Frankreich-Bücher: meine 11 Tipps. Foto: Hilke Maunder
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Frankophiles Lesefutter: 11 Büchertipps

Frankophiles Lesefutter wie eine Auszeit vom Alltag – es stillt die Sehnsucht, überbrückt die Zeit bis zum nächsten Urlaub und zaubert die unnachahmliche Lebensart des Landes, seine Landschaften und sein Savoir-vivre, direkt in Hirn und Herz.

Fesselnde Regionalkrimis, historische Zeitreisen und Begleiter für die Reise: Voilà meine völlig subjektiven Tops und Flops vom Büchertisch. Bonne lecture und genussvollen Lese-Spaß ´mit diesen Titeln voller Frankreich-Flair.

Frankophiles Lesefutter mit Hochspannung

Regional-Krimis aus Okzitanien

Liliane Fontaine_Die Richterin und der Tanz des Todes

Liliane Fontaine, Die Richterin und der Tanz des Todes*

Es ist Sommer in Nîmes, und wie jedes Jahr im Juli verändert la canicule, die große Hitzewelle, das Wesen der Menschen. In der antiken römischen Arena laufen die Proben für ein großes Spektakel, das Nîmes, seine Geschichte und seine Menschen feiern soll. Schon bald soll die Premiere sein.

Mit völliger Konzentration und Hingabe tanzt eine junge Flamenco-Tänzerin bei der Probe. Und bricht inmitten all der Menschen tot zusammen. Ein Klingenstich, kaum sichtbar und spürbar, hat sie langsam innerlich verbluten lassen. Wer steckt hinter diesem kaltblütigen Mord an einer jungen Tänzerin voller Talent?

Madame le Juge Mathilde de Boncourt, Commandant Rachid Bouraada und Lieutenant Felix Tourrain von der Police Judiciaire beginnen ihre Ermittlungen. Gekonnt verknüpft Liliane Fontaine auch dieses Mal Spannung und fundiertes Frankreichwissen über Land und Leute. So sorgt sie 304 Seiten lang beim Entwirren der raffinierten Morde unterhaltsam auch für einige Aha-Momente beim Hintergrund zu Land und Leuten. Wer mag, kann den fünften Band der beliebten Krimireihe hier* online bestellen. Die Reihe geht weiter!

Christine Cazon, Verhängnisvolle Lügen an der Côte d’Azur*

In Band neun der beliebten Krimireihe muss Léon Duval den Tod des Richters Dussolier, der vor dem Gerichtsgebäude von Grasse erschossen wurde, aufklären. Vor seinem Tod hatte sich der Jurist aus dem Archiv die Akten für den Staudammbruch von Malpasset geben lassen.

In der Nacht des 2. Dezembers 1959 war der Barrage de Malpasset im Hinterland von Cannes ganz überraschend gebrochen. Die Flutwelle zerstörte die Staumauer, die Weiler  Malpasset und Bozon völlig, begrub Fréjus unter Schlamm und riss 423 Menschen in den Tod.

Ein Schuldiger wurde damals nicht gefunden. Warum nicht? Immer tiefer dringt Duval in die franco-algerische Geschichte ein. Er stößt dabei auf Gerüchte, dass der Bruch der Staumauer ein terroristischer Anschlag des Front de libération nationale (FLN) gewesen sei.

Bei seinen Recherchen vergisst Duval fast das reale Leben mit Annie und ihrer kleinen, gemeinsamen Tochter. Gerade noch rechtzeitig lenkt er ein und denkt um. Ein Hauch des Abschieds schwebt über den letzten Seiten. Sollte dies der letzte Band der beliebten Krimireihe sein? Wer mag, kann den Cazon-Krimi hier* bestellen.

Regional-Krimis aus der Provence

Robert de Paca, In den Straßen von Nizza*

Nicolas leistet still und diskret einen Rundumservice für Superreiche. Er arbeitet als Chauffeur, Fremdenführer und Sekretär und erfüllt seinen zahlungskräftigen Auftraggebern nahezu jeden Wunsch.

Den Großteil seiner Kunden vermittelt ihm eine russische Agentur. So auch Konstantin. Jener jedoch bindet ihn ungewollt in einen mysteriösen Gemäldediebstahl ein – und macht ihn unfreiwillig zum Vermittler zwischen Täter und Bestohlenem.

Zusammen mit Versicherungsdetektivin Nathalie macht er sich daran, die bedeutenden Gemälde wiederzubeschaffen. Cannes und Antibes sind dabei die ebenso Schauplätze des rasanten Katze-und-Maus-Spieles, wie auch Nizza. Ein spannender Sommerkrimi mit viel Flair und Côte-d’Azur-Ambiente! Wer mag, kann hierden Krimi online bestellen.

Robert de Paca, Die Mirabeau-Morde*

Aix-en-Provence kennt Robert de Paca wie seine Westentasche. Das kommt diesem Regionalkrimi zugute, der tief in die Geschichte der Stadt eindringt und archaische Mordmethoden von einst detailreich vorstellt. Denn sie spiegelt der Täter, um ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit zu rächen.

Die Handlung ist schnell erzählt. Der Münchner Kommissar Stefan Eltjen soll die Polizei in Aix-en-Provence bei den Ermittlungen zum Mord an einer deutschen Studentin unterstützen. Das Opfer ist seltsam inszeniert, und der Mörder hat eine mysteriöse Botschaft auf provenzalisch hinterlassen. Bald tauchen weitere Leichen auf, ebenso inszeniert und mit Botschaften versehen. Was steckt dahinter? Eltjen und seine französischen Kollegen stehen vor einem Rätsel. Bis die Spure hineinführt ins Herz der Ermittlungen.

Robert de Paca hat einen spannenden, leicht zu lesenden Krimi verfasst, der bis zum Ende überraschende Wendungen nimmt und die Spannung hält. Seine Pluspunkte sind ein raffinierter Plot, superbe Regionalkenntnisse und tolles historisches Wissen. Seine Figuren hingegen mag der eine oder andere als etwas oberflächlich und flach gezeichnet empfinden. Mich hat es nicht gestört, denn die Handlung hat mich Seite für Seite tiefer hineingezogen. Wer mag, kann den Krimi hieronline bestellen.

Regional-Krimis aus der Bretagne

H. K. Anger, Ein Bistro in der BretagneH. K. Anger, Ein Bistro in der Bretagne*

Heike Kügler-Anger kommt aus dem Ruhrgebiet und lebt heute im Odenwald. Ihre beiden Passionen sind das Kochen  und Reisen mit dem Wohnmobil – und jene am liebsten in die Bretagne, die nach eigenen Worten ihre Seelenheimat ist. Dort lässt die einstige Lehrerin ihren ersten Krimi spielen.

Seine Heldin ist Sophie Vidal. Als ihre Freundin Mado ihrer Krebserkrankung erliegt, reist Sophie zu Beerdigung in die Nordbretagne, wo ihre Freundin gelebt hatte. Beim Trauermahl in einem Bistro bricht ein Gast nach dem Verzehr einer Jakobsmuschel tot zusammen. War es ein Herzinfarkt – und Mord mittels einer vergifteten Muschel?

Der Koch bittet Sophie, eine ambitionierte Hobbyköchin, als Köchin einzuspringen. Zurück nach Deutschland zieht es sie ohnehin nur wenig. Nach 25 Jahren hat ihr Ehemann sie dort aus dem Haus geworfen, weil er eine neue Liebe gefunden hat.

Sophie nimmt den Job in der Bretagne an –  und beginnt, den Tod ihrer Freundin zu hinterfragen. Unterstützt in ihren Recherchen wird sie von Docteur Bonnet, einem Arzt in Ruhestand. Die beiden Hobbyermittler stoßen bei ihren Recherchen auf ein Spinnennetz von Verflechtungen, die mit dem Tod zusammenhängen: Umweltschützer und Investoren, Druiden und britische Fischer.

Herausgekommen ist ein Krimi, der Lokalkolorit und Liebe zum Kochen, die dem Band ein paar Rezepte zum Nachkochen beschert, in einer unterhaltsamen Urlaubslektüre verbindet. Wer einfach mal wieder eintauchen will in eine spannende Bretagne-Geschichte mit viel Flair, wird mit Ein Bistro in der Bretagne* gut bedient. Wer mag, kann den Bretagne-Krimi hier* online bestellen.

Tanguy Viel, Das Mädchen, das man ruft*

Thriller und Krimis sind die Spezialität des bretonisch-französischen Schriftstellers Tanguy Viel, der 1973 in Brest geboren wurde und heute in Meung-sur-Loire lebt. Er liebt komplexe Plots, die sich nach und nach enthüllen. So auch in diesem Roman, den Hinrich Schmidt-Henkel meisterhaft übersetzte.

Laura ist ein junges Model, das in ihre Heimatstadt am Meer zurückgekehrt ist. In der Bretagne sucht sie nun eine Wohnung – und einen Job. Auf Anraten ihres Vaters Max, eines ehemaligen Boxers und Chauffeurs des Bürgermeisters, wendet sie sich an Bürgermeister Quentin Le Bars, der kurz vor der Ernennung zum Minister steht.

Von der Schönheit der 20-Jährigen überwältigt, versucht der 48-Jährige, leicht untersetzte Machtmensch, sie zu verführen. Als letzten Ausweg wendet er sich an Franck Bellec, den ehemaligen Manager von Max, der zusammen mit seiner Schwester Hélène das Casino der Stadt betreibt. Jene war während der Erfolgszeit des Boxers seine Lebensgefährtin gewesen.

So wird Laura zum Mädchen, das man anruft. Der Bürgermeister tut dies regelmäßig, während sein Chauffeur auf seine Rückkehr wartet. In Max‘ Augen ist nichts natürlicher als diese Besuche im Neptun, einer Zweigstelle des Rathauses, wo sich alle Entscheidungsträger und Geschäftsleute treffen und verhandeln.

Der Titel des Romans ist die wörtliche Übersetzung des englischen Wort call-girl und benennt so Laura, die dem Begehren des Bürgermeisters unterworfen ist. Doch trifft es wirklich sie? Ist sie eine Hure, ein Opfer, eine naive Frau oder doch eine Nutznießerin? Als Laura ihren Fall bei der Polizei meldet, hat sie selbst Schwierigkeiten, die Dinge beim Namen zu nennen.

Die gleiche verzweifelte Wortsuche ergreift auch den Staatsanwalt, dem der Fall peinlich ist und der unter „sexuelle Korruption“ oder „Missbrauch von Schwäche“ oder „Einflussnahme“ und sogar „Zuhälterei“ abzuwägen scheint. Die Sprache ist in diesem Krimi der eigentliche Täter. Sie fesselt, vertuscht und lähmt.

So, wie Laura es erlebt, als der Bürgermeister seine Hand auf ihr Knie legte, und jedes Wort bleibt in ihr stecken „wie ein Aufzug zwischen zwei Stockwerken“. Die Analyse des Provinzmilieus ist messerscharf – und ein spannender Roman, der erst, wenn man das Werk bis zur letzten Seite verschlungen hat, im Nachwirken und Nachspüren offenlegt, wie vielschichtig der Roman ist. Wer mag, kann ihn hier* online bestellen.

Starke Frauen: biografische Frankreich-Romane

Pia Rosenberger_Künstelrin der FrauenPia Rosenberger, Die Künstlerin der Frauen*

Niki de Saint Phalle war dasenfant terrible ihrer adligen französischen Familie, die in die USA ausgewandert war. Sie wächst in New York auf, wird von einem Fotografen als Model entdeckt – und brennt  mit dem Navy-Soldaten Harry durch. Das Glück des jungen Ehepaares indes wird schnell getrübt. In der Hoffnung, in Frankreich das Glück zu finden, zieht Niki mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Frankreich.

Doch das Trauma ihrer Vergangenheit kann sie auch dort nicht abschütteln. Aus dem Schmerz und den Wunden, die ihr Vater ihr angetan hat, erwächst eine Kunst, die Niki zu verzehren droht: Les Tirs. Nikis Kunst schockt die Welt. Doch erst mit ihren Nanas schafft sie es, mit sich selbst eins zu werden.

Pia Rosenberger hat eine faszinierende Biografie einer Künstlerin verfasst, kenntnisreich, spannend und voller Einblicke in das Leben einer Künstlerin, die sehr widersprüchlich, zornig, voller Leben und mitunter verstörend ist, leidenschaftlich, verstörerisch und voller Fragen. Dank der Biografie sehe ich nun Niki und ihre Kunst, ihre Nanas, ihre Schießbilder und ihre anderen Werke mit ganz anderen Augen.
Wer mag, kann die Künstlerinnen-Biografie hier* online bestellen.

Eva-Maria Bast_Die aufgehende Sonne von ParisEva-Maria Bast, Die aufgehende Sonne von Paris*

1917 wurde im Schloss von Vincennes bei Paris die wohl prominenteste deutsche Spionin des 1. Weltkrieges hingerichtet: Mata Hari. Hinter dem Kunstnamen verbirgt sich mit Margaretha Geertruida Zelle eine Frau, die um 1905 in Paris die Menschen mit ihrer Eleganz und Erotik in den Bann zieht. Mata Hari ist eine Frau, die lügt, sich verschleiert, neu erfindet und sich selbst eine Welt zusammenträumt. Eine Frau, die fasziniert, glitzert … und zur Legende wird. Und eine Frau voller Ängste und Schwächen, die sich reicher Männer bedient, um ein Leben in Luxus zu führen.

Während es Pia Rosenbergergelingt, die Brüche, Spannungen, Höhen und Tiefen im Leben von Niki de Saint Phalle aufzudecken und die Künstlerin zwischen den Buchdeckeln zum Leben zu wecken, gleicht der 390 Seiten dicke Roman über die „aufgehende Sonne von Paris“ eher einem XXL-Beitrag aus der Gala: leicht und süffig zu lesen, ein guter Mix von Glamour und Tratsch, mal schluchzend (S. 281), dann jubelnd (S. 368) und schließlich pathetisch im Abgang. Eine unterhaltsame Biografie, sauber recherchiert, perfektes Herzkino. Wer mag, kann die Mata-Hari-Biografie hier* online bestellen.

Chris Inken Soppa_HortenseChris Inken Soppa, Hortense de Beauharnais. Ein Leben im Schatten Napoleons*

Chris Inken Soppen hat die erste deutschsprachige Romanbiografie über Hortense de Beauharnais (* 10. April 1783 in Paris; † 5. Oktober 1837) vorgelegt. Als Basis für ihre Romanbiografie griff sie zurück auf die Memoiren der hochgebildeten Stieftochter Napoleons und die Berichte zahlreicher Zeitzeugen.

Als  auktoriale Erzählerin, die von außen auf das Leben von Hortense blickt und doch alls über sie weiß, stellt sie die Frau vor, die Napoleon Bonaparte als Stiefvater erhielt, dessen Bruder gegen ihren Willen zum Mann nehmen musste,  von den Bonapartes verachtet wurde – und schließlich aus Frankreich fliehen musste.

Hautnah, aber unsichtbar, verfolgt Chris Inken Soppen das Leben dieser Adligen, die in den Alpen das Gefühl unendlicher Freiheit kennenlernt, und berichtet im „Du“ über ihr Leben. Ihr Roman komponiert gekonnt die wichtigsten und prägendsten Szenen und Beobachtungen, Erlebnisse und Begebenheiten – und lässt durch dieses Puzzle erkennen, wie sehr Hortense eingezwängt lebt in einem eng gestrickten Netz aus Pflicht, Rolle und gesellschaftlichen Konventionen.

Ein eigenes, selbstbestimmtes Leben blieb für die Mutter von Napoleon III. ein Traum, der erst im Alter und außerhalb Frankreichs ein wenig möglich wurde. Die Romanbiografie, die Glossar, Zeittafel, Stammbaum und Landkarte ergänzt, wird so zum Spiegelbild einer Epoche im Umbruch. Wer mag, kann die Roman-Biografie hier* online bestellen.

Frankophiles Lesefutter frisch importiert

Alexis Ragougneau_Opus 77Alexis Ragougneau, Opus 77*

Alles beginnt mit einer langen Andacht in einer Genfer Basilika: Der berühmte Orchesterchef Claessens ist gestorben. Seine Tochter Ariane, selbst eine international anerkannte Pianisten, spielt die Musik zur Totenfeier des Vaters. Anders als angekündigt, spielt sie jedoch nicht Schumann, sondern Schostakowitschs Violinkonzert Opus 77 spielen, als Hommage an ihren Bruder, einen virtuosen Geiger, der sich seit Jahren in den Schweizer Bergen zurückgezogen hat.

Die fünf Sätze  des Violinkonzerte spiegeln das turbulente Leben des verstorbenen Musikers. Ariane spielt die Partitur in Form von zufälligen Rückblenden und erzählt so die komplexe Geschichte ihrer Familie: von ihrer Mutter  Yaël, einer Sängerin mit einer kurzlebigen Karriere, ihrem Bruder und „Wundergeiger“ David und ihrem Vater, der nur mit dem Familiennamen genannt wird – und nicht nur das Orchester streng regierte, sondern auch die eigene Familie.

So entsteht ein Familienportrait voller Machtspiele zwischen den Generationen, voller gezügelter Emotionen und voller schmerzhafter Melancholie. Nach 218 Seiten verabschiedet sich seine Ich-Erzählerin, Sologeigerin Ariane, mit diesen Worten: „Ich bin der komplizierteste, undurchdringlichste, perfekteste Automat, der je von Menschenhand geschaffen wurde.“ Wer mag, kann den faszinierenden Roman hier* online auf Deutsch bestellen – und hier* auf Französisch.

Zeitreisen: Literarische Erinnerungen

Jean-Marie Gustave Le Clézio, Bretonisches LiedJean-Marie Gustave Le Clézio, Bretonisches Lied*

Um nichts in der Welt hätten wir dieses Sommerfest versäumen wollen. Manchmal beendeten es die Auguststürme gegen Abend. Die umliegenden Felder waren gemäht und die Wärme des Strohs berauschte uns, trug uns fort. Wir rannten mit den Kindern durch die stacheligen Stoppeln, um Wolken von Mücken aufsteigen zu lassen.

Die 2 CV der Nonnen rollten über die Felder. Die Männergruppen versammelten sich, um bretonische Ringkämpfe oder Shuffleboard-Spiele anzuschauen. Es gab Blasmusik ohne Lautsprecher, die von den herben Tönen der Binious und Bombarden durchbrochen wurde.

In seinen Chansons Bretonnes, von Uli Wittmann für den Kiwi-Verlag ins Deutsche übersetzt, erinnert sich der französische Nobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio an seine Kindheit und Jugend.

Von 1948 bis 1954 hat er im kleinen bretonischen Dorf Sainte-Marine mit seiner Familie die Sommerferien verbracht. „Es ist das Land, das mir die meisten Emotionen und Erinnerungen gebracht hat“, sagt Le Clézio über die Bretagne, die es so, wie er sie erlebt hat, heute nicht mehr gibt.

Ohne jede Nostalgie berichtet er von der alten Magie der Bretagne. Er benutzt dabei Worte, die der bretonischen Sprache entlehnt sind, und Motive einer wunderschönen Natur. Der Text ist von einer pastoralen Sanftheit geprägt, die die Bilder der Ernte im Sommer, die Wärme der Feste im kleinen Dorf Sainte-Marine oder die Schönheit eines Weizenfeldes vor dem Ozean vibrieren lässt.

Die Erinnerungen an seine Kriegskinderheit setzt „Das Kind und der Krieg“ fort. Darin erzählt Le Clézio von jenen Jahren, wie er 1940 bis 1945 als kleines Kind erst in Nizza, nach der Besetzung durch die Wehrmacht in einem Versteck im Hinterland den Zweiten Weltkrieg erlebte.

Seine autobiografischen Erzählungen aus einem anderen Jahrhundert haben in Frankreich die Bestsellerlisten gestürmt. Sie hinterlassen angesichts des Kriegs in der Ukraine die Einsicht, dass Vergangenheit und Gegenwart sehr dicht beieinanderliegen. Seine Erinnerungen sind damit hochaktuell. Wer mag, kann sie hier* online bestellen.

Françoise Sagan: Blaue Flecken auf der Seele*

In meiner Jugend war Françoise Sagan (1935–2004) die Gegenspielerin zu Simone de Beauvoir. Was sie verfasste, waren keine intellektuell brillanten Analysen und Meisterwerke des Existenzialismus, sondern Texte, die mich als junge Frau berührten, hungrig nach Leben, exzessiv und zärtlich, mitten im Leben und doch nachdenklich.

Bei Wagenbach sind ihre schönsten Werke auf Deutsch erschienen – von Lieben Sie Brahms* über Ein gewisses Lächeln* bis zur Erzählung Blaue Flecken auf der Seele*, die am 17. März 2022 veröffentlicht wurde.

Der Roman greift die Figuren von Sébastien und seiner Schwester Éléonore van Milhelm auf, die bereits in Sagans erstem Theaterstück Château en Suède* aus dem Jahr 1960 vorkamen. Er beginnt mit dem Einzug der beiden in eine möblierte Wohnung in Paris. Die beiden Komplizen sind Ende 40, aber immer noch sehr gut aussehend, und verachten jede Form von Arbeit.

Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, machen sie sich auf die Suche nach Gönnern, die für ihren Charme empfänglich ist. Es sind Nora, eine Amerikanerin mittleren Alters, Robert, ein einflussreicher Impresario, und sein Schützling Bruno, ein junger „oup (Wolf) des französischen Kinos.

Den Roman über das Geschwisterpaar, das nichts mehr schätzt als seine absolute Freiheit und das Privileg des In-Den-Tag-Hineinlebens,  vermischt Sagan mit Essays, in denen die Autorin die Geschichte von Éléonore und Sébastien kommentiert und den kreativen Prozess enthüllt, der hervorgebracht hat und garniert sie mit Überlegungen zur Literatur, zur Gesellschaft jener Jahre und zur einen Existenz.

Intensives Leben und Momente der Einschau bestimmen den Rhythmus der Erzählung, die nach 144 Seiten mit der für Sagan so typischen zärtlichen Melancholie endet. Das Geschwisterpaar steigt in Deauville in den Zug. Die Schriftstellerin bleibt allein am Bahnsteig zurück. Es regnet Bindfäden. Doch nach dem Abschied küsst ein Sonnenstrahl Sagans Gesicht.

Sagans Erzählung ist eine charmante Zeitreise in das Paris jener Jahre. Und zugleich ein radikal modernistischer Roman, der seine Figuren wie Marionetten in der mondänen Pariser Szene jener Jahre bewegt – und zeigt, an welchen Fäden sie hängen. Wer mag, kann das 1972 bei Flammarion unter dem Titel Des bleus à l’âme hier* im Original und hier* auf Deutsch bestellen.

Reiseführer für Camper und Entdecker

Timo Lutz_Camper Guide KorsikaTimo Gerd Lutz, Camper Guide Korsika*

Die Marco-Polo-Reihe hat an Format gewonnen. Die etwas größeren Maße des Taschenbuches (14 x 1.5 x 20 cm) und das dünne Recyclingpapier erleichtern das Lesen. Sie sorgen dafür, dass die Bindung länger hält und nicht so schnell bricht und lose Seiten präsentiert, wie es bei den  klassischen Marco-Polo-Führern gerne einmal geschieht.

Timo Gerd Lutz ist gebürtiger Schwabe. Nach Studienjahren in Sachsen kam er 2001 mit Erasmus nach Sardinien, wo er seit nun bald zwei Jahrzehnten als Reisejournalist arbeitet. Von dort ist es nur eine kurze Fährfahrt hinüber nach Korsika, dem er nach Sardinien einen weiteren Camper Guide gewidmet hat.

An die sehr lockere, bewusst jugendliche und plakative Sprache musste ich mich erst gewöhnen. Doch seine Tipps sind handfest, die Infos solide recherchiert – und aus den Texten spricht die Liebe zur Insel. Essen, Trinken und Erleben, Natur und lokale Besonderheiten sind wichtiger als noch die nächste Kirche. So bietet der Band auch allen, die nicht mit dem Camper unterwegs sind, viel ergänzenden Mehrwert zu klassischen Reiseführern.

Perfekt zum Nachfahren wären QR-Codes zum Auslesen der Routen-Infos samt aller GPS-Daten aufs Handy, iPad oder Navi gewesen oder eine Routen-App zum Buch. Doch das ist bei allen Reiseführern noch Zukunftsmusik. Wer mag, kann den Camper-Führer hier* online bestellen.

Birgit Holzer_Stadtabenteuer ParisBirgit Holzer, Stadtabenteuer Paris*

Dieser Stadtführer ist etwas für Paris-Kenner. Wer das erste Mal in der Seine-Metropole ist, wird enttäuscht sein – auch über das fehlende Register, um gezielt zu suchen.

Der Reiseführer von Birgit Holzer, die eigentlich nur wenige Monate in Paris bleiben wollte, aber jetzt dort seit Jahren lebt und als Korrespondentin arbeitet, will eine Sammlung von Tipps sein und 33 echte Abenteuer bieten.

Doch dann kommen all jene Tipps, die im Baedeker und Marco Polo seit vielen Jahren stellen: der Jazzkeller Caveau de la Huchette, der Promi-Friedhof Père Lachaise, Café de Flore, Coulè Verte, Marché aux Puces, die Opéra Garnier, die Große Moschee, Musée Rodin, die Katakomben oder das Atelier des Lumières,  wo die aus Les Baux-de-Provence und Bordeaux bekannten Lichterschauen nun im Ambiente einer einstigen Fabrik laufen – lauter Attraktionen, die jeder, der schon einmal in Paris war, kennt.

Übrig bleiben 17 richtig tolle Insidertipps – das Stück quasi für einen Euro. Und der ist dann wirklich gut investiert. Der Paris-Führer ist der erste Reiseführer von Birgit. Ich wünsche ihr für den nächsten Führer mehr Mut zu Entdeckungen abseits bekannter Routen, wenn sie der Reihe treu bleiben will.  Wer mag, kann ihren charmante verfassten Stadtreiseführer hier* direkt beim Verlag bestellen.

Barbara Kettl-Römer, Hilke Maunder, Glücksorte in der Normandie*

La Normandie – das weckt Bilder von traumhaften Küsten, den Aromen von Camembert, der erfrischenden Kühle von Cidre, der aromatischen Glut nach dem Genuss von Calvados. Die Normandie berührt alle Sinne.

Die Alabasterküste mit ihren weißen Klippen, die berühmten Badeorte nördlich und südwestlich von Le Havre, die Landungsstrände mit ihren Museen zum D-Day und die Felsbuchten der Halbinsel Cotentin locken Besucher aus aller Welt. Und natürlich die berühmteste Sehenswürdigkeit der Region: der „heilige Berg“ Mont-Saint-Michel – ein Welterbe, das Millionen begeistert.

Und uns: Barbara Kettl-Römer und mich. Wir sind seit vielen Jahren befreundet, habe uns über die Arbeit in Hamburg kennengelernt – und nun, mehr als zehn Jahre später, unser erstes gemeinsames Projekt auf die Beine gestellt: einen Reiseführer zu den Glücksorten der Normandie.

Wir verraten, wo die schönste Strandbar an der Seine liegt, für welche Brioches es sich lohnt, ins Tal der Saire zu fahren, und wo noch echter Camembert aus Rohmilch hergestellt wird.

Selbst an stark frequentierten Orten fanden wir besondere Nischen, die uns Glücksmomente bescherten, sei es ein wilder Strandabschnitt, ein fantastischer Aussichtspunkt, ein reizendes Café oder ein verborgenes Künstleratelier. Unser Gemeinschaftswerk stellt insgesamt 80 einzigartige Orte vor, die oftmals abseits der eingetretenen Pfade liegen. Wer mag, kann es hier* bestellen.

 Eine kleine Leseprobe

Offenlegung

Sämtliche Titel stellten mir die Verlage für die Rezensionen kostenfrei zur Verfügung. Dafür sage ich merci und herzlichen Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat dies nicht. Mein frankophiles Lesefutter spiegelt subjektiv meine Leseerfahrung wider.

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Weiterlesen

Für noch mehr frankophiles Lesefutter stöbert doch auch einmal in der Kategorie Literatur und in diesen kuratierten Leselisten, die meine liebsten Titel vereinen:

  • Spannung pur: Die besten Regional-Krimis aus Frankreich, sortiert nach den 13 Regionen des Landes, gibt es hier
  • Belletristik: Meine Favoriten für anspruchsvolle Lesestunden findest du in der  Leseliste Belletristik
  • Gefühl & Geschichte: Romane mit viel Herz und Historie
  • Landeskunde: Tiefe Einblicke in Alltag, Brauchtum, Eigenarten und Hintergrund zu Land-und Leute
  • En français: Lesenswertes im Original
  • Kulinarik: Das kulinarische Glück findet ihr in meiner Auswahl für Kochbücher

Diese Liste wird regelmäßig von mir aktualisiert und mit neuen Titeln ergänzt, damit ihr für jede Reise ins Lieblingsland das passende frankophile Lesefutter findet.