Bagger im Einsatz am Célé. Foto: Hilke Maunder

Figeac: Die Rettung des Célé

Figeac ist mit rund 10.000 Einwohnern so groß wie Bad Wimpfen in Baden-Württemberg, Güssing im Burgenland oder Aarberg im Kanton Bern. Als Winzling stemmt die Unterpräfektur des Départements Lot mit Hilfe von Staat, Stiftungen und Europa ein gigantisches Projekt: die Renaturierung des Célé. Nur 20 Prozent der Kosten muss die Kommune tragen.

Mittwoch morgen in Figeac am Célé: Bagger fressen sich durch den Grund eines Sees, der eigentlich keiner mehr ist. Staub wirbelt auf, wo vor Monaten noch Tretboote dümpelten. An der Staumauer von Surgié, 108 Meter lang, fünf Meter hoch, nagen die Maschinen am Beton. Stück für Stück verschwindet das Bauwerk, das 1985 den Bergfluss aus dem Cantal aufstaute und aus einem weiten, offenen Tal einen Freizeitsee machte. Doch jetzt soll die komplette Mauer fallen. Was bleibt, ist der Fluss – so, wie er vor 40 Jahren hier mäandrierte.

André Mellinger erinnert sich noch gut. Als der Bürgermeister von Figeac vor gut 50 Jahren als Kind hierherkam, gab es keine Betonmauer, keinen künstlichen See. „Hier erstreckten sich blühende Uferwiesen am Célé, durch die der Fluss mäandrierte“, sagt der Vizepräsident des Départements Lot. Dann kamen die 1980er-Jahre. Damals wurde es Mode, das Meer ins Landesinnere zu holen. Strandbäder und Freizeitseen sollten Ausflugsoasen in Stadtnähe schaffen.

Also rückten die Bagger an. Sie setzten große Felsbrocken in den Fluss, überzogen sie mit Beton und schufen den 108 Meter langen und fünf Meter hohe barrage de Surgie. Der vom Fluss mit einem zweiten Damm abgetrennte, drei Hektar große Freizeitsee wurde zur Hauptattraktion des angrenzenden Campingplatzes.

Als der Beton zu bröckeln begann

40 Jahre später war der Damm ein Sanierungsfall. Risse zogen sich durch die Mauer. Im Inneren hatte der Fluss Hohlräume geschaffen. Durch die Ritzen sickerte das Wasser in Streifen hinab. Die notdürftig geflickten Schäden wurden gravierender: Bruchgefahr. Und die Trinkwasserversorgung, die an den Staudamm gekoppelt war, stand auf dem Spiel.

Im Freizeitsee, nun ein stehendes Gewässer, sanken die Sauerstoffwerte. Cyanobakterien breiteten sich aus. Die Belastung mit den giftigen Bakterien erreichte das bis zu 60-fache des zulässigen Grenzwerts für Badegewässer. „Baden verboten“-Schilder folgten. Der städtische Campingplatz verlor seine wichtigste Attraktion. Die Einnahmen sanken, die Tretboote blieben ungenutzt am Strand liegen.

Nach mehrjährigen Studien fiel die Entscheidung: gegen eine Sanierung der Staumauer, für eine vollständige Renaturierung des Célé. Die Überlegungen begannen vor zehn Jahren, fünf Jahre davon flossen in detaillierte Studien. 6,6 Millionen Euro soll die Maßnahme kosten, die Figeac gemeinsam mit dem Syndicat mixte Célé-Lot médian und staatlichen Behörden umsetzt.

Eine Zerstörung und Rekonstruktion des Damms wäre teurer gewesen – rund 3,8 Millionen Euro – und hätte nur zu zehn Prozent Förderung erhalten. Mehr als drei Millionen Euro hätte die Kommune selbst schultern müssen. Die Entscheidung für die Renaturierung reduziert den kommunalen Eigenanteil auf rund 680.000 Euro bei 70 bis 80 Prozent Förderung.

Ein Fluss findet seinen Weg zurück

Das Konzept ist radikal und umfassend: Der Damm verschwindet komplett, ebenso die Filterdämme mit ihren 530 Metern Länge und den zugehörigen Steinschüttungen. Der Fluss wird auf seinen ursprünglichen Lauf zurückverlegt und soll wieder mäandrieren können – mit einer „Schussstrecke“ bei Hochwasser nach der Schneeschmelze und weiten Schleifen im restlichen Jahr. Auf 500 Metern lang wird das Flussbbett neu gestaltet mit möglichst natürlichen Strömungsverhältnissen und vielfältigen Strukturen. Bereits jetzt leben am site de Surgié wieder Europäische Otter, Langfußfledermäuse, Noctule-Fledermäuse und Schlangenadler.

Auf 92.000 Quadratmetern entstehen Feuchtgebiete. Insgesamt wird ein Gesamtareal von etwa 20.000 Quadratmetern renaturiert, darunter eine 8.000 Quadratmeter große Erholungszone. Fuß- und Radwege mit direkter Verbindung zur Innenstadt werden angelegt.

Die Uferprofile werden auf 1,3 Kilometern – der Einflusszone des Staudamms – neu gestaltet. Die freigelegten Ufer erhalten Bepflanzungen nach ökologischen Gesichtspunkten: 600 Jungbäume und 350 Stecklinge werden dort neu gepflanzt. An den Ufern des städtischen Campingplatzes werden Steinschüttungen entfernt und durch Vegetation ersetzt. Dagegen werden die Steinschüttungen entlang der Départementsstraße und der Eisenbahnbrücke durch begrünte Steinschüttungen verstärkt.

Joël Trémoulet koordiniert das Mammutprojekt. Der Direktor des Syndicat mixte du bassin Célé-Lot médian ist für Verwaltung der Wasserläufe, Hochwasservorsorge und ökologische Gewässerentwicklung im gesamten Einzugsgebiet des Célé zuständig. Er plant, finanziert, stimmt ab zwischen der Stadt Figeac, der Agence de l’eau Adour-Garonne, der Präfektur des Département Lot und den lokalen Gremien. In öffentlichen Sitzungen erläutert er hydrologische Gutachten, Umweltvorgaben und Baumaßnahmen.

Unterstützt wird er von Léa Manhes, Projektleiterin für aquatische Lebensräume und Stillgewässer. Gemeinsam treiben sie ein Vorhaben voran, das Überflutungsflächen schafft, den Fluss durch Neuanpflanzung beschattet und kühlt, die Sediment- und Fischdurchgängigkeit wiederherstellt und ein neues Ausflugsziel schafft, natürlich entspannend und lehrreich zugleich.

Widerstand vor Gericht – und auf der Baustelle

Nicht alle waren begeistert. Mehrere Organisationen, darunter Hydrauxois und die Association des Moulins du Quercy, klagten gegen den Abriss. Sie beantragten beim Verwaltungsgericht Toulouse einen référé-suspension zur sofortigen Einstellung der Arbeiten. Ihr Argument: Der Rückbau könne bei Hochwasser Schäden verursachen und gefährde das Kulturerbe der Wassernutzung.

Am 29. September 2025 lehnte das Gericht den Antrag ab. Die Renaturierungsarbeiten dürfen fortgesetzt werden. Die Kläger können zwar noch in der Hauptsache klagen, das stoppt das laufende Projekt aber nicht. Stadt und Syndicat begrüßten die Entscheidung ausdrücklich.

Seit Sommer 2025 laufen die Arbeiten planmäßig – mit Sicherungs- und Rückbauarbeiten am Damm, der Vorbereitung des neuen Flussbettes und der Anlage ökologischer Zonen. Im November 2024 wurde bereits eine erste Rettungsfischerei durchgeführt, Im Frühsommer der einstige Freizeitsee komplett leergefischt und die Fische umgesetzt. Seit Juni wird die Staumauer gesenkt – wegen der Sedimente ganz langsam und in Etappen. Der Fluss kann wieder fließen. Wo Bäume im Flussbett standen, rückten die Bagger an und säuberten den Untergrund bis zu 40 Zentimeter tief. Sämtliches Wurzelwerk im Flussbett verschwand.

Die wenigen Monate zeigen bereits Wirkung: Der Célé fließt bereits schneller und hat sich tiefer eingegraben. Dadurch trat eine Leitung dabei zutage – Betonröhren, die auch Starkstromkabel durch den Fluss führen. Sie wird jetzt mit dicken Steinen abgestützt, damit sie nicht reißt.

Wasser nur nachts

Während der Arbeiten läuft die Trinkwasserversorgung von Figeac nur nachts. Die bisherige Wasserentnahme am Damm, die das städtische Netz speiste, muss neu gesichert und teilweise umgebaut werden. Also wird das Wasser nachts gepumpt und in Reservoirs gespeichert, um tagsüber den Verbrauch der Bevölkerung zu decken.

Diese Übergangslösung dient der Baustellensicherheit und dem Schutz der Trinkwasserversorgung, bis die neue, ökologisch angepasste Wasserfassung am anderen Ufer des Célé fertiggestellt ist. Künftig soll ein stabilerer, klimaresistenter Betrieb gewährleistet sein, die Versorgung auf mehrere Quellen verteilt und an den nahen und viel größeren Fluss Lot gekoppelt werden. Die Investitionen für die neue Wasserentnahme belaufen sich auf 2,5 Millionen Euro. Bislang ist der Célé im wahrsten Sinne des Wortes die Lebensleitung der Stadt.

Im Dienste der Mühlen

Die Stauwerke am Célé datieren teilweise aus dem Mittelalter. Sie dienten hauptsächlich dazu, die zahlreichen Mühlen entlang des Flusses anzutreiben. Bei Figeac gab es mehrere Mühlen, die über Stauwerke und kleine Kanäle mit Wasser versorgt wurden. Diese Mühlen waren zentral für die örtliche Wirtschaft, verarbeiteten Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte.

Ein Kanal führte einst vom Célé in die Stadt, um die Mühlen und weitere Einrichtungen zu versorgen. Auf diesem Verlauf verläuft heute eine Départementsstraße, die die ehemalige Wasserführung teilweise überdeckt hat. Auch diese Straße, die früher Nationalstraße war und sehr nahe am Fluss verläuft, wird abgesichert.

Unter Trémolets Leitung wurde auch der Moulin du Surgié erworben, in dem der Célé einst die Mühlräder einer Seilerei antrieb. Er soll künftig die Maison de la rivière beherbergen – ein Zentrum für Umweltbildung und Information über die Célé-Renaturierung.

Forellen als Gradmesser

15 Kilometer flussabwärts, in Bagnac-sur-Célé, zeigt sich, was Renaturierung bewirken kann. Hier wurde bereits im Jahr 2019 ein altes Stauwerk entfernt. Seitdem fließt der Célé wieder frei. Und heute, an einem Herbsttag 2025, waten Patrice Jaubert und seine Kollegen Laurent mit dicken, gummierten Wathosen durch das quicklebendig über die Steine hüpfende Wasser.

Patrice leitet den Fischereiverband Lot ( DAAPPMA Fédération Départementale des Associations Agréées pour la Pêche et la Protection du Milieu Aquatique du Lot) . Das Elektrofischen ist Teil des regelmäßigen Monitorings, um zu überprüfen, wie sich die Renaturierung auf die Fischbestände auswirkt. Die Methode ist schonend und weit verbreitet: Ein Generator auf einem Geländewagen erzeugt Strom. Die Fischer gehen mit einem unter Strom stehenden Ring und Keschern gegen den Strom den Fluss hinauf, hin zur mittelalterlichen Steinbrücke von Bagnac-sur-Célé.

Mit einem Ring, durch den Strom fließt, erzeugt Laurent ein elektrisches Feld im Wasser, das die Fische anlockt. Die Tiere orientieren sich zur Anode und werden von den Fischern im Kescher gefangen. Die Fischer schützen sich mit speziellen isolierenden Handschuhen aus Naturlatex, die Spannungen bis zu 1.000 Volt abhalten. Für die genaue Erfassung sortieren die Fischer alle Fische, die in der Plastikkiste gelandet sind, in grünen Eimern vor, geben ein paar Betäubungstropfen aus Nelkenexktrakt ins Wasser und legen dann Fisch um Fisch auf die offizielle Messlate. Nach der Erfassung erholen sich die Fische schnell und werden zurückgesetzt.

Das Ergebnis lässt Patrice lächeln: Truite fario, Bachforellen, bis zu 28 Zentimeter lang. Aber auch Jungfische mit acht bis zehn Zentimetern Länge. „Dass es jetzt hier Nachwuchs bei den Forellen gibt, zeigt, dass sich der Fluss erholt“, sagt Patrice. „Forellen sind für uns Bio-Indikatoren. Wo sie sich wohlfühlen, kommen auch andere Arten:, Flussbarsche, Barben, Döbel und Äschen.“ Beim Monitoring tauchen auch Flusskrebse auf – Signalkrebse oder Kalifornische Flusskrebse, die aus den Vereinigten Staaten stammen und als invasive Arten eingestuft sind, die die einheimische Art „Weißfußkrebs” bedrohen.

Ein Fluss mit hohen Schwankungen

Der Célé entspringt im Département Cantal in der Region Auvergne-Rhône-Alpes und mündet nach105 Kilometern bei Bouziès als rechter Nebenfluss in den Lot. Das Gefälle beträgt rund 5,7 Promille. Das entspricht etwa 5,7 Meter Höhenunterschied pro Kilometer oder insgesamt 588 Metern von der Quelle bis zur Mündung. Ein Fluss mit Kraft, der sich seinen Weg bahnt – nach der Schneeschmelze im Zentralmassiv mit imposanter Kraft, das restliche Jahr hindurch ganz gemächlich. Von zwei bis 500 Kubikmetern pro Sekunde reicht die erfasste Bandbreite beim Wasserabfluss!. Diese Schwankungen sind charakteristisch für viele Flüsse in mediterran und atlantisch geprägten Regionen, insbesondere in Südwestfrankreich.

Das Renaturierungsprojekt öffnet dem Fluss auf circa 38 Kilometern – inklusive Nebenflüsse – wieder freie Bahn. Die Arbeiten am site du Surgié sollen bis Anfang 2027 abgeschlossen sein. Die Finanzierung teilen sich die Agence de l’eau Adour-Garonne, die Région Occitanie, der französische Staat über den Fonds Vert, der Fonds Nature 2050, das FEDER-Programm der EU, das Département Lot, der SYDED du Lot, die Fédération de pêche du Lot, das EPTB Lot und die Kommunalgemeinschaft Grand Figeac.

Unterstützt wird das Projekt auch von Open Rivers, einer niederländischen Initiative, die sich für die Wiederherstellung von Flussökosystemen und nachhaltige Wasserbewirtschaftung in Europa einsetzt. Das Projekt erhielt außerdem den zweiten nationalen Preis Patrimoine Naturel et Biodiversité der Fondation du Patrimoine sowie eine Subvention von 80.000 Euro von dieser Stiftung. Das Célé-Projekt gilt als Modellvorhaben für nachhaltige Flussrenaturierung in der Region Occitanie.

Von Beton zu Biodiversität

Vergleichbare Projekte in Frankreich zeigen, dass Renaturierung funktioniert. An der Sélune in der Normandie wurden seit Juni 2019 zwei Staudämme abgerissen, die über 100 Jahre die Wanderung von Atlantischem Lachs und Aal blockiert hatten: La Roche-qui-boit von 1916 und Vézins von 1932 – beide erbaut zur Stromerzeugung. Heute fließt der Fluss wieder frei. Die Fischarten kehren zurück, die Wasserqualität verbessert sich. Konflikte mit Anwohnern und Anglern gab es, doch die ökologischen Effekte überwiegen.

Der site du Surgié steht heute für einen tiefgreifenden Wandel. Vom Beton-Freizeitsee der 1980er-Jahre zur wiederbelebten Flusslandschaft, die natürliche Dynamik, Biodiversität und nachhaltige Stadtentwicklung verbindet. In Bagnac-sur-Célé zeigt sich bereits, was möglich ist: Ein Fluss, der sich erholt. Forellen, die wieder laichen. Leben, das zurückkehrt.

Wenn Ende 2026 die letzte Baustelle geräumt ist, wird der Célé bei Figeac wieder so aussehen wie vor 50 Jahren. Blühende Uferwiesen, ein mäandernder Fluss. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Und der Fluss wird wieder zu dem, was er immer war: lebendig.

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