Fontevraud: Kloster, Knast, Kulturzentrum

Die Abtei von Fontevraud. Foto: Hilke Maunder
Die Abtei von Fontevraud. Foto: Hilke Maunder

Sie gilt als größte Klosterstadt Europas, ist Grablege von Richard Löwenherz und trägt die Spuren eines Königreiches im Niedergang und die Inschriften von Gefangenen: die königliche Abbaye de Fontevraud. Ihr findet sie im Anjou, nur wenige Kilometer von der Loire in der Nähe von Saumur und Chinon.

Gesamtkunstwerk im Anjou

Auf 14 Hektar erstrecken sich hinter schützenden Mauern dies architektonische Gesamtkunstwerk, dessen Wurzeln im 12. Jahrhundert liegen. Von 1115 an regierten ausschließlich Äbtissinnen, obgleich im Saint Jean de l’Habit auch Männer, Brüder und Priester lebten. Und das sieben Jahrhunderte lang, bis zur Revolution 1789. Außergewöhnlich ist es zunächst wohl auch, hier die Gräber englischer Könige zu finden.

Warum gibt es in Fontevraud Gräber englischer Könige?

Doch nur auf den ersten Blick: Die Grafen von Anjou gehören zum englischen Herrscherhaus der Plantagenet. Fontevraud wurde zentrale Grablege – so, wie sich die französischen Könige über Jahrhunderte in der Basilique de Saint-Denis im Norden von Paris begraben ließen.

Dort, wo das Langhaus der Abteikirche in den Chor übergeht, haben sie ihre letzte Ruhestätte gefunden: Eleonore von Aquitanien und ihr zweiter Mann Heinrich II. von England in der oberen Reihen, ihr gemeinsamer Sohn Richard Löwenherz und die Witwe des jüngsten Sohnes Johann Ohneland, Isabelle von Angoulême, darunter, ferner auch Raymond VI., Graf von Toulouse.

Äbtissinnen mit königlichem Blut

Unter der Protektion der Plantagenet erlebte das Kloster mit seinem gemischten Orden seine Blütezeit. 15 seiner insgesamt 36 Äbtissinnen hatten königliches Blut. Während der Revolution säkularisiert, das Land parzelliert und verkauft, fanden die großen Klostergebäude keine Käufer. Unter Napoleon wandelte sich so das Kloster zum Knast.

Der Knast von Jean Genet

Im 19. Jahrhundert war Fontevraud nicht nur das größte Gefängnis Frankreichs, sondern auch das härteste des Landes – mit Rauchverbot, Schweigepflicht und zwölfstündiger Zwangsarbeit. Zu den berühmtesten Insassen gehörte der wegen Passfälschung und Diebstahl inhaftierte Jean Genet. In „Le Miracle de la rose“ schrieb der Schriftsteller:

„Von allen Zuchthäusern Frankreichs ist Fontevraud das furchtbarste. Nirgendwo sonst erfuhr ich Verzweiflung und Einsamkeit stärker, und ich weiß von den Gefangenen selbst, die zuvor andere Gefängnisse kennenlernten, dass sie eine der meinen vergleichbare Leidenserfahrung gemacht haben.“

Erst 1963 schloss die Zuchtanstalt endgültig ihre Pforten.

Konzerte und Ausstellungen

Seit 1975 ist Fontevraud ein Kulturzentrum des Centre culturel de l’Ouest, das im Kloster Konzerte und Ausstellungen veranstaltet. Mich hat neben der Gesamtanlage besonders ein Gebäude beeindruckt: die romanische Küche mit ihren Feuerstellen in den Nischen, den hohen Kaminen und der Zahlensymbolik, die sogar bei einem reinen Zweckbau beachtet wurde.

Info: Abbaye de Fontevraud, Tel. + 33 (0) 2 41 51 73 52, www.abbayedefontevraud.com

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3 Kommentare

  1. Ich habe heute das ehemalige Kloster Fontevraud besucht und war sehr enttäuscht.
    Daß es schon lange kein Kloster mehr war spürt man. Daß es so lange ein Gefängnis war habe ich heute erst bei meiner Besichtigung erfahren. Die Räume sind totsaniert und haben keine Ausstrahlung mehr. Mein Anliegen war in erster Linie das Grab von Eleonore von Aquitanien zu besuchen. Ich bin ein großer Fan von Ihr und habe alles über Sie gelesen. Außerdem hätt mich noch sehr die Küche interssiert die leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Dafür 11 Euro zu bezahlen finde ich viel zu teuer. Der Garten ist auch nicht besonders sehenswert. Die lange Anreise die ich hierfür in Kauf genommen habe hat sich nicht gelohnt.

    • Hallo Sabine, das ist ja schade! Die Bauten dienen heute als Kulturzentrum, aber die Anlage hat mir dennoch sehr gut gefallen – besonders auch die ungewöhnliche Küche! Ich hoffe, Du entdeckst noch viele schöne Ecken für Dich in Frankreich. Viele Grüße, Hilke

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