Exil-Literatur in Frankreich: Romane gegen das Vergessen
Sie flohen vor dem Terror der Nazis, den Bomben des Krieges und den Spitzeln an die Seine, nach Marseille und in die Dörfer des Südens: Intellektuelle, Künstlerinnen und Schreibende, die im Frankreich der 1930er- und 1940er-Jahre um ihr nacktes Überleben kämpften. Ihre Geschichten sind keine verstaubte Historie, sondern packende Literatur. Wie sie ihr Exil, die Grausamkeit der Shoah und die Zeit der deutschen Besetzung von Frankreich erleben, erzählen packende Romane und Zeitzeugnisse.
Wer heute über die Boulevards von Paris bummelt, über den Mittwochsmarkt von Sanary-sur-Mer schlendert oder am Vieux-Port von Marseille den Blick über das Mittelmeer schweifen lässt, spürt selten auf den ersten Blick die Schatten der Geschichte. Und doch bargen genau diese Sehnsuchtsorte einst die letzte Zuflucht für Tausende, die dem NS-Terror in Deutschland und ganz Europa entkamen. Es waren Orte zwischen bangem Hoffen auf Visa, literarischem Schaffen unter Schikanen, dem Versteck in der Provinz und der ständigen Angst vor dem Verrat durch einen corbeau, dem Auffinden durch die SS oder ein Leben im Lager.
Unzählige Romane, Biografien und Zeitdokumente halten diese dramatische Epoche auf meisterhafte Weise lebendig. Sie verbinden Autobiografie, Familiensaga und zeithistorischen Nervenkitzel zu einer Lektüre, die weit über das Klassische hinausgeht – vielschichtig, ergreifend und von erschreckender Aktualität.
Exil und Emanzipation
Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris*
Sie war eine promovierte Kunsthistorikerin, die Muse der Künstler wurde: Luise „Lou“ Straus-Ernst (1893–1944). Die Tochter eines jüdischen Kölner Hutfabrikanten wuchs in Köln am Rhein auf, lernte beim Studium in Bonn den Katholiken Max Ernst kennen und lieben – und heiratete ihn gegen den Willen der Eltern. 1920 gebar ihren Sohn Hans-Ulrich, der in den USA später als Jimmy Ernst Karriere als Künstler machte. In der Wohnung der Familie Ernst traf sich die damalige Avantgarde.
Menage à trois
Nach ihrer Scheidung vom Maler und Bildhauer Max Ernst 1926 entdeckte Luise ihre Leidenschaft für das Schreiben von Feuilletons, Reportagen und Erzählungen. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, flüchtete Luise nach Paris, wo ihr Mann sich bereits den Surrealisten angeschlossen hatte und mit Paul Éluard und seiner russischen Ehefrau Gala in einer ménage à trois lebte.
In Paris schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch und schreibt gelegentlich für die Neue Zürcher Zeitung und die Saarbrücker Deutsche Freiheit. 1934 erhält sie von der deutschsprachigen Emigrantenzeitung „Pariser Tageblatt“ den Auftrag zu einem Fortsetzungsroman mit dem Titel „Zauberkreis Paris“.
Stark autobiografisch geprägt, erzählt der Roman das Schicksal eines Paares, das die Herrschaft der Nazis auseinanderreißt. Peter, der als erster nach Paris flüchtet, reagiert auf das Exil mit Müßiggang und amour fou. Er verliebt sich in Paris in die Russin Borja und kann vorerst noch von seinen Ersparnissen leben. Ulla flüchtet erst einige Monate später. In Paris muss sie feststellen, dass ihre Liebe zerbrochen ist.
Die harte Schule des Exils
Anstatt zu resignieren, stellt sich Ulla den Widrigkeiten der Fremde: Das Exil wird für sie zu einer harten Schule, ihr Kampf um Existenzsicherung, um Anerkennung zu einem Prozess der Emanzipation und des wachsenden Selbstvertrauens. Peter hingegen gleitet immer mehr ab, gerät in kriminelle Machenschaften und begeht Selbstmord. Ulla hingegen gelingt es, sich im Exil neu zu erfinden. Damit endet der Roman. Das hervorragende Nachwort von Armin Strohmeyr ordnet den Roman, dessen Duktus anfangs ungewohnt ist, ein, erläutert Fiktion und Wirklichkeit – und schreibt die Geschichte von Luise Straus-Ernst fort.
Der Nähe zur Résistance bezichtigt, wurde sie im Camp de Gurs am Fuß der Pyrenäen interniert, dort aber dank des Engagements ihres damaligen Lebensgefährten Fritz Neugass wieder entlassen. Nach Monaten in Cannes fand sie bei Jean Giono im Hinterland der Côte d’Azur Zuflucht, wo sie ihre Autobiografie „Nomadengut“ schrieb. 1944 nahm die Gestapo die schwer erkrankte 50-Jährige fest. Die Deportation erfolgte mit dem Transport 76 am 30. Juni 1944 von Drancy und mit einem der letzten Züge nach Auschwitz. Ihr Todestag ist nicht genau begann. Sicher ist einzig, dass im Juli 1944 in der Gaskammer ermordet wurde. Wer mag, kann ihre Erzählung aus dem Pariser Exil hier* online bestellen.
Anne Berest, Die Postkarte*
Eine Postkarte mit Namen: Sie war der Auslöser – und bescherte der Literaturwelt einen der spannendsten und vielschichtigsten Romane zum Holocaust. In diesem Roman sorgte eine rätselhafte Postkarte dafür, dass sich die Autorin, unterstützt von der Mutter und einem Privatdetektiv, auf die Suche nach ihren Vorfahren macht, die 1942 in Auschwitz starben.
Sie waren aus Russland aufgebrochen und 1929 über Lettland nach Paris gekommen, dann nach Palästina gegangen und schließlich nach Paris, wo sie bald als ausländische Juden registriert wurden.
Der mehr als 500 Seiten starke Roman verbindet meisterhaft damals und heute, ist Krimi, Familiensaga, Thriller und Dokumentation zugleich und leistet eine Erinnerungsarbeit, die unter die Haut geht, mitfiebern lässt und auch vor den Toren der Gaskammern nicht Halt macht. Die von der Shoah geprägte Geschichte einer Familie ist zugleich ein Bild einer Epoche. Wie wenig sich in mancher Hinsicht seit 1933 geändert hat, spiegelt die Autorin in Momentaufnahmen vom Pariser Schulhof, vermittelt über die Figur der Tochter.
Anne Berest ist mit La carte postale* knapp am Prix Goncourt vorbeigeschrammt, wurde aber mit dem Prix Renaudot des lycéens 2021 ausgezeichnet Wie schön, dass diese tiefgründige Lektüre auch in der deutschen Übersetzung von Michaela Meßner und Amelie Thoma vorliegt! Wer mag, kann den Roman hier* bestellen oder in jeder gut sortierten Buchhandlung erhalten.
Jean Malaquais: Planet ohne Visum* ( Planète sans visa * )
75 Jahre hat es gedauert, bevor dieser zeitgeschichtliche Roman von Jean Malaquais in deutscher Übersetzung erschienen ist. Er spielt in Marseille im Jahr 1942. Einige Monate vor dem Einmarsch der Deutschen in die freie Zone ahnt die Stadt die Bedrohung.
Ihr großer Mittelmeerhafen wird zur Falle für alle diejenigen, die aus ganz Europa vor dem Terror der Nazis, der Tyrannei, Unterdrückung und Krieg fliehen. Ihre Hoffnung: ein Ticket nach Amerika, die Flucht in die Neue Welt. Doch nicht nur sie bevölkern den Vieux-Port. Auch Spitzel und Denunzianten sind dort aktiv.
30 Schicksale verwebt Malaquais, der als polnischer Jude ebenfalls aus seiner Heimat fliehen musste, in diesem Roman. Schonungslos prangert er die Schädlichkeit jedweder Ideologien an. Nachdrücklich zeigt er, welchen Wert Wahrheit und Authentizität für ein Leben in Frieden und Freiheit haben.
Milieustudie und Agententhriller
Meisterhaft verpackt Malaquais diese Botschaft in seine Milieustudie, die zugleich ein spannender Agententhriller ist. Nadine Püschel hat den Roman ins Deutsche übertragen. Für ihre Übersetzung recherchierte Nadine Püschel am Collège International des Traducteurs Littéraires in Arles und folgte den Spuren des Romans vor Ort.
Neustart Kultur förderte die Übersetzung. Auf YouTube verrät Nadine Püschel mehr über ihre Arbeit, den Autor und die Recherchen vor Ort. Hier* könnt ihr den Roman online bestellen.
Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich*

Als einer der ersten deutschen Dichter flüchtet Lion Feuchtwanger ins französische Exil. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 war er damals in den Vereinigten Staaten auf einer Vortragsreise unterwegs. Dort erfuhr er, dass die Nazis sein Haus in Berlin durchsucht, seine Bibliothek beschlagnahmt und seine Bücher verboten hatten. Feuchtwanger kehrte nicht nach Deutschland zurück, sondern floh nach Frankreich.
1884 als Sohn eines jüdischen Tuchfabrikanten in München geboren, gehörte der Dichter zu den schärfsten Kritikern von Adolf Hitler. In Reden und Büchern wie Die Geschwister Oppermann griff er ihn öffentlich an und demaskierte das Handeln. Das machte ihn zu einem der meistgehassten Intellektuellen der Nazis. Im August 1933 aberkannten sie seine deutsche Staatsbürgerschaft. Feuchtwanger wählte als Exil den Küstenort Sanary-sur-Mer, der rasch zum zentralen Fluchtort verfolgter deutschsprachiger Künstler aufstieg.
Kurz nach Kriegsbeginn wurde Lion Feuchtwanger im September 1939 das erste Mal interniert. Zehn Tage verbrachte etwa zehn Tage in Les Milles, bevor Proteste internationaler Schriftstellerkollegen seine Freilassung bewirken. Doch am 21. Mai 1940 um 5.02 Uhr früh wurde er erneut in Les Milles interniert – als Häftling 187. Ende Juni 1940 nach Saint-Nicolas bei Nîmes verlegt, gelang ihm später die Flucht. In seinem Bericht beschreibt er die Lagerzeit in der alten Ziegelei, wo Nobelpreisträger, Professoren, Ärzte und Künstler im Staub lagen und sinnlose Ziegelsteine stapeln mussten. Hier* könnt ihr ihn bestellen.
Anna Seghers: Transit*

Nach der Machtübernahme bestand auch für Anna Seghers Lebensgefahr – und das gleich doppelt. Im Jahr 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren, war nicht nur Jüdin, sondern seit 1928 auch Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und Gründungsmitglied des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller. Kurz nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wurde sie von der Gestapo festgenommen, verhört und ihre Bücher verboten. Nach ihrer Freilassung floh sie im Frühjahr 1933 mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern nach Paris.
Vor dem Einmarsch der Nazis und der Besetzung Nordfrankreichs war Paris das politische und kulturelle Zentrum der deutschen Emigration. Im Juni 1940 musste sie erneut fliehen und marschierte zu Fuß mit ihren beiden Kindern bis nach Marseille in die freie Zone. Als die im Oktober 1940 dort ankam, hatte sie nur ein einziges Ziel: die Ausreise für ihre Familie und die Befreiung ihres in einem französischen Lager internierten Mannes.
Von dieser existentiellen Grunderfahrung, vom chaotischen Marseille des Jahres 1940, seinen Hafencafés, den endlose Schlangen vor den Konsulaten und dem ständigen Warten auf Stempel, Visa und Schiffsbillette erzählt ihr Roman, der mich in den 1980er-Jahren so tief berührt hatte, dass Exil-Literatur zu einem Schwerpunkt meines Anglistik- und Germanistikstudiums wurde. Für mich ist ihr Werk der zeitlose Klassiker der Exilliteratur schlechthin. Hier* könnt ihr ihn bestellen.
Hannah Arendt / Heinrich Blücher: Briefe 1936-1968

Im Internierungslager Camp de Gurs am Fuße der Pyrenäen war nicht nur Luise Straus-Ernst inhaftiert, sondern ab Mai 1940 auch Hannah Arendt.
Männer und Frauen wurden von den französischen Behörden in den Lagern streng getrennt. Ihr Mann Heinrich Blücher war als politischer Emigrant daher in Lagern wie Villemalard und Saint-Denis-de-Pile bei Bordeaux inhaftiert. Die beiden verloren sich während der Wirren der Evakuierungen kurzzeitig aus den Augen. Erst auf der Flucht trafen sie sich in Montauban wieder.
Gemeinsam schlugen sie sich nach Marseille durch. Von dort floh das Paar 1941 mit Hilfe des Emergency Rescue Committees über Lissabon in die USA. Ihre Eindrücke aus den französischen Lagern verarbeitete Hannah Arendt 1943 in ihrem Wir Flüchtlinge*. Nicht minder eindringlich erzählen die Briefe des Paares von diesen bewegten Jahren.
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