David Campana, Glaszauberer aus Feliceto. Foto: Hilke Maunder
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Das erloschene Feuer von Feliceto

David Campana war Korsikas Dompteur des Feuers. In Feliceto, versteckt an der traditionsreichen Route des Artisans, betrieb er die älteste Glasbläserei der Insel. Vor den Augen seiner Besucher verwandelte der Kunsthandwerker flüssiges, über tausend Grad heißes Glas in filigrane Kunstwerke – ein faszinierendes Schauspiel, das die jahrhundertealte Seele der Balagne spürbar machte. Doch seit Kurzem sind die Öfen kalt. Ein Streifzug durch eine Branche im Niedergang. Denn längst hat die Krise der Glasbläser auch die Großen der Glasindustrie erfasst.

Feliceto, Catteri, Aregno und Sant’Antonino heißen die kleinen Dörfer, die sich im Nordwesten von Korsika um überraschend große Barockkirchen drängen, deren hohe Türme hell zwischen den Bergen aufragen. Bergnester auf Felsvorsprüngen, Adlerhorste mit hell verputzten Häusern und einer herrlich charmanten Beschaulichkeit.

Die Pfarrkirche von Feliceto. Foto: Hilke Maunder
Die Pfarrkirche von Feliceto. Foto: Hilke Maunder

Vor Steinhäusern mit gusseisernen Balustraden oder Arkaden spielen alte Männer auf sandigen Plätzen Boule. Auf der Rundfahrt durch die Balagne im Nordwesten Korsikas begegnen euch viele solche Bilderbuchdörfer.

Feliceto, Hinweisschild auf den Glasbläser David Campana. Foto: Hilke Maunder
Das Hinweisschild auf den einstige Glasbläserei von David Campana in Feliceto. Foto: Hilke Maunder

Die Straße der Kunsthandwerker

Die Dörfer verbindet seit 1993 eine Straße der Kunsthandwerker, die mit Mitteln der Europäischen Union initiiert wurde. Die rund 70 Kilometer lange Strada di l’Artigiani, auch bekannt als Route des Artisans, die in L’Île-Rousse beginnt und in Calvi endet, führt euch als Themenroute hin zu den Werkstätten der Kunsthandwerker der Balagne. Töpfer, Keramiker, Glasbläser, Schmuckdesigner, Weber und viele andere Handwerker haben ihre Ateliers geöffnet, um Einblicke in ihre Arbeit zu gewähren. Doch das Herzstück der Route, ein flammender Anziehungspunkt für Generationen von Korsika-Urlaubern, schlägt nicht mehr.

Wo der Glas-Zauberer wirkte

David Campana, Glaszauberer aus Feliceto. Foto: Hilke Maunder
Glaskünstler David Campana in seiner Werkstatt in Feliceto. Foto: Hilke Maunder

In Feliceto wies lange Zeit ein großer, aus Metallrohr geformter Mann mit Blasrohr am Straßenrand den Weg zur verrerie. Die älteste Glasbläserei Korsikas versteckte sich unterhalb der Kirche im dichten Grün. Anghjulu Filippu Campana, ein ehemaliger Töpfer, hatte sie 1973 gegründet. Er legte die Werkstatt so an, wie sie jahrzehntelang erhalten blieb, und blickte von der Wand drahtig und schlank seinen Sohn David an. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters hielt David die Glasbläserkunst auf Korsika lebendig – ein Schwergewicht des alten Handwerks. Bis das Feuer endgültig erlosch.

Träume aus Glas

David Campana gehörte zu den berühmtesten korsischen Glaskünstlern. Für die Herstellung seiner Werke, die eine tiefe Lust an Farben und ausgefallenen Formen bezeugten, benötigte er drei Öfen. Im vordersten Ofen hielt er für das Schaublasen, das er für Besucher veranstaltete, eine kleine Menge Glas heiß, blies nur ein wenig – und formte die restliche Zeit die heiße Glasmasse vor allem mit metallenen Werkzeugen an einer Arbeitsbank.

David Campana, Glaszauberer aus Feliceto. Foto: Hilke Maunder
Glasblasen erfordert Geduld. Immer wieder korrigierte David Campana aus Feliceto die Form. Foto: Hilke Maunder

Formen, wieder erwärmen, formen, drehen, drücken und wieder zurück in den Ofen, wieder erwärmen und weiter formen – so ging es fast eine halbe Stunde lang. Dann drehte der Glasmeister die glühend heiße Glasform am Rand plötzlich auf einem Tisch in fein gemahlenem Kobalt-Pulver, brachte das Werkstück wieder im Ofen zum Glühen und formte es erneut.

Mundgeblasen & frei geformt

David Campana, Glaszauberer aus Feliceto. Foto: Hilke Maunder
800 °C bis 1500 °C heiß sind die Öfen, um das Glas zu formen. Foto: Hilke Maunder

Auf der Spitze seines Blasrohrs zeigte er schließlich stolz sein Demo-Objekt: eine Schale mit blauem Rand. Mit schnellem Griff nahm er sie vom Rohr und warf sie unvermittelt in einen Eimer Wasser. Das Glas zersprang sofort in tausend Teile – ein inszenierter Schockmoment für die Zuschauer.

„Die Schale war ja überhaupt noch nicht fertig und wäre nicht zu gebrauchen gewesen“, erklärte David Campana dann stets das unerbittliche Gesetz seines Handwerks. „Alle Objekte, die bei 1500 Grad Celsius gefertigt werden, müssen danach im dritten Ofen noch mindestens für zehn Stunden gebrannt werden, langsam herunterkühlen und aushärten. Sonst zerspringen sie sofort.“

David Campana, Glaszauberer aus Feliceto. Foto: Hilke Maunder
Glaskunst von David Campana. Foto: Hilke Maunder

Ein Erbe wird stillgelegt

Heute zerspringt in Feliceto nichts mehr. Die Nachricht von der dauerhaften Schließung der Werkstatt wirft einen Schatten auf die Idylle der Kunsthandwerkerstraße. Sie zeigt, wie fragil das traditionelle Erbe der Insel im 21. Jahrhundert geworden ist, wenn der immense körperliche Einsatz und die rasant steigenden Energiekosten für die riesigen Schmelzöfen auf den harten touristischen Alltag treffen.

Wer die Route des Artisans heute bereist, sucht vergeblich nach dem flüssigen Gold von Feliceto. Was bleibt, ist die Erinnerung an den Mann, der das Feuer bändigte. Das erloschene Feuer in der Balagne ist kein isoliertes korsisches Phänomen, kein bloßes Schicksal eines alternden Familienbetriebs. Die Krise des Glaskünstlers David Campana spiegelt die schwierige Situation der Glasindustrie im gesamten Land.

Das Sterben der Schmelzöfen

Es ist das leise Echo eines industriellen Flächenbrands, der das traditionsreiche Glashandwerk in ganz Frankreich erfasst hat. Wenn David Campana in Feliceto davon sprach, dass seine Objekte bei 1500 Grad Celsius gefertigt werden müssen, benannte er unwissentlich die physikalische Achillesferse einer ganzen Branche: den extremen, unerbittlichen Energiehunger der Schmelzöfen. In einer Ära explodierender Strom- und Gaspreise sowie veränderter globaler Lieferketten geraten selbst die Giganten der französischen Glasproduktion ins Wanken.

Selbst Ikonen der französischen Alltagskultur sind nicht mehr sicher. Trotz anhaltender Beliebtheit beim Endverbraucher und Kultstatus in französischen Kantinen musste der traditionsreiche Glashersteller Duralex, bekannt für seine unkaputtbaren, gehärteten Gläser, im Juni 2026 erneut ein gerichtliches Sanierungsverfahren (redressement judiciaire) beantragen. Ein dramatisches Zeichen dafür, dass Markentreue allein die erdrückenden Fixkosten und strukturellen Krisen der Energiewende nicht mehr auffangen kann.

Noch drastischer zeigt sich das industrielle Sterben auf dem Festland am Schicksal der Verrerie du Languedoc in Vergèze. Die endgültige Schließung des Werks, das über Jahrzehnte hinweg die ikonischen, grünen Glasflaschen für die Mineralwassermarke Perrier produzierte, vernichtete 2025 auf einen Schlag 164 Arbeitsplätze . Wo einst hochentwickelte, automatisierte Produktionslinien im Akkord glühten, stehen die Räder nun still. Als hochspezialisierter Zulieferer ist die Verrerie du Languedoc an den harten Effizenzvorgaben multinationaler Konzerne zerbricht.

Ob industrielle Massenware oder mundgeblasene Unikate: Wenn die Hitze aus den Öfen weicht, verschwindet mehr als nur ein Betrieb. Es stirbt ein tief verwurzeltes, technologisches und kulturelles savoir-faire, das sich über Generationen hinweg verfeinert hat und im globalisierten Markt des 21. Jahrhunderts schlicht keinen Platz mehr findet.

Die Kunsthandwerker der Balagne: meine Infos

Route des Artisans

Bereits 1993 wurde mit Mitteln der EU die Strada Di l’Artigiani/Route des Artisans als Themenroute zu 27 Kunsthandwerkern und lokalen Produzenten der Balagne gegründet. Mit dabei sind Messerschmiede, Keramiker, Metall- und Holzkünstler, Textil- und Papierdesigner, Korbflechter und andere Kunsthandwerker der Region.
•  www.routedesartisans.fr

Hier könnt ihr schlafen*

 
Kreationen von David Campana, ausgestellt im Verkaufsraum seiner Werkstatt. Foto: Hilke Maunder
Humorvoll: die Kreationen von David Campana. Foto: Hilke Maunder

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Im Buch

Jenny Hoch: Gebrauchsanweisung für Korsika*

Cover: Jenny Hoch, Gebrauchsanweisung für Korsika. Foto: Hilke Maunder33 Sommer hatte Jenny Hoch auf der Insel verbracht. Doch erst seitdem sie quasi hier lebt, wird sie langsam von den Einheimischen ins Herz geschlossen und integriert, erzählt die Journalistin und Buchautorin, die heute mit ihrer Familie die Tradition ihrer Eltern fortsetzt. Seit sie vier Jahre alt war, sei sie jedes Jahr auf Korsika gewesen, als Kind, als Teenager, als Erwachsene. Immer am selben Ort, immer glücklich, gerade dort zu sein. „Ich weiß, wo am Strand der Rutschfelsen ist, wie die Wellen sich brechen”, erzählte sich bei einer Lesung im Feriendorf zum Störrischen Esel.

Ihre persönlichen Erfahrungen machen den Reiz dieses Bandes der insgesamt sehr zu empfehlenden Taschenbuchreihe im Piper-Verlag aus. Jenny Hoch hat sie hintergründig wie humorvoll zu Papier gebracht. Dazu noch ein paar Daten und Fakten: ein perfekter Einstieg, um sich mit der Insel zu beschäftigen. Besser kann keine Reiseplanung beginnen! Wer mag, kann das Werk hier* online bestellen.

Zum Träumen: Das Haus auf Korsika*

Mit wenig Geld und Aufwand hat Pierre Duculot 2011 einen meiner Lieblingsfilme gedreht, die Geschichte eines Ausbruchs, Sich-Findens, der Rückkehr zu den Wurzeln. Und eine Geschichte des Mutes. Ausgelöst durch die Erbschaft eines Hauses, das Christina erbt.

Die Hauptfigur, fast 30, lebt seit zehn Jahren mit ihrem Freund zusammen, jobbt in der Pizzeria ihres Schwiegervaters, überlebt im belgischen Charleroi. Ein eigenes Leben nach ihren Vorstellungen? Das ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann. Und mit der Erbschaft doch wagt. Sie macht auf den Weg in den Süden. Und verliebt sich – in die geerbte Bruchbude, die Insel, einen neuen Mann. Wer mag, kann den Film hier* online bestellen.

Hilke Maunder, Baedeker „Korsika“*

Baedeker Korsika

Mit blau lackierten Fingernägeln ordnet Madame auf dem Markt von Bastia in einem Bastkorb längliche Stangen. „Boutargues“, verrät das Schild. „Das ist echter korsischer Kaviar. Nur noch wenige Fischer entnehmen den Meeräschen den Rogen. Mein Mann ist einer davon.“ Die Rarität hat ihren Preis: 150 Euro das Kilo.

Der Nachbar-Händler sieht das erstaunte Gesicht und hält ein Holzbrett hin: “ Goûtez !“ Lasst euch mit meinem Baedeker Korsika* an Ortn wie diesen (ver)führen. Genussmomente und einzigartige Erlebnisse: Sie machen den Band besonders.  Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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