Cold cases aus Frankreich: zwei Buchtipps
Was bleibt verborgen? Zwei Bücher, eine Frage. Und zwei Frauen, die zwei cold cases aus Frankreich lösen: voilà meine zwei Buchtipps!
Manche Toten warten jahrzehntelang. Im Schuppen. Auf dem Friedhof. Hinter der Stirn einer Tochter, die als Kind nicht fragen durfte. Zwei Bücher über zwei ganz unterschiedliche cold cases aus Frankreich, erschienen im Frühjahr 2026, kreisen um dasselbe dunkle Zentrum: das, was vergraben wurde — und irgendwann ans Licht muss.
Liliane Fontaine schickt ihre Untersuchungsrichterin Mathilde de Boncourt in die Ostpyrenäen, nahe Elne, wo hinter Klostermauern ein Marienwunder die Gemüter erhitzt und auf einem alten Friedhof seit Jahren eine namenlose Tote liegt.
Pascale Hugues öffnet Fotoalben und Briefe ihrer Mutter Yvette — und stößt auf ein Familiengeheimnis, das ein Leben lang unter Lügen begraben war: eine bipolare Störung, ein Suizid – und eine Tochter, die nicht wusste, warum ihre Mutter wochenlang verschwand.
Zwei cold cases aus Frankreich — und zweite Autorinnen, die ausgraben, was niemand sehen wollte.
Cold cases aus Frankreich: Familien-Tabu im Elsass
Pascal Hugues, So voller Leben* (Si pleine de vie)

Stellt euch vor, ihr seid noch ein Schulkind. Und die Mutter verschwindet. Wochenlang. Ohne Erklärung. Die Erwachsenen schweigen oder lügen freundlich. Die Elsässerin Pascale Hugues war dieses Kind. Jetzt, Jahrzehnte später, holt sie ihre Mutter zurück — mit einem Buch, das zu den bewegendsten des Jahres gehört.
Der Titel wirkt zunächst wie ein Paradox. So voller Leben — und doch hat Yvette, die Mutter, sich mit 56 Jahren aus dem Fenster gestürzt. Warum? Pascale Hugues, 1959 in Strasbourg geboren, versucht eine Annäherung. Eine Tochter, die seit drei Jahrzehnten als Journalistin in Berlin lebt, begibt sich auf Recherche ins eigene Leben — und findet eine Frau, die sie nie so richtig gekannt hat.
Zwischen zwei Welten, zwei Polen, zwei Identitäten
Yvette wird im elsässischen Colmar geboren, 1929, im Jahr der Großen Depression. Ihre Eltern wünschen sich einen Jungen und bekommen ein Mädchen. Ein schlechtes Omen für eine Existenz, die von Anfang an zwischen den Stühlen sitzt. Sie ist Linkshänderin und wird gezwungen, mit rechts zu schreiben. Mal Französin, mal Deutsche, wechselt sie im kriegsgeschüttelten Elsass drei Mal die Nationalität, die Sprache und sogar den Vornamen. Das Elsass ist das Scharnier Europas — und für Yvette wird es zur Lebenswunde.
Später, als erwachsene Frau, schwankt Yvette zwischen dem Charme der Bourgeoisie und der Verlockung des Aufruhrs, zwischen Patriarchat und Feminismus. Sie geht auf die Straße für das Abtreibungsrecht — für eine Frau ihres Jahrgangs eine bemerkenswert radikale Geste. Sie ist modern. Sie ist neugierig. Sie ist, wie ihre Tochter es später nennen wird, so voller Leben. Und sie ist bipolar. Die Krankheit ist das unsichtbare Gravitationszentrum, um das alles kreist — doch Pascale und ihre Geschwister erfahren davon nicht.
Bei ihrer Spurensuche arbeitet Pascale Hugues klassisch journalistisch, sammelt Quellen, studiert Fotos und liest die Korrespondenz ihrer Mutter. Daraus destilliert sie kein Psychogramm, sondern einen Dialog: Pascale Hugues spricht ihre Mutter im Buch direkt an. Man liest eine Tochter, die mit jemandem redet, der nicht mehr antworten kann: Literatur als Trauerarbeit.
Schweigen als Mitgift
Was das Buch über das Private hinaushebt: Pascale Hugues stellt das Schicksal ihrer Mutter als exemplarisch dar — nicht nur die Geschichte einer Krankheit, sondern einer Generation. Yvette, Jahrgang 1929, ist zu früh geboren, um die Früchte der Emanzipation zu ernten. Und zu spät, um das Schweigen über psychische Krankheiten je ganz zu überwinden. Die Psychiatrie jener Jahrzehnte ist eine Welt der schützenden Lügen und verschwiegenen Kliniken. Was nicht benannt wird, existiert nicht — so das Credo der Epoche. Für die Kinder dieser Mütter und Väter bedeutet das: lebenslange Rätsel. Lösen lässt es sich nicht. Ihre Erinnerungen sind fragmentarisch, ehrlich und unvollständig. Manches weiß sie nicht. Manches will sie nicht wissen – aus Selbstschutz.
So voller Leben klingt nach Aufbruch. Und ist doch das Resümee einer verhinderten Existenz. Eine Frau, die so viel wollte und konnte, und die eine Krankheit immer wieder zurückwarf. Claudia Steinitz hat das Werksi pleine la vie für Rowohlt übersetzt — dem Verlag, mit dem Hugues seit ihrem Debüt verbunden ist. Wer mag, kann diese berührende Erzählung hier* als gebundenes Buch, hier* als Kindle online bestellen.
Bipolarität und das kreative Genie
Yvettes Geschichte ist keine Ausnahme. Die Liste der Schriftsteller, Maler und Schauspieler, die klar die diagnostischen Kriterien einer bipolaren Psyche erfüllen, ist lang: in den Biografien von Robert Schumann, Sylvia Plath, Hermann Hesse, Janis Joplin oder Kurt Cobain finden sich klare Anzeichen für die entsprechende Diagnose. Virginia Woolf stürzte sich 1941 in den Fluss vor ihrem Landhaus in Sussex — sie hatte ihrem Mann einen letzten Brief hinterlassen. Als Ikone aller bipolaren Genies gilt bis heute Vincent van Gogh. Auch Ludwig van Beethoven, Lord Byron, William Blake, Mark Twain, Edgar Allan Poe und Leonardo da Vinci zählen zu jenen, bei denen die Diagnose als gesichert oder wahrscheinlich gilt. Winston Churchill, der während seiner Zeit als Premierminister 43 Bücher veröffentlichte und 1953 den Nobelpreis für Literatur erhielt, sprach offen von seiner Depression und nannte sie seinen „schwarzen Hund“.
Cold cases aus Frankreich: der Serienkiller der Pyrenäen
Liliane Fontaine, Die Richterin und die Tote im Kloster*

Ein Marienwunder in den Ostpyrenäen, eine ermordete Journalistin, ein jahrzehntelang aktiver Serienkiller und eine Richterin, die an die Macht der Vernunft glaubt: Mit dem neunten Band ihrer Mathilde-de-Boncourt-Reihe betritt Liliane Fontaine neues, ungewohntes Terrain — und das mit Gespür für das Mysteriöse.
Die Ostpyrenäen, nahe Elne. Hinter den Mauern des fiktiven Klosters Sainte-Agathe-Lys beten Benediktinerinnen in einer Stille, die man fast hören kann — und doch brodelt es. Schwester Angelina hat eine Vision. Die Muttergottes, sagt sie, sei ihr erschienen. Drei Kinder aus dem Dorf berichten Ähnliches. Die Nachricht erreicht Rom. Päpstliche Abgesandte reisen in den Süden Frankreichs. Und die Bürgermeisterin der Gemeinde, die das Kloster längst in ein Luxus-Golf-Resort verwandeln möchte, gerät unter Druck.
In dieser aufgeheizten Gemengelage bittet Père Joseph, ein alter Freund, die Untersuchungsrichterin Mathilde de Boncourt um einen stillen Gefallen: Sie soll sich vor Ort ein Bild machen — von der Nonne, vom vermeintlichen Wunder, von der Lage. Kein offizieller Auftrag. Keine Akten. Nur Mathildes klarer Blick. Mathilde de Boncourt, juge d’instruction oder Madame le juge, ist in der Region verwurzelt, liebt und schätzt sie — und käme nie auf die Idee, woanders leben zu wollen. Dass ausgerechnet sie in die Nähe des Übernatürlichen gerät, ist der eigentliche Reiz dieses neunten Falls.
Wer ist Liliane Fontaine?
Hinter dem Pseudonym steckt die Krimiautorin und Kunsthistorikerin Liliane Skalecki, die in Saarlouis nahe der französischen Grenze geboren wurde und heute mit ihrer Familie in Bremen lebt. Als Alleinautorin veröffentlicht sie im Münchner Piper Verlag seit 2018 ihre Krimi-Reihe um Mathilde de Boncourt. Die Idee zur Serie entstand daraus, dass die Mehrzahl der von deutschsprachigen Autoren geschriebenen Kriminalromane mit einem Commissaire aufwartet — eine Ermittlungsrichterin, eine juge d’instruction, ist neu in diesem Genre, aber in der korrekt dargestellten Ermittlungsarbeit in Frankreich eine unverzichtbare und mit die wichtigste Person. Ihre Krimis zeichnet die direkte Nähe zu den im Roman beschriebenen Regionen aus: Sie überprüft ihre Ideen vor Ort und bereist jede einzelne Stätte, die im Roman eine Rolle spielt. Das merkt man. Südfrankreich bei Fontaine ist keine Kulissenmalerei, kein Klischee.
Mehrere Erzählsträge
Der neunte Band beginnt ungewohnt vielstimmig. Verschiedene Erzählstränge starten nebeneinander, ohne dass sofort klar würde, wohin sie führen: Der Einstieg fordert Geduld. Wer rasante Tempo-Krimis gewohnt ist, könnte zunächst ins Stocken geraten. Das Gesamtbild entsteht erst nach und nach — mosaikartig, Steinchen für Steinchen, wie die Puzzleteile, die sich bei der Polizeiarbeit besonders bei den cold cases aus Frankreich erst Stück für Stück zusammenfügen.
Felix unterstützt Mathilde in seinem Heimatort und beschließt, der Familie wieder mehr Raum in seinem Leben zu geben — ein persönlicher Subplot, der dem Roman menschliche Tiefe gibt. Coco, die vierte im Team, findet per Datenbankabfrage einen entscheidenden Treffer. Rachid, Mathildes Lebensgefährte und Commandant der Police judiciaire, hält das Gefüge zusammen. Das Quartett funktioniert — vertraut, eingespielt, glaubwürdig. Wer die Reihe kennt, wird die Figuren wie alte Bekannte begrüßen. Wer sie zum ersten Mal liest: Alle Bände sind in sich abgeschlossene Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Am Ende wird ein Serienkiller entlarvt, der gut getarnt jahrzehntelang junge Frauen ermordete. Die Auflösung kommt — erst im Epilog, und mit einer Wucht, die die zögernden ersten Kapitel vergessen macht. Die Richterin und die Tote im Kloster ist kein leichter Krimi. Er ist vielschichtig, atmosphärisch dicht und gelegentlich sperrig — und genau das macht ihn interessant. Wer mag, kann Band 9 hier* als Taschenbuch und hier* als Kindle online bestellen – oder vor Ort in der Buchhandlung.
Cold cases aus Frankreich
Frankreich zählt geschätzte 20.000 bis 30.000 ungeklärte Tötungsdelikte. Von rund 900 Homiziden pro Jahr bleiben rund 180 ungelöst — Jahr für Jahr. Eine zentrale Datenbank existiert nicht, die Fälle verschwinden in Regionalarchiven. Seit 2008 versuchen spezialisierte Einheiten der Police Judiciaire, das Vergessen systematisch zu bekämpfen: Die Einheit in Nanterre allein betreut 300 cold cases aus Frankreich, neue DNA-Techniken öffnen Akten, die Jahrzehnte geschlossen lagen. Manche cold cases aus Frankreich haben sich ins kollektive Gedächtnis eingraviert:
- Affaire Grégory (1984): 4-jähriger Grégory Villemin ertränkt – bis heute ungeklärt, Dutzende Verdächtige.
- Dupont de Ligonnès (2011): Fünffachmord in Nantes, Vater flüchtig – Frankreichs meistgesuchter Mann.
- Chevaline-Vierfachmord (2012): Britische Familie erschossen – Elite-Soldat vermutet.
- Le Grêlé (1986–1994): Serienmörder Paris („Granny Killer“), 2021 identifiziert, Selbstmord.
- Rosenmörder (1994): Nadège D. ermordet – 2025 aufgeklärt (30 Jahre Haft).
Andere cold cases aus Frankreich warten namenlos. Wie die Tote auf dem Friedhof bei Elne — und wie Yvette, die Mutter, deren Geschichte erst ihre Tochter Jahrzehnte später ans Licht holt.
Offenlegung
Die Titel der cold cases aus Frankreich stellten mir die Verlage kostenfrei zur Verfügung. Dafür sage ich herzlichen Dank. Einfluss auf die Besprechung hat dies nicht. Ich berichte subjektiv, wie mir die Bücher aus Frankreich gefallen haben, mache kein Merchandising und werde auch nicht für die Veröffentlichung bezahlt.
Noch mehr Lesespaß aus Frankreich
In dieser Rubrik findet ihr alle Beiträge und Texte zur französischen Literatur. Einige meiner liebsten Bücher aus Frankreich habe ich auf diesen Leselisten vereint.
- Leseliste Herz & Historie: https://meinfrankreich.com/leseliste-frankreich_herz_historie
- Leseliste Land & Leute: https://meinfrankreich.com/frankreich_landeskunde_land-und-leute
- Leseliste Bellestrik: https://meinfrankreich.com/leseliste-belletristik
- Leseliste „Im Original“: https://meinfrankreich.com/leseliste-frankreich-im-original
- Leseliste Krimi: https://meinfrankreich.com/krimi_frankreich
- Leseliste Kochbücher: https://meinfrankreich.com/franzoesische_kueche_kochbuecher_tv
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