Frankophile Lesetipps für das Frühjahr

Lesetipps

Das Frühjahr bringt neuen Lesestoff für alle, die Frankreich sich während des Lockdowns ins Haus holen möchten. Voilà ein paar Empfehlungen für den Büchertisch am Sofa oder den Stapel auf den Nachtisch. Bonne lecture !

Das Sextett für das Frühjahr 2021

Krimi-Zeit: Joël  Dicker, Das Geheimnis von Zimmer 622*

Joel Dicker_Das Geheimnis von Zimmer 622

Joël  Dicker ist der shooting star aus der französischen Schweiz. Der Autor, am 16. Juni 1985 in Genf geboren, hatte mit La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert* (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert*) 2012 den spannendsten Bestseller des Jahren verfasst.  L’Énigme de la Chambre 622* brach im vergangenen Jahr in Frankreich sämtliche Verkaufsrekorde.

Am 1. März ist der Roman in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma und Michaela Meßner unter dem Titel Das Geheimnis von Zimmer 622 im Piper-Verlag erschienen.

Und auch dieses Werk ist wieder ein Roman im Roman, verschachtelt in Zeit und Raum und mit 624 Seiten episodisch lang.

Der erste Erzählstrang berichtet von einem erfolgreichen Genfer Schriftsteller namens Joël Dicker, der wegen Liebeskummer eine Schreibblockade hat. Vor den Erinnerung an Sloane und der verpatzten Beziehung flüchtet er in ein Luxushotel in Verbier. Dort lernt er Scarlett kennen. Und wundert sich, warum das Hotel zwei Zimmer mit der Nummer 621 hat, aber keines mehr mit der Nummer 622.

Dieser Spur folgt der zweite Erzählstrang. Die wichtigste Erzählschiene widmet sich einem geheimnisvollen, unaufgeklärten Mord in Zimmer 622 nach, der mit einem Machtkampf in einer Genfer Privatbank zu tun zu haben scheint. Der dritte Erzählstrang übernimmt im Krimi, wie auch der Flirt des Autors mit dem Gast, eine retardierende Funktion im Krimigeschehen. Er berichtet vom Verhältnis des Dichters zu seinem verstorbenen Verleger Bernard de Fallois. Dicker lobt sich da ein wenig dicke.

Sobald dazu Text die Seiten füllte, las ich quer, bis ich wieder in das Krimigeschehen einsteigen konnte. Die Krimihandlung ist raffiniert, die Sprache und Figurenzeichnung einfach. Das sorgt für Tempo beim Lesen und eine Dauerspannung, die viele falschen Fährten und und noch mehr Fantasie beim Entwickeln des Krimigeschehens aufrecht halten.

So ist auch dieser Roman – im Krimi-Strandg – bis zu den letzten Seiten mit ihrem erstaunlichen, geradezu unglaublichen Finale äußerst fesselnd. Wer mag, kann das Buch hier* online bestellen.

Zeitreise ins 19. Jahrhundert: Der gefangene König

François Garde: Der gefangene König

2021 ist in Frankreich das Napoleon-Jahr. Besonders am 5. Mai , dem 200. Todestag des “Kaisers der Franzosen” werden im Land vor den Denkmälern Naopoleons Kränze und Blumen niedergelegt. Roi par effraction* hatte François Garde seinen Roman genannt, der 2019 bei Gallimard erschienen war.

Am 27. Januar 2021 ist das Werk des französischen Schriftstellers in der deutschen Übersetzung von Thomas Schultz bei C. H. Beck erschienen.

Der Roman ist eine Erzählung aus dem Kerker. Er beginnt am 8. Oktober 1815. Damals hatte der 48 jährige  Joachim Murat (1767-1815) nur noch sechs Tage zu leben. Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung berichtet Murat, wie er, ein Gastwirtssohn aus dem Quercy, erst Revolutionsgeneral und dann Marschall des Kaiserreichs wurde.

1808 schließlich ernannte Napoleon Murat noch zum König von Neapel. Doch dann fand das Leben des Mannes, den Caroline Bonaparte zu ihrem Ehemann erwählt hatte, ein jähes Ende. Gefangen genommen und  ins Gefängnis geworfen, wurde Murat am 13. Oktober 1815 hingerichtet.

François Garde ist einer der profiliertesten Autoren für Werke, die sich mit der französischen Geschichte und historischen Figuren auseinandersetzen. Dabei hilft es ihm, dass er als oberster Staatsbeamter die Staatsstrukturen einst und jetzt bestens kennt.

In sechs Momentaufnahmen berichtet er von den Höhen und Tiefen im Leben des Soldaten Murat und zeichnet so ein Spiegelbild der napoleonischen Ära. Auch von der Sprache her und vom Erzählstil bietet das Buch herrlichen Lesegenuss! Wer mag, kann das Buch hier online bestellen.

Die Begegnung mit dem Unerträglichen: Pascale Kramer, Die Lebenden*

Pascal Kramer: Die Lebenden

Der 8. Mai ist ein strahlender Frühlingstag. Vincent und Louise sind mit ihren beiden Kindern zu Besuch bei  Louises Eltern. Dort ist bereits auch Benoît, Louises jüngerer, 17-jähriger Bruder.

Er bietet an, den Neffen eine stillgelegte Kiesgrube zu zeigen.  Louise begleitet sie. Voller Übermut setzt Benoît die beiden schüchternen Jungen in eine Fördergondel und löst deren Hebel. Diese Bewegung – und die folgende Fahrt – verändert das Leben aller Beteiligten.

Mit ihrem vierten Roman  gelang der Genfer Autorin, die heute in Paris lebt und arbeitet, der literarische Durchbruch. Ihre genaue, fast schon minutiöse Schilderung der Ereignisse geht unter die Haut.

Zwei Kinder, leblos und verstümmelt. unschuldig aus dem Leben gerissen… wie kann man mit dieser Schuld leben?  Die Begegnung mit dem Unerträglichen, nachdrücklich festgehalten auf 169 Seiten. Am 8. Februar 2021 ist der  intensive, kurze Roman in zweiter Auflage im Rotpunkt-Verlag erschienen.

Die französischsprachige Originalfassung Les Vivants* aus dem Jahr 2000 erhielt den Prix Lipp Suisse 2001. Wer mag, kann das Werk hier* online bestellen.

Schutzschild Gesicht: Véronique Ovaldé, Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln*

Véronique Ovaldé: Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln

Zur Jahrtausendwende erschien der erste Roman der französischen Autorin, und seitdem kam fast jedes Jahr ein neues Werk hinzu. Am 6. Februar 2019 veröffentlichte die Édition J’ai Lu Personne n’a peur des gens qui sourient* heraus.  Zwei Jahre später ist das Werk in der deutschen Übersetzung von Sina de Malafosse in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.

Der Inhalt ist rasch erzählt: Von langer Hand geplant, verlässt Gloria mit ihren Töchtern Stella (15) und Loulou (16) die fiktive Heimat von Vallenargue an der Côte d’Azur und schlüpft im Ferienhaus ihrer Familie im Elsass unter, einsam, abseits von allem, mitten im Wald. Vor wem oder was flieht sie?  Wie weit geht Gloria, um ihre Töchter vor dem zerstörerischen Familienerbe zu schützen?

Mit kurzen, einfachen Sätzen und einfacher Sprache zeichnet Véronique Ovaldé das Portrait einer freiheitsliebenden Mutter auf der Flucht. Und erzählt zugleich einen Initationsgeschichte, einen Krimi – und einen spannenden Roman, der Gefühl und Spannung ohne Effekthascherei aus der Langsamkeit heraus hautnah spüren lässt. Wer mag, kann den Roman hier* online bestellen.

Herz & Historie: Silke Ziegler, Julies Entscheidung*

Silke Ziegeler: Julies Entscheidung

Mit “Die Frauen von der Purpurküste” hat Silke Ziegler erstmals keinen Krimi geschrieben, sondern eine deutsch-französische Familientrilogie, die in und um Collioure an der südfranzösischen Côte Vermeille (Purpurküste) angesiedelt ist.  Nach dem Auftakt mit Isabelles Geheimnis* , das ich hier besprochen hatte, folgt in Band zwei die Geschichte von Lara.  Die 30-Jährige ist nach dem Tod ihrer Mutter, der Trennung von ihrem Freund und dem Verlust ihrer Arbeit am Boden zerstört.

Daheim in Deutschland drehen sich die Gedanken im Kreis, kommt sie nicht aus eigener Kraft wieder auf die Beine. Doch als  ihre Großeltern besucht, entdeckt sie ein Bild ihrer Mutter mit einer Widmung auf der Rückseite. Stammt sie von jenem Mann, der ihr Vater ist – den sie nie kennengelernt hat?

Lara erinnert sich, wie glücklich sie als Kind in Collioure gewesen war – und reist mit ihrer Großmutter Béatrice dorthin, um ihre Wurzeln zu finden und das Geheimnis ihrer Herkunft zu lösen. Dabei taucht sie tief in die Ereignisse des Jahres 1944 ein … und findet eine neue Liebe.

416 Seiten lang nimmt euch Silke Ziegler mit auf eine Reise, die die Emotionen kitzelt – mit Spannung, Herz und viel Frankreich-Flair.  Wer mag, kann den zweiten Band der Trilogie hier* bestellen.

(Ganz neu im Handel ist auch Band drei – die Besprechung folgt, sobald er hier eingetrudelt ist).

Kapitaler Genuss: Vincent Klink, Ein Bauch spaziert durch Paris*

Vincent Klink, Ein Bauch spaziert durch Paris

Gault & Millau erwählte Vincent Klink zum Koch des Jahres 2021. Bereits 2015 erschien sein genussvoller Spaziergang durch die französische Hauptstadt.

Auch sechs Jahre nach dem Erscheinen ist das Taschenbuch höchst lesenswert, hatte mir eine Blogleserin per Mail geschrieben. Und wirklich: Die Mischung aus Reise- und Restaurantführer, gespickt mit Infos zu Kunst, Kultur und Literatur und garniert mit Geschichte, ist sehr kurzweilig zu lesen.

So lebt lesend Paris auf und kommt ins eigene Heim, während es derzeit für viele noch unerreichbar ist. Ein amüsanter wie interessanter kulinarischer Spaziergang vom deutschen Fernsehkoch, der das Flair Frankreichs und die Pariser Luft auf den heimischen Teller zaubert. Wer mag, kann das Taschenbuch hier* online bestellen.

Offenlegung

Für die Rezensionen stellten mir die Verlage kostenfrei vorab Leseexemplare zur Verfügung. Dafür danke ich sehr. Einfluss auf meine Buchbesprechungen hat dies nicht.

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Merci fürs Teilen!

4 Kommentare

  1. Hallo Hilke,

    der dritte Band von “Die Frauen von der Purpurküste” – Claires Schicksal – ist auch gerade erschienen. Die beiden ersten (Isabelles Geheimnis und Julies Entscheidung) haben mir sehr gut gefallen, besonders, weil auch geschichtliche Hintergründe sehr spannend beschrieben werden.

    Liebe Grüße, Christine

    • Hallo Christine, ja – das stimmt!! Ich warte allerdings noch auf das Rezensionsexemplar… ich bespreche nur Bücher, die ich tatsächlich auch gelesen habe. Alles Gute und schöne Lesezeit! Hilke

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