Beim Ferienlager in Frankreich sind sie fast überall Standard: robuste Stockbetten. Foto: Hilke Maunder
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Ferienlager in Frankreich: die Welt der Colos

Bienvenue in der Welt der colonies de vacances und damit jener Institution, die so französisch ist wie Baguette und Boule. Was die beiden Mädchen Lara und Liv einen Sommer lang in Sète beim Ferienlager in Frankreich erlebten, ist kein Einzelfall, sondern Teil einer nationalen DNA. Voilà eine kleine Reise auf den Spuren der französischen colos.

Der Abschied dauerte keine fünf Minuten. Zweistöckige helle Häuser im Pinienwald, davor eine Handvoll provisorisch aufgestellter Tische. Junge Frauen und Männer in T-Shirts mit der Aufschrift UCPA empfangen die ankommenden Familien. Stellwände mit bunt illustrierten Tagesprogrammen verraten, was Lara und Liv in den nächsten zwei Wochen erleben werden.

Doch die Mädchen sind längst ins Haus gestürmt, hin zu ihrem Zimmer. Begeistert nehmen sie die Stockbetten in Beschlag, hüpfen auf den Matratzen, legen sich hinein. „Ich schlafe oben!“. Die untere hebt die Beine und lässt diese hochhochfedern. Eine intensive Umarmung, dann der freundliche Hinweis der Betreuer, dass es nun gut sei. Tschüss, Eltern!

Ein schneller Abschied ist Strategie. Keine langen Umarmungen, kein Weinen – stattdessen Abwechslung und neue Erlebnisse. Selbst ein wenig verdattert stehen wir – zwei befreundete Mütter – schon wieder vor dem Tor. Bereit für Ferien ohne Kinder: wie ungewohnt!

Drinnen haben Lara und Liv längst die anderen Neuankömmlinge entdeckt und erkunden gemeinsam mit ihnen die weitläufige, drei Hektar große Anlage auf einem Kalksteinfelsen mit direktem Zugang zum Strand am Mittelmeer. Mit einer Trillerpfeife holt der Animateur – oder kurz l’Anim – zurück in die Gegenwart: Zeit fürs Mittagspicknick unter freiem Himmel. Bitte einmal die Tische decken!

Das älteste Ferienlager in Frankreich

Der Domaine du Lazaret in Sète gehört zu den ältesten Feriendörfern Frankreichs. Seine Geschichte beginnt 1865 an der Pointe du Lazaret. An dieser Klippe endet die corniche von Sète und geht über in den Nehrungsstreifen des Étang de Thau der sich zwölf Kilometer lang als feinstes Sandband bis nach Marseillan zieht. Und genau auf dieser Kalksteinanse gründeten Pastor Lucien Benoît und die reformierte Gemeinde von Sète ein Seebad, um Protestanten medizinisch, sozial und geistlich motivierte Meereskuren zu ermöglichen.

Im Jahr 1865 erlebte Frankreich im Zweiten Kaiserreich unter Napoleon III., einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung mit Industrialisierung, Eisenbahnbau und Kolonialexpansion. Baron Haussmann gestaltete mit breiten Boulevards Paris um, Napoleons Freihandelspolitik öffnete die Märkte. Doch hinter der glänzenden Fassade wuchsen die sozialen Spannungen. 1864 und 1865 erschütterten Streiks die Industriezentren, Armut und Hygieneprobleme beutelten die unteren Klassen in den Städten.

Ähnlich, wie es Gerhard Hauptmann in „Die Weber“ schilderte, war auch die Lage in den protestantisch geprägten Textilhochburgen am Tarn. Tuberkulose, Skrofulose und Rachitis infolge von schlechter Ernährung, beengten Wohnverhältnissen und übervölkerten Vierteln griffen unter den Armen um sich. Meeresbäder galten als Heilmittel, doch für Arbeiterfamilien blieben sie unerreichbar.

Pastor Benoît kannte die Not seiner Gemeinde. Ein früherer Kooperationsversuch mit einem protestantischen Bad, 1847 von Coraly Hinsch gegründet, war gescheitert. Also initiierte er ein eigenes Zentrum. Mit Spendentouren warb er um Unterstützung und sammelte Gelder, um südfranzösischen Protestanten in prekären Verhältnissen den Zugang zu solchen Kuren zu ermöglichen.

Per Bahn zur Badekur

​Der Zeitpunkt war günstig, die Eisenbahn ein preiswertes Verkehrsmittel. Am 9. Juni 1839 erhielt Sète, das sich damals noch Cette schrieb, Anschluss an die 35 Kilometer lange Strecke nach Montpellier, auf der seit April 1839 Waggons Salz, Wein und Muscheln vom Étang de Thau in die Hauptstadt des Départements Hérault brachten. 1861 wurde die heutige Gare de Sète der damaligen Compagnie des chemins de fer du Midi einweiht.

Mit Sète wählte Benoît genau jenen Ort, an dem Protestanten 1858 der Zugang zu einer katholischen Badeeinrichtung verwehrt worden war. An der Pointe du Lazaret hatte die Kriegsverwaltung 1855 ein Lazarett für Verwundete errichtet. Zehn Jahre später standen die Gebäude leer. Benoît erhielt sie von der Kriegsverwaltung zur freien Nutzung für die Kirche – eine Chance, die er ergriff.

Aus anfänglichst einfachsten Holzbaracken mit getrennten Badekabinen für Männer und Frauen entwickelte sich Le Lazaret ab 1889 zu einem ganzjährig betriebenen Ferienwerk, das als erste maison familiale de vacances Frankreichs gilt. Schrittweise entstanden längliche, schlichte gemauerte Pavillons um einen zentralen Kern: 1889 die drei ersten eingeschossigen Gebäude Cormoran, Pétrel, Gabian, 1895 ein vierter Pavillon, 1902 Les Mouettes sowie 1896 L’Albatros auf zwei Etagen.

Nach dem Ersten Weltkrieg ermöglichte das Vermächtnis ( legs ) von Mademoisselle Baissade, einer aus Sète stammenden Katholikin, die Ausweitung und Modernisierungen der Anlagen. Diese hinterließ per Testament mehrere Immobilien an Le Lazaret. Ihr Verkaufserlös finanzierte den Kauf von Villen, die zu den Pavillons Le Goéland (Möw) und Le Martinet (Mauersegler) umgebaut wurden. ??Les Alouettes (Schwalben) hinzu, 1929 der Tunnel zum Strand.

1936: Das Geburtsjahr des bezahlten Urlaubs

1936 führte Léon Blum mit der Volksfront-Regierung den bezahlten Urlaub ein. Zwei Wochen jährlich gab es nun für alle Franzosen ein – zwei Jahre vor Deutschland, das erst 1938 ihn mit dem Reichsarbeitsdienstgesetz einführte. Das Gesetz ließ die Nachfrage nach erschwinglichen Ferien explodieren. Le Lazaret, gegründet als philanthropisches Projekt für arme protestantische Textilarbeiter, wandelte sich zum Pionier des französischen Ferienwesens.

Die einstige Villa La Frégate erhielt zwischen 1934 und 1938 Familienzimmer und der Pavillon von Les Flamants (Flamingos) wurde eingeweiht. 1940 okkupierte die Wehrmacht das Feriendorf und nutzte es bis 1945 als Erholungsstätte für deutsche Soldaten und Lazarett für Verwundete.

Der Urlaubsboom der Trente Glorieuses (1945–1975) sorgte für ausgebuchte Betten mit bis zu 40.000 Übernachtungen jährlich. Von 1979 bis 1992 wurde aufgestockt und ausgebaut, unter anderem mit dem Neubau Les Goélands und Sanierungen der Infrastruktur. So konnte das Feriendorf bis heute seinen ursprünglichen Charakter bewahren: als Dorf im Waldpark mit 300 ?? 350 ?? Betten in 160 bis 180 ?? Zimmern, 12? 14 ?Tagungs- und Gruppenräumen, Restaurant, Freilufttheater, Spiel- und Sportflächen

Die protestantischen Wurzeln prägen das Lazaret bis heute. Bis heute herrscht dort ein Geist der Gemeinschaft und Bescheidenheit vor, der sich deutlich von kommerziellen Club-Anlagen wie Club Med unterscheidet.

Besonders reizvoll ist die geografische Lage. Auf der einen Seite führt ein Tunnel direkt zum Strand am Mittelmeer, auf der anderen Seite sind es nur wenige Schritte zum Étang de Thau, einem flachen Binnenmeer und idealem Revier zum Segeln lernen.

Das Village-Vacances Sète-Lazaret nutzen neben der UCPA auch weitere Organisation wie kirchliche Institutionen und Schulklassen.. Der Standort ist mit dem Label accueil vélo ausgezeichnet und damit nicht nur für Multisport-Urlaube und französische colos geeignet, sondern auch für Radurlaub.

Eine Nation im Ferienlager

Die französische colo ist weit mehr als Kinderbetreuung während der Sommerferien. Sie ist gesellschaftliches Projekt, Initiationsritus, Erinnerungsort. Die erste Ferienkolonie in Frankreich wurde 1883 von Edmond Cottinet organisiert, der als Gründer der französischen colos gilt. Offiziell datiert die erste colonie de vacances auf 1901, als Abbé Souhé in Saint-Étienne das ersgte Ferienlager in Frankreich gründete.

Über Jahrzehnte erlebten Generationen französischer Kinder ihre erste große Reise ohne Eltern in einer colo. Sie lernten Autonomie, Gemeinschaft undsoziale Durchmischung – die berühmte mixité sociale. Kinder aus Arbeiterfamilien teilten sich Zimmer mit Kindern aus bürgerlichen Verhältnissen, Stadtkinder entdeckten das Meer oder die Berge, schüchterne Einzelgänger fanden Freunde fürs Leben.

Fact-Sheet: Ferienlager in Frankreich (Colos)

  • Zielgruppe: Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren.
  • Dauer: Meist 7, 14 oder 21 Tage (klassisch im Juli/August).
  • Betreuung: Staatlich geprüfte Animateure (BAFA-Diplom). Betreuungsschlüssel oft 1 Betreuer auf 8 bis 10 Kinder.
  • Kosten: Ca. 500 € bis 900 € pro Woche (je nach Aktivität). Tipp: Der Pass Colo unterstützt Familien mit 11-jährigen Kindern finanziell.
  • Besonderheit: Fokus auf Mixité sociale (soziale Mischung) und Förderung der Eigenständigkeit (Autonomie).

Doch die Teilnehmerzahlen sanken über die Jahre. 2024 führte die französische Regierung deshalb den Pass Colo ein: eine staatliche Beihilfe zwischen 200 und 350 Euro für Kinder im Alter von elf Jahren, um ihnen die erste große Reise ohne Eltern zu ermöglichen. Das Ziel ist ehrgeizig: Jedes Kind soll mindestens einmal in seinem Leben ein Ferienlager in Frankreich erleben. Diese politische Entscheidung unterstreicht, wie wichtig diese Erfahrung für die Identitätsbildung in Frankreich ist.

Das Angebot an gemeinnützigen colonies de vacances ist breit gefächert. Neben den mairies, die als Kommune Centres aérés betreiben, in denen Kinder, die nicht verreisen können, ein buntes Ferienprogramm erleben, gibt es auch von kirchlichen Trägern, Vereinen und Verbänden sogenannte centres de loisirs, die während der Ferien eine Ganztagsbetreuung anbieten. Sportclubs organisieren stages. In Paris und anderen Städten bieten sogenannte centres d’animation und maisons de quartier Kurse und Ateliers, und auch Museen locken mit kindgerechten Ferienprogrammen. Frankreich legt großen Wert darauf, dass kein Kind seine Ferien nur zu Hause in den eigenen vier Wänden verbringt.

Das BAFA-Diplom: Erziehung mit Herz und Pfeife

Die orangefarbenen T-Shirts von UCPA tragen jedes Jahr rund 12.800 Saisonskräfte. 4.800 von ihnen sind staatlich geprüft – auch in Frankreich darf nicht einfach jeder eine Kindergruppe leiten. Das BAFA Brevet d’Aptitude aux Fonctions d’Animateur – ist das Standard-Diplom für Betreuer. Es gilt fast als Übergangsritus für französische Studenten, vergleichbar mit der deutschen Jugendleiterausweis, aber deutlich zeitaufwendiger und anspruchsvoller. Das BAFD Brevet d’Aptitude aux Fonctions de Directeur – qualifiziert zur Leitung eines Zentrums.

Jedes Ferienlager in Frankreich muss beim Ministerium für Jugend und Sport registriet sein. Unangekündigte Kontrollen überprüfen Hygiene, Sicherheit und Pädagogik. Die Regularien sind streng, die Standards hoch. Wer eine französische colo leitet, trägt Verantwortung – und wird dafür zur Rechenschaft gezogen.

UCPA: Sportgeist statt Luxus all-inclusive

Die gemeinnützige UCPA – Union nationale des Centres sportifs de Plein Air – ist Frankreichs Branchenriese für Sportferien und Freiluftaktivitäten für Jugendliche und junge Erwachsene. Sie entstand am 20. Oktober 1965 durch die Fusion der Union Nationale des Centres de Montagne (UNCM) und der Union Nautique Française (UNF).

Den Anstoß zur Gründung gab General de Gaulle, der als Präsident eine dynamische Jugendsportförderung anstrebte, um nach dem Krieg Werte wie Solidarität und Bildung zu vermitteln. Maurice Herzog, damaliger Staatssekretär für Jugend und Sport und bekannt als Erstbesteiger des Annapurna, sowie Raymond Malesset und Guido Magnone trieben die Gründung voran.

Rund 25.000 Menschen nutzen jährlich die sportlichen Angebote der 100 Freizeitsportanlagen und 70 Sportdörfer ( villages sportifs ) wie Sète-Lazaret. der Organisation unter Anleitung von 4.800 BAFA-zertifizierten Animateuren.

UCPA erweitert sich ständig. Neu hinzugekommen sind die UCPA Sport Stations in Städten wie Grand-Reims, Meudon, Bordeaux, Nantes. 2021 weihte UCPA in Lyon das UCPA Aqua Stadium Lyon (auch LOU Piscine genannt), im Stadium de Gerland in Lyon ein. Das Hostel UCPA im 19. Arrondissement von Paris markiert die Ausweitung des Angebots auf urbane Sportreisen.

Der esprit sportif ist es auch, der die UCPA von kommerziellen Konkurrenten wie dem Club Med unterscheidet. Es geht nicht um Leistungssport, sondern Gemeinsinn und Sport als Lebenshaltung. Ganz selbstverständlich wird der Nachwuchs in die Pflicht genommen – vom morgendlichen Brotholen übers Tischdecken bis zum Aufräumen. Dies gehört zum pädagogischen Konzepts der Autonomie.

Von Ponys bis Tauchgängen: Das Programm am Lazaret

Die UCPA bietet auf Le Lazaret Ferienlager für Kinder und Jugendliche von sechs bis 17 Jahren sportliche Ferienprogramme mit vielen Aktivitäten an Land und auf dem Wasser.

Für die Kleinsten von sechs bis elf Jahren gibt es die einwöchigen Ferienlager Équitation entre terre et mer mit Reitstunden auf Ponys, Segeltörn und Bootsausflug, Badespaß und ruhigem Abendprogramm…

Kinder im Alter von 11 bis 14 Jahren entdecken die Küste bei Multisports Sète : Segeln, Stand-up-Paddling, Beachvolley und Naturwanderungen am Strand. Je älter die Kinder werden, desto intensiver wird das Programm. Teenager von 15 bis 17 Jahren können auch die plongée als Aktivität wählen, Tauchen – oder beim Kitesurfen rasant über den Étang de Thau sausen.

Trousseau und Veillée: das Vokabular der Colos

Wer aus einer französischen colo zurückkehrt, spricht eine eigene Sprache. La Veillée ist das geradezu heilige Abendprogramm, jeder colo mit Lagerfeuer, Rollenspielen und bunte Abenden. Le Trousseau bezeichnet die detaillierte Inventarliste der Kleidung, die Eltern vorher abhaken müssen – und die am Ende der colo oft trotz der Namensschilder an jedem Stück oft nicht mehr vollständig ist. Le Chouchou oder La Chouchoute ist das Lieblingskind der Betreuer, gerne auch ironisch gemeint. Le mal du pays ist Heimweh, das viele einmal packt – wobei die Strategie des schnellen Abschieds genau das verhindern soll.

Die Animateure, kurz les anims, ersetzen in der colo die Eltern. Sie organisieren, motivieren, trösten, schlichten Streit, erfinden Spiele, sorgen für Sicherheit. Sie sind Autoritätspersonen und große Geschwister zugleich, oft nur wenige Jahre älter als ihre Schützlinge. Für viele französische Studenten ist die Arbeit als anim Ferienjob und Lebenserfahrung in einem.

Eine Handvoll Anbieter

Neben der UCPA existieren in Frankreich weitere große Anbieter von colonies de vacances und Ferienlagern aller Art. VVF – Villages Vacances France – ist ähnlich wie das Lazaret sehr familienorientiert. Les PEP – Pupilles de l’Enseignement Public – ist ein sehr alter Verband, eng mit dem staatlichen Schulsystem verknüpft, der vor allem classes de découverte, und damit Klassenfahrten, organisiert.

FTemps Jeunes und Croq‘ Vacances organisieren Ferienkolonien in Frankreich und im Ausland. American Village hat sich auf englischsprachige Ferienkolonien in Frankreich spezialisiert und bietet Camps für Kinder von acht bis 17 Jahren. Cap Juniors organisiert Sprachreisen, Sportcamps und thematische Aufenthalte. Djuringa Juniors bietet Ferienkolonien, Sprachreisen und Sportcamps an.

FAQ: Häufige Fragen zum Ferienlager in Frankreich

F: Können auch deutsche, österreische oder Schweizer Kinder an einer französischen Colo teilnehmen?
A: Ja! Es ist eine der besten Möglichkeiten, die Sprache spielerisch zu lernen. Grundkenntnisse in Französisch sind jedoch ratsam, da die Ferienlager primär für französische Kinder konzipiert sind und die Animateure meist Französisch sprechen.

F: Wer betreut die Kinder?
A: Alle Animateure müssen zwingend das Brevet d’Aptitude aux Fonctions d’Animateur besitzen und eine staatlich anerkannte Ausbildung für Jugendbetreuer in Frankreich abgelegt haben. Der Berufsabschluss garantiert hohe Sicherheits- und Pädagogikstandards.

F: Was muss unbedingt in den Koffer (?
A: Neben Kleidung für Sonne und Rege ist in Frankreich oft eine eigene Trinkflasche (Gourde), eine Kappe oder Hut als Sonnenschutz und oft auch ein eigener Schlafsack oder Bettwäsche (je nach Zentrum) gefragt. Wichtig: Alle Kleidungsstücke müssen mit waschfesten Namensetiketten versehen sein!

F: Wie sicher sind die Ferienlager in Frankreich?
A: Alle Colonies de vacances unterliegen der strengen Aufsicht des Ministeriums für Jugend und Sport (Ministère de la Jeunesse et des Sports). Es gibt unangekündigte Kontrollen bezüglich Hygiene, Verpflegung und Sicherheit. Die Anlagen umgeben stets Mauern, Zäune und Gehölze als Sicht- und Sicherheitsschutz; oftmals ergänzt mit Videoüberwachung.

Was bringen colo-Ferien?

Die französische colo ist Abenteuer und Erinnerung, Sozialisation und eine Wertewelt, die auf Gemeinsam, Hilfe und Zusammenhalt setzt. Sie ist der Ort, an dem Kinder lernen, ohne Eltern zurechtzukommen. In dem sie erleben, dass die Welt größer ist als die eigene Familie. Und welch ein Gefühl es ist, auf eigenen Beinen zu stehen.

Zwischen Pinien und Mittelmeer erleben sie einen Sommer, frei und ungebunden – und doch gut behütet. Tagsüber beim Segeln, Schwimmen, Reiten oder Spielen immer in Bewegung, abend voller Faszination am Lagerfeuer. Nicht wenige junge Gäste kommen wieder, Jahr und Jahr, und schließen Freundschaften, die manchmal ein Leben lang halten.

Wenn die Eltern nach einer, zwei oder drei Wochen wiederkommen, um ihre Kinder abzuholen, sind diese andere geworden. Selbstständiger, selbstbewusster, voller Geschichten. Sie erzählen von Tintenfischen, die sie in den Felsen der Küste entdeckt haben, vom Stockbrotbacken, vom Anim‘ mit der Trillerpfeife. Sie haben ein Stück Frankreich erlebt, das Touristen verborgen bleibt: die Welt der colos, in der jedes Jahr Hunderttausende französischer Kinder zu sich selbst finden.

Das Eisentor öffnet sich wieder. Lara und Liv stürmen heran, gebräunt, glücklich, erschöpft. Lang halten wir unsere Mädels in den Armen. Dann beginnt das Erzählen. Es wird Stunden dauern.

Weiterlesen

Im Blog

Mehr zu Land und Leute gibt es in der Kategorie So tickt Frankreich. Sète habe ich hier vorgestellt. Alle Beiträge aus dem Département Hérault birgt diese Kategorie.

Im Buch

Les vacances du petit Nicolas* (Der kleine Nick und die Ferien*) 

In Band der berühmte französische Kinderbuchreihe Le Petit Nicolas von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé landet der kleine Nick im Ferienlager in Frankreich. Seine colo ist das Camp Bleu von Plage-les-Trous, geführt vom strengen Chef Rateau. Wie turbulent es dort zugeht, erzählen die letzten zehnder insgesamt 18 witzigen Geschichten. Alltag, Ausflüge, Siesta-Chaos, wilde Badespaß und kumpelhafte Streiche – pure kindliche Rebellion und bester Lesespaß! Wer mag, kann hier* das französische Original und hier* das Werk in der deutschen Übersetzung von Hans-Georg Lenzen bestellen.

Reinhören

Les jolies colonies de vacances

1966 komponierte der französische Chansonnier Pierre Perrat (1934-2023) in nur zwei Tagen ein Lied, das sein erster Erfolg werden sollte: Les jolies colonies de vacances. In seinem Text versetzte sich der Sänger in das Leben eines Kindes, das gerade ins Ferienlager geschickt worden war, und von dort einen Brief an seine Elter schrieb.

Les jolies colonies de vacances
Merci maman, merci papa
Tous les ans, je voudrais que ça recommence
You kaïdi aïdi aïda

Je vous écris une petite bafouille
Pour pas que vous vous fassiez de mouron
Ici, on est aux petits oignons
J’ai que huit ans, mais je me débrouille… 

Die schönen Ferienlager
Danke Mama, danke Papa
Ich möchte, dass es jedes Jahr wieder so ist
You kaïdi aïdi aïda

Ich schreibe euch ein paar Zeilen
Damit ihr euch keine Sorgen macht
Hier wird man sich rührend um uns gekümmert
Ich bin zwar erst acht Jahre alt, aber ich komme gut zurecht …

Im weiteren Verlauf des Liedes erzählt der Junge, das er auch schon ins Waschbecken gepinkelt habe ( en faisant pipi dans le lavabo,). Die damalige Premier Dame, Yvonne de Gaulle, war schockiert über den Satz – und wandte sich persönlich an den Direktor von France Inter, um die Ausstrahlung zu stoppen. Das Lied wurde für sechs Monate zensiert. Doch genau die ungeschminkte Sprache, dicht am Alltag und durchsetzt mit argot, macht das Lied bis heute ungeheuer populär.

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