Château Laurens: das Art-Nouveau-Juwel von Agde
Wie ein lokaler Dandy sich am Mittelmeer den Orient erbaute – und Agde sein Art-nouveau-Juwel zurückgewann.
Der Weg zum Château Laurens beginnt an einer schmalen Fußgängerbrücke. Wer vom Bahnhof in Agde kommt, der bis 2028 einen neuen begrünten Vorplatz erhält, überquert nach wenigen hundert Metern den Canalet. Der schmale Wasserlauf entstand im 17. Jahrhundert, als Ingenieure ihn durch die fruchtbaren Ufer des Hérault trieben.

Die grüne Belle-Isle am Hérault
Der Durchstich kappte damals ein landwirtschaftliches Gut – und schuf, fast nebenbei, eine Insel: Belle-Isle. Rechts fließt seither der Hérault träge Richtung Mittelmeer, links schuf der Canalet die Verbindungsader zum Canal du Midi im Norden.

Zwischen den drei Wasserarmen erstreckt sich, nur einen Steinwurf von der Altstadt von Agde entfernt, ein Park von zwölf Hektar – fünf davon ein denkmalgeschützter historischer Garten, der Rest ein naturbelassenes Grün mit Pinien, Palmen, blühenden Sträuchern und duftenden Kräutern.

Vom Gut zur grünen Oase
Einst weideten hier Rinder und wuchs Gemüse für die Stadt auf den Feldern. Heute schlängeln sich Kieswege zwischen zwei Wasserbecken hindurch, die ein Bächlein verbindet, und öffnen dabei immer neue Blicke. Mal auf den Fluss, dann auf das Wehr, auf dem Angler stehend ihre Ruten auswerfen. Und dann, zwischen den Kronen hindurch, auf ein Gebäude, das aussieht, als hätte sich jemand ein Herrenhaus aus den Südstaaten hierher geträumt.

Belle-Isle war jahrhundertelang Bauernland. Seit Juni 2023 ist die Insel das kulturelle Herzstück von Agde – ein Anwesen, das nach zehnjähriger Restaurierung und rund 15 Millionen Euro Investitionen als Juwel des Hérault zum Besuchermagnet aufstieg.
Château Laurens: das erste große Prestigeprojekt

Der historische Park mit seinen Linden und Weiden, Ulmen und Feigen hält den Blick auf das Château Laurens lange zurück. Doch dann gibt er ihn hinter einem 100-jährigen Magnolienbaum umso wirkungsvoller frei. Zuerst erscheint ein heller Baukörper aus Kalkstein, zweigeschossig, mit einer Kuppel im Rücken, die an eine Sternwarte erinnert.

Marmor steht Spalier
Eine monumentale Freitreppe führt zu einem Portikus mit schlanken Säulen aus grau geädertem Marmor, dahinter dunkelrote Türflügel und ein Fries in Ocker, Blau und Türkis. Die Fassade darüber trägt Papyrusdolden und ägyptische Lotosblüten im Relief, gerahmt von flachen Dachterrassen und einem Mosaikboden, der in der Sonne changiert.
Baulich war die Villa ihrer Zeit voraus: Für die Dachterrassen und Geschossdecken kam Stahlbeton zum Einsatz – eine für die Jahrhundertwende hochmoderne, kaum verbreitete Bautechnik.

Architektur als Bühne
Château Laurens ist ein Bau, der seinesgleichen sucht im Süden Frankreichs. Entworfen hat ihn ein Architekt aus Montpellier: Jacques Février. 1891 erhielt er sein Diplom an der Pariser École des Beaux-Arts. Es folgten mehrere kleinere und mittlere Wohnbauten und Villen. Mit dem Château Laurens vollendete er sein erstes großes Prestigeprojekt. Fast vier Jahre, von 1898 bis 1901, dauerten die Bauerarbeiten. Février bediente sich beim klassischen Altertum – Portikus, Perron, Axialität –, ließ aber ein Gebäude entstehen, das mit keinem antiken Vorbild wirklich verwandt ist. Es ist Theaterarchitektur: ein Bühnenbild für ein Leben, das sich selbst inszenierte.
Künstlerfreunde als Handwerker
Passend zum prunkvollen wie bewegten Leben, das Emmanuel Laurens führte, vereint das Château Laurens prächtige Dekore zwischen Neoklassizismus, Symbolismus und der Nabis-Bewegung. Für die Innenausstattung holte er sich Freunde und Künstler seiner Zeit ins Haus. Léon Cauvy gestaltete das Mobiliar, Eugène Dufour die Wandmalereien. Théophile Laumonnerie und Eugène Martial Simas schufen die Glasfenster der privaten Gemächer.
Erdgeschoss: die öffentliche Inszenierung des Orients

Seit 2023 könnt ihr das Anwesen bei Führungen besichtigen. Hinter den schweren Türen liegt ein Vestibül, an den Seiten gesäumt von schmalen Sitzbänken. Hohe schlanke Blüten zieren die leuchtend orange-roten Wände. Dunkles Holz umrahmt die Türen und prägt als offenes Gebälk die Decken. Hell leuchtet das elektrische Licht: Château Laurens war damals das einzige Haus in Agde mit Stromanschluss!
Wie ein Tunnel läuft es auf ein Atrium zu, dessen Mitte ein eingelassenes Marmorbecken markiert, das heute bepflanzt ist. Vier Säulen aus rosafarbenem Marmor tragen eine Galerie aus Holz im ersten Stock. Ein längliches Oberlicht aus Glas und Stahlbeton lässt das Licht hineinfluten.

Hommage an die Natur
Der antike Grundriss, Achse und Symmetrie, ist unverkennbar. Doch was die Wände erzählen, hat mit Rom oder Athen wenig zu tun. Auf pompejanischem Rot ranken sich meterhohe Lotosblüten an langen Stängeln, dazwischen Kolibris, Ibisse, stilisierte ägyptische Gottheiten und, immer wieder, das Konterfei der Kleopatra als Isis. Grüne Wandfelder zeigen Weinlaub, Glyzinien, Zitronen, Bienen. Eine Hommage an die Natur als Antwort auf die Industrialisierung.

Nichts davon ist Zufall: Der Marseiller Dekorationsmaler Eugène Dufour, ein Jugendfreund des Bauherrn, trug die Motive 1901 flächig auf, ohne Modellierung, ohne Perspektive – nach der Technik des Poncif und der Schablone, wie sie die Dekorateure des Art nouveau pflegten. Als Vorlage dienten ihm Musterbücher des 19. Jahrhunderts, darunter jene des britischen Ornamentikers Owen Jones.

Inszeniertes Fernweh
Vom Atrium aus öffnen sich die Repräsentationsräume: der Speisesaal, ein maurischer Salon und ein Gesellschaftssalon. Hier standen einst japanisches Porzellan, chinesische Räuchergefäße, andalusische Amphoren, usbekische Textilien, osmanische Wandbehänge – Reisemitbringsel, arrangiert zu einem Bühnenbild fernöstlicher Sehnsucht.


Dazwischen: die Möbel des italienischen Ebenisten Carlo Bugatti, dessen arabisierende Tischchen, kurulische Sessel und ein Sekretär mit Minarettspitzen zu den exzentrischsten Möbelstücken zählten, die je ein französisches Privathaus geziert haben.

La Mer im Büro
Wer heute hindurchgeht, folgt exakt jener Route, die Emmanuel Laurens um 1900 seinen Gästen zumutete – nur ohne den Zigarrenrauch und die Klänge des Grammophons. Erst am Ende der Führung wird ein Raum im Erdgeschoss gezeigt, der ein wahrhaft furioses Finale bildet: das Büro von Emmanuel Laurens mit Möbeln von Léon Cauvy und einem riesigen, über die ganze Breitseite reichende Buntglasfenster: La Mer.

Ganz unten schmückt es ein Gedicht von Eugène Le Mouel (1859–1934): „Sirenen des Meeres mit dem Lächeln aus Schaum, mit grünen Augen, mit Haaren, die von den Sonnenuntergängen vergoldet werden — euer Charme ist tödlich! Für eure Gaumen des Nebels versucht ihr, die Männer von ihren Feldern zu reißen, und ihr verliert die Fäden der Frauen durch eure Gesänge. Sirenen des Meeres mit dem Lächeln aus Schaum!“
Obergeschoss: Das Private wird intim
Eine Treppe aus schwarzem und rosa Marmor führt hinauf, vorbei an einer ägyptischen und einem Deckenfresko, das die Sonne des Midi ins Haus holt. Ein Wandbild, das stilistisch ein wenig aus dem Rahmen fällt, zeigt einen Wald am Morgen – mit Drache in Blau!

Oben beginnt der private Bereich, zugänglich über einen eigens angelegten Gang neben der großen Treppe. Hier wird das Dekor leiser, aber nicht weniger raffiniert: Seidenfriesen mit aufgesetzten Samtblüten ziehen sich an den Wänden entlang, kupferne Blütenlüster im Arts-and-Crafts-Stil des Engländers William Arthur Benson tauchen die Zimmer abends in warmes Licht.

Apollo für die Decke
Im Arbeitszimmer krönt eine Deckenmalerei den Raum: Apollo auf seinem Sonnenwagen, gemalt 1898 von Louis Anquetin, einem Weggefährten von Van Gogh, Gauguin und Toulouse-Lautrec – ursprünglich als Bühnenvorhang-Entwurf für das Pariser Théâtre Antoine gedacht, ehe Laurens die Skizze kaufte und an seine Decke heftete.
Auf dem Schreibtisch lag einst ein bibliophiles Kuriosum: ein Exemplar von Charles Baudelaires Fleurs du mal aus dem Jahr 1899, dessen Einband der Pariser Buchkünstler Georges-Arthur Jacquin aus Emaille, Halbedelsteinen und Bergkristall gefertigt hatte – heute das Prunkstück der wiederaufgebauten Bibliothek.

Das Badezimmer
Den Höhepunkt des privaten Trakts aber bildet das Bad. Kaum ein anderes Ensemble dieser Art aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist noch an seinem Originalstandort erhalten. Der Pariser Dekorateur Eugène Martial Simas, bekannt für die Innenausstattung mondäner Brasserien wie La Cigale in Nantes, entwarf das Gesamtkunstwerk aus Wasser, Keramik, Marmor, Emaille, Glas und Kupfer.
Der Bildhauer Alexandre Charpentier und der Zeichner Félix Aubert gestalteten das Wandrelief der Badewanne, der Italiener Giandomenico Facchina verlegte das Mosaikpflaster. 1898 feierten die Fachzeitschriften Art et Décoration und The Studio dieses Bad als Meisterwerk des französischen Jugendstils.
Das Haus des Vaters

Nahtlos in den Bau integriert wurde das frühere Haus des Vaters, das er geerbt hatte. Es bildet seitdem den rechten Annex. Sein Dach bildete einst eine kleine Terrasse mit weitem Blick auf den Hérault und die Stadt.

Der Musiksalon
Am entgegengesetzten Ende des Hauses, gleichsam als Gegengewicht zum Privatgemach, erhebt sich der Musiksalon – der eigenwilligste Raum des gesamten Anwesens. Die Silhouette wirkt organisch, fast animalisch: Eine Kuppel aus ockerfarbenem Stuck, in schuppenartige Facetten gegliedert, überspannt den Saal. An der Außenwand enden zwei Voluten in Form von Elefantenrüsseln, dazwischen Köpfe von Seepferdchen.

Ägyptische Kobra-Friese treffen hier auf parabolische Fensterbögen katalanischer Prägung – ein Dialog zwischen pharaonischem Ägypten und dem katalanischen Modernisme, wie ihn kaum ein zweites Bauwerk in Frankreich führt. Genau in diesem Saal, mit seiner besonders gefährdeten Bausubstanz, begann 2007 die Rettung des Anwesens. Dach, Dachstuhl und Deckendekor wurden zuerst restauriert, der Saal selbst war 2012 fertig. Hier erklingt heute bei abendlichen Konzerten auch der Bolero von Ravel, perfekt durchkomponiert in seinen Wiederholungen, mit denen Maurice Ravel 1928 genau die 18 Minuten Spielzeit seiner Auftragsgeberin Ida Rubinstein einhielt.

Grüne Kulissen
Wer den Salon verlässt und in den historischen Garten hinaustritt, findet dort die Fortsetzung des Themas in Grün: verschlungene Wege zwischen zwei Wasserbecken, gerahmt von mediterranen Gehölzen, Kapuzinerkresse, Rosen und Mohn, die je nach Jahreszeit wechseln. Der Hérault spiegelt die Silhouette des Hauses. Das Château Laurens, sagen die Architekturhistoriker, war nie nur ein Wohnhaus. Es war die Bühne eines Dandys – und der Garten eine Kulisse.

Der Mann hinter dem Traum
Wer war dieser Emmanuel Laurens, der sich mit 24 Jahren einen Palast erbauen ließ, in dem Ägypten, Orient und Jugendstil aufeinandertrafen? Geboren 1873 in Agde, machte er 1891 in Toulouse sein Abitur in Literatur und Naturwissenschaften und begann anschließend ein Medizinstudium in Montpellier. 1897 erbte der junge Student, nach einem jahrelangen Rechtsstreit, das Vermögen eines mütterlichen Cousins: 20 Millionen Goldfranken, umgerechnet auf heutige Kaufkraft rund 320 Millionen Euro, dazu das Familiengut Belle-Isle. Statt sein Studium fortzusetzen, brach er sofort zu einer Reise auf – nach Russland, Usbekistan, Österreich, kurz darauf nach Ägypten, Madagaskar, auf die Seychellen und nach Ceylon.
Emmanuel Laurens – ein Leben in Stichworten
1873 Geburt in Agde
1891 Abitur in Literatur und Naturwissenschaften in Toulouse, Einschreibung an der Medizinischen Fakultät Montpellier
1897 Erbschaft von 20 Millionen Goldfranken vom mütterlichen Cousin sowie des Anwesens Belle-Isle; Reise nach Russland, Usbekistan und Österreich
1898–1901 Bau des Château Laurens
1900 Wohnsitze in Paris, Montpellier und Saint-Raphaël 1902 Begegnung mit der jungen Sängerin Louise Blot in Paris 1904 Reise nach Ägypten, Madagaskar, auf die Seychellen, nach Ceylon und Indien
1905–1906 Reise durch Spanien (Barcelona, Sevilla, Málaga)
1914–1918 Wiederaufnahme des Medizinstudiums, Mobilisierung als Hilfsarzt
1920–1921 Heirat mit Louise Blot, Promotion in Medizin, Verkauf der Villa in Saint-Raphaël
1928 Dekorative Retuschen am Château
1938 Verkauf von Belle-Isle im Rentenkauf ( viager )
1942–1944 Besetzung des Château durch die deutsche Wehrmacht
1954 Tod von Louise Blot
1959 Tod von Emmanuel Laurens auf Belle-Isle im Alter von 86 Jahren
Die ganze Welt im eigenen Heim
Diese Reisen sind der eigentliche Bauplan des Château Laurens. Zwischen 1898 und 1901 ließ Laurens auf Belle-Isle seine „Welt im Kleinen“ errichten, ergänzt um einen kleinen Pavillon im Stil östlicher Mittelmeerarchitektur. Es folgten Jahre des Überflusses: Laurens ließ Kaviar frisch aus dem Kaspischen Meer einfliegen, hielt sich Sonderzüge für Ausflüge nach Monte Carlo, empfing auf Belle-Isle Maler, Schriftsteller, Musiker und die Sängerin Louise Blot, die er 1902 in Paris kennenlernte und die später seine Frau wurde. Drei Jahrzehnte lang lebte er als Dilettant und Dandy – ein Mann, der, wie es sein Zeitgenosse Pierre Loti mit seinem exotisch dekorierten Haus in Rochefort oder Alexandra David-Néel mit ihrem Tibet-Haus Samten Dzong in Digne-les-Bains ähnlich taten, seine Reiseerinnerungen in gebauten Raum verwandelte.

Krisen und Kriege
Der Erste Weltkrieg brachte die erste Zäsur. Laurens ließ sich 1914 als Hilfsarzt mobilisieren und schloss sein Medizinstudium erst 1920 mit der Promotion ab, im selben Jahr, in dem er Louise Blot heiratete. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre traf seine Finanzanlagen hart. 1938 musste er das Anwesen im Rentenkauf – auf Französisch viager – verkaufen, durfte aber bis zu seinem Tod darin wohnen bleiben. Zwischen 1942 und 1944 requirierte die deutsche Wehrmacht das Château Laurens. Louise Blot starb 1954, Emmanuel Laurens folgte ihr 1959 im Alter von 86 Jahren; er ruht auf dem alten Friedhof von Agde.
Barometer des Zeitgeists

Was das Château Laurens so besonders macht, ist genau diese Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Strömungen. Um 1900 rangen in Frankreich zwei Weltbilder miteinander: das restaurative, an der Antike orientierte Bürgertum und eine Avantgarde, die mit dem Art nouveau Naturformen, geschwungene Linien und exotische Motive in die Wohnkultur trug.
Emmanuel Laurens ließ beides bauen – nebeneinander, manchmal ineinander verschränkt. Die Fassade zitiert das klassische Altertum, das Innere träumt von Ägypten, Persien und dem Orient, das Mobiliar mischt japanische Lackarbeiten mit katalanischem Modernisme. Kein Zufall, sondern Programm eines Mannes, der sich selbst als Grenzgänger zwischen Jahrhunderten verstand: halb Romantiker der Fin de Siècle, halb Anhänger eines triumphierenden Modernismus.

Damit ist das Château Laurens auch ein Dokument seiner Zeit. Um 1900 erlebte Europa einen Schub an Reiselust, technischen Innovationen und künstlerischem Aufbruch – die Pariser Weltausstellung von 1900 hatte gerade erst die Massen begeistert, die Eisenbahn machte den Orient erreichbar, Fotografie und beginnende Kolonialisierung fütterten die Fantasie des Abendlands mit Bildern aus Kairo, Damaskus und Delhi. Laurens‘ Haus ist die private, überbordende Antwort auf diesen Zeitgeist: eine Villa, die weniger bewohnt als bespielt wurde.
Vom Verfall zur Wiedergeburt
Nach Laurens‘ Tod verfiel Belle-Isle mehr als drei Jahrzehnte lang. Erst 1994 kaufte die Stadt Agde das Anwesen zurück, 1996 wurde es als Monument historique eingestuft. Ab 2001 begann ein umfassendes Restaurierungsprogramm. Den Auftakt bildeten dringende Sicherungsarbeiten, ehe 2006 der Chefarchitekt der Monuments Historiques, Dominique Larpin, einen Sanierungsplan entwarf. Priorität hatte der einsturzgefährdete Musiksalon, dessen Restaurierung 2012 abgeschlossen war. In welchem Zustand sich das Gebäude damals befand, verraten diese Fotos.
Ab 2015 startete dann die große Gesamtsanierung unter der Leitung des Chefarchitekten Antoine Madelénat, begleitet von einem wissenschaftlichen Komitee der Denkmalbehörde DRAC Occitanie, das sich während der Bauzeit sechsmal traf, um über den Umgang mit den Dekoren zu beraten. Die Restaurierung der Innendekorationen selbst übernahm die Pariser Restauratorin Cinzia Pasquali mit ihrem Atelier Arcanes, unterstützt vom Centre Interdisciplinaire de Conservation et de Restauration du Patrimoine in Marseille.
Rund 15 Millionen Euro flossen in das größte Denkmalprojekt der Region Okzitanien, finanziert zu 35 Prozent von der Communauté d’Agglomération Hérault Méditerranée, ergänzt mit Mitteln der Europäischen Union (10 Prozent, EFRE-Fonds), des Staates über die Denkmalbehörde (30 Prozent), der Region Okzitanien (15 Prozent) und des Départements Hérault (10 Prozent).

Bald wieder energieautark wie einst?
Fast zehn Jahre dauerten die Arbeiten, verteilt auf 1.500 Quadratmeter Fläche, vier Geschosse und sieben Terrassen, darunter eine Panoramaterrasse auf dem Dach. Parallel erwarb die Stadt verlorenes Originalmobiliar zurück – darunter 2012 ein komplettes Schlafzimmerensemble des Dekorateurs Léon Cauvy aus dem Jahr 1898 sowie später dessen legendäres „Eulenbett“ samt Nachttisch, beide unter Denkmalschutz gestellt.
Selbst die Nachhaltigkeit fand ihren Platz im Sanierungskonzept. Château Laurens versorgte sich einst über einen eigenen Generator autark mit Strom. Nun wird der Prototyp einer Wasserturbine nach historischem Vorbild getestet, um den Fluss erneut zur Stromerzeugung zu nutzen und einen Teil der Gartenbeleuchtung zu speisen – ein Bogen von der Belle Époque zur Energiewende.


Museum, Konzerthalle und Kursort
Seit Juni 2023 ist das Château Laurens wieder geöffnet – nicht als klassisches Museum mit Vitrinen und Kordeln, sondern als immersiver Rundgang durch rekonstruierte Zimmer mit Originalmobiliar. 2024 gesellte sich ein kulturelles Programm hinzu. Es umfasst nicht nur zeitgenössische Kunstausstellungen, sondern auch Kursangebote, die Kunsthandwerker aus der Region – Schreiner, Schmiede, Keramiker, Glasmaler – mit den Restauratoren der Monuments Historiques zusammenbringen.
Belle-Isle war Ackerland, dann Bühne eines exzentrischen Erben, dann drei Jahrzehnte Ruine – und ist heute, nach zehn Jahren Restaurierung, wieder das, was Emmanuel Laurens sich einst erträumte: ein Haus, das erzählt, staunen lässt und, ganz nebenbei, zeigt, wie viel Zukunft manchmal in einem gut bewahrten Stück Vergangenheit steckt.

Château Laurens: die Infos
Château Laurens, Domaine de Belle-Isle, Avenue Raymond Pitet, 34300 Agde. Geöffnet Dienstag bis Sonntag, Juni bis September 11–19 Uhr, Oktober bis Mai 10–18 Uhr, geschlossen vom 1. Dezember bis 1. März.
Park und historischer Garten sind frei zugänglich. Das Haus könnt ihr im Rahmen von Führungen entdecken, zu reservieren vorab auf www.chateaulaurens-agde.fr. Vom Bahnhof Agde sind es zu Fuß rund zehn Minuten bis zum Haus.

Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.
Unterstütze den Blog! Per Banküberweisung. Oder via PayPal.


