolade gefüllt werden.
• 8, place de la République, 66400 Céret, Tel. 04 68 81 09 16
Boucherie Molas
Die Schlachterei auf dem Boulevard Maréchal Joffre ist eine Institution in Céret. In der Nachkriegszeit stellte Jean Molas katalanische Würste her, die er mit einem Motorrad und einem Anhänger auf den verschiedenen Märkten rund um Céret verkaufte.
Das positive Feedback seiner Kunden ermutigte ihn, in seiner Heimatstadt ein Geschäft zu eröffnen. So wurde 1951 die Boucherie-Charcuterie Molas Jean in der Rue Saint Ferreol in Céret gegründet. Kurz darauf zog die Schlachterei an den heutigen Standort. Dort feierte sie 2021 das 70-jährige Bestehen des Betriebs. Bereits 2016 übergaben Malou und René Molas nach 40 Jahren im Betrieb das Unternehmen von ihrem jüngsten Sohn, Luc.
• 18, bd Maréchal Joffre, 66400 Céret, Tel. 04 68 87 25 41, auf Facebook
Ansehen
MúSIC Musée des Instruments Céret
Kaum bekannt ist dieses Kleinod der Klänge: das MúSIC. Auf der Fassade hängen Schwarzweißfotos. Im Innern sind im einstigen Hôpital Saint-Pierre von 1649 seit 2013 470 Musikinstrumente aus aller Welt auf drei Etagen ausgestellt. Mit dabei: die renommierte Oboensammlung Herzka Nil.
• 4, rue Pierre Rameil, 66400 Céret, Tel. 04 68 87 40 40, www.music-ceret.com
Hier könnt ihr schlafen
Hôtel Le Cérétan*
Zentral, sauber, modern – was braucht man mehr, wenn man den ganzen Tag draußen unterwegs ist? Schön: der Innenhof, zwar nur ein schmaler Schlauch, aber sonnig, Dort wird beim gutem Wetter das Frühstück serviert! Hier* könnt ihr euer Bett buchen.
• 7, rue de la République, 66400 Céret, Tel. 04 68 87 11 02, www.hotel-le-ceretan.com
L’Escalivade*
Gästezimmer mit Charme und Stil, ein Außenpool und nette Wirte, die Hausgemachtes zum Frühstück servieren: Chambres d’hôte sind oft netter als Hotels! Hier* könnt ihr es buchen.
• 94, rue Saint-Ferréol, 66400 Céret, Tel. 04 68 68 08 10
Noch mehr Betten*
Nicht verpassen!
Ermitage Saint-Ferréol de Céret

Fünf Kilometer nordöstlich von Céret erhebt sich die Ermitage Saint-Ferréol-de-Céret auf einer Felsnase, die sich in das Tal des Tech schiebt.

Aus 300 Metern Höhe eröffnet sich herrliche Ausblicke auf die Massive von Canigou und Albères und das Tal des Tech im Bas-Vallespir.

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Im Buch
Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*
Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.
Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.
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