Frankreichs Mauern: Bollwerk des Privaten
Le mur – die Mauer. Sie ist der Inbegriff Frankreichs. Und wurde nahezu überall im Land in den letzten Jahren erhöht. Sie ist das Bollwerk nach außen und schützt das Eigene, das Intime. Denn draußen ist potenziell jeder ein Feind.
Der Nachbar wie der Staat. Und so wurde nicht nur während der Pandemie in meinem Dorf eifrig gemauert. Ein paar Ziegelblöcke auf die alten Steinreihen, ein paar Natursteine mit Mörtel schnell zusammengeklebt. Gut weit über zwei Meter umfrieden solche Mauern jetzt Grundstücke und Gärten.
Die Maße der Mauer
Wie hoch gemauert wird, hat der Gesetzgeber bis ins Detail geregelt. An die gesetzlichen Maße halten sich akribisch auch all jene, die ihre Mauer illegal im Dunkel der Nacht hochziehen. Baugenehmigung? Bah! Il faut se protéger!
2,60 Meter hoch darf die Grundstücksmauer in allen Orten mit bis zu 50.000 Einwohnern sein. Bei mehr als 50.000 Einwohnern beträgt die genehmigte Höhe der clôture sogar 3,20 Meter, sofern kein Ortsstatut (PLU – Plan Local d’Urbanisme) existiert.
un mur bien chez soi
Französische Redewendung für das eigene Heim
Die Rekord-Mauer
Die Mauer – nirgendwo ist sie so präsent wie im Hexagon. Unerreichte Rekorde sind auch die Mauerlängen. Stolze 32 Kilometer lang ist die Umfassungsmauer des Château de Chambord im Loiretal: Europarekord! 1519 begann ihr Bau, bis ins 17. Jahrhundert dauert die Einfriedung des 5.440 Hektar Schlossareals. Durchschnittlich 3,50 Meter hoch, ruht die Mauer auf einem 70 Zentimeter tiefen Fundament. Errichtet wurde sie aus kleinen, hellen Beauce-Kalksteinen.
Die Mauer hatte von Anfang an eine sehr praktische Funktion als Jagdrevier und Eigentumsgrenze und wurde mit einer hohen symbolischen Funktion ausgestattet. Sie sollte die Grenzen der idealen Stadt, des Territoriums der Utopie, festlegen. Von Anfang an war der Schlosspark hinter der Mauer als ein von Franz I. gewollter Garten Eden konzipiert. Heute ist Chambord die einzige Nationaldomäne Frankreichs, die noch ihre ursprünglichen Ausmaße besitzt.
Umso größer ist das Staunen, wenn man durch Aquitanien reist: keine Mauern, keine blickdichten Hecken. Sondern Rasen, der am Trottoir endet. Und wenn ein Zaun, dann offen, mit Gitter oder Latten. In solchen Details zeigt sich das englische Erbe dieser französischen Region.
Das kleine Glück
Doch im restlichen Land signalisiert die Mauer: Hier beginnt das Private, das Heiligtum des Intimen, in das nur Freunde eindringen dürfen. Als Bollwerk schützt die Mauer das private Glück. Und jenes ist in Frankreich genau umrissen: guter Ehepartner, liebe Kinder, die eigene Familie, Gesundheit und Geld genug zum Leben.
Hinter dem Steinwall manifestiert sich ein tief verwurzeltes kulturelles Dogma: Pour vivre heureux, vivons cachés – um glücklich zu leben, lebe verborgen. Die Mauer schützt längst nicht mehr nur vor physischem Diebstahl oder neugierigen Blicken. Sie zieht eine unüberwindbare visuelle Grenze gegen die Argusaugen der Dorfgemeinschaft und das kritische Auge des Staates. Ob der Fiskus per Drohne nach ungemeldeten Pools fahndet oder das Katasteramt Baugrenzen prüft – was hinter dem Putz liegt, entzieht sich der behördlichen Kontrolle.
Lieber anonym und unerkannt
Abweisend nach außen, intim im Innern. Die Fensterläden auch im kühlen Winter am helllichten Tage verschlossen. Und während ich in Hamburg von der Hochbahn aus tiefe Einblicke in die norddeutsche Wohnkultur gewinnen konnte, bleibt in Paris der Blick am schweren Vorhang vor den Fenstern hängen. An vielen Klingelschildern fehlen Namen.
Und wie groß war das Erstaunen, als ich mich – frisch ins Dorf gezogen – ordentlich in der mairie anmelden wollte. „Wir wissen doch schon längst, dass Sie jetzt auch hier leben“, lachte die Sachbearbeiterin. „Eine Meldebescheinigung benötigen Sie nicht. Da genügt der Nachweis von der EDF.“

Der Clash am Berg
Propriété privée (Privateigentum): Inmitten der Wildnis der Pyrenäen am Col de Jau hängt dieses Schild plötzlich im Bergwald und stoppt den Wanderer. Groupama besitzt mit der Domaine de Cobazet seit 1992 rund 1.900 Hektar Land auf dem Madrès-Massiv der katalanischen Pyrenäen.
Alte Buchen prägen den Bergwald – und dienen als „Sicherheit“ im Portfolio der französischen Versicherungsgruppe. Champignons zu sammeln ist dort untersagt. Umso lieber veranstaltet Groupama dort private Jagden.
Jahrhunderte altes Gewohnheitsrecht versus Eigentumsrechte: Am Fuße des Gipfels des Pic des Madrès prallen zwei Vorstellungen aufeinander. An der Küste hat der französische Staat diesen Konflikt gelöst. Das Gesetz zur servitude de passage du piéton le long du littoral (Gesetz Nr. 76-1285) legte vom 31. Dezember 1976 erstmals eine Mindestdienstbarkeit von drei Metern entlang jeder Küstenlinie im öffentlichen Seegebiet fest.
Dies bedeutet: Jede private Bebauung – Häuser, Hotels, private Anlegestellen – muss in diesem Bereich den freien Zugang der Bürger zur Küste ermöglichen. Das Prinzip wurde 1986 in der Loi Littoral, dem Gesetz über die Entwicklung, den Schutz und die Aufwertung der Küste bestätigt.

Rückzug aus der Gesellschaft ins Private
In diesem unaufhörlichen Hochziehen von Zement und Stein offenbart sich eine brisante gesellschaftliche Verschiebung, die besonders von der Corona-Pandemie massiv beschleunigt wurde. Das ehrgeizige republikanische Ideal – Liberté, Égalité, Fraternité – stößt an den Grundstücken an seine harten Grenzen.
An die Stelle des gemeinsamen öffentlichen Raums tritt eine schleichende Segmentierung der Gesellschaft. Das stetige Aufstocken der Mauern ist ein stummes Symptom für das schwindende Vertrauen in die öffentliche Sicherheit und den Rückzug aus einer Gemeinschaft, die immer weniger Halt verspricht.
Die Mauer im Kopf
Die Mauer. Nicht nur konkret und hoch gebaut. Sondern auch in den Köpfen. Sie hat den franco-algerischen Sänger Patrick Bruel zu einem seiner erfolgreichsten Chansons inspiriert: Combien de Murs*.
D’abord une pierre qui vole en éclats
Une drôle de poussière, puis un fracas
Sortez de chez vous, réveillez tous les gens
Qui ont rendez-vous depuis si longtemps
Un mur est tombé, un homme se retourne
Est-ce qu’il a rêvé ? Est-ce une page qu’on tourne ?
Déjà la rumeur qui court de ville en ville
On s’embrasse, on pleure, il reste immobile
Est-ce que c’est lui qui perd la tête, qui devient fou…
Même si son cœur est à la fête ses yeux sont flous
Combien d’armures, combien de masques, combien de tombes?…
Das Chanson könnt ihr hier anhören in der Live-Version von 1994: www.dailymotion.com/video/x1tk8z8.
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