Chalon-sur-Saône: der zweite Blick
Es ist schon paradox mit Chalon-sur-Saône. Von der Stadt, die sich als Wiege der Fotografie rühmt, haben die meisten kaum ein Bild im Kopf. Industrie und Gewerbe, Plattenbau und breiten Verkehrsachsen prägen den ersten Eindruck. Doch dahinter vibriert das einst römische Cabillonum mit Lebenslust, Savoir-vivre in der Fachwerk-Altstadt und alten Hafengebieten.
Wer sich Chalon-sur-Saône mit dem eigenen Gefährt nähert, sieht zunächst nur Kreisverkehre, Supermärkte und die funktionellen Wohnriegel der Nachkriegsmoderne. Breit zerschneidet die Route Nationale 6 das Zentrum der Stadt in Burgund und strebt der Brücke über den Fluss zu.

Umringt von Grands Ensembles
Uniforme Wohnriegel, Fenster an Fenster und Feuertreppe an der Schmalseite, sechs Stockwerke hoch und aufgeständert, erheben sich an der Avenue Nicéphore Niépce, dann ein Turm, im Erdgeschoss Läden und Büros, dann 18 Stockwerke Wohnungen, geometrisch abgetrennt mit Balkon, weißen Streifen und gelben Quadraten, ganz oben bekrönt von einem kleineren Penthouse. Fast ein wenig sozialistisch wirken die Bauten an der Verkehrsschneise.
Doch während der Trente Glorieuses, den Boomjahren 1945 bis 1973, liebte Frankreich solche Grands Ensembles, und Chalon-sur-Saône als führendes Industriezentrum Burgunds war stolz darauf, sie sich leisten und bauen zu können. Doch genau gegenüber vom breiten Boulevard der legendären Ferienstraße in den Süden verraten niedrige einstöckige Häuser mit geschwungenen Gauben und roten Tonziegeldächern: Es gibt noch ein anderes Chalon.

Eine Grenze mitten durch die Stadt
Chalon-sur-Saône wirkt viel größer, als es tatsächlich ist. 45.000 Einwohner leben hier, und damit genauso viel wie im südfranzösischen Sète, im österreichischen Dornbirn, im Schweizer Kanton Nidwalden oder im deutschen Memmingen. Anders als Le Havre , Caen oder Royan wurde Chalon-sur-Saône im Zweiten Weltkrieg nicht flächendeckend bombardiert. Doch seine Lage machte die Stadt zu einem echten Grenzfall. Mitten hindurch verlief hier, in den Fluten der Saône, die Demarkationslinie zwischen dem von den Nazis besetzten Norden Frankreichs und dem „freien“ Süden des Regimes von Maréchal Philippe Pétain.

Wer über den Fluss auf die andere Seite wollte, Nachbarn besuchen oder dort arbeitete, benötigte einen Passierschein. Bei der Brefreiung Frankreichs 1944 sprengte die deutsche Wehrmacht bei ihrem Rückzug im Spätsommer drei der wichtigsten Verbindungsbrücken zwischen den beiden Seiten der Stadt. Die Uferzonen an den Brückenköpfen wurden dabei stark in Mitleidenschaft gezogen. Und genau diese Zerstörungen gaben nach Kriegsende den Ausschlag einer riesigen Modernisierung. Die Vision: eine moderne, offene, autogerechte Stadt.

Der Boom der Trente Glorieuses
In den „goldenen Jahren“ der Nachkriegszeit von 1945 bis 1973 erlebte Chalon-sur-Saône einen enormen Boom. Die Anbindung an die Saône, das Eisenbahnnetz und die Autobahn A6 machten die zweitgrößte Stadt Burgunds zur pulsierenden Verkehrsknoten und Drehscheibe der Logistik. Gezielt förderte damals die französische Raumordnungspolitik (aménagement du territoire) die Verlagerung und Neugründung von Großbetrieben außerhalb des Pariser Beckens.
1962 verließ Kodak Vincennes bei Paris und siedelte sich in Chalon-sur-Saône an – 2008 hatte sich die Produktion angesichts des digitalen Wandels überholt und wurde geschlossen. Saint-Gobain, ursprünglich ein Flachglas-Produzent, erweiterte in jener Zeit massiv seine Kapazitäten und baute die Isolier- und Industrieglasfertigung aus. Auch Schneider & Cie wandelten sich und stiegen als Chantiers du Petit Creusot zum Spezialisten für Großkomponenten der Kernenergie und Schwerindustrie auf.
Der Boom ließ die Einwohnerzahl explodieren. Lebten 1946 rund 32.600 Menschen in Chalon-sur-Saône, waren es zur Blütezeit in den 1970er-Jahre fast 60.000. Familien aus den ländlichen Regionen der Bourgogne verließen ihre Heimat und suchten ihr Glück in Chalon-sur-Saone, Gastarbeiter aus Südeuropa und – nach dem Verlust der Kolonien – auch immer Menschen aus Nordafrika, Tunesien und Marokko. Elf Prozent der Bürger habe heute hier Wurzeln in der Migration.

Neubauten auf der grünen Wiese
Die Stadt reagierte mit umfangreichen Bauprogrammen auf der grünen Wiese, ganz im Stil jener Jahre. Raus aus den alten, muffigen, feuchten wie dunklen Altstadthäusern und rein in neue, moderne Wohnkomplexe mit fließend Wasser, eigenem Bad und hellen Räumen: Dieser Luxus lockt nicht nur die Neubürger, sondern auch alteingesessene Chalonnais in die neuen Viertel außerhalb des Zentrums wie Prés-Saint-Jean oder Fontaine-au-Loup.
Um Platz zu schaffen – und als Tribut an die moderne Autostadt – ließ Stadtplaner Daniel Petit ab 1958 das alte Hafenbecken und einen Arm des Canal du Centre zuschütten. So entstand unter anderem auch die Avenue Nicéphore Niépce als breiter Boulevard der Nationale 6.
Eine überraschend kompakte Altstadt

Die eigentliche Altstadt von Chalon-sur-Saône endet heute an den Straßen, die anstelle der alten Festungswälle entstanden – im Westen am Boulevard de la République, im Norden an der Place de Beaune als historischer Marktplatz und den Straßen Rempart Saint-Pierre sowie Rempart Saint-Vincent. Im Osten bildete die Saône einst die
natürliche Ostgrenze des Stadtkerns. Alles, was westlich des Boulevard de la République liegt, gehört bereits zu den jüngeren Erweiterungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Gallorömische Wurzeln
Die antike Urzelle Cabillonum bestand aus einer relativ engen, rechteckigen Festungsmauer direkt am Westufer der Saône. Diese schützte das Machtzentrum rund um den früheren Bischofspalast (Palais Épiscopal) und die ehemalige Kathedrale Saint-Vincent.
In der Blütezeit Burgunds unter den Herzögen Philipp dem Kühnen und Philipp dem Guten platzte die Stadt aus allen Nähten. Die Stadtmauern wurden weit nach Westen und Norden verschoben, um die neuen Handwerker- und Handelsviertel zu schützen. Unter König Franz I. wurde Chalon-sur-Saône das erste Mal zu einer strategischen Grenzstadt. Um sie zu sichern, erhielt der äußere Verteidigungsgürtel dicke, winklige Bastionen wie die Bastion Saint-Pierre.
Place Saint-Vincent: Marktplatz seit 500 Jahren

Im Herzen der Altstadt erhebt sich die einstige Kathedrale Saint-Vincent. Im Inneren schufen Steinmetze aus Cluny, damals das größte Gotteshaus der Christenheit, die romanischen Kapitelle. Das Gotteshaus, 1443 zur Blütezeit Burgunds von Herzog Philipp dem Guten gegründet, war nur bis zur Französischen Revolution ein Bischofssitz. Seit mehr als 200 Jahren ist sie, als beim Konkordat von 1801 zwischen Napoleon Bonaparte und Papst Pius VII. das historische Bistum Chalon aufgelöst und dem Diözesangebiet von Autun zugeschlagen wurde, nur noch eine katholische Pfarrkirche der Paroisse Saint-Just.
Die einstige Kathedrale
Ihr Schmuckstück ist die Chapelle Cardinal. Ihren Namen verdankt sie Jean Rolin, der von 1431 bis 1436 als Bischof von Chalon wirkte, bevor er den Bischofssitz von Autun übernahm und 1448 von Papst Nikolaus V. in den Kardinalstand erhoben wurde. Er war es, der den Kapellenanbau im 15. Jahrhundert stiftete. Drinnen schmückt es ein Triptychon, das der Richard Tassel aus Langres bereits im Jahr 1608 gemalt hatte. Der dreiflügelige Altar zeigt eine Kreuzigungsszene, flankiert vom heiligen Anatol und dem heiligen Lupus (Saint Loup), dem einstigen Bischof von Chalon im 7. Jahrhundert. Das Kunstwerk gelangte erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts – knapp zwei Jahrhunderte nach Bischof Rolins Amtszeit in Chalon-sur-Saône – in die von ihm gestiftete Kapelle.

Der Weg des Lebens
Den Vorplatz schmückt eine große Kugel, aus deren Spalt Wasser über eine kleine Stufe rinnt. Le Chemin de la Vie – der Weg des Leben, nannte François-Ivan Avoscan (1928–2012 in Chalon-sur-Saône) sein Werk. Freitags und sonntags umringen Marktstände seine Skulptur. Seit dem 15. Jahrhundert findet hier, vor Café-Terrassen und Fachwerkhäusern, der Markt statt – bis heute ohne Unterbrechung. In einer Ecke des Platzes wacht der heilige Vinzenz als Schutzpatron der Winzer über das Geschehen. Alljährlich im Oktober zieht die Paulée an ihm vorbei mit den gestickten Bannern der Weinbruderschaften und feiert den Abschluss der Weinlese mit einem großen Fest.
La Portefaix: das Haus, das Steuern sparte

Nur wenige Schritte entfernt, an der Ecke Rue Saint-Vincent / 1 Rue du Pont, erhebt sich die Maison de la Mothe. Mit ihren vorkragenden Geschossen gehört das Haus aus Fachwerk und Stein, das ein Treppenturm verbindet, zu den schönsten Bauten der Altstadt. Auf kleinem Fundament nach oben immer weiter hinein in die Straße zu bauen, war pure Taktik. Und sparte bares Geld: Denn die zu zahlende Grundsteuer berechnete sich ausschließlich nach der Grundfläche im Erdgeschoss.
Auf der Place du Châtelet warteten die Arbeiter täglich auf die ankommenden Binnenschiffe. Sobald ein Lastkahn anlegte, trugen die portefaix genannte Tagelöhner die angelandeten Güter – wie Salz, Wein, Holz und Getreide – über die steilen Gassen hinauf zu den angrenzenden Lagerhäusern und Kaufmannshäusern. Seit der Antike lebt Chalon vom Fluss – erst waren es römische Amphoren, dann die Warenströme des Mittelalters und der Neuzeit, transportiert auf Booten, die exakt auf die Saône zugeschnitten waren.

Die Schiffstypen der Saône
Auf der Saône waren damals vor allem die penelles unterwegs, rund 24 Meter lange Holzboot, die neben kommerzieller Fracht auch das Futter der Treidelpferde (chevaux de halage) transportierten, die die Schiffe gegen die Strömung flussaufwärts zogen. Bis zu 50 Tonnen Ladung wurden auf den penelles transportiert!
Größer und schwerer waren zwei Flachboden-Flussschiffe, die ursprünglich vom Oberlauf der Rhône stammten: die Sisselandes aus Seyssel und die deutlich größere Savoyardes, die bis zu 400 Tonnen Kohle, Holz oder Getreide transportierten. Nur lokal zum Einsatz kamen in Chalon-sur-Saône auch Boote, die den gleichen Namen wie die runden Winzerhütten Burgunds trugen, die cadoles. Fast 200 dieser Boote waren im späten 19. Jahrhundert hier registriert – und wurden auf den örtlichen Werften gebaut und repariert.
Vor dem kompletten Ausbau des Bahnnetzes, und besonders der Strecke Paris-Lyon-Marseille, war Chalon-sur-Saône die Schnittstelle zwischen Schiene und Schiff. 1849 endeten alle Gleise aus der Kapitale hier direkt am Kai. Wer weiter in den Süden reisen wollte, bestieg schnelle Raddampfer – les Hirondelles oder les Mouches genannt – und setzte seine Fahrt flussabwärts via Saône und Rhône bis zum Mittelmeer fort.

Die Île Saint-Laurent
Viele der Lastenträger, die Binnenschiffer und Werftarbeiter, Fischer und Fährleute lebten nicht in der Altstadt, sondern auf einer nur 1,2 Kilometer langen, fast kreisrunden Insel in der Saône. Den anderen Teil, in größtmöglicher Entfernung von der bewohnten Stadt, nahm seit dem 16. Jahrhundert das Hôtel-Dieu ein, ein Spital für Kranke, Arme, Pilger und Waisen der Stadt auf.
An der Südwestspitze der Insel erhebt sich ein Turm, der das gleiche Schicksal wie die Abtei Saint-Michel-de-Cuxa bei Prades erlebte: die tour du Doyenné. Auch er wurde verkauft – an einen bekannten Pariser Antiquitätenhändler namens Helbronner.

Verkauft und zurückgekehrt: die Tour du Doyenné
1907 wurde er Stein für Stein abgetragen und nach Paris verfrachtet. Doch während das südfranzösische Kloster aus den Ostpyrenäen heute, neu zusammengesetzt, im Cloisters-Museum von New York City steht, hatte der Turm aus Chalons-sur-Saône mehr Glück. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erwarb der US-amerikanische Mäzen Frank Jay Gould die eingelagerten Steine und schenkte sie der Stadt zurück.
Am Karnevalstag 1926, dem 14. Februar, wurde der erste Stein für den Wiederaufbau auf der Île Saint-Laurent gelegt. Ein Jahr später stand der gotische Treppenturm aus dem 15. Jahrhundert wieder – zwar an neuer Stelle, aber so intakt, als wäre er nicht wie ein Lego-Bau auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt worden. Der Ausblick von hier auf Chalon-sur-Saône ist wunderschön!

Torpedoboote auf dem Trockenen
Die Familie Schneider waren die Krupps Frankreichs: die einflussreichste französische Industriellendynastie des 19. und 20. Jahrhunderts. 1836 übernahmen die beiden Brüder Adolphe und Eugène Schneider brachliegenden Hüttenwerke und Gießereien im burgundischen Le Creusot, gründeten das Unternehmen Schneider Frères & Cie und bauten es vom meinem Hüttenwerk zu einem weltweiten Großkonzern für Eisenbahnmaterial, Maschinenbau, Rüstungsgüter und Stahlbau. Um eigene Transport- und Versorgungswege zu sichern, folgte drei Jahre später die Gründung des hauseigenen Werks Le Petit Creusot in Chalon-sur-Saône direkt an der Mündung des Canal du Centre in die Saône.
Das geheime Bündnis
Frankreich und das Russische Kaiserreich hatten 1894 ein geheimes Militärbündnis geschlossen, um dem Deutschen Kaiserreich Paroli zu bieten. Diese Allianz war nicht nur eine politische Absichtserklärung, sondern führte zu gewaltigen Rüstungsaufträgen des Zarenreichs an die französische Schwerindustrie – allen voran an den Schneider-Konzern, die Torpedoboote, Patrouillenboote und Prototypen für U-Boote für die kaiserlich-russische Marine fertigte.
Von Chalon aus konnten die fertigen Schiffe über die Saône und die Rhône ans Mittelmeer gebracht und von dort nach Russland überführt werden. Dasselbe Unternehmen, das die russische Flotte mit Rüstungsgütern belieferte, bekam auch den Auftrag für ein Prunkstück der Weltausstellung: den Pont Alexandre III. Die gigantischen Stahlbögen wurden im Hauptwerk Le Creusot gegossen und am Petit Creusot an der Saône testweise vormontiert, um absolute Passgenauigkeit in Paris zu garantieren.
Alles im Fluss

Doch erst vor wenigen Jahren hat Chalon-sur-Saône seine Schauseite zum Fluss saniert, Sitzstufen und Ruhesessel an den Quai Gambetta und die Esplanade du Port-Villiers gesetzt und die Linden sauber in Formschnitt gebracht.. Auch für die Flusskreuzfahrt ist die Stadt zunehmend attraktiv. Rund 300 escales, sprich Anlegemanöver, zählt die Stadt jedes Jahr – und freut sich darüber, dass die Saône als ruhigeres, kulinarisch reizvolles und natürlicheres Pendant zur deutlich stärker frequentierten Rhône wiederentdeckt wird.
Ein Brooklyn an der Saône
Im Port Nord, rund 800 Meter nördlich des Zentrums jenseits des Pont de Bourgogne gelegen, hat seit mehr als zwei Jahrzehnten kein Schiff mehr festgemacht. Wo im 19. Jahrhundert über den Canal du Centre Kohle aus dem nahen Bergbaugebiet Montceau-les-Mines angeliefert und Getreide aus Burgund umgeschlagen wurde, vibrieren heute alternative Kulturen. Der Nordhafen, 1949 eröffnet und 2003 von Voie Navigable de France geschlossen, bot mit seinen rostigen Kräne, verwitterte Backsteinmauern, charakteristische Sheddächer mit ihrem sägezahnartigen Profil die perfekte Kulisse für Kreative.
2011 entdeckte das Künstlerkollektiv La Méandre dieses postindustrielle Brachland. Die einstigen Kohle- und Getreidespeicher bergen heute die Büros und Ateliers von Fotografen, Schauspielern, Tänzern und Malern. Rund 20 Künstler sind es, die hier gemeinsam das staatlich anerkannte Kulturzentrum völlig autonom und selbst verwaltet und mit Leben füllen für Besucher. Regelmäßig organisiert das Kollektiv Ausstellungen, Konzerte und Open-Air-Kino direkt am Flussufer.
Nur wenig weiter plant L’Abattoir, seit 2005 offiziell Centre national des Arts de la Rue et de l’Espace public, hinter getaggten Fassaden das größte Kulturfest der Stadt. Eher als Notlösung wurde es 1987 geboren: Chalon-sur-Saône war damals Gastgeberin des großen Reiter-Treffens Équirando gewesen und hatte ein Event zur Unterhaltung gebraucht. Es entwickelte sich zu einem der größten Straßentheaterfestivals Europas.
Die Stadt als Bühne

Es ist Sommer in Chalon-sur-Saône, eine leichte Brise weht vom Fluss, und Straßenmusikanten klimpern in der Fußgängerzone wie immer, sobald sich die Sonne zeigt. Auf einmal ist das dieser Pulk, und jeder versucht, einen Blick auf die Schaufensterscheibe zu erhaschen. Einige Schaufensterpuppen stehen dort, bekleidet mit schicken Hosenanzügen in Schwarz, taillierten Kostümen und luftigen Sommerkleidern. Unbeweglich sind ihre Mienen, ausdruckslos starren sie ins Leere.
Doch plötzlich erklingt Musik. Sie erweckt die Figuren zum Leben. Erst steif und ungelenk, dann immer weicher, fließender und ausdrucksstärker beginnen sie zu tanzen und illustrieren mit ihren Bewegungen ihr Leben. Das Publikum staunt, klatscht – und ist für 15 Minuten völlig gefangen von der faszinierenden Präsentation.
Chalon dans la rue
Diese Szene ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem jährlichen Straßentheaterfestival Chalon dans la Rue, das seit 1987 die burgundische Hafenstadt zur Bühne für Theater und Tanz, Zirkus und Musik, visuelle und digitale Kunst macht.
Fünf Tage lang übernehmen 130 bis 150 französische und internationale Künstlergruppen die Stadt und präsentieren bei mehr als 1.000 Veranstaltungen die gesamte Bandbreite von Kultur, quer durch alle Genres. Chalon dans la Rue liebt Experimente und Überraschungen. Das Festival verzaubert und erstaunt, macht nachdenklich und engagiert sich.

Kreativ das ganze Jahr
Doch die Magie endet nicht nach fünf Tagen, denn das Festival lebt weiter, vibriert das ganze Jahr hindurch und lädt bei partizipativen Projekten wie der Pflastermalerei von En Vol, den Tanzateliers von Entre Terre et Ciel oder den Bastelwerkstätten von Laternes, die mit einer nächtlichen Parade bei Kerzenschein durch die Straßen der Stadt mit den selbstgebauten Fantasieleuchten endet.
Nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr hindurch inszeniert sich Chalon-sur-Saône als vibrierender Schauplatz für Kunst, Kultur und neuen Trends unter digitalen Kreativen. Davon erzählt mein Beitrag zu Nicéphore Niépce, der bei Chalon-sur-Saône das welterste Foto machte – und damit die Wurzeln legte für Chalons analoge und digitale Bilderwelten seit 200 Jahren.

Chalon-sur-Saône: meine Reise-Tipps
Hinkommen
ÖPNV
Chalon-sur-Saône liegt an der klassischen Nord‑Süd‑Achse Paris–Dijon–Lyon und ist gut ins französische Schienennetz eingebunden. TGV, Intercité und TER halten hier.
Rad
Chalon-sur-Saône ist eine Etappe der Voie Bleue (Mosel‑Saône‑Radweg, Véloroute 50).

Schlemmen und genießen
Die Schlemmerstraße von Chalon-sur-Saône ist die Rue de Strasbourg auf der Île Saint-Laurent. Dicht an dicht drängen sich hier einige bekanntesten, besten und beliebtesten Restaurants, Bistros und Terrassen der Stadt.
Les Canailles
Moderne burgundische Bistronomie: saisonal, bodenständig und mit viel Herz für regionale Produkte. Die Steinwände sorgen für eine gemütliche Atmosphäre, angeregt und lebendig.
• 7, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. 03 85 93 39 01, www.les-canailles.fr
Chez Jules
Etwas raffinierter ist die burgundische Küche bei Stéphanie und Jérôme Ruget, der eng mit lokalen Produzenten arbeitet. Sein Aushängeschild: mit escargots (Schnecken) gefüllte Champignons.
• 9 – 11, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône
Lizélio
Der Name verrät die beiden Inhaber: Lise und Lionel, die ihr Lizélio als „mehr als nur ein Restaurant“ verstehen und nicht nur burgundisch kochen, sondern europäisch und trendbewusst, sprich, eine junge Bistronomie.
• 13, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. 03 85 93 64 61
Aromatique
Bei Emilie und Fabien Denisot ist das Ambiente hell, freundlich und ein Hauch skandinavisch – und der Name Programm. Mittags gibt es drei Vorspeisen und Hauptgänge , davon stets eine vegetarische Option, sowie Käse oder zwei Desserts zur Auswahl, abends folgt die Karte ein wenig aktuellen Gastro-Trends mit lilafarbenem Biospargel mit Miso-Mayo oder Tataki vom Thunfisch.
• 14, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. 03 58 09 62 25, www.aromatique-restaurant.com, So. geschl.

Le Forge
Als „gastronomischer Tisch, der die Küche der Bresse und Burgunds neu belebt“, versteht sich die La Forge von Élodie und Pierre Granger. „Schmiede“ ist klein und intim, maximal 15 Gäste können hier bei ihnen speisen – Reservierung ist Pflicht!
• 21, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. 09 83 99 05 58
Le Bourgogne
Deutlich größer ist dieses Lokal mit traditioneller Burgunderküche, semi-gastronimisch und gerne auch einmal kreativ neu belebt.. Für Gruppen gibt es den caveau mit bis zu 50 Plätzen.
• 28, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. 03 85 48 89 18, www.restau-lebourgogne-chalon.fr
Le Bistro
Marie-Laure und Patrick Mézère arbeiten seit Jahren zusammen und bieten auf der Île Saint-Laurent verlässlich gute, moderne französische Bistro-Küche mit regionalen und saisonalen Produkten, teilweise aus dem eigenen Garten.
Mittags und abends gibt es feste Menüs, wer mag, kann als Gruppe oder Familie ihren gemütlichen Weinkeller privatisieren.
• 31, rue de Strasbourg, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. 03 85 93 22 01, https://restaurant-le-bistrot.fr, Di.-Sa. mittags und abends
Atelier Store (Bar)
Eine charmante Boutique mit einer Terrasse in der Fußgängerzone, beliebt und günstig, ganz in der Nähe des Theater.
• 61, rue aux Fèvres, 71100 Chalon-sur-Saône, Tel. mobil 06 14 60 78 76, auf Facebook
Hier könnt ihr schlafen*
* Mit dem Kauf über den Partner-Link kannst Du MEIN FRANKREICH unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !
Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.
Unterstütze den Blog! Per Banküberweisung. Oder via PayPal.



