Mein Frankreich: Dietmar Lang
„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Viele haben schon bei dieser Reihe mitgewirkt. Diesmal stellt Dietmar Lang, studierter Wirtschaftsingenieur aus dem Schwarzwald, seine Liebe zu Frankreich vor.
Sie begann 1972 mit einer Reise in die Provence, die sein Leben nachhaltig prägen sollte. Heute lebt er gemeinsam mit seiner Frau Heidi ein aktives Leben zwischen zwei Welten: Die Hochsommermonate sowie den Winter verbringen sie im Schwarzwald, während sie die restliche Zeit des Jahres in ihrem Haus Mon Plaisir bei Le Luc-en-Provence genießen.
Kindheitserinnerungen an der Grenze
Meine früheste Verbindung zu Frankreich ist ein fester Bestandteil meiner Kindheit in einer badischen Garnisonsstadt am Rande des Schwarzwalds. In den Nachkriegsjahren waren dort französische Truppen stationiert.
Zwei Bilder sind in meiner Erinnerung besonders lebendig: Auf meinem täglichen Schulweg kam ich an einer Kaserne vorbei. Am Haupttor stand immer ein Soldat vor einem winzigen Wachhäuschen, dessen Wände in den Nationalfarben Blau-Weiß-Rot leuchteten. Für uns Kinder war dieser stoische Posten eine Herausforderung. In sicherem Abstand sangen wir unser Spottlied: „Die Franzose mit de rote Hose…“. Wenn der Soldat uns dann ein paar Schritte hinterherjagte, versetzte uns das in helle Aufregung und beflügelte unseren jugendlichen Übermut für den nächsten Tag.
Weniger heiter waren die Familienausflüge nach Straßburg. Die Fahrt über die Grenze löste in mir Unbehagen aus. Die französischen Zöllner mit ihren strengen Uniformen flößten mir Respekt ein, der fast an Furcht grenzte. Die Ausweiskontrollen ließen das Nachbarland in meiner kindlichen Vorstellung zu etwas Fremdem und Unheimlichem werden.

1972: Liebe und Aufbruch in die Provence
Das Jahr 1972 markierte den Wendepunkt. In der 13. Klasse kam Claudia neu in meine Klasse. Wir verliebten uns, und mit ihr trat auch Frankreich ganz neu in mein Leben. Claudia brachte eine tiefe, familiäre Vertrautheit mit: Ihre Großmutter war Französin, ihre Eltern zweisprachig. Durch sie bekam das „Fremde“ plötzlich ein Gesicht und eine Sprache.
Noch vor den Abiturprüfungen im Juni 1972 bot sich die Gelegenheit für unsere erste gemeinsame Reise nach Le Luc-en-Provence. Claudias Eltern hatten dort im Vorjahr ein Haus erworben: Mon Plaisir. Dieser Aufbruch fühlte sich an wie der Schritt über eine imaginäre Linie. Hinter Lyon änderte sich die Vegetation schlagartig, die Platanen trugen sattes Grün, und der Duft von Thymian und Rosmarin lag in der Luft. Das Haus in einem alten Olivenhain sollte für die nächsten Jahrzehnte meine zweite Heimat werden.

Aufbaujahre und das „Nizza-Pendeln“
Während wir in Deutschland unsere Karrieren aufbauten, blieb die Provence unser emotionaler Kompass. Schon damals war klar: Als Rentner wollten wir unseren Ruhestand hier verbringen. Ein Meilenstein war die Geburt unserer Zwillinge 1984. Von da an wurde Mon Plaisir zum Abenteuerspielplatz. Mindestens zweimal im Jahr, während der Schulferien, packten wir das Auto und machten uns auf den Weg nach Süden.
Da ich beruflich gebunden war, meine Familie aber die volle Pracht des Sommers genießen sollte, wurde ich zum regelmäßigen Gast an den Flughäfen von Nizza und Strasbourg. Nach einer gemeinsamen ersten Woche flog ich alleine zurück, um drei Wochen zu arbeiten. Die Rückkehr für die letzten zwei Ferienwochen war jedes Mal wie ein zweiter Aufbruch ins Paradies.

Zäsur und Neuanfang
Das Jahr 2009 markierte die dunkelste Zäsur: Claudia starb. Plötzlich war der Mensch fort, mit dem ich dieses Leben in der Provence seit der Schulzeit geplant hatte. In der ersten Zeit schien die Last der Erinnerungen in Mon Plaisir zu schwer zu sein. Ich war an einem Punkt, an dem ich das Haus verkaufen wollte. Doch die Wurzeln der alten Olivenbäume hielten mich fest – sie waren längst meine eigenen geworden.
2011 trat Heidi in mein Leben. Ein entscheidender Moment war ihr erster Besuch in Le Luc. Heidi verliebte sich sofort in die Provence und in Mon Plaisir. Dass sie meine Liebe zu diesem Ort von der ersten Sekunde an teilte, war ein großes Geschenk. Wir heirateten, und gemeinsam begannen wir einen jahrelangen Umbau, um das einstige Ferienhaus konsequent in ein komfortables Wohnhaus zu verwandeln.

Ein europäisches Mosaik: der Stammtisch in Le Luc
Ein ganz wesentlicher Teil unserer sozialen Heimat in Frankreich ist ein Stammtisch in Le Luc, dem Heidi und ich nun schon seit 15 Jahren angehören. Einmal in der Woche treffen wir uns für ein paar Stunden mit Gleichgesinnten – überwiegend Paare in unserem Alter, die sich wie wir in dieser wunderschönen Gegend zur Ruhe gesetzt haben.
Das Besondere an dieser Runde ist ihre Internationalität: Hier sitzen Deutsche, Holländer, Schweden, Österreicher, Norweger, Engländer und natürlich auch Franzosen an einem Tisch. Dieses europäische Mosaik bereichert unser Leben ungemein. Es ist ein lebendiger Beweis dafür, wie die Provence Menschen aus ganz Europa verbindet und zu einer neuen, gemeinsamen Heimat werden kann.

Heute: das Leben zwischen zwei Welten
Was 1972 als Vision eines jungen Paares begann, ist heute Realität. Wir genießen das Privileg, die Vorzüge zweier Regionen zu verbinden. Die heißen Hochsommermonate Juli und August, wenn die Provence oft übervölkert ist, verbringen wir ebenso wie die Zeit von November bis Februar in unserer Heimat im Schwarzwald. Die restliche Zeit des Jahres ist Le Luc unser Lebensmittelpunkt und „offenes Haus“ für Familie und Freunde.
Wir genießen es, von unserem „Heimathafen“ aus Schritt für Schritt alle sechs Departements der Provence zu erkunden – mal auf Tagesausflügen, mal auf Kurztouren. Wenn uns die Heimat im Schwarzwald ruft, nutzen wir die TGV-Verbindung: Das Auto bleibt in Aix-en-Provence TGV stehen, und in unter sechs Stunden erreichen wir Straßburg.
Wenn ich heute durch den Olivenhain gehe, sehe ich die Jahrzehnte an Erinnerungen – die schweren wie die glücklichen. Dass ich diesen Ort nun mit Heidi genießen kann, fühlt sich wie die Erfüllung eines lebenslangen Versprechens an.

Der Beitrag von Dietmar Lang ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran:
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