ie Maison Casadebeig am Col du Pourtalet. Foto: Hilke Maunder
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Col du Pourtalet: Pass-Erlebnisse

Der Col du Pourtalet (spanisch: El Portalet) ist nicht nur auf der Landkarte eine Grenze, sondern auch fürs Klima und Wetter. Auf 1.794 Metern Höhe verabschiedet sich der grüne, oft wolkenverhangene Béarn in Frankreich und geht über in das sonnenverwöhnte Valle de Tena in Spanien. Wer hier oben steht, erlebt die raue Schönheit einer Hochgebirgslandschaft, die im Einklang mit der Natur ihren ganz eigenen Rhythmus bewahrt hat und wie einst grasen hier Kühe und Schafe im Zuge der Transhumanz auf Sommerweiden.

Ein Pass voller Erinnerungen

Ende der 1990er-Jahre war ich nach Weihnachten mit einem guten Freund für ein paar Tage durch die Pyrenäen gereist, um der Silvester-Böllerei in Hamburg zu entfliehen. Den Jahreswechsel erlebten wir auf rund 1800 Metern Höhe direkt an der Grenze zu Spanien auf diesem Bergpass. Es war eine magische Stille, die nur vom Pfeifen des Windes unterbrochen wurde.

Der Berggasthof in den späten 1990erJahren. Foto: Hilke Maunder
Der Berggasthof in den späten 1990er-Jahren. Foto: Hilke Maunder

2021 kam ich wieder dorthin Als Überraschung bei einer Pressereise zur Tour de France war eine Übernachtung dort oben auf der Passhöhe eingeplant. Direkt auf der Passhöhe steht ein Haus, das untrennbar mit der Geschichte des Ortes verbunden ist: die Maison Casadebaig. Seit 1933 empfängt die Familie Casadebaig hier Fremde wie Freunde. Alexandra Casadebaig führt das Erbe heute in vierter Generation.

Legendäre Unterkunft: die Maison de Casadebaig

2021 unterzog Alexandra Casadebaig die Maison Casadebaig einer Komplettmodernisierung. Unterstützung kam dafür aus Europa. Der FEADER Fonds Européen Agricole de Développement Rurale gehört zu den wichtigsten Förderinstrumenten der Europäischen Union. Er hilft, alte Kulturlandschaften zu bewahren, Landflucht zu stoppen und ländliche Regionen gezielt zu entwickeln.

Der Anbau. Foto: Hilke Maunder
Der Anbau. Foto: Hilke Maunder

Als Erstes setzte Alexandra an das Stammhaus einen holzverkleideten Anbau. Weiche Daunenbetten und blütenweiße Bettwäsche kamen in die zehn gemütlichen Holzzimmer des gîte. Das Bad erhielt zusätzlich zur Badewanne noch eine Doppeldusche mit Regenschauerbrause.

Foto: Hilke Maunder
Mein Bad war in Schwarzweiß gehalten. Foto: Hilke Maunder
Dusche und Badewanne gab es in meinnem Bad. Foto: Hilke Maunder
Dusche und Badewanne gab es in meinem Bad. Foto: Hilke Maunder

Neu hinzu kam das Spa La Cascade mit Sauna und Whirlpool. Dort vertreibt Vignau Loustan jegliche Ansätze von Muskelkater oder Stress mit wohltuenden Massagen. Wer Gast im gîte ist, kann sich dort ganz der Entspannung hingeben und dabei die Aussicht auf den Cirque d’Anéou genießen.

Direkt an der Klönecke lodert im Winter der Kamin. Foto: Hilke Maunder
Direkt an der Klönecke lodert im Winter der Kamin. Foto: Hilke Maunder

Völlig verändert hat sich auch das Erdgeschoss. Alexandra hat den einst großen Gastraum unterteilt in verschiedene Funktionsbereiche. Speisesaal, Arbeitstische, Leseecke, Bar-Café und eine bunte Mischung aus Sesseln fürs Zusammensein sorgen für rustikale Gemütlichkeit im einst großen, hallenartigen Raum.

Neben der Rezeption richtete Alexandra einen kleinen Laden mit lokaler Feinkost ein. Von 10 bis 19 Uhr können sich dort auch Nicht-Gäste des gîte mit Käse aus dem Ossau-Tal, Marmeladen, lokal hergestellten Wurstwaren sowie Wein und Bier aus dem Südwesten versorgen.

Auch die cuisine soignée, die Küchenchef Mamadou im kleinen Café-Restaurant serviert, ist im terroir der Region verwurzelt. Viele Fenster verbinden innen und außen und eröffnen traumhafte Ausblicke auf den Hauptkamm der Pyrenäen und sein schnelles Spiel von Wind und Wetter.

Perfekt zum Planen der Wanderroute: die großen Tische der Lobby. Foto: Hilke Maunder
Perfekt zum Planen der Wanderroute: die großen Tische der Lobby in der Maison Casadebaig. Foto: Hilke Maunder

Jakobspilger und Flüchtlinge

Über Jahrhunderte war der Col du Pourtalet ein Tor der Hoffnung. Im Mittelalter überquerterten Pilger auf der Via Tolosana, einer der vier großen Jakobswege Frankreichs, hier die Pyrenäen, um nach Santiago de Compostela zu gelangen. Die Passage über den Col du Pourtalet war jahrhundertelang die stillere – und auch einfachere Alternative – zum bekannteren Somport-Pass.

Während des Spanischen Bürgerkriegs flohen bei der Retirada tausende Menschen über diesen Pass vor den Truppen Francos nach Frankreich. Später, im Zweiten Weltkrieg, wurde der Pass in umgekehrter Richtung wichtig: Er war eine Fluchtroute für die französische Résistance, verfolgte Juden und alliierte Piloten, die über Spanien versuchten, dem besetzten Frankreich zu entkommen. An manchen Stellen sind noch heute Spuren alter Grenzposten und Befestigungen zu erkennen – stille Zeugen einer Zeit, in der der Col du Pourtalet zur Lebensader wurde.

So schnell, wie der Nebel aufzogen war, verzog er sich auch wieder. Foto: Hilke Maunder
So schnell wie der Nebel aufzogen war, verzog er sich auch wieder. Foto: Hilke Maunder

Wandern und radeln am Col du Pourtalet

Von Laruns im Talschluss des Val d’Ossau sind es rund 30 Kilometer hinauf zum Col du Pourtalet. Auch Col du Portalet geschrieben, trennt die 1.794 Meter hohe Passhöhe das Val d’Ossau vom Valle de Tena in Spanien. Früher wurde er oft von Jakobspilgern begangen.

Heute sind es meist die Radsportler, die sich hinauf zum Pass quälen. Die Steigung ist jedoch für die Pyrenäen recht gering. Auf der Nordseite beträgt sie 4,3 Prozent, auf der Südseite nur 3,4 Prozent. Für die Profis der Tour de France ist er keine echte Herausforderung. Daher wurde der Pass nur ein einziges Mal bislang in den Streckenverlauf aufgenommen. Sieger der Bergankunft 1991 war der belgische Radrennfahrer Peter de Clercq. Bis heute erinnert ein großes Schild am Parkplatz an die Passage der Tour de France.

Nur eine dünne Grasnarbe bedecken den Fels, an den sich paar krüppelige Kiefern klammern.
Nur eine dünne Grasnarbe bedeckt den Fels, an den sich paar krüppelige Kiefern klammern.

Der Cirque d’Anéou

Direkt an der Passhöhe erstreckt sich der Cirque d’Anéou. Dieses natürliche Amphitheater ist ein Paradies für Wanderer. Die Wege sind hier weniger schroff als in anderen Teilen der Pyrenäen, was den Zugang zur Hochgebirgswelt erleichtert. Es ist der perfekte Ort, um Murmeltiere zu beobachten oder den Blick zum majestätischen Pic du Midi d’Ossau schweifen zu lassen, den die Einheimischen liebevoll Jean-Pierre nennen.

Im Sommer weiden Rinder auf den Almen. Foto: Hilke Maunder
Im Sommer weiden Rinder auf den Almen. Foto: Hilke Maunder

Die Ventas: Shopping auf Spanisch

Nur ein paar Schritte über die unsichtbare Grenze nach Spanien hinein ändert sich die Atmosphäre. Hier prägen die ventas das Bild – Grenzshops, die eine lange Tradition haben und an jene Zeit erinnern, als Grenzen noch echte Barrieren waren. Früher waren diese Orte berüchtigt für den Schmuggel ( la contrebande ) von Tabak, Kaffee oder Alkohol.

Heute ist das Ganze legal, aber der Charme des ‚Niemandslandes‘ ist geblieben. Franzosen schätzen die günstigeren Preise, besonders für Tabak, Alkholo und Drogeriewaren. Doch vor allem ist der Col du Pourtalet hier eine kulinarische Grenze – von der Feinkost in den Supermärkten bis zu den Gerichten auf dem Teller der einfachen Bars und Cafés. Es ist der wohl einfachste Weg, innerhalb von zwei Minuten von der französischen Lebensart in die spanische Movida zu wechseln.

Col du Pourtalet: 3 Top-Erlebnisse

Ein Ausflug zum Col du Pourtalet lässt sich hervorragend mit weiteren Highlights des Ossau-Tals verbinden.

Wandern zum Refuge de Pombie

Die Wanderung vom Parkplatz Anéou hinauf zum Refuge de Pombie dauert etwa eine bis anderthalb Stunden und überwindet dabei 250 Höhenmete). Der Weg ist technisch unkompliziert, erfordert aber Bergstiefel. Belohnt werden ihr mit einem Logenplatz: Die Hütte liegt direkt am Fuße der gewaltigen Felswände des Pic du Midi d’Ossau an einem kleinen Bergsee.Die Berghütte ist der klassische Treffpunkt für Bergsteiger, die den ‚Jean-Pierre‘ erklimmen wollen, und für Wanderer der perfekte Ort für eine Blaubeertarte mit Aussicht.

Le Petit Train d’Artouste

Nur wenige Kilometer unterhalb des Passes startet am See von Fabrèges die höchste Schmalspurbahn Europas. Eine Fahrt bietet atemberaubende Panoramen und ist die ideale Ergänzung zum Pass-Erlebnis. Hier habe ich die Bahnreise im Hochgebirge vorgestellt.

Beim Käsemacher

Zwischen Laruns und dem Col du Pourtalet findet ihr in einer der Sennhütten den Schafbauern Regis Carrère. Während des Sommers stellt er auf seiner Alm wie einst seine großen Schafskäse der AOP Ossau-Iraty her und verkauft sie ab Hof. Erfahrt hier mehr.

Régis schlägt die Dikmelk zu Greuil. Foto: Hilke Maunder
Régis schlägt die Dikmelk zu Greuil. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Blog

Mehr zur Transhumanz, die ihr am Col du Pourtalet erleben könnt, erfahrt ihr hier.

Die Route des Cols verbindet die schönsten Aussichtsgipfel der Pyrenäen – und berührt auch dem Col du Pourtalet. Hier erfahrt ihr mehr.

In der Kategorie Bettentest stelle ich sämtliche Unterkünfte vor, die ich in Frankreich schon getestet habe. Sie sind allesamt ganz besondere Kleinode, persönlich, sympathisch und einzigartig. Stöbert mail in dieser Kategorie.

Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Roadtrips Frankreich*

Roadtrips Frankreich

Das zweite gemeinsame Werk mit Klaus Simon stellt euch die schönsten Traumstraßen zwischen Normandie und Côte d’Azur vor. 14 Strecken sind es – berühmte wie die Route Napoléon durch die Alpen oder die Route des Cols durch die Pyrenäen, aber auch echte Entdeckerreisen wie die Rundtour durch meine Wahlheimat, dem Fenouillèdes. 

Von der Normandie zur Auvergne, vom Baskenland hin zu den Stränden der Bretagne und dem wunderschönen Loiretal laden unsere Tourenpläne ein, Frankreich mobil zu entdecken – per Motorrad, im Auto, Caravan oder Wohnmobil. Hier* gibt es das Fahrtenbuch für Frankreich!

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