Corniche Vendéenne: im Rausch der Brandung
Nur drei Kilometer lang ist sie, die Corniche Vendéenne an der Côte de Lumière, der Küste des Lichts – doch wie wild zeigt sich das Land an der Küstenstraße zwischen Saint-Gilles-Croix-de-Vie und dem Sion-Viertel von Saint-Hilaire-de-Riez! Die Atlantikküste der Vendée – Buchten und Felsen im Rausch der Brandung.
Die Corniche Vendéenne ist der einzige verbliebene Teil der ehemaligen Île de Rié. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Meeresarm, der das Festland von dieser ehemaligen Insel trennte, aufgefüllt mit Ablagerungen: Muscheln, Sand, Treibgut und mehr. Die Insel wurde Festland, ihre einstige Westküste zur Corniche Vendéenne. Seit 1926 steht sie von der Anse de la Goutaille bis zur Pelle à Porteau unter Naturschutz.
Wer ihr folgen möchte, kann den Spuren der Zöllner folgen, die einst hier patrouillierten. Heute folgt der Sentier des Douaniers als Teil des GR 8 dem Küstenverlauf. Ein schmaler Weg, der sich über dunkle Felsen und goldrote Sandabschnitte schlängelt, immer nah am Atem des Atlantiks. Wer ihm folgt, spürt, wie die Landschaft mit jedem Schritt urwüchsiger wird, wie Wind und Salzgischt die Sinne schärfen.

Die Corniche Vendéenne beginnt in Frankreichs Sardinenhauptstadt Saint-Gilles-Croix-de-Vie am Ufer der Vie. Seit Generationen wird hier Sardine gefangen, sortiert und konserviert. Das trug der Hafenstadt das Label Site Remarquable du Goût ein – eine Anerkennung, die alljährlich am Ufer der Vie im Frühjahr gefeiert wird.
Der kurze Küstenfluss Vie entspringt rund 35 Kilometer östlich in Saint-Prouant, schlängelt sich durch Wiesen und Weiden, bewässert Salzgärten, strömt am Fischereihafen mit seinen Trawlern und Kuttern vorbei – und ergießt sich, links und rechts von Stränden gesäumt, in den Atlantik.

Sein rechtes Ufer säumt der erste Strand der Corniche Vendéenne : die Plage de Boisvinet mit ihren nostalgischen Sommervillen, charmanten kleinen Ferienhäusern der Belle Époque mit Holzschnitzereien, fantasievollen Namen, Stockrosen im Garten und bunten Fensterläden und Türen. Über die Mündung der Vie sendet der Phare de la Garenne sein Licht, der Leuchtturm am Ende der Mole von Saint-Gilles-Croix-de-Vie.

Höher und heller ist das Licht des Phare de Grosse Terre auf der südlichsten Landspitze der Corniche Vendéenne. Dort ruht ein „Bär“ im Meer: der Pilours. Der heutige Name des länglichen Felsens ist eine Verballhornung des früheren Namens Perrourse – von petra (Stein) und oursse (Klippe).
Geologisch stammt die Küste der Vendée hier aus dem Paläozoikum und ist Teil des Armorikanischen Massivs, das etwa 300 Millionen Jahre alt ist. Dunkler Schiefer, durchzogen von hellen Quarzadern, bricht steil zum Meer hin ab. Wellen und Winde haben ihn gezeichnet, gerissen und geöffnet.

Weiter gen Norden hat das Meer eine Höhle in die Küste gefräst: den Trou du diable. Die Legende besagt, dass der Teufel an dieser Stelle der Klippe aus Verdruss über seinen verlorenen Handel mit Saint-Martin einen Fersenschlag versetzt hat. Eine andere Version behauptet, dass der Teufel in dieser Höhle gefangen gehalten und von fünf Mönchen bewacht wurde …
Diese Höhle wird auch Teufelskessel genannt, weil das Wasser darin wie in einem Kessel brodelt und ein Schieferbogen, der den Henkel darstellt, über sie hinwegführt. Wer die Buchten und den Trou du Diable erkunden möchte, sollte die Gezeiten beachten. Bei Flut steigt das Wasser schnell. Ihre Wogen lassen Wege und Stufen verschwinden.

Die Corniche Vendéenne endet in Sion an fünf Felsen, die dem Ozean zugewandt sind. Es sind die Cinq Pineaux (vom keltischen pen für Kopf). Sie werden auch die fünf Mönche genannt, weil sie angeblich den Teufel bewachen, der in der Nähe eingesperrt ist.
Bei Westwind und hoher Flut verschwinden die Cinq Pineaux fast im Nebel der Gischt. Dann klingt das Meer wie eine Orgel, tief, voller Druck und Ferne. Die Einheimischen kommen an solchen Tagen gern an die Promenade, lehnen sich gegen die Brüstung und schauen einfach zu. Man kann hier stehen und nichts tun – und doch alles sehen.

Das weiße Gold
In länglichen Bassins spiegeln sich die Wolken auf dem flachen Wasser. Dann wieder sind die Becken in dunkles Rosa getaucht, tanzen die Sonnenstrahlen über glitzerndes Weiß. Ein Hauch von Moder mischt sich in den Duft des Salzes. Flirrende Hitze taucht die marais salants in unwirkliches Licht. Im Hinterland der Corniche Vendéenne bewahren die Salzbauern von Saint-Hilaire-de-Riez ein bäuerliches Erbe, das bis in die Antike zurückreicht.
Die Salzernte beginnt, wenn die Sonne hoch steht und der Wind die Becken trocknet – meist zwischen Juni und September. Dann ziehen die sauniers mit hölzernen Schiebern die feine Fleur de Sel von der Wasseroberfläche. Jede Bewegung langsam, ruhig, im Rhythmus der Natur. Salz, das nach Sommer schmeckt.

Eine der Anlagen hat die Kommune als lebendiges Salzmuseum für Besucher geöffnet. In den Marais Salants de la Vie verraten Führungen, wie aus Meerwasser und Sonnenwärme das weiße Gold des Mittelalters gewonnen wird – und welche Tiere und Pflanzen in einem solch salzigen Milieu überleben. 333 Gramm pro Liter beträgt der Salzgehalt im letzten der vielen Becken!
• www.sainthilairederiez.fr/marais-salants-de-la-vie

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