Forêt d’Eawy: Wald voller Wunder
Die Forêt d’Eawy ist einer der größten und eindrucksvollsten Buchenwälder Frankreichs, durchzogen von der geraden Allée des Limousins und gespickt mit Naturphänomenen wie dem rätselhaften Puits Merveilleux. Zugleich bewahrt der Wald mit dem ehemaligen V1‑Startplatz Val Ygot ein beklemmendes Erbe des Zweiten Weltkriegs – Schönheit und Schrecken liegen hier auf wenigen Kilometern dicht beieinander.
Der Wald von Eawy ist einer der großen Wälder des Pays de Bray in der Normandie. 6550 Hektar groß erstreckt er sich auf einem alten Kreiderücken zwischen den Gemeinden Saint-Saëns und Dampierre-Saint-Nicolas, etwa 20 Kilometer südöstlich von Dieppe. Kein einziger Wasserlauf durchquert das Grün. Und doch ist die Erde feucht und kühl. Der Feuersteinlehm, der die Kreide bedeckt, hält das Wasser im Boden. Der Wald steckt voller Wunder.
Einst wuchsen nur Eichen in der Forêt d’Eawy, und die normannischen Könige jagten dort Reh und Hirsch. Aus dem Holz der alten Eichen fertigten Kistenmacher ( huchiers ) große, luxuriöse Truhen, die besonders beim Adel beliebt waren. Zusammengehalten wurden die sogenannten huches nur durch Zapfen. Keine Schraube, kein Nagel wurde bei ihrem Bau verwendet!
Das Reich der Buchen
Im 19. Jahrhundert verwandelten die Förster die Forêt d’Eawy in einen Buchenwald. Bis zu 30 Meter hoch ragen die Bäume in den normannischen Himmel. Auf ihren Stämmen wachsen Baumperlen und Hexeneier. Wird die Rinde der Buche verletzt, beispielsweise durch Verbiss, kapselt sie auf der Rinde die Bakterien ab und schließt sie ein. So entstehen Pickel, die zu Kugeln werden und anschließend abfallen.
Mitten durch den Wald zieht sich die Allée des Limousins. 14 Kilometer lang und 20 bis 30 Meter breit ist diese gewaltige Schneise, die Gabriel de Limoges im 16. Jahrhundert anlegen ließ.
Voller Geheimnisse steckt auch die Höhle Puits Merveilleux nordöstlich des Dorfes Saint-Saëns. Am Boden eines kleinen Kessels eröffnet ein Loch 28 Meter tief den Blick ins Innere der Erde. Niemand weiß, ob die Natur dort einen Schlund in den Karst gegraben hat oder der Hohlraum von Menschenhand gefertigt wurde.
Kein Verkehrslärm stört die Stille des Waldes. Umso intensiver ist die Stimme der Natur. Spechte klopfen, Waldtauben gurren. Insekten tanzen im Gegenlicht. Beim Gehen raschelt das Laub. Im Unterholz knackt ein Ast. Jeder Schritt schärft die Sinne. Kreuz und quer durchziehen Wanderwege diesen Wald voller Wunder.
Die Wunderwaffe im Wald
Und genau in diesem Idyll erinnert bei Ardouval die Gedenkstätte Val Ygot an eine Wunderwaffe, mit der Adolf Hitler den Weltkrieg gewinnen wollte. Um England in die Knie zu zwingen, setzte der Diktator auf Geheimwaffen. Eine von ihnen waren die fliegenden V1-Bomben. Von 117 Abschussrampen im Département Seine-Maritime wurden diese Feuermonster in Richtung England abgeschossen.
830 Kilogramm Sprengstoff konnte jede V1-Bombe transportieren. 8,35 Meter lang, raste sie mit einer Reisegeschwindigkeit von 580 Kilometern pro Stunde auf ihr Ziel zu. 10.000 dieser im pommerschen Peenemünde gebauten Bomben wurden über Britannien, weitere 11.000 Bomben über Belgien abgeworfen. Per Bahn wurden sie aus Deutschland angeliefert – fertig zum Abfeuern von einer Startrampe.

Das Ziel: London
Die Rampe von Ardouval zeigte direkt nach London. Die britische Hauptstadt liegt 200 km entfernt im Nordwesten. Abschluss und Einschlag trennten gut zwanzig Minuten. Die Flügelbomben des Kasselers Gerhard Fieseler waren weltweit die ersten militärisch eingesetzten Marschflugkörper. Argus lieferte ihr Argus-As-014-Pulsstrahltriebwerk.
Ihren Namen prägte Joseph Goebbels. Der Propagandachef der Nazis nannte sie V1 = Vergeltungswaffe 1. Ihr einziger Nachteil: Die Raketen, die durch ihren Impulsstrahlantrieb wie ein Moped brummten, wurden in der Nähe ihres Zieles so langsam, dass sie leicht abgeschossen werden konnten. Dennoch waren sie eine äußerst wirkungsvolle Waffe.
Spät entdeckt
Überraschend spät entdeckten die Alliierten die Abschussstellungen, von denen aus neben London auch Antwerpen, Lüttich und Brüssel bombardiert wurden. Umso heftiger wurden die V1-Stätten im Zuge der Operation Crossbow von den Alliierten bombardiert. Besonders das Dorf Ardouval und die umliegenden Weiler litten stark unter diesen Attacke, die im Dezember 1943 begannen und im Juni nach dem Rückzug der Deutschen endeten.
Heute wächst Moos über den harten Beton der Lagerhäuser und des Abschussbunkers. Wo im Sommer 1944 das markerschütternde Dröhnen der Argus-Triebwerke die Tierwelt in die Flucht schlug, herrscht heute fast andächtige Stille. Die Bombenkrater im Waldboden, längst von Farnen und Brombeerranken überwuchert, wirken wie sanfte Wellen in einer grünen Landschaft – und sind doch die bleibenden Narben eines mörderischen Vetgeltungsfeldzuges. Die schiere Geometrie der Anlage, die schnurgerade Ausrichtung der Startrampe im Winkel von 254 Grad exakt auf das Herz Londons, zeugt vom kalten Kalkül der Konstrukteure.
Am Val Ygot halten heute rund 70 Freiwillige der ASSVYA (Association de Sauvegarde du Site de V1 du Val YgotArdouval) die Erinnerung an diesen Ausschnitt der Geschichte fest.
Von der V1 zur Ariadne
250 Deutsche blieben nach Kriegsende in der Normandie – nicht als Gefangene, sondern als begehrte Köpfe des beginnenden Kalten Krieges. Während die USA und die Sowjetunion im Rahmen der Operation Overcast die bekanntesten Köpfe der Peenemünder Raketenbasis an Land zogen, sicherte sich Frankreich ein hochkarätiges Kontingent der zweiten Reihe.
120 deutsche Techniker und Ingenieure holte das französische Rüstungsministerium in den Jahren 1946 und 1947 mit finanziell äußerst attraktiven Verträgen nach Vernon. Auf dem bewaldetenPlateau de l’Espace entstand hoch über den Ufern der Seine, für sie das damals neu gegründete LRBA Laboratoire de Recherches ballistiques et aérodynamiques.

Umgeben von Stacheldraht und streng bewacht, bauten die Spezialisten tief im Wald eine regelrechte deutsche Siedlung auf, die von den Einheimischen bald ehrfürchtig wie argwöhnisch Bushdorf genannt wurde. Hier lebten sie mit ihren Familien, bauten Gemüse an, gründeten ein eigenes Orchester und eine deutsche Schule – mitten in einem Land, das noch unter den frischen Wunden der Besatzungszeit litt.
Unter der Leitung von Heinz Bringer, einem einstigen Mitarbeiter des Raketenpioniers Wernher von Braun, arbeiteten die Ingenieure gemeinsam mit französischen Kollegen an den Hinterlassenschaften des Dritten Reiches. Ihr Auftrag: die Weiterentwicklung der Flüssigkeitsantriebe der V-2-Rakete. Aus dem Erbe von Peenemünde konstruierten sie in Vernon das Triebwerk Viking. Jene Technologie, die in den Abschussstellungen der Forêt d’Eawy einst die Vernichtung brachte, wurde in Vernon zum dFundament der europäischen Raumfahrt. Ohne das Know-how der deutschen Spezialisten aus dem Bushdorf und deren Viking-Triebwerke hätte die zivile Ariane-Rakete Jahrzehnte später niemals abheben können.
Forêt d’Eawy: meine Reise-Infos
Erleben & ansehen
Paddeltour auf der Varenne
In Muchedent beginnen begleitete Kanufahrten mit Führer auf der Varenne. Los geht es am Parc Canadien. Ziel ist das vier Kilometer entfernte Dorf Torcy-le-Grand.
Val Ygot
Die Gedenkstätte ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Wer mehr erfahren will, kann von April bis September an Sonn- und Feiertagen ab 14.30 Uhr an zweistündigen Führungen teilnehmen.
• ASSVYA Association de Sauvegarde du Site de V1 du Val Ygot Ardouval, Basis 685, Le Val Ygot, 76680 Ardouval, Tel. 02 35 82 18 14, www.facebook.com/Assvya
Schlafen
Rêve de Bisons
200 Bisons sind im Tal der Varenne auf einer Lichtung der Forêt d’Eawy daheim. Gleich neben der größten Zucht von kanadischen Bisons in Europa hat der Tierpark eine Handvoll Tipizelte ins Grün gestellt: bonne nuit, Trapper!
• 24, route de Dieppe, 76590 Muchedent, Tel. 02 35 04 15 04, www.revedebisons.com

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