Detail der Wolke von Philippe Starck mit dem Namenshinweis Le Nuage. Foto: Hilke Maunder
|

Die moderne Architektur von Montpellier

Kaum eine Stadt Frankreichs hat sich hat sich in den letzten Jahrzehnten so mutig neu erfunden wie die Hauptstadt des Département Herault: Weltweit sorgt die moderne Architektur von Montpellier für Schlagzeilen.

Der Aufbruch begann in den 1980er-Jahren mit Antigone. Dann wurden die Ufer des Lez zum Labor für die moderne Architktur von Montpellier. Stararchitekten aus aller Welt haben hier ihre Handschrift hinterlassen haben. Ein Streifzug durch die bedeutendsten Bauten der Hauptstadt des Hérault.

Die moderne Architektur von Montpellier: die Highlights

Im Antigone-Viertel von Montpellier. Foto: Hilke Maunder
Im Antigone-Viertel von Montpellier. Foto: Hilke Maunder

Der Aufbruch: Antigone

Den Auftakt zur modernen Architektur von Montpellier setzte der katalanische Architekt Ricardo Bofill. Auf einem aufgegebenen Kasernengelände hinter dem Einkaufszentrum Polygone – unmittelbar an der Place de la Comédie – entwarf er auf 400.000 Quadratmetern ein Stadtviertel der Zukunft. Der damalige Bürgermeister Georges Frêche, der Bofill von 1977 bis 2004 zum wichtigsten Stadtgestalter Montpelliers machte, wollte die Innenstadt konsequent bis zum Ufer des Lez verlängern.

Montpellier: Antigone. Foto: Hilke Maunder
Brunnen im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder

Das Ergebnis ist Antigone: ein Viertel, das mit Architekturzitaten aus römischer und griechischer Antike spielt und sie ins geradezu Überwältigende übersetzt. Selbst die Sozialwohnungen sind hier Monumentalbauten, das Schwimmbad hat olympische Maße, und die zentrale Achse – belebt mit der Markthalle Halles Jacques Cœur, Cafés, Brunnen und Parkanlagen – misst mit 1.800 Metern fast die Länge der Champs-Élysées von Paris.

Neben die Antikenzitate stellte Bofill einen kantigen Triumphbogen aus Glas und Beton für den Conseil Général des Départements. Viel Glas und Beton verbauten Paul Chemetov und Borja Huidobro auch in der zentralen Médiathèque Émile Zola .

Montpellier: Flohmarkt im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder
Flohmarkt im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder

Trotz aller Gigantomanie hat der Katalane einen städtischen Lebensraum geschaffen, der nicht erdrückend wirkt. Gekonnt setzen brunnenbestandene Plätze und Grünflächen seine Monumentalbauten in Szene. Säulen und Kapitelle lassen kaum ahnen, dass sich hinter den opulenten Fassaden Sozialwohnungen verbergen. Zu pompös, urteilen Kritiker. Prachtvoll, schwärmen die anderen. 2018 erhielt Ricardo Bofills neoklassizistisches Gesamtkonzept auf 36 Hektar vom französischen Ministère de la Culture die Auszeichnung Architecture contemporaine remarquable

Montpellier: das olympische Schwimmbad im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder
Das olympische Schwimmbad im Antigone-Viertel. Foto: Hilke Maunder
Montpellier: Antigone. Foto: Hilke Maunder
Die Esplanade de l’Europe. Foto: Hilke Maunder
Montpellier: Blick auf das Antigone-Viertel am Lez. Foto: Hilke Maunder
Blick auf das Antigone-Viertel am Lez. Foto: Hilke Maunder

Quartier Richter: die Brücke über den Lez

Zwischen Antigone und Port Marianne liegt das Quartier Richter – formell ein Unterquartier von Port Marianne, städtebaulich aber ein eigenständiges Kapitel, das früher begann und eine andere Handschrift trägt. Die Idee geht auf Raymond Dugrand zurück, der das Viertel ausdrücklich als direkte Verlängerung von Bofills Bauten konzipierte: Antigone dehnte die Innenstadt zum Lez aus, Richter sollte den Fluss überqueren und das städtische Leben auf die linke Uferseite tragen.

Montpellier: Das Haus der Region am Lez. Foto: Hilke Maunder
Das Haus der Region am Lez. Foto: Hilke Maunder

Der Architekt und Stadtplaner Adrien Fainsilber – bekannt durch die Cité des Sciences et de l’Industrie in Paris – übernahm ab 1990 die Rolle des architecte en chef und entwarf die ZAC Richter als eine verbindenes Gelenk zwischen dem alten und dem neuen Montpellier.

Ab 1992 wurde gebaut. Auf zwölf Hektar, wo einst der Stade Richter stand – ein Fußballstadion, das später zur Open-Air-Konzertarena für die Rolling Stones, Pink Floyd und Michael Jackson wurde, bevor es als Flohmarkt und Pétanque-Platz endete –, entstand ein gemischtes Quartier aus Wohnungen, Büros, Handel und Universitätscampus.

Seine Bibliothèque universitaire entwarf die Architektin Hélène Martinez für die Agentur René Dottelonde. Trotz des allgegenwärtigen Betons wurde bereits 1994 ein 26.500 Quadratmeter großer Park am Lez angelegt – als grüne Pufferzone zwischen Fluss und Bebauung. 2000 folgte die Étoile Richter, einem 12.700 Quadratmeter großes Büro- und Geschäftsgebäude, das Fainsilber gemeinsam mit dem Architekten Jérôme Rio entwarf

Zur Pilgerziel für die moderne Architektur von Montpellier wurde das Quartier Richter später – und spektakulärer. Im Zuge des revitalisierten Folie-Programms wählte Montpellier Richter als Schauplatz für zwei seiner kühnsten Neubauten: L’Arbre Blanc und La Folie Divine.

L’Arbre Blanc – der weiße Wohnbau

Montpellier: Arbre Blanc am Lez. Foto: Hilke Maunder
Der Arbre Blanc am Lez. Foto: Hilke Maunder

Kaum eine andere Metropole lässt Architekten so viel Freiraum wie Montpellier, ihre ausgefallenen Kreationen zu verwirklichen. Das beweist auch die Entscheidung, Sou Fujimoto am Ufer des Lez einen Arbre Blanc bauen zu lassen, einen Baum in Weiß zum Wohnen. Mit 120 Wohnungen, deren Balkone wie Äste aus dem Stamm heraus reichen, 17 Etagen hoch und ganz und gar weiß.

Für den Hingucker in Weiß kooperierte Sou Fujimoto mit Nicolas Laisné Associés und Manal Rachdi von OXO Architectes. 2016 begannen die Bauarbeiten amArbre Blanc. 2019 war Eröffnung. Charles Fontès vom Sternerestaurant La Réserve Rimbaud in Montpellier und Éric Cellier, Co-Chefkoch der Maison de Lozère, betreiben dort seitdem das Restaurant im Erdgeschoss und die Panoramabar im 17. Stock des Arbre Blanc.

Montpellier: Detail des Arbre Blanc am Lez. Foto: Hilke Maunder
Detail des Arbre Blanc am Lez. Foto: Hilke Maunder

La Folie Divine

In den Jardins de la Lironde des Quartier Richter begann Montpellier im Jahr 2017 die Wiederbelebung der Idee moderner folies . 2023 wurde der neungeschossisge Turm ​mit 36 Wohnungen und 260 Quadratmetern Gewerbefläche im Erdgeschoss nach Plänen der iranisch‑britischen Architektin Farshid Moussavi und dem Pariser Büro Richez Associés, vollendet. Mit zum Team gehört als Landschaftsarchitekt Coloco. Auftraggeber waren Les Nouveaux Constructeurs.

Auf einem Areal von 3. 061  Quadratmetern und mit einer Nutzfläche von rund 2. 740 Quadratmeter schuf das Team ein Bauwerk, das den Begriff „Luxus“ neu definiert: Flexible Grundrisse ermöglichen 36 Wohnungstypen statt der ursprünglich geplanten fünf.  Jede Einheit besitzt umlaufende Terrassen, die als „Freiluftzimmer“ dienen und dank versetzter Grundrisse ein hohes Maß an Privatsphäre gewähren​ Die Fassade aus eloxiertem Aluminium spiegelt mediterranes Licht, während die kompakte Turmform Raum für einen begrünten Garten lässt. Durch natürliche Querlüftung, reduzierte Bodenversiegelung und Leichtbaumaterialien erfüllt der Bau höchste Nachhaltigkeitsstandards.

Mit ihrer geschwungenen Form, dem changierenden Silberglanz und den offenen Terrassen gilt die Folie Divine heute als architektonischer Meilenstein und Symbol für Montpelliers Mut zur Formensprache zwischen Wohnen und Kunst – eine „Wohn‑Folie“, die urbanes Leben poetisch neu interpretiert.

Port Marianne: Ökoviertel in XXL

Bereits in den 1990er-Jahren begannen die ersten Planungen für das Ökoviertel Port Marianne im Südosten Montpelliers, mit dem die boomtown bis an die Autobahn A 9 heranrückte. Seither ist Port Marianne zur internationalen Ikone für die moderne Architektur von Montpellier geworden – und zu einem Beweis dafür, dass ökologisches Bauen und architektonische Kühnheit kein Widerspruch sein müssen.

Die grüne Lunge des Viertels ist der Parc Georges Charpak, ein acht Hektar großer Stadtpark, der nach Plänen des Landschaftsarchitekten Michel Desvigne entstand und mit seinem Namen an den franco-polnischen Nobelpreisträger in Physik (1992) errinert. Angelegt wurde die grüne Oase an der Avenue de la Mer, wie die Avenue Raymond Dugrand von den Einheimischen genannt wird, führt sie doch schnurstracks zum Strand. 555 Bäume – darunter saules blancs (Silberweiden), chênes (Eichen) und pins parasols (Schirmpinien) wachsen hier bereits

Ein Park mit Kinderspielplatz und eine Palmenallee rahmen das Bassin Jacques Cœur ein, einen 1,3 Hektar großen Zierweiher, aus dem eine Fontäne hoch in den Himmel schießt. Den schönsten Blick darauf bietet eine kleine, mit Holz beplankten Plattform am Ufer.

Hôtel de Ville

Futuristisches Wahrzeichen der boomenden Kapitale des Hérault ist seit 2011 das Hôtel de Ville. Als leuchtend blauer Kubus erhebt es sich klotzig im neuen Stadtviertel Port Marianne.

Montpellier: das neue Rathaus. Foto: Hilke Maunder
Das neue Rathaus. Foto: Hilke Maunder

RBC und Le Nuage: Design und Sport als Nachbarn

Auf Höhe der Hausnummer 600 der NAvenue Raymond Dugrand errichtete Jean Nouvel für das von Franck Argentin gegründete Möbelhaus RBC Mobilier das Designcenter RBC. Es will Design für alle bieten: vom Kind bis zum Greis, vom Profi bis zum passionierten Laien. Wer dabei vom kleinen Hunger geplagt wird, kann im Restaurant MIA von Pascal Sanchez eine kreativ-frische Marktküche entdecken.

Gegenüber und durch einen miroir d’eau – einen flachen Wasserspiegel – vom RBC getrennt, hat Philippe Starck mit Le Nuage ein etwas anderes Sportzentrum entworfen. Bei einem Budget von zehn Millionen Euro entstanden auf 3.000 Quadratmetern Schwimmbad, Fitnesscenter, Boutiquen und Restaurant – hinter einer Fassade, die ihresgleichen sucht.

Riesige Kissen aus dreifachen, transparenten ETFE-Folien (Ethylen-Tetrafluorethylen) verkleiden den Betonbau und lassen ihn, zumindest optisch, wattig weich und weiß wie eine Wolke wirken – daher der Name: Le Nuage, die Wolke. Die Wolkenfenster aus recyceltem Kunststoff, die in das Betongerüst eingesetzt wurden, reduzierten den Betonverbrauch um 30 Prozent, wiegen ein Drittel weniger als Glas und senkten so die Baukosten erheblich. Im Herbst 2014 wurde das Wolkenhaus eröffnet.

Les Halles du Lez: Schlemmen ganz trendy

Nach Vorbild der Halles Bocuse in Lyon, den Foodhallen von Amsterdam und dem Mercado de Ribeira von Lissabon hat Gaia Promotion gemeinsam mit Nicolas Kuseni vom Studio NK Design, Christian Collot und Emmanuelle Bèze die Markthallen von Montpellier am Lez entwickelt. 1.500 Quadratmeter groß ist der angessagte food court allein im Inneren. Hinzu kommt einen 1.300 Quadratmeter große Terrasse. Für den anbesagten In-Treff schufen Supakitch & Koralie und Little Madie ein 600 Quadratmeter großes Wandbild mit dem Titel Landscape 2.
• 1348, avenue Raymond Dugrand, 34000 Montpellier, Mo. geschlossen, www.hallesdulez.com

Altstadt und Innenstadt

Im historischen Écusson, dem mittelalterlichen Stadtkern, folgt die moderne Architektur von Montpellier einer anderen Logik als in den neuen Laboren am Lez. Hier begegnen sich an jeder Ecke mittelalterliche Gassen, neoklassische Fassaden des 18. Jahrhunderts und vereinzelte zeitgenössische Eingriffe – und genau das macht moderne Architektur in der Innenstadt so besonders: Sie bleibt bewusst die Ausnahme und tritt in Dialog mit der historischen Substanz, statt sie zu übertrumpfen. Kein Neubau auf der grünen Wiese, sondern die behutsame Transformation des Bestehenden – darauf setzt die Stadtentwicklung in der Innenstadt.

MO.CO. – Montpellier Contemporain:

Das eindrucksvollste Beispiel dieser Strategie ist das MO.CO. – Montpellier Contemporain. Das Ökosystem der Kunst vereint drei Institutionen unter einem konzeptuellen Dach : die École Supérieure des Beaux-Arts, La Panacée als Experimentierfläche für Gegenwartskunst und das MO.CO. Hôtel des Collections im renovierten Hôtel Montcalm.

Für die Umwandlung dieses Hauses aus dem frühen 19. Jahrhundert in ein 3.200 qm großes Ausstellungszentrum zeichnete der Architekt Philippe Chiambaretta von PCA-STREAM verantwortlich. Sein erklärtes Ziel: kein spektakuläres Schaustück , sondern ein stilles, dienendes Gebäude, das ganz der Kunst gehört. Auf der Hofseite krönt ein zeitgenössischer Aufsatz aus nachts rückbeleuchteten Polykarbonatpaneelen den ehemaligen Offiziersclub – ein zurückhaltender Lichtkubus, der im Stadtbild dennoch ein leises, elegantes Zeichen setzt.

La Panacée – Kunst statt Medizin

La Panacée. Foto: Hilke Maunder
La Panacée-. Foto: Hilke Maunder

In der ehemaligen medizinischen Fakultät Montpelliers, wo einst angehende Mediziner wie François Rabelais Anatomie paukten, hat die Moderne Einzug gehalten. 2001 eröffnete hier La Panacée als ambitioniertes Zentrum für zeitgenössische Kunst – heute eine der drei Säulen des MO.CO.

Das Café der Panacée. Foto. Hilke Maunder
Das Café von La Panacée. Foto. Hilke Maunder

Der ortsansässige Architekt Jean-Luc Lauriol verwandelte das historische Gemäuer in einen flexiblen Kunstraum von 1.200 Quadratmetern modularer Ausstellungsfläche, ergänzt durch ein Auditorium sowie neun Ateliers von 21 bis 64 Quadratmetern sowie 59 Unterkünfte für Studierende der Schönen Künste. Drei Wohnungen sind artists in residence vorbehalten, auswärtigen Künstlern, die in Montpellier für ein paar Wochen oder Monate arbeiten wollen.. Ein öffentlicher Park schließt den Komplex nach außen ab. Seit 2009 wurden mehr als 1,9 Millionen Euro in die angegliederte Cité des Artistes investiert.

La Panacée. Foto: Hilke Maunder
Aktuelle Kunst in La Panacée. Foto: Hilke Maunder

Der Belaroïa-Komplex

Belaroïa heißt „Juwel“ auf Okzitanisch. Und ein solches erhebt er sich seit 2020 unmittelbar gegenüber des Bahnhofs von Saint-Roch. Entworf hat diesen Komplex die Architektin Emmanuelle Gautrant. Und damit die einzige Französin, die einzige Französin, die bislang mit einem europäischen Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Ihr Gebäude mehreren Bereichen: Wohnungen, Businesscenter,  Büro, dem Golden Tulip-Hotel, dem bistronomischen Restaurant Chez Delagare und einer Cocktailbar, deren Terrasse unvergleichliche Blicke auf Montpellier eröffnet.

Pierre Vives: organische Architektur

Fernab von der Altstadt und dem High-Tech-Neubaugebiet von Port Marianne hat Zaha Hadid im Nordwesten von Montpellier einen 200 Meter langer Baukörper aus weißem Beton und grün getöntem Glas liegt wie ein gestrandetes Schiff in der Landschaf gesetzt, fließend, kurvend, schwebend. Ihre Ikone der modernen Architektur von Montpellier setzt seit 2012 in Stein einen Gegenpol zu den Schlagzeilen, die sond La Paillade (Mosson) bestimmen.

La Paillade ist kein einfaches Pflaster. Mit rund 25.000 Einwohnern – darunter ein hoher Anteil nordafrikanischer Zuwanderer in Sozialwohnungen – kämpft das 2,7 Quadratkilometer gorße Viertel seit Jahrzehnten mit Arbeitslosigkeit, die je nach Altersgruppe zwischen 18 und 45 Prozent liegt, mit organisiertem Drogenhandel, Bandenkonflikten und einer Kriminalitätsrate, die weit über dem Stadtdurchschnitt liegt – wie auch die Bevölkerungsdichte. 4.274 Menschen pro Quadratkilometer drängen sich in diesem 1960er/70er, das als Zone Urbaine Sensible  ( ZUS ) für seine sozialen Herausforderungen bekannt ​ist.

Und genau hier platziere die Stararchitektin ihre Pierres Vives, ihre lebenden Steine. André Vezinhet, damaliger Präsident des Conseil Général des Département Hérault und ehemaliger Stadtplaner, wollte mit Pierres Vives keine Geste an die Stadtmitte richten, sondern an jene, die von ihr abgeschnitten sind. Er zitierte den Humanisten François Rabelais, nach dem der Bau auch benannt ist: „Ich baue nur lebende Steine – Menschen.“ Und er formulierte sein Ziel ohne Umschweife: La Paillade mit dem Rest der Stadt zu verbinden, indem er einen Bindestrich setzt. Zaha Hadid ergänzte den Bindestrich um ein Ausrufezeichen.

Der Pierres-Vives-Komplex fasst auf fünf Ebenen und 28.500 Quadratmetern drei Institutionen unter einem Dach: das Archiv des Departements im massiven Stamm des Gebäudes, die Staatsbibliothek im zunehmend poröseren Mittelteil und die Sportbehörde Hérault Sport in den lichtdurchfluteten, sich verzweigenden „Ästen“ am Ende.

Die Fassade besteht aus über tausend individuell geformten Betonfertigteilen, zwischen denen Reynaers Aluminium eine maßgefertigte Glaslösung entwickelte – ein dreidimensionales Puzzle aus Beton und Glas, das je nach Lichteinfall zwischen Raumschiff, Schaltkreis und liegendem Baum changiert.

Als die Pierres Vives im September 2012 eröffnet wurde, kamen Tausende Anwohner aus La Paillade. Zaha Hadid verbrachte Stunden mit ihnen, beantwortete Fragen – manchmal auf Arabisch – und stellte das Gebäude vor, indem sie sich selbst vorstellte. Für die 2016 verstorbene britisch-irakische Architekturprofessorin war das keine Ausnahme, sondern Haltung: Ihre öffentlichen Bauten, sagte sie, hätten stets eine demokratische Agenda verfolgt, den öffentlichen Raum zu erweitern und Menschen einzuladen, die sonst ausgegrenzt werden.

Les Folies: die moderne Architektur von Montpellier einst und jetzt

Château Flaugergues von der Gartenseite. Foto: Hilke Maunder
Buchsbaumhecken prägen den formellen Garten des Château de Flaugergues. Foto: Hilke Maunder

In Montpellier hat das Wort folie hat in Montpellier eine ganz eigene Geschichte. Im 18. Jahrhundert ließen Honoratioren der Stadt vor den Toren Montpelliers kleine Schlösser als Zweitwohnsitze errichten – die historischen folies. Die meisten dieser eleganten Landsitze sind bis heute in Privatbesitz.

Zu den schönsten Anwesen gehört das Château de Flaugergues mit seinem formellen, von Buchsbaumhecken geprägten Garten, das ich hier vorgestellt habe. Nur wenige folies wie das Château d’O, das dem Département Hérault gehört, sind öffentlich zugänglich.

Château Flaugergues. Foto: Hilke Maunder
Ein Salon des Château de Flaugergues. Foto: Hilke Maunder

Das neue Folie-Programm

Im 21. Jahrhundert wollte Montpellier diese Bautradition neu beleben und fortschreiben. Nach dem Wettbewerb Les Folies Architecturales du XXIe siècle, den die Stadt Anfang der 2010er-Jahre ausgelobt hatte, sollte jedes Jahrzehnt zehn architektonisch gewagte Bauwerke entstehen lassen – moderne Gegenstücke zu den extravaganten Landsitzen des 18. Jahrhunderts.

Doch nach einem verheißungsvollen Auftakt geriet das Programm ab 2014 ins Stocken. Grundstücksfragen, politische Wechsel und wirtschaftliche Unsicherheiten ließen viele Projekte in der Schublade verschwinden.

Der neu gewählte Bürgermeister Philippe Saurel hatte die Idee der Folies zwischenzeitlich aufgegeben, nachdem seine für Stadtplanung zuständige Stellvertreterin sie als „Ghettos der Reichen“ bezeichnet hatte.

Erst 2017 kam wieder Bewegung in die Vision. Damals wurde mit der Folie Divine der iranisch-britischen Architektin Farshid Moussavi das erste Gebäude des neuen Zyklus beauftragt, fertiggestellt 2023. Zwei Jahre später, 2019, folgte der Arbre Blanc von Sou Fujimoto. Und genau dort, auf dem weißen Wohnturm am Ufer des Lez, stellte Michaël Delafosse, inzwischen Bürgermeister und Präsident der Metropole Montpellier, im Juli 2022 die nächste Welle vor: Dreizehn Folies sind nun geplant. 18 Teams aus Bauträgern und Architekten stehen in der engeren Auswahl.

Im März 2023 präsentierte Delafosse auf der Immobilienmesse Mipim in Cannes die ersten vier Gewinner eines Wiederbelebungswettbewerbs. Den Anfang macht La Sentinelle der Pariser Architektin Odile Decq. Das Projekt, das unweit des Corum entsteht, ist das kleinste, vielleicht aber auch das originellste der neuen Bauten. Mit seiner skulpturalen Formensprache und der Mischung aus Geschäften und Büros wird es als „Wächterin“ über die Altstadt wachen – ein poetischer Gegenentwurf zu den gläsernen Riesen am Lez.

Alma Terra. Copyright: Ville de Montpellier
Alma Terra. Copyright: Ville de Montpellier

Im Stadtteil Port Marianne sollen zwei Projekte umgesetzt werden. Die in Paris lebende Architektin Manuelle Gautrand hat mit Alma Terra ein Ensemble aus fünf Gebäuden entworfen, von denen ein Drittel als Sozialwohnungen konzipiert ist; gefertigt werden sie aus Erdbeton, dem nachhaltigen Trendmaterial des zeitgenössischen Bauens. Ebenfalls in Port Marianne entstehen Les Galets, entworfen von der niederländischen Architektin Ellen Van Loon. Für den Stadtteil Ovalie schließlich entwarf ein Architektenduo aus Lille – Thomas Coldéfy und Isabelle Van Haute – L’Oasis: zwei Wohn- und Bürogebäude mit Bambuskronen, die einem Stapel Strohhüte ähneln und dem trockenen Süden Frankreichs mit spielerischer Leichtigkeit begegnen.

F Montpellier Oasis credits ville de Montpellier
Die Oasis. Copyright: Ville de Montpellier

Die Straßenbahn als Catwalk

Die moderne Architektur von Montpellier endet nicht bei seinen Gebäuden. Als längster Catwalk der Stadt präsentiert sich das Straßenbahnnetz mit seinen fantasievoll und farbenfreudig gestalteten Linien. Auf Linie eins, dem Element Luft gewidmet und von Garouste gestaltet, flattern weiße Schwalben am blauen Himmel. Linie zwei, Erde, präsentiert sich mit Bonnettis blühenden Blumen bodenständig-fröhlich.

Montpellier: Tram-Linie 2. Foto: Hilke Maunder
Bunt wie einst die Pril-Blumen: die Tram-Linie 2. Foto: Hilke Maunder

Linie drei und vier huldigten dem Wasser und dem Feuer – beide tragen die Handschrift von Christian Lacroix, der die Unterwasserwelt ebenso brillant in Szene setzt wie den Sonnenkönig. Die Tram-Linie fünf gestaltete Barthélémy Toguo als farbenfrohe Hommage an die Bäume und Pflanzen der Metropole; Linie sechs wurde von lokalen Künstlern geprägt.

Wer all diese Ikonen moderner Architektur in Montpellier erkunden möchte, kann das seit Dezember 2023 kostenfrei tun: Der gesamte öffentliche Nahverkehr ist für alle Einwohner der Metropole gratis – finanziert über eine Mobilitätssteuer für Unternehmen.

Montpellier: Port Marianne. Foto: Hilke Maunder
Die Tram im Port Marianne. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Blog

Montpellier, mon amour: Was ihr in der Hauptstadt des Hérault alles erleben könnt.

Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.

Im Buch

Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Nestmeyer Languedoc RoussillonZwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

 * Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !