Espace Killy: Buckel oder Piste?

Espace Killy Tignes-Val Claret: Hier starten die Bergbahnen zum Gletscherskigebiet La Grande Motte. Foto: Hilke Maunder
Tignes-Val Claret: Hier starten die Bergbahnen zum Gletscherskigebiet La Grande Motte. Foto: Hilke Maunder

Über drei Berge und zwei Täler erstreckt sich zwischen Tignes und Val d’Isère in den Savoyer Alpen ein Skigebiet, das zu den größten und abwechslungsreichsten der Welt gehört: die Espace Killy mit 300 Kilometern Pisten für Sportliche, umgeben von Gletschern, unzähligen Dreitausendern und der weißen Kuppe des Mont Blanc.

Blick vom Skigebiet Solaise auf den Ort Val d’Isère im Tal. Foto: Hilke Maunder

Die Heimat von Jean-Claude Killy

Für ihn ist es bis heute das schönste Skigebiet der Welt: Jean-Claude Killy, dreifacher Olympiasieger von Grenoble 1968 und Namensgeber für das Großskigebiet zwischen dem Gletscher der Grande Motte im Westen und dem Col d’Isèran im Osten. 90 Lifte und zwei Standseilbahnen befördern hier von Ende November bis Anfang Mai stündlich 135.000 Skifahrer bergwärts.

Auf 131 Pisten mit insgesamt 300 Kilometer Länge schwingen sie sich wieder hinab: breiten Pistenautobahnen, sanft gewellten Skiwiesen, schnellen Schussstrecken und steilen Buckelpisten.

Val d’Isère: Skigebiet Solaise. Foto: Hilke Maunder

Jenseits der präparierten Abfahrten lockt nahezu unendliches „hors-piste“-Terrain mit Couloirs, Rinnen und Hängen für Tiefschneecracks und Freerider wie dem zweifachen World-Champion Guerlain Chicherit, der die Ski mittlerweile gegen Rennwagen eingetauscht hat und „Ice-Driving“ auf seinem Circuit in Tignes anbietet.

Die weltbeste Ski-Elite trainiert und triumphiert am Bergriesen Rocher de Bellevarde, der das noble Savoyer Skidorf Val d’Isére überragt. 1992 verlieh ihm Bernhard Russi seine „Face Olympique“, eine spektakuläre Abfahrtsstrecke, die auf 2,4 Kilometern 890 Höhenmeter überwindet.

Val d’Isère: Skigebiet Solaise. Foto: Hilke Maunder

Die OK-Piste: Adrenalin für Skistars

Auf der benachbarten Piste Oreiller Killy beginnt alljährlich Mitte Dezember mit dem Critérium de la Première Neige seit mehr als 50 Jahren die europäischen Weltcup-Saison. Eine entschärfte Version der „OK“-Piste führt hinab zur den Apartmenthäusern der La Daille, die gleich Felswänden das enge Tal der jungen, wilden Isère abriegeln.

Mehr Romantik bietet das Ortszentrum von Val d’Isère, das für die Olympischen Winterspiele saniert und restauriert wurde. Vier hohe Steinsäulen stützen das Eingangsportal zum Val Village mit Geschäften und Apartments. Savoyarder Chalets aus dunklem Holz und Stein gruppieren sich um die Dorfkirche aus dem 11. Jahrhundert.

Barkeeper Fred Deleque (32) von der.Berg-Bar „Folie Douce“. Foto: Hilke Maunder

Genussreiche Berge

In der Epicerie mischt sich der Duft würziger Landwürste mit den Aromen kräftiger Landkäse wie Tome de Savoie, Beaufort und Reblochon; wenige Häuser weiter lädt der Meilleur Ouvrier de France für Patisserie, Patrick Chevallot, zu einer Pause mit Kuchenkreationen für Gourmets. Hochgenüsse servieren auch das Bergrestaurant La Fruitière an der Mittelstation der Daille-Gondel und das Chalet Edelweiss an der Abfahrt nach Fornet.

Anfänger“hügel“: Tête du Solaise

Zweiter Hausberg von Val d’Isère ist die Tête du Solaise, deren Abfahrten und Buckelpisten in der Sonne glänzen. Da die Bergspitze eher flach ist, ziehen Bänder die Skifahrer zu den nächsten Liften, die die Verbindung zum Signal de l’Isèran (3.241 Meter) und dem Gletscherskigebiet Glacier du Pissaillas unterhalb der Pointe du Montet (3.488 Meter) schaffen. In den Höhenlagen sind die Pisten von Val d’Isère so weit und offen, dass sich auch Anfänger wohl fühlen; zum Tal hinab werden die Abfahrten zunehmend steiler, enger und schwieriger.

Das Skigebiet zu Füßen des Gletschers Grande Motte mit der Leisse-Piste (schwarz). Foto: Hilke Maunder

Tignes: Ski mal fünf

Eine Etage höher entwarft Raymond Pantz ab 1956 in einem weiten Hochtal Frankreichs höchstgelegenen Wintersportort auf dem Reißbrett: Tignes – fünf funktionale Skistationen rund um einen kleinen See, die dem Klischee einer Bettenburg im Hochgebirge sehr nahe kommen. An das alte Dorf Tignes, das 1952 beim Bau des Isère-Stausees Lac du Chevril in den Fluten versank, erinnert einzig eine kleine Ausstellung im Maison de Tignes.

Seit einigen Jahren jedoch gesellen sich gemütliche Hotels im Chaletstil zur den Wohntürmen, verdrängen Holz und Naturstein verputzten Beton. Statt Gemütlichkeit lockt in Tignes Ski pur: Die Lifte und Skipisten beginnen vor der Haustür; Ski in, Ski out heißt die Devise der Gäste, die statt Après-Ski und Nachtleben nur eines suchen: Sport von früh bis spät in größtmöglicher Vielfalt.

F/Savoie/Tignes-Val Claret: Skigebiet zu Füßen des Gletschers Grande Motte. Vanoise-Sessellift.

Gletscherski das ganze Jahr

In sechs Minuten rast unterirdisch die gelb-graue Raupe des Funiculaire de Grande Motte am Seil zum Ganzjahresgletscherskigebiet unterhalb der Eispyramide der Grande Motte (3.656 Meter).

An der Bergstation weist ein verwittertes Pappschild den Weg zu einer versteckten Attraktion, die sich von außen als schwarzes Loch im glitzernden Weiß entpuppt: die Grotte de la Glace, eine 186 Meter lange Galerie der Menschheitsgeschichte im Herzen des Gletschers. Acht Künstlern schlugen sie sechs Wochen lang im Sommer 2005 mühevoll per Hand in das blau schimmernde Eis.

F/Savoie/Tignes-Val Claret: Grotte de le Glace im Gletscher Grande Motte: Eisskulpturengalerie auf 200 Meter Länge, die die Entwicklung der Menschheit zeigt. Hier das Mammut.

Wenige Meter oberhalb überziehen 20 Kilometer Piste den Gletscher; meist breit und weit, nur selten steil und schwarz wie die Leisse, über deren mannshohe Buckel am Rande nur wenige Mutige hin und her springen.

Zurück zu den Talstationen von Tignes-Val Claret leitet die einfache Piste Génépy, mit 5,5 Kilometer längste Abfahrt der Espace Killy. Von Val Claret aus verbinden die beiden kuppelbaren Sechsersessel Le Bollin und Fresse über den Tovière (2.704 Meter) und den Col de Fresse (2.576 Meter) Tignes mit den Hängen von Val d’Isère.

Das Skigebiet zu Füßen des Gletschers Grande Motte mit der Leisse-Piste (schwarz). Foto: Hilke Maunder

Die Sonnenseite von Val Claret

Auf der Sonnenseite des Talkessels von Val Claret schwingen sich seit der Saison 2004/5 zwei kuppelbare Sechser-Sessellifte hinauf zu den roten und blauen Pisten des Col du Palet (2.652 Meter). Im Nordosten endet die Espace Killy am Massiv von Brévières mit dem markanten Felsentor der Aiguille Percée (2.748 Meter), an dessen Nordflanke die anspruchsvolle Sache-Piste durch das unberührte Vallon de la Sache hinab zum tiefstgelegenen Ortsteil Tignes-Les Brevières auf 1.550 Meter Höhe führt.

Das Skigebiet zu Füßen des Gletschers Grande Motte mit der Leisse-Piste (schwarz). Foto: Hilke Maunder

Neben der Palafour-Sesselbahn können sich Boarder im größten Snowpark Europas austoben, zu dem neben zwei 120 Meter und 70 Meter langen Half Pipes, Quarters, Rails, Boardercross und Air Tables eine „Beachzone“ mit Liegestühlen und heißen Beats sowie fachkundige Mitarbeiter gehören, die kleinere Probleme mit dem Material gleich vor Ort beheben.

Eistauchen – ein ganz besonderes Taucherlebnis!

Abtauchen im Eis

Am kleinen See von Tignes-Le-Lac schlägt jeden Winter die „Abenteuerschule“ Évolution 2 – école d’aventure ihr Lager auf. Ihr Programm: Paragliding, Eistauchen, Klettern am 200 Meter hohen La Daille-Eisfall, Snowscooter-Touren durch stobenden Schnee oder Ski-Jöring – im Galopp ziehen stämmige Kaltblüter die Skifahrer über den verschneiten See.

Wenige Meter weiter entstand am Seeufer von Tignes-Le-Lac das Freizeitbad Le Lagon mit Wasserrutschen, Wildwasserkanal, Spaßtherme und Wellness-Bereich als Ergänzung zur „Espace Forme“ von Tignes-Le-Lac, die unter ihrem Dach neben einer Saunalandschaft mit Jacuzzi, Dampfbad und Kraftraum ferner vier Squash-Plätze, zwei Indoor-Tennisplätze, einen Golf-Simulator, einen Gymnastiksaal, eine Kletterwand und ein Medienzentrum vereint.

Tignes-Le Lac: Schlittenhunde (Huskies) warten auf die nächste Tour. Foto: Hilke Maunder

Ski & Spa auch im Hotel

Auch die Hotels haben in den letzten Jahren verstärkt ihre Wellness-Angebote ausgebaut. Im Altitude Spa des Hotels Campanules lockt ein beheizter Außenpool mit Ausblicken auf den nächtlichen Himmel, dessen Sterne zum Greifen nah scheinen. Ohne Stern, aber Institution ist die rustikale Taverne d’Alsace des Hôtel Kandahar in Val d’Isère, die Hubert Deiss vor mehr als 15 Jahren gründete.

„Wir Elsässer haben Val d’Isère zu dem gemacht, was es heute ist“, erzählt der Patron mit einem Schmunzeln. 1932 eröffnete der elsässische Skilehrer Charles Diebold 1932 hier die erste Skischule, während sein Landsmann Jacques Mouflier 1936 den ersten Lift in Betrieb nahm und in den Ausbau der Skistation investierte. Und ohne die Vorfahren von Jean-Claude Killy, die ebenfalls aus dem Elsass kamen, gäbe es auch nicht die Espace Killy…“.

Reise-Infos

Das Skigebiet

Die Espace Killy erstreckt sich zwischen den sehr unterschiedlichen Skiorten Tignes und Val d’Isère zwischen 1.550 und 3.456 Meter Höhe.

So kommt ihr dorthin

Rund zwei Autostunde vom Skigebiet entfernt liegen die Flughäfen Chambéry (135 Kilometer) und Annecy (128 Kilometer). Zum internationalen Flughafen Lyon-St-Excupéry (230 Kilometer) sind es rund dreieinhalb Stunden. In der 30 Kilometer entfernten Bahnstation – Bourg St-Maurice – hält der TGV.

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