Frankreichs Energie-Sparplan für den Winter
Sobriété énergétique: So nennt Frankreich sein Engagement beim Energiesparen. Dieses Thema ist jedes Jahr vor dem Winter groß im Gespräch. Auch heute, Ende 2025, bleibt Energiesparen in Frankreich angesichts des andauernden Ukraine-Krieges und der damit verbundenen geopolitischen Unsicherheiten ein zentrales Thema.
Der Kontext hat sich seit 2022 zwar stabilisiert, doch die Lehren aus der Energiekrise prägen weiterhin die französische Energiepolitik. Die Stromversorgung ist heute gesichert, aber das Bewusstsein für sparsamen Umgang mit Energie ist geblieben.
Am 6. Oktober 2022 stellte die Regierung ihre Pläne zur Energieeinsicherung und -einsparung vor. Das Ziel ihres plan de sobriété énergétique: eine zehnprozentige Senkung des Energieverbrauchs in Kontinentalfrankreich.
Die Bilanz kann sich sehen lassen: Zwischen August 2023 und August 2024 sank der kombinierte Verbrauch von Strom und Gas um 12,3 Prozent – das ursprüngliche Ziel von zehn Prozent wurde damit übertroffen. Dieser Erfolg zeigt, dass kollektive Anstrengungen wirken.
Um dies zu erreichen, setzt die Regierung eher auf die Verantwortung eines jeden Einzelnen als auf Zwang. Als Vorbilder sollen staatlichen Stellen dienen. So haben auch Ministerinnen und Minister den Kleidungsstil geändert: Strickjacke statt Sakko, Rollkragen statt Schlips.
Chaque geste compte • Jede Geste zählt
Am 10. Oktober 2022 startete Frankreich die erste große Info-Kampagne zum Energiesparen. Im Rundfunk, online und in der Außenwerbung war tagtäglich zu lesen und zu höre: chaque geste compte – jede Geste zählt. Inzwischen wird diese Infokampagne jeden Winter unter dem bewährten Motto fortgeführt. Jeder Einzelne kann, so die französische Regierung, mit sogenannten écogestes helfen, den Energieverbrauch zu senken und Stromausfälle vermeiden.
Energie-Sparen im Alltag
Obergrenzen beim Heizen
Die Temperatur sollte im Wohn-, Kinder- und Arbeitszimmer auf 19 °C begrenzt sein und im Schlafzimmer höchstens 17 °C betragen. Der Beginn der Heizperiode sollte, wenn es die Temperaturen gestattet, so weit wie möglich nach hinten geschoben werden. In der öffentlichen Verwaltung soll 15 Tage später als bisher die Heizperiode beginnen.
Schon gewusst? Knapp 8 Millionen Franzosen können ihre Wohnung nicht ausreichend heizen.
Warmwasser
Beim Warmwasser empfiehlt die Regierung den Kauf von programmierbaren Thermostaten. Zudem solle die Heiztemperatur von Warmwasserbereitern auf 55 °C begrenzt werden. Seit 2025 sind programmierbare Thermostate in allen Wohnungen Pflicht. Diese Geräte ermöglichen eine Reduktion des Energieverbrauchs um durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr.
Achtung
Wer jedoch sein Warmwasser unter 60 °C regelt, sorgt für beste Bedingungen für Legionellen. Die Bakterien rufen Atemwegsprobleme hervor. Die besten Bedingungen für eine Vermehrung finden Bakterien bei Temperaturen zwischen 25 und 45 °Celsius. Ab 55 °C breiten sich Legionellen nicht mehr aus. Erst ab 60 °C sterben sie ab.
Daher empfiehlt der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) in seinem Arbeitsblatt W 551 den Einbau einer sogenannten Legionellenschaltung an. Mit dieser Schaltung wird der Inhalt des Wasserspeichers in regelmäßigen Abständen (meist kurzzeitig auf mehr als 70 °C) aufgeheizt.
Stand-by? Mais non !
Einmal den Aus-Knopf drücken: Schon diese kleine Geste spart Energie. Und kann in der Krise das berühmte Tröpfchen auf den heißen Stein sein, das für den Blackout sorgt.
Nur indirekt wird von der Politik auch ein anderes Freizeitverhalten gefordert. Statt stundenlang Fernsehen zu gucken, gäbe es genügend Alternativen, die nicht nur gesünder, sondern auch energiesparender seien.
Zeitverschiebung
Frankreichs Stromversorger EDF bittet, Waschmaschinen, Geschirrspüler oder andere Energiefresser außerhalb der Spitzenzeiten zu nutzen. Am günstigsten ist Wäschewaschen in Frankreich in der Regel zwischen 22 und 6 Uhr oder – nur in manchen Regionen – zwischen 23.30 und 7.30 Uhr.
Wie EDF berichtet, liegt die Spitze des Stromverbrauchs von privaten Haushalten am Abend, und besonders zwischen 18 und 22 Uhr. Weniger hoch ist die zweite Spitze zwischen 8 und 13 Uhr. In diesen Zeiträumen, so EDF, sollte möglichst keine Wäsche gewaschen werden. Steht die Energie-Wetterkarte auf Orange oder Rot, solle auf längeres Kochen verzichtet werden.
Energie sparen im Verkehr
Bonus für Fahrgemeinschaften
Ein Drittel des Endenergieverbrauchs in Frankreich machen Verkehr und Mobilität aus. Gefördert werden daher die covoiturage, das gemeinsame Fahren. Als finanziellen Anreiz wurde zum 1. Januar 2023 ein bonus de covoiturage eingeführt. Die Förderung gilt sowohl für Langstreckenfahrten als auch für Fahrten im Alltag.
Auf den französischen Autobahnen markiert einen aufrecht stehende Raute die reservierten Fahrspuren für covoiturage-Fahrten. Die Fahrspuren dürfen nur genutzt werden, wenn mindestens zwei Menschen in einem Fahrzeug unterwegs sind. Dies gilt auch für Motorräder.

Die Regierung fordert die Franzosen außerdem dazu auf, wenn möglich den Zug und andere öffentliche Verkehrsmittel statt des eigenen Fahrzeugs zu nutzen. Auch beruflich bedingte Flüge sollen reduziert werden. Wer weniger als vier Stunden zum Ziel benötigt, soll auf den Zug umsteigen, so die französische Regierung.
Tempolimit für Frankreichs Beamte
Vom Bürgerkonvent für Klimaschutz griff die Regierung diese Idee auf. Für Beamte mit Dienstwagen gilt bei allen beruflichen wie privaten Fahrten nun ein Tempolimit von 110 km/h statt 130 km/h auf Autobahnen. Ziel der Maßnahme ist es, 20 Prozent des Kraftstoffverbrauchs einzusparen. Die Maßnahme gilt nicht für dringende Fahrten und Einsätze von Polizei oder Militär. Darüber hinaus bietet die Regierung ihren Beamten freiwillige Eco-Driving-Kurse an. Sie sollen helfen, bei allen Fahrten sparsamer zu fahren.
Sparsamere Bauten
Millionen für die energetische Sanierung
Seit einigen Jahren fördert Frankreich massiv die energetische Sanierung von Gebäuden. Der staatliche Zuschuss MaPrimeRénov’ wurde in den vergangenen Jahren mehrfach reformiert und fördert nun hauptsächlich energetische Sanierungen bei einkommensschwachen Haushalten. Diese gain rapide-Mittel werden beispielsweise bereitgestellt für:
- sparsamere Heizkessel,
- eine bessere Isolierung,
- neue LED-Lampen,
- intelligente Thermostate.
Das gain rapide-Programm strebt eine Einsparung von 250 GWh pro Jahr an.
Parallel dazu greifen seit 2025 schrittweise strengere Vermietungsregeln für energetische „Energie-Fresser“: Wohnungen der Klasse G dürfen seit 2025 nicht mehr neu vermietet werden, weitere Klassen folgen in den nächsten Jahren; bei Verstößen drohen empfindliche Bußgelder und mietrechtliche Konsequenzen.
Nur Kaltwasser in den Verwaltungen
Der Warmwasserspeicher ist eines der energieintensivsten Geräte in Frankreichs Gebäuden. Er mache zehn Prozent des Energieverbrauchs öffentlicher Gebäude aus, so das Ministère de la Transformation et de la Fonction publiques (Ministerium für die Transformation und den öffentlichen Dienst).
Die Regierung will daher die Warmwasserpflicht in Büros abschaffen. Wenn warmes Wasser jedoch als unerlässlich angesehen wird, z. B. für Duschen oder die Reinigung, soll diese Maßnahme nicht gelten.
Für die Umsetzung der Maßnahme wurden neue Jobs geschaffen und 100 Mitarbeiter als Ambassadeurs sobriété (Botschafter für sparsamen Energieverbrauch) in allen Ministerien, Präfekturen und bei zahlreichen staatlichen Einrichtungen etabliert. Sie koordinieren die Umsetzung der Sparpläne vor Ort. Ihr Vertrag wird als CDI (contrat de travail à durée indéterminée ) geschlossen und ist damit nicht befristet.
Kühlere Büros & Bäder
Büros dürfen auf nicht mehr als die vorgeschriebenen 19 °C beheizt werden. Dies schreibt das Energiegesetz seit 2016 vor. In öffentlichen Verwaltungen ist diese Auflage verpflichtend. Bei Unternehmen und Kommunen werden die Temperatursenkungen ebenfalls stark propagiert. In städtischen Schwimmbädern sollen die Temperaturen um ein Grad, in Turnhallen um zwei Grad gesenkt werden. Bei Energieengpässen muss die Höchsttemperatur in öffentlichen Gebäuden auf 18 °C gesenkt werden.
Dunklere Nächte
Massiv Energie gespart werden soll auch bei der Beleuchtung. Die Beleuchtung mit Straßenlaternen und Schildern mache rund 30 Prozent der kommunalen Energierechnungen aus, so die Regierung.
Energie sparen lässt sich mit diesen Möglichkeiten:
- Ausschalten der Lichter mitten in der Nacht
- Reduzierung der Lichtintensität
- Installation von automatisierten LED-Beleuchtungen
- Ausschalten von Leuchtreklamen und -werbung von 1 – 6 Uhr
Extinction nocturne
In der Provence hat die Organisation Les Amis de la Terre Bouches-du-Rhône Provence die App Extinction Nocturne ins Leben gerufen. Sie ermöglicht, alle „unnötigen oder übermäßigen Lichtquellen im öffentlichen Raum“ zu erfassen.
Mit der App können Einrichtungen erfasst werden, die sich nicht an die geltenden Gesetze zur nächtlichen Beleuchtung halten. Im Rahmen des Plans zur Energieeinsparung müssen alle Lichtwerbungen nachts zwischen 1 Uhr und 6 Uhr morgens ausgeschaltet werden. Ausnahmen gelten für Leuchtreklamen in Flughäfen, Bahnhöfen, Metro- und Busstationen während der Betriebszeiten.
Paris leuchtet weniger
In der Hauptstadt Paris werden bereits seit Mitte September 2022 einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten kürzer angestrahlt im Dunkeln. Die Beleuchtung der Pyramide des Louvre wird seitdem um 23 Uhr statt um 1 Uhr nachts ausgeschaltet. Das Licht auf der Fassade des Schlosses von Versailles erlischt nun um 22 Uhr statt um 23 Uhr.
Das Pariser Rathaus, dieTour Saint-Jacques, die städtischen Museen und die Rathäuser der Arrondissements werden seit dem 23. September 2022 ebenfalls nach 22 Uhr nicht mehr beleuchtet. Der Eiffelturm schaltet sein Licht aus, wenn der letzte Besucher den Turm verlassen hat, sprich, gegen 23.45 Uhr.
15 Maßnahmen für Unternehmen
Auch Wirtschaft und Handel sollen sparen. Wie gespart werden soll, zeigt eine Charta, die die Regierung als 15 -Punkte-Katalog für Unternehmen verfasst hat. Hier könnt ihr sie online nachlesen, hier im Blog downloaden.
Die Charta enthält unter anderem folgende Verpflichtungen:
- Raumtemperatur auf 19 °C
- Reduzierung der nächtlichen (Innen-) Beleuchtung
- Isolierung von Gebäuden
- Nutzung von WLAN anstelle von Mobilfunktarifen
- keine offenen Türen bei beheizten oder klimatisierten Räumen (Beispiel: Kaufhaus, Supermarkt). Geldbuße: 750 EUR
- Bei Geschäftsreisen: Bündelung von Reisen. Flugreisen nur, wenn die gleiche Strecke mit dem Zug nicht in weniger als vier Stunden zurückgelegt werden kann.
- Verbot der Lichtwerbung zwischen 1 Uhr und 6 Uhr. Ausnahme: Flughäfen, Bahnhöfe oder U-Bahn-Stationen. Geldbuße: bis zu 1 500 EUR
- Vorlage eines Energiesparplans gegenüber dem Sozial- und Wirtschaftsausschuss und den Gewerkschaftsvertretern
- Ernennung eines Botschafters für Energieeffizienz
Mehr Heimatarbeit (télétravail )
Auch mit home office kann Energie gespart werden. Dazu müsse die Heimarbeit jedoch anders aufgestellt werden, so Frankreichs Regierung. Sie schlägt beispielsweise drei- oder viertägige Brückentage vor, bei dem ein Gebäude komplett geschlossen werden kann und somit viel weniger verbraucht wird.
Um das Arbeiten im eigenen Heim attraktiver zu machen, wurde die Telearbeitsvergütung für Beschäftigte um 15 Prozent angehoben. Sie stieg von 2,50 auf 2,88 Euro pro Tag.
Die Strom-Wetterkarte
Wie ist die aktuelle Energie-Lage im Land? Wo gibt es Energie-Engpässe, wo droht ein Blackout? Auf der Strom-Wetterkarte von écoWatt gibt es tagesaktuell die Antwort. Dank der Sparmaßnahmen konnten im Winter 2022/2023 bis zu 20 „rote“ und „orange“ Écowatt-Warnungen vermieden werden. Das System hat sich bewährt und wird weiterhin genutzt, um die Bevölkerung über die Stromnetz-Lage zu informieren.

Geplanter „Brownout“
Der Notfallplan für die Energieversorgung im Winter sieht auch geplante lokale Stromausfälle vor. Der Strom soll – im Krisenfall – nicht im gesamten Département abgestellt, sondern lediglich in kleineren, zuvor festgelegten Gebieten abgestellt werden. Die Stromabschaltungen sind für die Spitzenverbrauchszeiten zwischen 8 und 13 Uhr und von 18 bis 20 Uhr vorgesehen. Die Warn-App von ÉcoWatt soll die Bevölkerung bis spätestens 17 Uhr am Vortag darüber informieren.
Erfreulich: Diese Notfallmaßnahme musste bisher nicht umgesetzt werden. Die französische Stromversorgung erwies sich dank kollektiver Anstrengungen als stabil.
Deutsch-französische Energie-Plattform
Weltweit einmalig ist die länderübergreifende Energieplattform, die Frankreich und Deutschland gemeinsam geschaffen haben: dee Deutsch-Französische Energieplattform. Sier wird betrieben von der Deutsche Energie-Agentur (dena) als ationale Energie-Agentur Deutschlands mit Sitz in Berlin und der französischen Energieagentur Agence de l’Environnement et de la Maîtrise de l’Energie (ADEME) als nationale Energie-Agentur Frankreichs mit Zentrale in Paris.
Einmalig ist auch das Deutsch-Französische Büro für die Energiewende, das Deutschland und Frankreich bereits 2006 gründeten. Sein Direktor Sven Rösner erhielt für sein starkes Engagement 2022 einen Verdienstorden ( ordre de merit) . Das Büro veranstaltet zur Energiewende zahlreiche Veranstaltungen sowie Webinare.
Weiterlesen
Im Web
Energiesparplan der französischen Regierung: www.ecologie.gouv.fr/sites/default/files/dp-plan-sobriete.pdf
Zehn Energiespartipps ( écogestes ) für private Haushalte: www.ecologie.gouv.fr/sites/default/files/Fiche-Plan-sobrie%CC%81te%CC%81-VDEF.pdf
Energiespar-Charta für Unternehmen: www.ecologie.gouv.fr/sites/default/files/2022.10.06_Charte_plan_sobriete.pdf
Im Blog
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