Duralex-Gläser der Modellreihe Picardie, die es in verschiedenen Größen gibt. Foto: Hilke Maunder
|

Duralex-Glas: das Ritual – und die Rettung

Es braucht nur ein einziges Wort, um in Frankreich Erinnerungen wachzurufen: Duralex. Ein Trinkglas, unscheinbar und allgegenwärtig – und doch ein Schlüssel zu Schulpausen, Kantinenlärm und einem Spiel, das jeder kennt.

Die Tür zur Schulkantine fliegt auf. Hundert Kinder zwischen sechs und elf Jahren strömen herein, noch bevor das Essen auf den Tischen steht. Sie stürmen zu ihren Plätzen, und schon beginnt das Ritual. Ein Mädchen greift nach ihrem Wasserglas, hält es gegen das Licht und ruft triumphierend: „J’ai 42 ans !“ Ein Junge kontert sofort: „Moi, j’ai 48 !“ Gelächter. Die anderen greifen hastig nach ihren Gläsern, drehen sie, spähen auf den Boden. „35 !“ „17 !“ „21 !“ Die Zahlen fliegen durch den Raum wie Konfetti.

Als Vertretung für eine erkrankte Lehrerin steht man etwas verloren zwischen den Tischreihen. Was geht hier vor? In deutschen Schulkantinen gab es solche Rituale nicht. Bis ein Junge mir sein Glas unter die Nase hält: „Regardez, Madame !“ Dort, im dickwandigen Boden eingeprägt, steht tatsächlich eine Zahl. „42″ steht da, umgeben von den Wörtern Duralex und France.

Das Spiel ist simpel. Wer die höchste Zahl im Glasboden entdeckt, hat gewonnen – und muss traditionell für alle den Wasserkrug holen. Ein demokratisches Prinzip: Macht verpflichtet. Die Zahlen stammen aus der Produktion. Zwischen 1 und 48 wird in den Boden jedes Glases geprägt – eine Kennzeichnung der Form, in der das Glas geblasen wurde. Generationen französischer Schulkinder spielen dieses Spiel seit Jahrzehnten. Ein ungeschriebenes Gesetz, weitergegeben wie ein Geheimrezept.

Duralex wurde 1945 gegründet, das legendäre Gigogne-Glas kam 1946 auf den Markt. Der Name leitet sich von der lateinischen Redewendung „Dura lex sed lex“ ab – das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz. Passend. Denn diese Gläser halten einiges aus. Bei 700 Grad Celsius wird die Glasmasse in Formen gepresst und sofort gekühlt. Das macht sie bis zu 2,5-mal bruchfester als normale Gläser. Sie fallen vom Tisch, knallen auf Steinböden – und bleiben ganz. Deshalb stehen sie in Kantinen, Krankenhäusern und Großküchen und sind unersetzlich in Bistros, Bars, und Cafés. Überall dort, wo es robust zugehen darf.

Das Gigogne-Glas schaffte es ins Pariser Kunstgewerbemuseum und wird im Museum of Modern Art in New York verkauft. Ein Designklassiker aus dickwandigem Glas. Zwei feine Linien im oberen Drittel, ein kleiner Bauch in der Mitte. Nichts Überflüssiges. Pure Funktion. Pure Schönheit.

In der Kantine ist das Spiel längst entschieden. Der achtjährige Lucas hat mit seiner 48 gewonnen. Stolz trägt er den schweren Wasserkrug durch die Reihen. Die anderen schauen neidisch. Nächstes Mal vielleicht. Beim Abräumen fällt ein Glas zu Boden. Es klirrt laut – und rollt unter den Tisch. „Heureusement un Duralex „, murmelt eine Kollegin anerkennend. „Incassable.“

Unzerbrechlich. Wie die Erinnerung an die eigene Schulzeit, die in jedem dieser Gläser mitschwingt.

Hintergrund: die Rettung von Duralex

Duralex war über Jahrzehnte ein fester Bestandteil des französischen Alltags. Kaum ein Kind, das nicht in der Schulkantine aus den markanten, schlichten Gläsern getrunken hätte, kaum ein Haushalt, in dem nicht mindestens eines dieser robusten Stücke aus gehärtetem Glas im Schrank stand. Als der Traditionshersteller vor wenigen Jahren ins Straucheln geriet, schien es, als stünde die nächste Ikone Frankreichs nach jahrelanger wirtschaftlicher Krise und hohen Energiepreisen vor dem Aus und würde aus La Chapelle-Saint-Mesmin verschwinden.

Doch es kam anders. Im Gegensatz zu mehreren Übernahmeangeboten, die mit drastischen Personaleinsparungen verbunden gewesen wären, entschied sich im Juli 2024 das Handelsgericht Orléans für den Plan der Mitarbeiter. Sie hatten angeboten, Duralex in Form einer Produktionsgenossenschaft ( SCOP  / Société Coopérative et Participative ) anzunehmen. Rund 140 der 226 Beschäftigten wurden zu Gesellschaftern, investierten eigenes Kapital und erhielten öffentliche sowie bankseitige finanzielle Unterstützung. Die SCOP-Gründung sicherte 228 Arbeitsplätze. Geschäftsführer ist François Marciano.

Um Maschinen zu modernisieren, die Energieeffizienz zu verbessern und neue Produktreihen zu entwickeln, wagte Duralex einen ungewöhnlichen Schritt: Das Unternehmen öffnete sich für die breite Öffentlichkeit – und startete am 2. November 2025 eine landesweite Crowdfunding-Initiative.

Bereits am ersten Tag zeigte sich, wie tief das Unternehmen im kollektiven Gedächtnis Frankreichs verankert ist. Innerhalb weniger Stunden war das Finanzierungsziel von fünf Millionen Euro erreicht.h. Als Mindest-Investment hatte Duralex 100 Euro festgelegt. Doch dies wurde von tausenden Unterstützern oft weit überschritten mit bis zu fünfstelligen Beträgen. Die angebotenen Bedingungen – ein fester Zinssatz von acht Prozent pro Jahr über sieben Jahre und eine steuerliche Entlastung – machten das Projekt attraktiv. Entscheidend war aber der emotionale Faktor: Für viele bedeutete die Beteiligung ein Bekenntnis zu einem Stück französischer Kulturgeschichte, das man nicht kampflos aufgeben wollte.

Parallel dazu gelang es der Genossenschaft, staatliche Unterstützung zu mobilisieren: Ein Kredit der öffentlichen Förderbank half, die schwierigste Phase nach der Umstrukturierung zu überbrücken und die Produktion zu stabilisieren. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass sich das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 35 Millionen Euro langfristig selbst tragen kann. Bis dieses Ziel erreicht ist, wird weiter investiert, modernisiert und an effizienteren Abläufen gearbeitet. Duralex rechnet für 2025 mit einem Umsatz von 31 Millionen Euro. Ziel ist es, bis 2027 den Break-even zu erreichen.

Für viele Franzosen ist das Crowdfunding für Duralex weit mehr als eine finanzielle Beteiligung. Es ist ein Bekenntnis zu einem Stück Alltagskultur, die in Schulkantinen, Cafés und Familienküchen allgegenwärtig ist. Die große Resonanz zeigt, wie stark die Marke Duralex im kollektiven Gedächtnis verankert ist – und wie sehr der Wunsch besteht, diese Glasfabrik in eine nachhaltige Zukunft zu führen.

Weiterlesen

Im Blog

Duralex hat seinen Firmensitz in La Chapelle-Saint-Mesmin im Département Loiret. Mehr von dort findet ihr hier. Beobachtet habe ich dieses Spiel in meiner zweiten Heimat im Süden Frankreichs. Mehr Momentaufnahmen von dort findet ihr in meiner Rubrik Briefe aus Saint-Paul.